Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-11-04 · 44 (4.11.1898) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
44 (4.11.1898)
Date
1898-11-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021268--08283-3032655
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seele 802 Dr. Vioch's Wochenschrift Nr. 44 meinschaftlich mit der „Union" in Wien die eingehendsten Recherchen und Erhebungen gepflogen und es zeigte sich sofort, daß das Lügengewebe der antisemitischen Blätter mit diesen Nachrichten, die unter den Volksmassen am flachen Lande zahlreich verbreitet wurden, wiederum nichts anderes bezweckte, als in verheerender Weise gegen unsere Glaubensgenossen, insbesondere in der Mitte der Landbevölkerung aufzureizen und dieselbe zu Gcwaltthätigkeiten zu veranlassen. Dieses Vorgehen, welches uns und unsere christlichen Mitbürger, die nicht von der antisemitischen Atmosphäre angehaucht sind, mit Abscheu erfüllte, konnte unsererseits nicht unbeachtet bleiben. Die „Union" in Wien sah sich sowohl aus diesem Anlasse, als auch im Hinblicke auf die mittlerweile eingetretenen Plünderungen in Galizien genöthigt, der hohen Regierung ihre und unsere Beschwerden neuerdings zu unterbreiten — ob mit Erfolg, läßt sich heute allerdings nicht vorhersehen. Nur muß mit Genugthuung constatirt werden, daß kurz hierauf die Regierungsblätter jenes zu verdammende Gerücht, dessen ich erwähnte, in speciellen Nachrichten unter dem Titel „Wie Gerüchte gemacht werden" dementirten. Wir gelangten hiedurch zur vollsten Ueberzeugung, daß es nunmehr unsere dringende und unerläßliche Pflicht ist, uns zu organisiren, jeden Angriff aufs Nachdrücklichste zurückzuweisen und ins rechte Licht zu stellen, von dem Schutze, den uns die Gesetze bieten, den vollsten und unbeschränktesten Gebrauch zu machen, strenge darüber zu wachen, daß unsere staatsbürgerlichen Rechte nicht angetastet werden, daß wir, die wir zu den allgemeinen Lasten, die der Staat verlangt, bereitwilligst beitragen, als gleichwerthige Bürger dieses Staates in Betracht kommen. Es kann ferner nicht unerwähnt bleiben, daß uns eine neue Gefahr droht: es ist in Wien der Versuch gemacht worden, zur cvnfessionellen Schule die ersten Schritte einzuleiten. Dieses Vorgehen ist kein locales Ereigniß; ein Aufschrei der Entrüstung aus allen jüdischen und wahrhaft liberalen Kreisen, welche sich um die moderne Schule schaaren, ein entschiedener Protest ertönt gegen diese flagrante Verletzung unserer Rechte im ganzen Reiche; wir müssen ein wachsames Auge haben, daß uns. das Wenige, das unsere trostlosen Verhältnisse uns noch beließen, nicht entrissen werde; im Hinblick auf das solidarische Interesse unserer sämmtlichen Glaubensgenossen, müssen wir uns gegen jede Unbill, es mag sich nahe oder ferne zeigen, auss Entschiedenste in die Schranken treten; wir müssen den Kampf um das theuerste Gut, das uns unsere Väter als ein Kleinod hinterließen, muthig und besorgt fortführen. Die Hilfe des Allmächtigen, der uns durch Jahrtausende beistand, wird uns in diesem Kampfe Muth einflößeu, wird uns stark und einig machen, um unser gutes Recht zu wahren und um unserer ehrlichen Sache auch gegen die mächtigsten Widersacher zum Siege zu verhelfen. Und mit diesem Programm beginnen wir unser neues Vereinsjahr und erbitten uns die allgemeine Unterstützung aller unserer Mitglieder, Anhänger, Freunde und Gönner. Ich würde den Eindruck, den dieser Bericht hinsichtlich unserer Existenzfrage hervorruft, abschwächen, wollte ich auch auf unsere anderweitige Vereinsthätigkeit Hinweisen. Und deshalb schließe ich meinen Bericht mit den Worten eines großen Forschers : Die Weltgeschichte ist das Weltgericht und zeigt uns, daß krankhafte Zustände den Keim ihrer Zerstörung und zugleich den Keim einer radicalen Gesundung in sich bergen. Dieser Ausspruch sei unser Leitstern für unser weiteres Handeln; er verleiht uns Muth, stählt uns und gibt uns die Ausdauer, um auf unserer heimatlichen Stätte, an die uns Vaterlandsliebe und unsere theuersten Reminiscenzen knüpfen, auszuharren, um hier im Vereine mit unseren erleuchteten und uns wohlwollenden Mitbürgern stets gemeinnützig zu wirken, zu unserer eigenen Ehre, zur Ehre unseres Vaterlandes, zur Ehre des großen staatlichen . Ganzen, für das wir immer bereit waren, unser Gut und Blut fteudig zu opfern. Anknüpfend an diesen Bericht wurde über Antrag des Vorsitzenden Herrn kaiserl. Rathes Philipp Falkowicz seitens der Generalversammlung nachstehende einhellige Resolution '.;efaßt: „Der Centralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheit spricht seine Zustimmung zu den in Wien gefaßten Beschlüssen in der Protestversammlung gegen den kühnen Versuch, die Schüler in den Volksschulen nach Confessionen zu sondern, hiemit aus und zollt Dank und Anerkennung der „ Oesterreichisch-Israelitischen Union" für die Veranstaltung dieser Protestversammlung." Es erstatten nun Herr L i e b e r s (als Obmann der Handwerkersection), Frau Wahle (als Leiterin der Krankenpflegerinnensection) und Jnstitutsinhaber Wertheimer (Studentensection) die Thätigkeitsberichte dieser Vereinsabtheilungen. Sämmtliche Referate zeugen von einer in der That hingebungsvollen und selbstlosen Wirksamkeit im Dienste der Linderung modernen jüdischen Elends, das für sich den wenig beneidenswerthen Ruhm einer sogar „zeitgemäßen Specialität" in Anspruch nehmen kann. Das Vereinsvermögen beträgt 18.767 fl. 30 kr. Der Bericht wird genehmigt und dem Ausschuß das Absolutorium ertheilt. Bei der vorgenommenen Ergänzungswahl wurden gewählt: S. Abel es, Kuttenberg; Wilhelm Adler, Prag; Dr. Julius Brandeis, Prag; Adolf Braun, Raudnitz; Dr. Emauuel Brill, Weinberge; Leopold Buchbinder, Ztzfoü; Richard Ellbogen, Prag; Jacob F i s ch l, Karolinenthal; Rudolf Grab, Smichov; Dr. Leopold N. K o h n e r, Prag; Ad. M. Lederer, Prag; Adolf Oppenheimer, Prag; Dr. Ludwig P i ck, Prag; Dr. Heinrich R o s e n b a u m, Prag und Dr. Siegmund Stern, Prag, endlich als Ersatzmänner Dr. Arnold P o l l a k, Prag, und Leopold T h o r s ch, Schlan. Briese aus Galizien. Von Dr. S. P i n k a s. II. (Der Proceß Färber. — Glaser und Tomaszczuk über galizische Schwurgerichte. — Georg Brandes in Lemberg. — Neueste Dichtungen.) „Warum sollte nicht auch einmal ein jüdischer Bauer einen christlichen Bauer erschlagen?" — mit diesen Worten apostrophirte im Gerichtssaale während der Strafverhandlung Färber ein christlicher Oberlandesgerichtsrath seinen Nachbarn, einen jüdischen Advocaten. In diesem Sinne hätte auch diese ganze Strafsache vom Anfang an von allen Seiten aufgefaßt werden müssen. Die Frage, ob der zeitlich Früh vor der Brauerei Chaim Färbe r's als Leiche aufgefundene kranke, lungenleidende C h u d o b a eines natürlichen Todes gestorben ist oder erdrosselt wurde, war nur eine Frage der Justiz. Daß sich durch eine eigenthümliche Verkettung von Umständen der Verdacht der Täterschaft auf Färber, Vater und Sohn, lenkte, und für diese eine mehrmonatliche Untersuchungshaft zur Folge hatte, war ein Unglück, das übrigens jeder Staatsbürger im Interesse einer geregelten Rechtsfindung über sich ergehen lassen muß. Und die Justiz hat gesprochen. Trotz des Facultät-Gutachtens, das in Folge widersprechender Gutachten der zwei ärztlichen Commissionen eingeholt wurde und das sich für einen gewaltsamen Tod aussprach, hat der Staatsanwalt von Neu-Sandec, ein im Staatsdienste ergrauter Richter die Untersuchung eingestellt. Wenn man bedenkt, wie ungemein leichter es für einen Staatsanwalt ist, eine nach einer Schablone abgefaßte Anklage zu erheben, als einen Einstellungsbeschluß zu fassen, der gegenüber der Oberbehörde eingehend begründet werden muß. so läßt sich ermessen, welch' schwerwiegende Umstände für den Staatsanwalt von Neu-Sandec entscheidend gewesen sein mochten. Die Färber wurden in Freiheit gesetzt und für die Justiz war die Sache abgethan. Die Sache war aber nicht abgethan für jemand Anderen. Chaim Färber hat sich durch Fleiß und ehrlichen Erwerb ein bedeutendes Vermögen erworben; er ist mehrfacher Hausbesitzer und betreibt eine eigene Brauerei in Szaflary. Ihn konnte Graf Z a m o j s k i nicht so leicht ruiniren, wie die anderen Juden in der Umgebung von Neumarkt und Zakopane. Da mußte der Verdacht des Mordes heraushelfen. Graf Z a m o j s k i, der im Gerichtsprotokoll selbst zugegeben hat, daß er seine Aufgabe darin sehe, „d a s V o l k den ausbeuterischen Judenhänden" zu entreißen, trat in den Vordergrund. Da gab es keine Frage der Justiz mehr, es handelte sich nicht mehr um den eventuellen Mord ' eines Juden an einem Christen, sondern um die Hetze eines antisemitischen Demagogen geg?n die ihm unbequemen Juden. Der Advocat des Grafen Zamojski überreichte im Namen der Witwe C h u d o b a's die Subsidiäranklage beim Oberlandesgericht und Plötzlich fand sich eine, wie sich nachträglich herausstellte, e l f m a l wegen Betrugs und Diebstahls abgestrafte, schon im Jahre 1887 unter Polizeiaufsicht gestellte Säuferin, Materkor a, die sich nach sieben Monaten „plötzlich" erinnerte, daß Färber um 4 Uhr Morgens aus seiner

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.