Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 780 welcher zur Zeit ihrer Großväter auf ihnen lag." In der gleichen milden und gerechten Weife legt Freytag sodann dar, welche Verdienste sich Juden schon seit Jahrhunderten trotz alledem um Wissenschaften und Künste erworben haben. „Alles in Allem, so bemerkt die „Vossische Zeitung", es gibt gar keinen größeren Gegensatz als den zwischen dem edlen, human denkenden Gustav Freytag und der antisemitischen Hetzerei." Die Juden in Persien. Aus Jspahan, dem Centralpunkt persischer Industrie, ist folgendes Schreiben an die »Alliance Israelite Universelle« gelangt: „Seit iy2 Jahren hören die Muschladihin (schiitische Priester) nicht auf. uns zu verleumden und durch grausame Behandlung das Leben unerträglich zu machen. Alle diese Leiden verniochten aber ihren Haß noch nicht zn sättigen, und so haben sie neuerdings drei Ausnahmsmaßregeln gegen uns erlassen. Zunächst haben sie den Muselmännern eingeschärst, sich in k e i n G e s ch ä f t m i t d e n Inden e i n z u l a s s e n und nichts bei ihnen zu kaufen. Dadurch sind mehr als tausend Kaufleute ins Elend g e st ü r z t, welche ihr Leben durch Hausiren in den Vorstädten unserer Stadt fristen. Um das Gebot ihrer religiösen Oberen zu erfüllen, kaufen die Bewohner der Stadt wie der Umgebung auch nicht das Geringste mehr bei unseren armen Glaubensgenossen und verweigern sogar, ihre alten Schulden zu bezahlen. Sodann haben sie den Juden verboten, sich mit ihren Waaren auf den Markt zu begeben. Diejenigen, welche in den Bazaren erschienen sind, haben sie von dort unter nichtigen Vorwänden vertrieben. Endlich haben sie ihren Gläubigen verboten, bei den Juden irgendwelche Nahrungsmittel zu kaufen, da ihnen dies Unglück bringen würde. Wir sind gezwungen, uns in den Häusern einzuschließen, denn wenn wir diese verlassen, werfen sich die Schiiten wie wilde Thiere auf uns, um uns zu erschlagen. Wenn wir uns beim Gouverneur, dem alle Energie und moralische Kraft fehlt, beklagen, so begnügt er sich damit, den Priestern Vorwürfe zu machen, auf die diese aber mit Insulten antworten. Namentlich sind es vier von diesen religiösen Oberen, die gegen uns Hetzen: Agha Najafi, Scheik Murteda, Sajed Hassan, Sajed Fani. Sie sind unsere unversöhnlichen Feinde, und ihre Hetzereien haben die Bevölkerung zu einer wahren Tyrannei gegen die Juden aufgestachelt. Sie kehren sich auch gar nicht an die Ordres des Schah und respectiren die Autoritäten der Stadt nicht im Geringsten, welche auch gar keinen Einfluß auf sie haben. Zu alledem kommen auch noch die Schrecken der Hungersnoth. Die Mehrheit der Unserigen ist blutarm und schmachtet in tiefem Elend. Diejenigen unter uns, welche in der Lage gewesen wären, zu helfen, sind durch jene oben geschilderten Vorgänge auch zu Bettlern geworden, so daß auch nicht Einer hier ist, der im Stande wäre, seinen unglücklichen Brüdern beizustehen." Die moderne christlich-sociale Cultur hat sich also auch schon auf Persien erstreckt. Das „Kauft nicht bei Juden!" ertönt in Jspahan so gut wie in Wien. Moderne Märtyrer. Aus K o w n o läßt sich der „Swet" eine höchst sensationelle Geschichte melden über Missethaten eines katholischen Priesters gegen Mitglieder seiner Gemeinde. Als der eigentliche Schuldige wird der Hilfspriester der römisch-katholischen Kirche des Heiligen Kreuzes, Alexander Beliakiewicz, genannt. Am 17. (29.) August d. I. erschien vor dem Polizeibeamten Awdejew die Bäuerin Eva Bernatowicz, zermartert und zerschlagen, in zerrissenem Kleide, voll Furcht und Schrecken. Sie erzählte ihm, daß am 15. d. M. der Priester Beliakiewicz in Begleitung zweier Kirchendiener in ihrer Wohnung erschienen sei, sie mit Gewalt in eine Droschke gesetzt und in die Kirche des Heiligen Kreuzes geführt habe. Hier habe er vor dem Altar einen geheimen unterirdischen Gang geöffnet und sie hineingestoßen, sei dann nach einiger Zeit bei ihr erschienen und habe begonnen, sie mit Stöcken und Stricken, die speciell zu diesem Zwecke dort vorhanden waren, zu peinigen und zu schlagen. Als sie dann die Besinnung verloren, habe ihr Beliakiewicz Wein eingeflößt, sie ins Bewußtsein zurückgeführt und dann wieder von Neuem geschlagen. Allen diesen Peinigungen habe er sie deshalb unterworfen, weil sie sich erlaubt hatte, die Bäuerin Shukowski, die mit einem Russen und Orthodoxen in einem Verhältniß stand, bei sich in der Wohnung zu haben. Diese Peinigungen nahm er einige Mal täglich vor. Während der Abend- und Morgengottesdienste befahl Beliakiewicz den Kirchendienern, sie aus dem unterirdischen Gemach zu ziehen und in Kreuzesform inmitten der Kirche auf den Fußboden zu strecken; den Betenden befahl er dann, ihren Spott mit ihr zu treiben, sie mit Füßen zu treten, zu bespucken u. s. w. Die Entkräftete ließ er dann wieder in den Keller hinab und schritt zu den Peinigungen. In der dichten Finsterniß dieser unterirdischen Gemächer ließen sich — Ar. 43 unbekannt woher — Feuerblitze sehen, welche die in ihnen liegenden Särge und menschlichen Skelette beleuchteten und ihre Phantasie schreckten; die Erscheinung des feuerschnaubenden, Verwünschungen ausstoßenden „Teufels" ließ sie das Bewußtsein verlieren. Solche Qualen erlitt die Bernatowicz zwei Tage lang, wobei ihre Kräfte durch ein kleines Stückchen Zwieback und einige Schluck Wasser, die Beliakiewicz brachte, aufrecht erhalten wurden. Von Hunger und Durst gänzlich zermartert, zerschlagen, durch Schlaflosigkeit geschwächt und durch verschiedene Schrecken beinahe bis zur Bewußtlosigkeit gebracht, wurde sie am 17. (29.) August aus dem Keller gezogen und nach Hausegeführt, wo sie zu sich kam und den Entschluß faßte, hievorl der Obrigkeit Mittheilung zu machen. Sie fügte hinzu, daß statt ihrer nunmehr ihre Einwohnerin Shukowski von dem Priester Beliakiewicz fortgeführt worden sei. Wahrscheinlich schmachte nun diese in den unterirdischen Gemächern und erleide wohl noch größere Peinigungen, da sie des Zusammenlebens mit einem Russen schuldig sei. Die Shukowski wurde bcmt auch wirklich von der Polizei in einem dunklen Verschlage der Kirche mitten unter Beerdigungs- Geräthen aufgefunden. Staatsanwalt und Polizei nahmen darauf selbst alle Keller und geheimen Gemächer unter der Kirche des Heiligen Kreuzes, in welche die Priester ihre Opfer sperrten und wo sie die Peinigungen Vornahmen, in Augenschein. Einige Peinigungswerkzeuge waren von den Priestern vor der Besichtigung versteckt worden, allein auch so machten die völlig dumpfen, dunklen, unterirdischen Gemächer, die von verschiedenen, unordentlich umher liegenden Särgen, Skeletten und Knochen gefüllt waren, in denen die Eingekerkerten ihre natürlichen Verrichtungen Vornahmen, einen unheimlichen Eindruck. Bei künstlicher Beleuchtung wurde von diesem Keller eine photographische Aufnahme gemacht. Dort fand man auch den Teufel. Das ist ein ungeheuerer hölzerner Kopf mit einem Teufels gesicht, der an einem menschlichen Skelett angebracht ist; er war maskirt, wurde aber von Zeit zu Zeit mit Phosphorlicht erleuchtet, sprach Flüche und Verwünschungen aus und erfüllte die im Keller Eingekerkerteu mit grenzenlosem Schrecken. Es wird erzählt, daß in einem der unterirdischen Gemächer auch Engel erschienen seien, man hat sie aber nicht gefunden. Sobald die Nachricht von der Verhaftung des Priesters Beliakiewicz in der Stadt bekannt wurde, versammelte sich eine große Menschenmenge, hauptsächlich Frauen, vor dem Gefängniß, um zu Gunsten des Priesters zu demonstriren. Beliakiewicz soll gegenüber dem Staatsanwalt seine Handlungsweise folgendermaßen motivirt haben: „Mir ist von Gott die Gewalt gegeben, die Sünderinnen zu bestrafen und zu begnadigen, mit Peitschen zu schlagen, in Grabgewölben an der Kette zu halten und zum Besten des Glaubens zu prügeln." Die gerichtliche Untersuchung wird wohl ergeben, was an dieser Erzählung wahr und was übertrieben ist. Zur Geschichte der Juden in Italien. In Zeiten wie die jetzigen, wo man die Inden gern von ihren uralten Wohnsitzen verdrängen möchte, wo man ihre wohlerworbenen Rechte durch Umgehung oder Bruch der Gesetze zu verletzen sucht, ist es nöthig, daran zu erinnern, wie man in früheren Jahrhunderten ihre Einwanderung zu befördern suchte und sie an manchen Orten den christlichen Bürgern gleichstellte. Nach der Vertreibung aus Spanien haben sie in Holland ein Asyl gefunden und sind im Laufe der Zeit dort zu Ansehen, Wohlstand und voller Gleichberechtigung gelangt. Aber schon viele Jahrhunderte früher fanden sie ebenso gute Behandlung in manchen Städten Italiens, und ihre Lage hätte sich dort im Laufe der Zeit wohl ebenso günstig wie in Holland gestattet, wenn nicht die sogenannte Gegenreformation, die katholische Reaction, gegen den eindringenden Protestantismus auch zur Beschränkung und Bedrückung der Juden geführt hätte. Schon im Jahre 1191 schloß die Stadt Lanciano in der Provinz Abruzzo cibra, im Neapolitanischen, einen Vertrag mit einigen jüdischen Familien, wodurch ihnen dieselben Rechte wie den christlichen Bürgern eingeräumt wurden, nur das Halten von Webstühlen war ihnen nicht gestattet. Dagegen wurden sie gleich den anderen Bürgern in die Seehandelsgesellschaften ausgenommen. Lanciano war noch am Ende des siebzehnten Jahrhunderts eine der reichsten Städte der Provinz mit stark besuchten Jahrmärkten. jßr. Vloch's Wochenschrift