Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 790 Vr Bloch'» Wochenschrift Nr. 43 aber Wallbruck wiederhole immer nur die Worte: Es geht schon zu Ende mit ihm, er ist bewußtlos, die Agonie ist schon eingetrcten, was wohl so viel heiße als: er wird bald sterben! Wir hatten kaum den Flur des Wohnhauses betreten, als sich die Thüre des Krankenzimmers öffnete und Wallbruck, jene sofort hinter sich schließend, uns entgegentrat. Er schien durch meine Ankunft und mehr noch durch die Anwesenheit meiner beiden Begleiter erschreckt; ihr Anblick übte eine entsetzliche Wirkung auf ihn aus, sein olivengrüner Teint nahm eine erdfahle Färbung an, er bebte wie Espenlaub und versuchte es vergeblich, seiner zitternder Stimme Festigkeit zu verleihen, als er sprach: „Meine Herren! Als Arzt und Mensch muß ich Sie dringendst bitten, die letzten Momente eines Sterbenden, der sich schon längere Zeit im Zustande voller Bewußtlosigkeit befindet, zu respectiren, das leiseste Geräusch kann seinen Tod beschleunigen; und Jedermann und namentlich aber der Arzt hat die Verpflichtung, das Leben des Menschen so lange als möglich zu erhalten. Wäre der Sterbende in der Lage, die Tröstungen der Religion von Ihnen hochwürdiger Herr empfangen zu können; so hätte ich Sie, selbst auf die Gefahr hin, daß Sie ihn bei dem weiten Wege nicht mehr am Leben träfen, hieher bitten lassen. aber Entschuldigung, meine Herren; meine Pflicht als Arzt befiehlt es mir, ins Krankenzimmer zurückzukehren — und bevor wir noch ein Wort zu erwidern vermochten, war er mit unglaublicher Schnelligkeit, wie eine Schlange ins Zimmer geschlüpft, und hatte, wie wir hörten, einen Riegel vorgeschoben. Wir fühlten uns nur von der Ueberzeugung durchdrungen, daß Wallbruck, ein Mitschuldiger Rodler's, deffen Bekenntniß hintanhallen wolle. Regierungsrath Sonnensels fürchtete, Wallbruck würde in irgend einer Weise den Tod des Schwerverletzten beschleunigen. und mächtig an die Thüre klopfend, schrie er: „Oeffuen Sie augenblicklich, sonst sprengen wir die Thüre. Sie setzen sich mit jeder Zögerung der höchsten Verantwortung aus!" Diese Worte mußten umso kraftvoller wirken, als wir vier Männer die Thüre einzudrücken begannen; der Riegel knirschte zurück.... Schon im ersten Augenblicke erkannten wir Alle, daß Wallbruck uns infam belogen. Rodler saß auf seinem Bette, er war entsetzlich bleich, aber noch bei vollem Bewußtsein. „Ah!* rief er, tief aufathmend, „Hochwürden! Euch hat der gruudgütige Gott zur rechten Zeit hergesandt! ..... Der Lucker Jud', der Abraham Duppau ist unschuldig .... ich . . . . ich Hab mein armes Weib getödtet, Ihr müßt nach E. hinein, dort morgen die große Blutschuld verhindern. O! Gott, o! Gott is dös fein ein Glück, das Ihr gekommen, der Bösewicht dort, wollte mich daran verhindern, zu bekennen, — bei meiner armen SeÄ' hätt' er sein geglaubt, daß Euch Gott zu mir herschickt .... er hätte mich getödtet!" Rodler deutete entsetzt nach der Richtung, in der Wallbruck noch vor Kurzem gestanden; aber während sich unsere Aufmerksamkeit auf den Bauern concentrirt hatte, war jener in fast unbegreiflicher Weise verschwunden. Ich wollte sofort hieher nach E. fahren, aber Regierungsrath Sonnenfels, der in wundersamer Weise die höchste Energie mit unerschütterlicher Besonnenheit paart, hielt mich zurück. Er erklärte mir, daß eine so kurze unmotivirte Aussage eines Todtkranken, bei dem ja auch gestörte Geistesthätigkeit angenommen werden könnte, möglicherweise vom Gerichte dem gesetzlich glaubbaren Geständniffe eines Anderen gegenüber, nicht anerkannt werden würde. Rodler müsse, wenn dies noch zu erlangen sei, eine kla^e Darlegung der Motive und des Thatbestandes geben und ein solches Geständniß würde er ja doch am leichtesten und liebsten nur seinem langjährigen Beichtvater und ehemaligen Religionslehrer, wenn auch im Beisein von anderen Zeugen oblegen. Der Regierungsrath ging in seinen Befürchtungen vielleicht zu weit, wenn er es aussprach, daß der E'er Gerichtshof für die gerichtskrästige Aussage eines Sterbenden zwei oder drei unbefangene Zeugen fordern würde, und ihn selbst und den Actuar Globner nicht als solche — als unbefangene Zeugen nämlich — anerkennen würde; er ließ die beiden hier anwesenden Männer, den Schulzen und Schullehrer des nächsten Dorfes rufen, damit auch sie das ausführliche Bekenntniß des reuigen Rodler anhörten, und diese erschienen auch bald. Nun forderte ich Rodler auf, seine That und deren Veranlassung genau und mit allen Nebenumständen anzugeben. Ich verhehlte es ihm nicht, daß ich davon überzeugt sei, daß er sich in einem Zustande voller Rettungslosigkeit befinde, daß seine Stunden gezählt seien, daß er in kurzer Zeit vor einenl höheren Richter stehen würde. Ich erklärte ihm, ich wolle ihm gerne die Tröstungen der Religion angedeihen lassen, aber zuerst müsse er Alles auf den Tod seiner Frau Bezügliche genau und umständlich angeben, damit über die Richtigkeit und Vollständigkeit seines Bekenntnisses nicht der leiseste Zweifel obwalten könne. (Fortsetzung folgt.) Literatur. „Historya biblyna“. (Biblische Geschichte von der Schöpfung der Welt bis auf Josef, für die I. und II« Elasse der Volksschulen der Baron Hirsch-Stiftung.) Mit Freuden begrüßen wir die Gelegenheit, dieses in polnischer Sprache erschienene Büchlein zu besprechen, um bei diesem Anlässe so Manches zu sagen, was wir schon lange am Herzen haben. In der ganzen Judenheit herrscht ein cinpfindlicher und drückender Mangel an guten Neligionsbüchern; einmal daher, weil sich in der Regel die Unberufensten, und sagen wir es gerade heraus, die Unfähigsten an diese heiligste und schwierigste aller Aufgaben herandrängen, und dann, weil, seitdem die Bibel in den Schulen im Urtext wenig oder gar nicht unterrichtet und Zuflucht zu biblischen Geschichten genommen wird, von keiner wie immer gearteten autoritativen Seite die Grundsätze und pädagogischen Directiven, nach welchen ein solches bibclgeschichtliches Lehrbuch verfaßt werden soll, normirt wurden, so daß es dem Tacte, oder sagen wir vielmehr den Tactlosigkeiten unberufener Leute, welche keine andere Berechtigung für die Abfassung solcher Bücher mitbringen, als daß sie das Metier eines Lehrers betreiben, überlassen ist, diesen Litcraturzweig als ihre Domäne zu behandeln. So war es wenigstens bis jetzt bei uns in Galizien bestellt. Hier ist dieser Literaturzweig nachgerade in eitle Büchermacherei und Fabrikation von Marktwaare ausgeartet und nichts weiter als ein neuer Industriezweig geworden. Da wird, ohne zu bedenken, welches die Aufgaben eines solchen Religionsbuches sind, welches seine pädagogischen Ziele sein sollen, die Bibel wahllos und noch dazu iii einer für dasMnd kaum verständlichen Sprache übersetzt, alles mögliche Gedächtniskram angehäuft und schließlich — die biblische Geschichte soll ja eine erziehliche Tendenz haben —, „Moral"-Lehrcn in die biblischen Vorgänge hineingepreßt, die so passen, wie die Faust aufs Auge. Die Verfasser solcher Religionsbücher vergessen auch daran, daß die Bibel Kindern nicht der Bibel willen gelehrt werden soll, sondern nur wegen der ethischen Momente, bk sie wie kein anderes Buch enthält. Was nicht geeignet ist, auf das Kind erziehend und veredelnd zu wirken, hat wegzubleiben. Ferner müssen die Erzählungen aus der Bibel in einer einfachen, für das Alter des betreffenden Kindes verständlichen Sprache vorgetragen werden. Auch nach dieser Richtung hin wird kraß gesündigt, und ist dies bei uns zu Lande umso schlimmer, als ja die wenigsten Kinder die Kenntniß des Polnischen vom Hause aus mitbringen, daher es schwieriger ist, für ihr Verständniß zu schreiben. Nun, um auf die Auswahl aus den biblischen Ereignissen zurückzukommen. Was hat beispielsweise Josef und die Frau des Potiphar, was hat Hagar und Jsmael mit der ihnen von Seite Abraham's und der Sarah widerfahrenen Härte in einer biblischen Geschichte für 6jährige Kinder zu thun? Was beispielsweise die Erzählung von Noe und seinen Söhnen. Welch' ethisches Moment liegt in diesen Erzählungen zumal für diese Kinder. Aber, wird man erwidern, in Galizien lernen ja die Kleinen alle Dinge in der Urschrift. Gut, wir geben das zu, wenn wir auch wissen, daß dieses in dem Alter von 6 Jahren nur in seltenen Ausnahnlsfällen geschieht, allein wir gestatten uns die Frage: Soll denn der moderne, sei es auch galizische Pädagoge, sklavisch in die Fußtapfen des Melamed treten? Wo steht es denn geschrieben, daß er die Spuren dieses schlechtesten aller Pädagogen verfolgen muß? Er soll doch eben bessere Verhältnisse als der Melamed anbahnen. Und selbst, wenn schon die 6jährigen Kinder alle diese Dinge in der Ursprache lernen, was gegen die altjüdische Tradition ist, denn der Talmud selbst lehrt ja, daß man gewisse biblische Partien nicht verdolmetschen dürfe, und Sache des tactvollen Pädagogen ist es ja, zu beurtheilen, was für das kindliche Gemüth paßt oder nicht paßt, so ist es doch ganz was anderes, wenn das Kind in der heiligen Vorschrift Manches lernt, was es nicht lernen sollte, und das Ihm kaum iu dem kindlichen Alter zum Verständniß kommt, als in einer profanen Sprache. Jeder Lehrer wird mich verstehen und wird zugeben, wie schädlich die Behandlung solcher Dinge in der Schule ist, besonders wenn man die sclavische Abhängigkeit unserer meisten Lehrer von einem approbirten Buche