Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 783 Bundes, Professor Dr. P h i l i p p s o n (Berlin) eröffnete den Verbandstag. Er führte unter Anderem aus: In einer Zeit, wo der Abfall vom Iudenthum immer mehr zunehme, das Selbstbewußtsein der Juden immer mehr schwinde, in einer Zeit, wo die Israeliten von Außen immer mehr bedrängt werden, sei es dringend erforderlich, die Juden Deutschlands zu einer festen Organisation zusammenzuschließen, die es nicht länger dulden will, daß die Juden ihres Glaubens wegen gekränkt und beleidigt werden, daß ihre Glaubenszugehörigkeit sie zu Bürgern zweiter Classe macht. In diesem Sinne sei die Organisation des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes gedacht. Der Bund stoße ja noch vielfach bei den Gemeinden auf wenig Entgegenkommen, aber man dürfe doch die Hoffnung hegen, daß in einigen Jahren sämmtliche israelitische Gemeinden Deutschlands dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde angehören werden. Den ersten Gegenstand der Tagesordnung bildete der Punkt „Wanderprediger". Professor Dr. Philippson wies einleitend darauf hin, daß der Kleinhandel und die bisweilen etwas bedenklichen Geldgeschäfte, die vielfach von Juden betrieben werden, infolge der Entwicklung der wirthschaftlichen Verhältnisse u. s. w. immer mehr zurückgehen. Er (Redner) bedaure dies keineswegs. Es sei aber nothwendig, daß die Wanderprediger in den kleinen Gemeinden dazu auffordern, daß die Juden sich mehr als bisher dem Handwerk und dem Ackerbau zuwenden möchten. Es sei dies allerdings leichter gesagt als geschehen, doch die Nothwendigkeit werde sich sehr bald von selbst ergeben. Es entspann sich hierauf eine sehr lange Besprechung, in der viele Anträge gestellt wurden. Beschlossen wurde, von einer bestimmten Beschlußfassung Abstand zu nehmen, und alle Anträge als schätzbares Material entgegenzunehmen. Oberlehrer Dr. Blas ch k e (Berlin) sprach hierauf über Einrichtung von Religionsunterricht in kleinen Gemeinden. Nach längerer Besprechung wurde beschlossen, nachzuforschen, in welcher Gemeinde kein jüdischer Religionsunterricht ertheilt werde, und sobald sich eine Gemeinde weigere, für den Religionsunterricht zu sorgen, dies der Regierung anzuzeigen. Oberlehrer Doctor Schaefer (Berlin) berichtete über die Jnspection des Religionsunterrichts durch die Gemeindeverbände. Er beantragt, zu beschließen: „Der Verband hat dafür zu sorgen, daß geeignete, schulmännisch tüchtige Persönlichkeiten eine regelmäßige Jnspection des Religionsunterrichts in ihrem Bezirke einrichten und zu ihren Berichten geeignete Berichtsformulare verwenden, über die ein Gesammtbericht an den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund erstattet werde." Eine sehr lange, lebhafte Besprechung veranlaßte die Wanderbettelei. Bon allen Rednern wurde hervorgehoben, daß diese Bettelei immer mehr um sich greise. Vorgeschlagen wurde, dahin zu wirken, die Ortsarmen derartig zu unterstützen, daß sie vom. Wanderbettel abgehalten werden, Schwindler, das heißt Bettler, die mit falschen Pässen u. s. w. reisen, unnachsichtlich der Polizei zu überliefern, eine Art schwarzer Liste unter den Gemeinden über schwindelhafte Bettler umgehen zu lassen, centralisirte Unterstützungscassen und Arbeitsnachweise einzurichten. Diesem Vorschläge wurde zugestimmt und beschlossen, eine Commission mit der Weiterberathung dieser Angelegenheit zu betrauen. Der Verbandstag beschäftigte sich hierauf noch mit der „Vorbildung der Cantoren und Schächter". Berlin. Vor drei Wochen machte eine Schauergeschichte, ausgehend vom „Deutschen B o l k s b l a t t" in Wien, die Runde durch alle antisemitischen Zeitungen. Danach sollte ein Jude des Namens Kukitsch, ein Oesterreicher, in Jerusalem eine Möbelfabrik errichtet haben, für die er die Arbeiter aus Oesterreich geholt hätte. Diese Arbeiter sollten dann von dem Kukitsch fürchterlich betrogen worden sein, schließlich habe der Jude Bankerott gemacht und die Arbeiter um die bei ihm deponirten Ersparnisse gebracht. Nach einer Anfrage bei dem österreichischen Consul existirt aber in Jerusalem weder ein Jude Namens Kukitsch, noch eine Möbelfabrik, noch sind europäische Arbeiter dieser Brauche nach Jerusalem gekommen. Die Antisemiten haben also wieder einmal dreist gelogen. Breslau. Frau Baronin v. H i r s ch hat der hiesigen „Israelitischen Kranken-Verpflegungs-Anstalt" ein Geschenk in der ansehnlichen Höhe voll 300.000 Mark als Beitrag zu dem Fonds für das neu zu errichtende jüdische Hospital gemacht. Durch diese hochherzige Spende, welche die Anstalt den Bemühungen ihres Vorstandsmitgliedes, Herrn Theodor O s ch i n s k i, zu verdanken hat, ist das in großem Style geplante, gemeinnützige Unternehnken der Realisirung bedeutend näher gerückt. Eine jüdische Lesehalle wird voraussichtlich in den nächsten Wochen in unserer Statt ins Leben treten. Gailingen in Baden. (,. Friedrichsheiru" i n Gailingen.) Dem „Friedrichsheim" für israelitische Sieche und arme Greise, einem schönen Werke der Humanität und Wohlthätigkeit, wurden am 12. October hier die Pforten geöffnet. Mit berechtigtem Stolz blicken wir aus den Festtag zurück, welcher nicht nur unserer Gemeinde, sondern allen Israeliten Badens zur Ehre gereicht. Unter Vorantritt einer Abtheilung der Constanzer Regimentsmusik bewegte sich der Festzug von der Synagoge nach dem „Friedrichsheim"; hier ließ vom bekränzten Podium, das mit der Büste Sr. königl. Hoheit des Großherzogs geziert war, der Gesangsverein „Eintracht" das Lied „Das ist der Tag des Herrn" ertönen. Herr L. R o t h s ch i l d als Vorstand der Baucommission begrüßte die Vertreter der Behörden und sonstige Gäste und übergab den Landesvorständen die Anstalt, die der Anregung des Herrn Bezirksrabbiner, Dr. L e v i n - Freiburg, und des Herrn H. S. E p st e i n - Eichstetten bei der erstell Synode vor drei Jahren ihr Entstehen verdankte. Herr Professor Bischofs von der technischen Hochschule Karlsruhe fertigte die Pläne, und am 5. Mai 1897 begann der Bau. Herrn Bischofs und den mitwirkenden Handwerkern sprach Herr Rothschild den besten Dank aus und schloß mit einem Hoch auf Se. königl. Hoheit, den Protector unseres „Friedrichsheims". Nachdem der Chor: „Das Bad'ner Land" verklungen war, übernahm Herr Bezirksrabbiner Dr. L e v i n - Freiburg namens des Landesvorstandes die Anstalt und dankte unserem Landesfürsten dafür, daß das Heim, ein Weihegeschenk der Baden'schen Israeliten, zu bcffeu 70. Geburtstag seinen Namen tragen dürfe; weiterhin gebühre Dank den Herren Epstein- Eichstetten, Julius Ettlinger- Mannheim, Wilhelm Moos und Ludwig Rothschild- Gailingen, sowie den übrigen Herren der Baucommission und all' den Helfern und Spendern. Glückwünsche zur Einweihungsseier trafen ein von den Geheimen Cabineten des Großherzogs und der Großherzogin, von den Herren: Landescommissär Engelh o r n-Constanz, Regierungsrath Dr. M a y e r-Karlsruhe, Regierungsrath Dr. F ö h r e n b a ch-Freiburg und Anderen. Herr Geheimer Regierungsrath I u n g-Constanz brachte das warme Interesse der Regierung zum Ausdruck und versicherte, daß diese jederzeit der Anstalt Schutz und Förderung angedeihen lassen werde. Herr Oberrath B e n s h e i m-Mannheim entbot die Wünsche des Großherzoglichen Oberrathes der Israeliten und der israelitischen Gemeinde Mannheim, Herr Stadtrath Fritz H o m- Bürger die der Gemeinde Karlsruhe, Herr Vorsteher D u c a s die der Gemeinde Freiburg und Herr Vorsteher Rothschild die der Gemeinde Constanz. Namens des israelitischen Krankenhauses begrüßte Herr Director E i s e m a n u die neue Schwesteranstalt. Herr S. Epstein bat den Ortsvorstand und den Hausverwalter der Anstalt, dieser stete Fürsorge zuzuwenden. Herr Vorsteher Harburger versprach namens der israelitischen Gemeinde Gailingen die wohlwollendste Obhut für das Friedrichsheim. München. Ein hiesiges antisemitisches „Organ", „Deutsches Volksblatt" genannt, leistet sich in seiner gestrigen Nummer gegen die „Allgemeine Zeitung" einen Streich, wie er selbst in der „zielbewußten" antisemitischen Presse bisher sicherlich unerhört war. Mit der Einleitung: „Die „Allgemeine Zeitung" (München) schreibt sehr treffend", bringt sie angeblich dieser Zeitung entnommene antisemitische Tiraden gemeinster und verächtlichster Art, um am Schlüsse zu bemerken: „Es ist hocherfreulich, in einem liberalen Blatte, dessen Beziehungen zur bayerischen Regierung bekannt sind, Ansichten über die Judensrage ausgesprochen zu finden, wie sie zutreffender und schärfer auch in dem radicalsten antisemitischen Blatte nicht zu finden". Wir brauchen nicht zu versichern, daß die „Allgemeine Zeitung" auch nicht ein Wort von dem jemals enthalten hat, was ihr hier in den Mund gelegt wird. Vor dem Lobe des „Deutschen Volksblattes" und seiner Genossen wünscht sie für alle Zeiten bewahrt zu bleiben. Adrianopel. Die türkische Regierung hat, wie durch Plakate an unseren Synagogen mitgetheilt wurde, die zionistischen Zeitungen, speciell auch die „Hazefirah", für das türkische Reich verboten. Das ist nun die offene Erklärung gegen den Zionismus und schafft wenigstens eine klare Situation. D ieFührer des Zionismus wissen also, daß die Türkei ihren B e st r e b u u g e n abhold i st.