Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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N- 43 Vr. Vloch'r Wochrnschrifl Sette 781 Aehnliche Gleichberechtigung scheint den Juden die Stadt Terracina gewährt zu haben, denn als sie im Jahre 1460 vom Papst Pius IT. in Besitz genommen wurde, wurde den Einwohnern, wie Pastor in seiner Geschichte der Päpste erzählt, die unverkürzte Belastung ihrer Municipalverfassung und übrigen Privilegien zugesichert und die Bewilligung ertheilt, Juden in der Stadt ansiedeln und sie an allen Rechten und Freiheiten derselben theilnehmen zu lassen. Aber schon viel früher hatte man die Juden nach anderen Städten Italiens eingeladen. So erzählt Luigi Arnoldo Schiavi in einer Monographie über die Juden im Venetianischen, daß der Rath von Verona, um dem von Christen betriebenen enormen Wucher zu steuern, im Jahre 1308 die Errichtung eines jüdischen Bethauses guthieß. In Ceneda war es der Bischof selbst, welcher 1597 den Juden Israel von Coregliano einlud, sich dort zu etabliren, um den christlichen Wucherern Concurrenz zu machen. Dieser Coregliano war vielleicht Ahnherr des unter den Namen Lorenzo Daponte bekannten Schriftstellers, Verfassers des Textbuches zu Mozart's „Don Juan" und „Figaro's Hochzeit", sowie sehr interessanter Memoiren, der 1749 in Ceneda geboren wurde. Im „^rLdivio veneto", Band 32, wird ein Actenstück mitgetheilt, demzufolge ein gewisser Lewi in Compagnie mit seiner Schwester im Jahre 1389 in Venedig eine Bank mit dem ausgewiesenen Capitale von 5000 Ducaten in Gold errichtete. Ammirato der Jüngere, ein Florentiner Historiker des siebzehnten Jahrhunderts erzählt, daß der Senat von Florenz, um der in der Stadt herrschenden Geldnoth und Armuth abzuhelfen, im Jahre 1430 beschloß, Juden zur Etablirung einzuladen und ihnen als Maximum des Zinsfußes vier Denar per Lire monatlich, das ist 20 Percent jährlich, bestimmte. Dabei suchte man aber auf alle Weise Juden zum Uebertritt zum Christenthum zu bewegen. Der Buchhändler Vespasiano da Bisticci, der im fünfzehnten Jahrhundert in Florenz lebte, erzählt in seiner Biographie des Cardinals Giuliano Cesarini, daß dort zu seiner Zeit ein sehr gelehrter, aus Spanien stammender jüdischer Arzt, genannt Dr. Johann Agnole, lebte, dem der Cardinal unaufhörlich und unermüdlich zuredete, sich zum Christenthum zu bekehren. Als der Jude endlich nachgab, wurde die Taufe mit großer Feierlichkeit und Pracht veranstaltet. Der Cardinal selbst taufte ihn, bekleidete ihn mit einem neuen prächtigen Anzug, und veranstaltete zu seiner Ehre ein großes Gastmahl. Er räumte dem Neugetauften dann eine schöne Wohnung ein, ließ ihn stets an seiner Tafel speisen und gab ihm einen Diener und zwei Pferde. Allein solche respectable Täuflinge waren schwer zu bekommen und man mußte sich daher, wenn man durchaus Convertiten haben wollte, mit etwas anrüchigen Leuten oder gar mit Verbrechern begnügen. Am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts lebte in Mantua der jüdische Goldschmied Salomone aus Seßa, welchem wegen eines begangenen Verbrechens eine schwere Strafe drohte. Um ihr zu entgehen, trat er zum Christenthum über und wurde vom Herzog begnadigt. Wie so manche andere Renegaten war er seinen früheren Glaubensgenossen feindlich und sagte ihnen alles Böse nach, so daß er im Jahre 1495 wegen Verleumdung der Juden von Mantua vom Herzog bestraft wurde. Salomone oder Ercole bet Fedeli, wie er nach seiner Taufe hieß, war aber in seinem Handwerk sehr geschickt, ein wahrer Künstler, und die Höfe von Mantua und Ferrara rissen sich förmlich um ihn. Besonders berühmt sind die von ihm verfertigten, reich verzierten Waffen, darunter das berühmte Schwert Cäsar Borgia's. In den Museen Europas finden sich über dreißig Stücke von seinen Arbeiten, die, wie moderne Kunstkenner versichern, zu den schönsten Luxuswaffen der italienischen Renaissance gehören. L. Nus Moses Mendelssohn'« letzten Tagen. König Friedrich I. von Preußen hat zwar die Beschränkungen der Juden und die auf ihnen lastenden Steuern nicht gemildert und kann durchaus kein Judenfreund genannt werden, aber er war auch kein Judenfeind und hat die Juden gegen mancherlei Verfolgungen in Schutz genommen. Schon im Jahre 1697 hatte er ihnen die Anlegung einer Synagoge in Berlin gestattet, wo bisher der jüdische Gottesdienst nur in Privathäusern gestattet war, und zur Einweihung der Synagoge schenkte er einen Vorhang. Schlimmer erging es den Inden unter seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm I., und wenn sie von dem 1740 zur Regierung gelangten Friedrich II., genannt der Große, eine Verbesserung ihrer Lage erwarteten, sind sie traurig enttäuscht worden. Der Freund der Aufklärung, der „Philosoph auf dem Königsthrone", wie er sich gerne nennen hörte, theilte in Bezug auf die Juden alle Vorurtheile des Pöbels. Zu seiner Judenfeindschaft kam aber noch etwas hinzu, was beim Pöbel fehlte und was er mit seinem Freunde Voltaire theilte: Die Abneigung gegen das Christenthum, ja gegen jede geoffenbarte Religion. Er und Voltaire waren dem Judenthum als Vorläufer des Christenthums feindlich. In katholischen Ländern war zu seiner Zeit der Glaube weit verbreitet, daß der König mit Voltaire, mit anderen Philosophen und mit den Freimaurern eine Verschwörung zur Abschaffung des Christenthums gebildet habe. Beinahe ebenso viele Abneigung, jedenfalls keine Sympathie und Verständniß hatte der König für die deutsche Literatur. Nicht Leffing oder Klopsstock, sondern mittelmäßige französische und italienische Schriftsteller genossen seine Gunst: „Keines Medicäers Güte Lächelte der deutschen Kunst Von des großen Friedrichs Throne Ging sie schutzlos, ungeehrt. Daß bei diesem Könige ein deutscher Schriftsteller, ein Jude, ein religiöser Philosoph, der noch dazu die französischen Gedichte des Königs, anstatt mit pflichtschuldiger Devotion, mit Unparteilichkeit und Offenheit kritisirt hatte, keine Gnade finden konnte, ist selbstverständlich. Es bedurfte der wiederholten eifrigen Verwendung des Franzosen Marquis d'Argens um „dem Inden Mendelssohn" die Zuständigkeit in Berlin, die ihn vor Ausweisung sicherte, beim Könige zu erwirken. Aber das Thor seiner Akademie der Wissenschaften, in der so viele jetzt längst vergessene Leute Aufnahme fanden, blieb dem Verfasser des „Phädon" und der „Briefe über die Empfindungen" verschlossen. Friedrich II. soll auf der von der Akademie eingereichten Liste der neu zu ernennenden Mitglieder den Name» Moses Mendelssohn höchst eigenhändig ausgestrichen haben. Aber, mit einer kleinen Aenderung von Schillert Versen Rühmend darf's der Jude sagen, Höher darf das Herz ihm schlagen: Selbst erschuf er sich den Werth. Unabhängig vom König hob sich das Judenthum in Berlin, errang sich Anerkennung und lange vor der gesetzlichen, die geistige und gesellschaftliche Gleichstellung. Und das ist größtentheils Mendelssohn zu verdanken Welche Stellung er in seinen letzten Lebensjahren in Berlin einnahm, wie geistig und gesellschaftlich hochstehende Fremde sich für ihn beinahe so wie für den großen König interessirten, das erfahren wir unter Anderem aus dem vor einigen Jahren bei Spemann in Stuttgart erschienenen Tagebuch der Sophie Becker, Begleiterin Elisens von der Recke auf ihren Reisen durch Deutschland in den Jahren 1784—1786. Als die Curländerin Elise von der Recke, geb. Reichsgräfin von Medem, eine hochgebildete Dame, „eine der edelsten Frauen ihrer Zeit", wie ihr Biograph sagt, nach Berlin kam, verkehrte sie dort ebensowohl mit der hohen Geburtsaristokratie als mit der Geistesaristokratie, und zu dieser gehörte selbstverständlich auch Mendelssohn. Am 22. August 1785 war Elise in Berlin eingetroffen und schon im Tagebuch vom 28. und 31. 'werden Anekdoten von Mendelssohn erzählt. Am 29. September, bevor sie zum Souper beim Prinzen Ferdinand fährt, kommen Mendelssohn, Graf Stollberg, Bergrath Rosenstiel und die Herzogin von Curland, Schwester Elisen's, zum Besuch. Man unterhält sich nicht über Theater oder Hofklatsch, sondern über Unsterblichkeit der Seele, über angeborenes Gefühl zwischen Kindern und Eltern und Aehnliches. Elise war damals 31 Jahre, die Herzogin 24, Mendelssohn so viel wie Beide zusammen alt. „Es war mir eine rechte Augenweide", heißt es im Tagebuch, „den liebenswürdigen Philosophen mit dem Judenbarte im Gespräche mit ein paar reizenden Weibern zu sehen". Zwei Tage später macht Elise mit ihrer Begleiterin und dem Buchhändler und Schriftsteller Nicolai ihren Besuch bei Mendelssohn: „Wir brachten ein paar sehr schöne Stunden mit