Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 44 (4.11.1898)
- Date
- 1898-11-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 Vr. Vloch's Wochrnschrifi Seite 795 Johannes Maldonatns, Snmmula, pag. 57. »Folglich darf ein Richter den Angeklagten, den alle gerichtlichen Zeugnisse für schuldig erklären, zum Tode verurtheilen, obgleich er selbst mit Sicherheit weiß, daß derselbe unschuldig ist." Johannes de A l l o z a,Flores summarum, pag. 394 : „Wer wegen eines von ihm selbst verübten Menschenmordes einen Anderen im Kerker weiß, ist nicht v e r v f l i ch t e t, mit Gefahr des Lebens sich anzugeben." Pag. 126 : „Menschenfleisch zu essen ist im Falle dringender Roth erlaubt, ..... Und es ist keine S ün d e, Blut zu sa ugen aus den Adern eines jungen Menschen." Pag. 443: „Ein christlicher Gouverneur, welcher befreundeten ungläubigen Indianern gefesselte Feinde übergibt, um sie zu tödten, begeht keine Sünde, wenn jene dieselben auch auf eine grausame Weise u m b r i n g e n n n d a n f f r e s s e n." Jacobus Platelius, Synopsis cursus theologici 1678, Pars III, pag. 389: „Man darf seinen Nächsten umbringen, um seine Glücksgüter zu schützen . . . Dieses ist zu verstehen von den bedeutenden und lverthvollen Gütern." Cardinal R. Bellarminus, Disputationes pag. 1823 : „Ketzer dürfen, wie alle zugeben, excomniunicirt, also sie d ü r f e n a u ty g e t ö d t e t w e r d e n." Der Talmud der Juden lehrt: „Barmherzig und mitleidig sein mit den Geschöpfen Gottes ist, nach der Lehre des Talmuds, ein Stammesmerkmal der Nachkommen Abrahams; wer nicht barmherzig und mitleidig ist, ist kein wahrer Israelit und zählt nicht zu den Nachkommen Abrahams." (Beza 32, Jebamoth 79, 74.) „Man soll sich martern lassen und nicht den unschuldig Verfolgten ausliefern. (Sabbath 33, vergleiche Magen Abraham.) Wenn Mörder Mehreren zurufen: Gebet Einen her, sonst tödten wir Euch Alle! so dürfen sie zu ihrer Rettung Keinen ausliefern (Maimonid. jesod. hathora 55). Sagt Jemand zu Dir: Tödte Diesen, sonst tödte ich Dich, so muß er sich tödten lassen und darf den Mord nicht begehen." (Sanh. 74.) Dagegen lesen wir bei Stephanus Fag undez (geb. 1577) im Tractatus in praecepta decalogi pag. 668: „Und so sehr erlaubt ist Jedermann ... die gerechte Vertheidigung des Lebens, der Ehre des guten Namens, der werthvollen Glücksgüter, daß sie auch erlaubt ist. mit der Lebensgefahr eines anderen vorgeschobenen Unschuldigen. — Deshalbdürfen wir Jemand tödten, wenn e i n D r i t t e r uns tödten würde, wenn wir Jenen nicht t ö d t e t e n." Ein Freund unseres Blattes, welcher uns das Flugblatt übermittelte, bemerkt in seinem Begleitschreiben: „So widerwärtig auch die Beschäftigung mit diesen Seuchenzüchtern ist, so nöthig ist es gleichwohl, auf das unausgesetzte heimliche Wühlen dieser gemeingefährlichen Subjecte hinzuweisen und das Auge der Staatsbehörde auf deren infernalische Bestrebungen zu lenken. Unheilvoll ist die Verbreitung dieser immer von neuem aufgewärmten Blutbeschuldigung, denn die Erfahrung lehrt, daß dieselbe in den Massen auf empfänglichen Boden fällt und von berufsmäßigen Hetzern und Volksvergiftern unausgesetzt mit allen modernen Mitteln der Massenverbreitung künstlich wach erhalten wird. Und es ist undenkbar, daß die Verbreiter dieses Flugblattes an die Richtigkeit seines Inhaltes glauben. Eine derartige Verblendung wäre ja der aufgelegte Irrsinn! Kennt Jemand die Juden für Mörder ihrer eigenen Kinder? Aber diesen Menschen ist eben keine Waffe vergiftet genug, um sie als Kampfmittel gegen die ihnen verhaßten Juden zu gebrauchen." „Wenn man kürzlich die weitestgehenden Schutzmaßregeln gegen die Verbreitung des Pestbacillus in Wien getroffen — und wer war bei diesem Geschäfte eifriger im Denunciren, als die Herren Antisemiten — wie schützt man sich gegen das Miasma der schnödesten Verleumdung, der Massenverhetzung, gegen den Bacillus des Blutmürchens, der ganze Schichten des Volkes inficirt und sie mit einem wahren Wuthgifte gegen nnschuldige Menschen erfüllt, das jeden Augenblick ungezählte Opfer zu fordern vermag?!" Das Flugblatt schließt mit der Frage: Notas in Judaea Deus? Ich möchte darauf antworten. Das wolle Gott allein entscheiden, aber, daß ihr, die Urheber solcher Schandschriften, Söhne Belial's seid, wird die Geschichte und das Urtheil der civilisirten Menschheit bekräftigen. Mit gewohnter Hochachtung ergebenst __ Dr. O." Die Jnaugurationsrede des Rertors der Wiener Universität. Sr. Wagnificenz Vr. Julius Wiesner. (24. October 1898.) Das Judenthum hat stets die Wissenschaft hochgehalten. Nicht erwähnen will ich, daß strenggläubige und tiefreligiöse Männer wie Saadia, Maimonides, Mendelssohn u. A. in ihren Werken die größte Freiheit des Denkens aufweisen, als besonders charakteristisch sei nur bemerkt, daß die Juden in ihrem täglichen Gebete gleich nach der Benediction über Gottes Heiligkeit Gott dafür rühmen und preisen, daß er den Menschen Verstand, Vernunft und Erkenntniß verliehen. Sehr treffend bemerkt ein christlicher Forscher, auf den wir bald zurückkommen werden: „Keine Zänkereien um Dogmen konnten bei den Juden Eingang finden und sie vom fruchtbaren Forschen abhalten, denn ihr reiner Monotheismus kommt mit keinem Product des vernünftigen Denkens in Widerspruch". Darum können wir Juden uns über den Fortschritt der Wissenschaft nur freuen, brauchen nicht etwa zu fürchten, daß ihre Resultate unsere Religion untergraben werden. Vor dem Monotheismus, dem einzigen Dogma der jüdischen Religion, vor der Lehre des »ssije asoher eh]eh« des ewig Seienden, des Urquells alles Daseins, muß auch die Wissenschaft Halt machen. Sehr treffend hat dies der Rector der Wiener Universität, Hofrath Professor Dr. Wiesner, in seiner Jnaugurationsrede zum Ausdrucke gemacht: „Die Wissenschaft schreitet vorwärts, das menschlicher Geisteskraft Erreichbare immer mehr und mehr erreichend, aber auch das Unerreichbare immer deutlicher als unerreichbar erkennend. Ja immer mehr treten uns die Grenzen unseres Erkennens entgegen". „So hat die exacteste Forschung selbst im Bereiche des Materiellen zu unübersteiglichen Grenzen geführt, und die alten Räthseln der Welt und allen Seins blieben trotz aller Fortschritte ungelöst, und klarer vielleicht, als die Denker früherer wissenschaftlicher Epochen erkennen wir, daß ihre Lösung jenseits menschlicher Geisteskraft liegt. Sie bleiben dem größten Denker ebenso unlösbar, wie dem simpelsten Verstände. Andere als im nüchternen Wissenschaftsbetriebe thätige Seelenkräfte übernehmen es, ein beruhigendes Verhältniß zwischen der Unendlichkeit und unserer Beschränktheit herzustellen. Der Verstand der Verständigsten, frei von dem Dünkel eigener Größe, beugt sich wie ein kindlich Gemüth vor dem Unerforschlichen, vor dem Urquell alles Seins." (Neue Freie Presse vom 25. October 1898.) Doch nicht wegen dieser herrlichen Worte allein ist die Jnaugurationsrede des Wiener Rectors für uns interessant, sondern auch, weil in ihr auf einen Mann hingewiesen wird, dessen Name von uns Juden hochgehalten zu werden verdient. Wir meinen nicht den berühmten jüdischen Botaniker Ferdinand Cohn, von dem Profeffor Wiesner bemerkt, daß dieser bestimmte Batterien zuerst als Verursacher von Krankheiten erkannte und die heute so populär geworden Gattungsnamen: Bacillen, Mikcokoccen, Bacterien geschaffen; wir meinen vielmehr Profeffor Jacob Mathias Schleiden, welchen Rector Wiesner den ..großen Reformator der Botanik" nennt, der die epochemachenden „Grundzüge der wissenschaftlichen Botanik" geschrieben. Diese „Gründzüge" ererschienen Anfangs der Vierziger-Jahre. Derselbe Schleiden schrieb Ende der Siebziger-Jahre eine größere Abhandlung: „Die Bedeutung der Juden für Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter." Wir haben die Westermann'schen Monatshefte (1876), in denen diese Schrift erschien, vor uns, und heben daher einige Stellen aus derselben hervor. „Die Juden sind und bleiben das merkwürdigste Volk, und wenn man sich auf die Symbolik einer Vorsehung ein-