Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 44 (4.11.1898)
- Date
- 1898-11-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 797 handelt sich um eine Frage des öffentlichen Wohls. Diesen „Alliirten des Auslandes" zu erlauben, einen Blick auf die Geheimnisse unserer Vertheidigung zu werfen, hieße letztere für Jahre unmöglich machen. Der geheime Dossier darf so wenig ausgeliesert werden wie eine Festung. Auch Herr Judet im „Petit Journal" findet, daß der Cassationshof die nationale Vertheidigung geopfert hat. Demgegenüber schreibt der Senator Rank im „Radical": Der Caffationshof wird alles wissen, alles kennen lernen. Wir werden sehen, ob die Camarilla der Rue St. Dumrnique (Generalstab) es wagen wird, sich gegen die Justiz, gegen die erste Magistratur des Landes, zu empören, und ob sich eine Regierung finden wird, die das duldete. Alle Blätter, die für die Revision gekämpft haben, sind natürlich voll Freude über den errungenen Sieg. »Christliches Deutsches Haus." Die Benützung des Antisemitismus zu geschäftlichen Zwecken wird immer häufiger prakticirt, je mehr die Bewegung um sich greift. Das Geschäft ist ja beim Antisemitisnms Ursache und Wirkung zugleich. Eine eigene Sorte von Geschäfts- Antisemiten bilden Diejenigen, die sich der antisemitischen Marke nur bei arischen Firmen bedienen, während sie sonst recht gerne mit Juden Geschäfte machen. Zu dieser Kategorie gehört die Firma Ferdinand Schrey in Wien, Obere Donaustraße 79, welche einen Handel mit Hammond-Schreibmaschinen betreibt und auf ihren Circularen, Briefen und Couverts die Devise führt: „Christliches Deutsches Haus". HerrA. Weigl in Aussig a./E.erhielt ebenfalls ein Offert der genannten Firma und machte eine Bestellung, die er jedoch widerrief, wie aus folgendem Briefe hervorgeht: Aussig a./E., 16. Oktober 1868. He r r n Ferdinand Schrey W i e n, II., Obere Donaustraßc 79. Ich hatte bereits einen Brief unterschrieben, in welchem ich 2 Schreibmaschinen bei Ihnen bestelle, als mich noch rechtzeitig einer meiner jungen Leute darauf aufmerksam macht, daß auf der Anßencite des Couverts die Bezeichnung „Christliches Deutsches H a u s" „r o t h g e d r u ck t" steht und Sie jedenfalls nur an christliche Häuser die Maschinen verkaufen, in dem Falle wäre es doch vorsichtiger, wenn Sie sich vorher den Geburtsschein der betreffenden Firmen kommen ließen, um die jüdischen Firmen nicht erst zu belästigen. Ich erkläre unter Ehrenwort, daß eine andere hiesige Firma (eines der größten Hause r) Ihnen 4 Maschinen bestellen wollte und eben aus diesem Grunde die Bestellung unterließ. Ich und noch einige meiner Bekannten werden übrigens dafür sorgen, daß Sie mit Aufträgen von jüdischen Firmen nicht belästigt werden, und zwar so weit meine Bekanntschaft in Böhmen — die ist nicht klein — reicht. Ich hoffe, dadurch Ihrem Wunsche zu entsprechen, da Ihnen jedenfalls an dieser Kundschaft Nichts gelegen ist. Hochachtungsvoll A. Weigl. Hierauf langte an Herrn Weigl die nachstehende Antwort ein: Wien Il/3, den 17. Oktober 1898. Herrn A. Weigl A u s s i g. Privatim! Ich besitze Ihr werthes Schreiben vorn 16. d. M. und bin Ihnen für Ihre Mittheilungen dankbar, bei denen Sie jedoch von einem mir gegenüber nicht zutreffenden, wenn auch sonst in Oesterreich nicht unberechtigten Standpunkte ansgehen. A n t i s e m i t i s ch e T e n d e n z e n liegen ln i r v allst ä n d i g f e r n, im Gegentheil ist die Mehrzahl m einer lsi e s i g e n Lieferanten jüdischer C o n f e s s i o n und die Leute arbeiten gerne mit mir, da ich sie anständig behandle und zahle. Aber auch eine große Zahl hiesiger mosaischer Firmen ersten Ranges (wie Wm. Szalay & Sohn, Wieden, Jos. I. Leinkauf, Stadt, Moritz Waldmann & Bruder, II., Wm. Deutsch, II., die Assicurazioni Generali, I., I. C. Machanek & Co, I., Noe Stroß, I., H. Munk & Söhne, I., A. Herrn. Frankl & Söhne, II., 2c. :c.) gehören z u meinen st ä n d i g e n K u n d e n und schätzen nicht nur meine Geschästsmaximen, sondern auch mich persönlich wegen meiner jederzeitigen Coutanz und Bereitwilligkeit zu Gefälligkeiten und dergleichen. Es haben mich aber, der ich als geborener Reichsdeutscher nordamerikanischer Bürger und gewesener Bereinigter Staaten-Officier mehr als liberal und tolerant bin (was Sie in solchem Maße anscheinend nicht einmal sind) andere Umstände direct g e z w n n g e n, in vielen Fällen deutlich zu kennzeichnen, daß ich und m e i n Geschäft nicht israelirischer Provenienz sind, denn i u zahlreichen Fällen w nrde d i e A n n a b m e m e i n e r O f f e r t b r i e f e einfach verweigert, meine Reisenden nicht v o r g e l a s s e n und s v e c i e l l die Behörden waren mir f a st d u r ch w e g s v e rs ch l o s s e n, während ich im Laufe des letzten Jahres, ohne Vortheile oder Bevorzugungen zu gewähren, Lieferant einer großen Zahl ärarischer (staatlicher und Militär-), wie auch communaler Behörden geworden bin. Bei meinem Tomicil in der Leopoldstadt lagen eben gegentheilige Vermuthungen sehr nahe und mag auch der etwas eigenthümliche Klang meines Firmennamens etwas dazu beigetragen haben. Um solchen Vermuthungen bei Leuten, die unter dem Einfluß gewisser politischer Strömungen oft ohne Grund stehen, einigermaßen ausdemWege zugehen, verlege ich meine Lokalitäten unter gleichzeitiger.Vergrößerung derselben am 1. November nach dem VH. Bezirk, Westbahnstraße Nr. 54. Sie aber möchte ich, der ich ebenso gern an einen Juden, wie an einen C h r i st e n tiefere, den ich ebenso reell und coulant bediene wie diesen (nur „Handeln" gibt es bei mir nicht) und der ich immer neben christlichen Angestellten auch jüdische halte, wenn es anständige und treue Leute waren, bitten, die Sache subjectiv nicht zu betrachten, sondern sie so zu nehmen, wie ich sie Ihnen den Thatsachen gemäß dargestellt habe; ich möchte Sie auch bitten, den Sachverhalt dem dortigen großen Hause mit den 4 projectirten Maschinen — was mich ja colossal freuen sollte — mittheilen zu wollen. Wenn der rothe Stempel auf das Couvert des an Sie gegangenen Offertes gedruckt wurde, was ich nach Unterschrift der Briefe selbst besorge, so geschah dies, weil mir Ihr Name von meinem — übrigens auch israelitischen — Reisenden mit „W e i g e l" ausgegeben war, dieser Name aber nach meinen Erfahrungen im Königreiche Sachsen ausnahmslos geführt wird. Ta mir wie ausgeführt, jede Tendenz fernliegt, so lasse ich den Stempel bei jeder Firma, von der ich nur denken‘ kann, daß sie einem Israeliten gehören könnte, um diesen nicht zu verletzen, weg. Ihre werthen Ordres dürfen Sie mir vertrauensvoll überschreiben und sicher sein, daß sie von mir in tadellosester und entgegenkommendster Weise bedient werden. In unserem modernen Zeitalter kann weder von einer Belästigung mit Offerten, noch von einer solchen mit Bestellungen die Rede sein. Die einen sind für den allgemeinen culturellen Fortschritt aller Racen so wichtig, wie die anderen. Haben Sie die Güte, mir mitzutheilen, daß Sie als einsichtsvoller Mann meine Ausführungen verstanden haben. Wenn Sie mit denselben auch vielleicht nicht ganz einig gehen, weil sie mit einem anderen Artikel und mit einer anderen Kundschaft arbeiten, so weiß ich doch, daß ich nicht nur in meinem, sondern auch im allgemeinen Interesse mit dem kleinen Hilfsmittel der Aufklärung handle und meinem den modernen Fortschritt dienenden Artikel dadurch eher Bahn gebrochen habe, wofür mir Viele früher oder später noch ehrlichen Dank wissen werden. Mit Hochschätzung ergebenst Alfred R. Wetzet. Das ist einmal ein ebenso heiteres als offenherziges Geständniß und zugleich ein lehrreicher Beweis dafür, wie die antisemitische Bewegung die Heuchelei züchtet. Der Brief des so gesinnungstüchtigen und geschäftsgewandten Herrn Wetzel, ist ein in mehrfacher Hinsicht sehr intereffantes Document. Zu den Cultusvorstnnds-Wahlen in Wien. Erste Wählerversammlung. Gleichwie vor zwei Jahren, anläßlich der Neuwahl des gefammten Vorstandes der Wiener Cultusgemeinde, hat sich anläßlich der für den 27. November d. I. bevorstehenden Neu- und Ergänzungswahlen in diese Körperschaft der Vorstand des „Politischen Volksvereines" als Wahlcomitä constituirt, welches unter Heranziehung anderer Persönlichkeiten derzeit aus dem Herrn Dr. F i a l l a als Präsidenten des genannten Vereines, sowie den Herren Moritz Baum, Hermann Beck, Gottlieb B e t t e l h e i m, S. B r o d, Dr. Marcell H o f f m a n n, Jg. Zolles, Sig. K a u d e r s, Director Langbank, Dr. Joh. Lichten st ad t, Commercialrath Marek, S. M e i s e l s und Heinrich T e l t s ch e r besteht und durch weitere Cooptirungen noch ergänzt wird. Der, Donnerstag den 27. Oktober d. I. Vormittags in den Zeitungen erschienenen Einladung dieses Wahlcom ite