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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-10-28 · 43 (28.10.1898) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
43 (28.10.1898)
Date
1898-10-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 43 Vr. Bloch'» Wochrnschrrfl Seite 779 übersitzend»: Dame auch nur den geringsten Anlaß geboten hätte, über die Dame in unfläthigster Weise zu schimpfen, respective beschimpfende Bemerkungen zu machen. „Schau'ns das Judengesindel da an, so eine aufgedonnerte, aufgeputzte Jüdin", auf einen im Gepäcksnetz untergebrachten, die Utensilien der kleinen Kinder enthaltenden Korb weisend, „so eine Schlampen", „so eine Judeubagage" rc. Das Lexicon der Antisemiten ist ja bekannt und der geneigte Leser kann sich die Fortsetzung denken. Frau Johanna T. wollte anfänglich die Bemerkungen gar nicht auf sich beziehen. Aber zur Vermeidung von Mißverständnissen — übrigens war Frau T. die einzige Dame im Coupe — wies der Herr direct mit dem Finger auf sie hin, und setzte zum größten Gaudium seiner Corona die „Bemerkungen" fort. Frau T., innerlich erregt und empört, blieb still und ignorirte die feine Gesellschaft vollkommen, und athniete erst auf, als sie in Meidling das Coupe verlassen konnte. Zu Hause angelangt theilte sie ihrem Gatten ihr Reiseerlebniß mit. Dieser dachte sofort daran, diesen tapferen Streiter für die antisemitische Sache, der den erhebenden Muth besitzt, eine wehrlose Frau ohne die geringste Veranlassung zu attaqniren, kräftig zu packen. In der richtigen Erwägung, daß der Herr wohl täglich denselben Zug benützen dürfte, scheute Herr T. nicht Zeit und Mühe und fuhr den nächsten Morgen mit seiner Frau dieselbe Strecke in demselben Zuge. In St. Veit besteigt der Herr mit dem erhebenden Muthe wieder den Zug und kam in dasselbe Coupe wo Herr T. und Frau saßen. Was sich nun abspielte, verdient ausführlich geschildert zu werden. Herr T. ging sogleich auf den Herrn zu, stellte sich vorerst selbst vor und bat hierauf um dessen Namen, um, wie er sich ausdrückte, „eine gerichtliche Angelegenheit zum Austrag zu bringen". Es war nun recht spaßig auzusehen, wie mit dem tapferen Recken plötzlich eine Veränderung vor sich ging. Er wurde käseweiß und bebte am ganzen Körper. Er hatte, Frau T. erkenueud, sofort die Situation erfaßt und stammelte und stotterte nun mit kaum hörbarer Stimme: er wisse von nichts und habe keinen Grund, sich vorzustellen. Erst als Herr T. sehr energisch drohte, der Herr möge, wenn er polizeiliche Intervention und Vermeidung großen Aufsehens wünsche, sich sofort legitimiren, lispelte er seinen Namen, Franz Klein. Herr T., der bei seinen Erfahrungen mit antisemitischem Muthe auch von antisemitischer Wahrheitsliebe nicht allzuviel hielt, begnügte sich mit dieser Angabe nicht, sondern ging zum größten Schrecken des Herrn Klein diesem bis an sein Geschäftslocal in der Schellinggasse Nr. 6 nach, um sich so die Neberzeugung zu verschaffen, ob dieser Repräsentant der modernsten Tapferkeit seinen wirklichen Namen genannt habe. Das nun Folgende ist rasch erzählt. Vor dem Bezirksgerichte in Meidling erschien, mit ihren zwei Dienstmädchen als Zeuginnen, Frau T. als Klägerin. Herr Klein erschien mit einem ganzen Stabe von Zeugen. Der tapfere Recke verlegte sich aufs Leugnen. Er habe mit dem Worte „Judenbagage" nicht die Personen, sondern das „Gepäck", den Korb, gemeint, sonst habe er überhaupt nichts gesagt, und von den incriminirten Schimpfworten wisse er nichts. Die Zeugen des Herrn Klein sind wirklich bedauernswerthe Herren, denn sie scheinen an einer chronischen Schwerhörigkeit zu laboriren. Trotzdem sie ja neben Herrn Klein saßen, hatten sie auch nichts gehört von alldem, außer das Wort „Bagage" in der von Herrn Klein beliebten Interpretation; der Richter aber in seiner freien Beweisführung scheint den Aussagen der Dienstmädchen größeres Gewicht beigemessen zu haben, bezüglich dessen, was sie gehört hatten, als den Freunden des Herrn Klein, bezüglich dessen was sie nicht gehört hatten. Und plötzlich wurde Herr Klein versöhnlich. Er erbot sich, jedweden Betrag zu wohlthätigem Zwecke zu deponiren, wenn Frau T. sich „ausgleiche". Doch Frau T. lehnte ab und so verurtheilte der Herr, der zufällig k. k. Strafrichter war, Herrn Klein zu 25 fl. Geldstrafe, eventuell 5 Tagen Arrest. Am 15. v. M. fand die Berufungsverhandlung vor dem Landesgerichte in Strafsachen statt. Von Seite der Klägerin erschien lediglich deren Anwalt Herr Dr. Spitzer, von Seite des Geklagten Herr Klein mit seinem Anwälte und wieder mit seinem Stabe von Zeugen, die das Gericht gar nicht berufen hatte und die daher gar nicht zum Worte kamen. Auch der Appellsenat hatte die antiquirte Anschauung, man dürfe eine wehrlose Frau nicht beleidigen, auch wenn sie eine Jüdin ist. Ja, ein Votant interpellirt Herrn Klein, was ihn überhaupt veranlaßt habe, mit der Dame sich zu beschäftigen, da es ihm so gar nicht einleuchte, daß man eine Frau grundlos attaquirt. Das Gericht bestätigte das erstrichterliche Urtheil. Emil Rittershaus über die Jude». Der Sohn des verstorbenen Dichters Emil Rittershaus veröffentlichte im „Eberfelder General-Anzeiger" Blätter der Erinnerung an seinen Vater, denen folgende interessante Stellen entnommen sind: „Sehr lebhaft wendet sich mein Vater in mehreren seiner Gedichte und Reden gegen den Antisemitismus. Er nannte ihn eine Gemüthsroheit, in vielen Fällen die Aeußerung des Neides, daß Andere durch Fleiß und Begabung es zu etwas gebracht hätten. Wo blieben denn Kunst und Wissenschaft ohne die materielle Unterstützung der Juden? Wer kaufte Bücher, ermöglichte vielfach das Bestehen von Theatern und sonstigen Kunstanstalten; wer erwerbe Gemälde, versorge Forscher und Erfinder mit Capital zur Durchführung ihrer Pläne — wenn nicht die Juden? Er sei auf seinen Reisen oft in jüdische Familien gekommen, die ihn mit dem zartesten Berständniß seiner Wünsche aufnahmen. Manche herzliche Freundsck aft sei daraus entstanden. „Bewundern mußte ich die Innigkeit des jüdischen Familienlebens, dies unverbrüchliche Zusammenhalten, worauf zum großen Theile die Macht des Judenthums beruht, die pietätvolle Achtung der Kinder den Eltern gegenüber. Und: Interesse für Alles! — Man kann jedes beliebige Thema anschlagen, immer findet man die artigste Aufmerksamkeit, den lebhaftesten Lerntrieb. Meine Gedichte standen nicht nur in den Bibliothekschränken, sondern, was mehr heißen will, sie waren auch gelesen worden!" Auf den Witz der Juden ließ mein Vater nichts kommen. Seien wir doch froh, pflegte er zu sagen, wenn wir möglichst viel witzige Köpfe haben. Uebrigrns erkläre sich die Gabe des Witzes und der Satire bei Juden daraus, daß Witz die Waffe der Unterdrückten sei. — Darüber müsse man sich wundern, daß ein Volk, das durch so harte Leiden Jahrhunderte lang hindurchgegangen, noch den Sinn für das Schöne sich habe erhalten können, daß sein Naturell nicht finster und gewaltthätig geworden sei. Auch die Mäßigkeit der Juden in Bezug auf die geistigen Getränke hob mein Vater gerne hervor. Sehr selten habe er einen Juden im Rausche gesehen Natürlich gebe es unter ihnen, wie überall, auch abstoßende Elemente. Er spreche nach seinen persönlichen Erfahrungen, von den gebildeten und wohlerzogenen Juden. Gustav Freytag. Antisemitische Blätter machen den Versuch, G u st a v F r e y t a g für den Antisemitismus in Anspruch zu nehmen. Tie Blätter scheinen von Allem, was er geschrieben hat. wenig mehr zu kennen, als den Roman „Soll und Haben", der zu Anfang der Fünfziger-Jahre geschrieben wurde und in realistischen Farben u. A. gewisse wenig sympathische jüdische Typen des Ostens schilderte. Freytag hat aber glücklicherweise rechtzeitig der Möglichkeit, ihn als mitschuldig an der „Schmach des Jahrhunderts" hinzustellen, vorgebeugt. Als im Jahre 1839 Richard Wagner seinem Unmnth über einzelne Gegner durch die bekannte Schrift „Das Judenthum in der Musik" Luft machte, veröffentlichte Freytag in dem damals von ihm mitredigirten Leipziger „Grenzboten" einen Aufsatz, den er später bei der Herausgabe seiner „Gesammten Werke" in dem 13. Bande (Leipzig, Hirzel, 1887) zum Wiederabdruck brachte. Dieser Aufsatz enthält u. A. einige bezeichnende Sätze: Freytag wendet sich gegen die Angriffe auf die Juden und meint, „in Politik, Gesellschaft, Wissenschaften und Künsten" seien „unsere israelitischen Mitbürger werthe Bundesgenossen nach guten Zielen", auf keinem Gebiete seien sie „vorzugsweise Vertreter einer Richtung, die wir für gemeinschädlich halten müssen". Ansführlich legt Freytag die bezüglich der Juden im Vergleich zu früheren Zeiten angetretene Wandlung zum Besseren nach allen Richtungen hin dar. Beispielsweise wird bemerkt: „Im Handel und Wandel galten die Juden lange Zeit als die Hauptspeculanten bei gewagten Börsengeschäften und einem großartigen Geldwucher; sie haben auch diesen Ruhnt ait Christen abtreten müssen; es sind bei uns jetzt Fürsten und Häupter alten Landadels, die unsolide Geldgeschäfte begünstigen, den Unternehmergewinn einziehen und die Actionäre durch ihren Namen verlocken". Weiter heißt es in dem Aufsatz: „Wer mit erhebendem Gefühl die Fortschritte unserer Nation in den letzten hundert Jahren betrachten will, der möge vor Allem auf die Wandlungen blicken, welche unsere jüdischen Mitbürger unter der befreienden Einwirkung moderner Bildung geniacht haben. Sie selbst haben jedes Recht, sich ihrer energischen Lebenskraft und Bildungsfähigkeit zu freuen; auch wir dürfen mit inniger Beftiedigung sagen, daß nur noch die letzten Ueberreste alter Ueberlieferung und Unduldsamkeit zu überwinden sind, um die Herzen und Geister der deutschen Juden völlig in unser Volksthum einzuschließen. Es ist natürlich, daß während dieser Uebergangszeit in ihrem Wesen hie und da Auffallendes oder nicht Lobenswerthes zu Tage kommt, und sie müssen es sich gefallen lassen, wenn solche Schwächen und Verkehrtheiten aus der Zeit der Unfreiheit gelegentlich einmal mit und ohne Laune als jüdische Eigentümlichkeiten besprochen werden. Wir werden es freilich auch natürlich finden, wenn sie gegen solche Besprechung besonders empfindlich sind, denn sie ringen immer noch nach Sicherheit ihrer gesellschaftlichen Stellung nnd fühlen immer noch die Nachwehen des harten Druckes,

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