Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 44 (4.11.1898)
- Date
- 1898-11-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021223-3021268--08279-3032651- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
&tltr 795 Nr. 44 Br. Bloch'» lassen will, darf man sie wohl das „auserwählte Volk Gottes" nennen. Schon daß sie sich fast 2000 Jahre lang trotz der schwersten und blutigsten Verfolgungen, die sie von Heiden, Persern, Muhamedanern und Christen zu erdulden hatten, als ein Volk und bis zum heutigen Tag ihrem ursprünglichen geistigen Charakter treu nicht nur erhalten haben, sondern sich auch fort und fort ausbreiten und in günstigerem Verhältniß als irgend ein anderes Volk vermehren, und zwar unter jedem Klima, läßt sie als eine der interessantesten Aufgaben für eine ernste und sinnige Betrachtung der Geschichte erscheinen. Sie sind das älteste Volk, das als Träger des reinen Monotheismus dasteht und eben wegen der Reinheit des Gottesglaubens das Sittengesetz und seine Bethättgung im Leben als eigentliche wahre Darlegung des religiösen Glaubens hingestellt und festgehalten hat. Ganz Europa hat sein Mittelalter gehabt, eine Zeit der Rohheit, des geistigen und sittlichen Verfalles, wie er trauriger nicht gedacht werden kann, nur die Juden machen davon eine Ausnahme. Trotz Zerstreuung und Unterdrückung, die ihnen oft die einfachsten Menschenrechte, ja selbst die Berechttgung zur» Leben raubte, haben sie sich bis zum Ende des Mittelalters ununterbrochen in ihrem geistigen Leben fortenttvickelt und den übrigen Völkern die Grundlagen der Sitllichkeit und des geistigen Lebens bewahrt und überliefert. Wie geistig edel angelegte Naturen strauchelten sie wohl zuweilen, wenn glückliche Augenblicke ihnen das Leben zu leicht machten, aber jede Widerwärtigkeit, jedes Elend, das ihnen nur halbwegs men schliche Existenz ließ, hat nur den Erfolg gehabt, sie zu veredeln, sie zu höherer geistiger und sittlicher An st re ngung zu beleben." . . . . „Die Religion der Juden war einfach in dem Glauben an einen einzigen rein geistig gefaßten Gott beschlossen, und daran knüpfte sich die Verpflichtung zum sittlichen Leben als einzige wahre Form des Gottesdienstes; so finden wir es schon bei den Propheten ausgesprochen. Keine Zänkereien um Dogmen konnten daher bei ihnen Eingang finden und sie vom fruchtbaren Forschen abhalten; denn ihr reiner Monotheismus kommt mit keinem Product des vernünftigen Denkens in Widerspruch" (siehe oben). ... . ...... „Die Juden schienen ein angeborenes Sprachtalent zu besitzen, und die Ausbildung desselben wurde jedenfalls dadurch gefördert, daß sie bei ihrer Zerstreuung gezwungen waren, unter so vielen verschieden redenden Völkern zu leben. Aber wichtiger noch als dies, war der sittliche Ernst, mit dem sie ihren ethischen und religiösen Ueberzeugungen anhingen".„Auch die Gesundheitspflege, sowohl die Erhaltung der normalen Beschaffenheit des eigenen Körpers durch zweckmäßige Diät, als auch die Pflege und Wiederherstellung der Kranken wird bei den Juden als sittliche Pflicht angesehen. Daher finden wir die meisten Lehrer auch in der Arzneikunde gebildet und dem ärztlichen Berufe sich hingebend.".„Man darf sagen, daß bis zum Aufblühen der wesentlich durch Juden gestifteten Schulen von Montpellier und Salerno die Juden fast die einzigen Aerzte auf der ganzen damals bekannten Erde waren, denen sich erst später in Spanien die Araber anschloffen, bis diese aus Spanien vertrieben wurden.".„Noch im 16. Jahrhunderte waren die berühmtesten Aerzte zum überwiegend großen Theil Juden." Schleiden schließt seine höchst interessante Abhandlung mit den Worten: „Mit Recht sagt Ribeyra de Santos: Wir verdanken den Juden größtentheils die ersten Kenntnisse der Philosophie, der Botanik, der Medicin, der Astronomie und Kosmographie, sowie die Elemente der Grammatik und der heiligen Sprachen, sowie fast alle Studien der biblischen Literatur". Brüx, den 30. October 1898. Dr. Adolf B i a ch Rabbiner in Brüx. Die Aeberführung Dreyfus' nach Frankreich. Paris, 30. October. Die „Drotts de l'homme" erzählen, was während der fast vierstündigen Berathung vor der Urtheilsverkündung sich ereignet hat. Sofort, nachdem die Mitglieder des Cassationshofes das Beratbungszimmer betteten hatten, zog einer, der Rath Sallantin, ein Schriftstück hervor und verlas die Gründe, aus denen er Wochrnschrist gegen jede Revision des Dreyfus-Processes stimmen werde, dieses Schriftstück ist dem citirten Blatte zufolge in den heftigsten Wendungen abgefaßt. Zwei andere Räthe, Sevestre und Roulier, schlossen sich Sallantin an und zogen zu sich noch einen Vierten hinüber. Die Anderen waren über das Gehörte geradezu enttüstet. Ueber die Cousequenzen des Spruches, den der Caffationshof abgegeben hat, schreibt der Correspondent des „Berliner Tagblatt": Das Urtheil lehnt die provisorische Aufhebung der Strafe ab. das besagt aber nicht, daß der Cassationshof im Einverständniß mit der Regierung nicht das Regime, dem Dreyfus unterworfen ist, nicht ändern oder mildern kann. Bon verschiedenen Seiten wird sogar behauptet, es sei bereits gestern Abend, sofort nach dem Urtheilsspruch des Caffationshofes, eine Depesche aus dem Colonialministerium an den Gouverneur von Cayenne abgegangen, welche den Gouverneur autorisirt, Dreyfus einem milderem Regime zu unterwerfen. Bon Seite der Familie Dreyfus dürfte heute bei der Regierung die Erlaubniß nachgesucht werden, Dreyfus die Entscheidung des Caffationshofes telegraphisch mitzutheilen. Aber mehr noch, es ist wahrscheinlich, daß der Caffationshof die Ueberführung Dreyfus' nach Frankreich anordnen wird, da seine Anwesenheit während der Enquete unentbehrlich erscheint; in diesem Falle dürfte er in der C on ciörg erie, welche mit dem Justizpalast in Verbindung steht, untergebracht werden. Er wird mit den Zeugen des Processes von 1894 confrontirt werden. Seine damaligen Ankläger haben nämlich, wie die Acten beweisen, nicht einmal die Confrontation für nöthig gehalten. Wie schon mitgetheilt, kann der Caffationshof eines seiner Mitglieder zum Untersuchungscommissär ernennen. Es kann aber auch sein, daß der Caffationshof in seiner Gesa m m t h e i t als Untersuchungscommission fungiren wird. Der Commissär oder die Commission haben so unbeschränkte Vollmachten, daß sie auch alle nothwendigen Haussuchungen vornehmen können. Sie können, wie die „Lanterne" bemerkt, falls der General st ab die Herausgabe des geheimen Dossiers verweigert, den eisernen Schrank durch Schlosser öffnen lassen. Jedes dem Caffationshof nicht mitgetheilte Document verliert seinen juridischen Werth. Das Resultat der Enquete kann dreifacher Art sein. Der Caffationshof kann die Ueberzeugung von der Schuld Dreyfus' erhalten und das Revisionsgesuch verwerfen, er kann einen Justizirrthum für möglich, aber nicht für gewiß erklären und Dreyfus vor ein neues Kriegsgericht verweisen, er kann, wenn er die absolute Gewißheit der Unschuld Dreyfus' erhält, die Verurtheilung, ohne Verweisung Dreyfus' vor ein anderes Kriegsgericht, a n n u l l i r e n und selbst die Rehabilitirung des Verurtheilten vornehmen. Allerdings ist zu bemerken, daß über die Zulässigkeit des dritten Falles die Meinung der Juristen getheilt ist. In der Verhandlung des Caffationshofes sprach sich der Rapporteur B a r d für diese Zulässigkeit, der Generalprocurator Manau dagegen aus. Daß die Aufnahme, welche das Urtheil bei der Presse findet, sehr getheilt ist, braucht nach allem Vorangegangenennicht erst gesagt zu werden. Ein Theil der revisionsfeindlichen Presse versucht ihren Aerger zu verbergen, indem sie behauptet, das Urtheil sei eine Enttäuschung für die Revisionisten. Diese hätten die sofortige Revision erwartet, jetzt aber sei man von der Revision noch weit entfernt. Die Behauptung, die Revisionisten hätten eine Enttäuschung erlitten, ist natürlich ein kühner Schwindel. Sie waren es, die eine Enquete verlangten, wohl wissend, daß, wenn Dreyfus ohne vorherige Aufklärung aller Fälschungen und Machinattonen sofort vor ein neues Kriegsgericht gestellt würde, die Geschichte von 1894 sich einfach wiederholen würde. Indessen die Gegner der Revision speculiren einstweilen noch auf Zwischenfälle, die im Laufe der Enquete eintreten könnten. Der „Eclair" spricht das offen aus. Welcher Art diese Zwischenfälle sein sollen, ist klar. Man hofft auf die Weigerung des Generalstabes, die geheimen Acten herauszugeben, und auf einen Conflict zwischen der Militär- und Civiljustiz. Rochefort ermuntert in seinem gewöhnlichen Stil zum Widerstand. Wenn die Officiere, welche den Dossier in Verwahrung hielten, die Unklugheit begingen, ihn in die Hände dieser „Banditen" zu legen, wäre das, darüber besteht kein Zweifel, die Vernichtung Frankreichs. Man begreift, daß der Präsident Loew sich beeilen würde, schleunigst das ganze Packet auszuliefern, von dem Wilhelm II. sofort Kenntniß nähme. Es