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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-10-28 · 43 (28.10.1898) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
43 (28.10.1898)
Date
1898-10-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 776 Dr. Bloch's Wochrnsthrist Rr. 43 Die Verjudung t>fi ärztlichen Standes sollte Schuld daran sein, daß christliche Aerzte Bacillen nach Wien bringen, mit denen sie im Austrage einer christlichen Regierung in einem christlichen Spital, in einem von einem christlichen Professor geleiteten Institut experimentiren, daß ein christlicher Diener unvorsichtig mit den Präparaten oder Versuchsthieren hantirte, daß ein christlicher Arzt Lungenentzündung diagnosticirte und daß ein zweiter christlicher Arzt, Dr. Müller, die Diagnose auf Pestpneumonie selbstverständlich erst dann stellte, als sich Symptome derselben zeigten, obgleich er schon auf den bloßen Verdacht hin die Jsolirung des Patienten angeordnet hatte. Was geht also das ganze traurige Ereigniß die Juden an? Der antisemitischen Niedertracht wegen, bei welcher man auch vor der perfidesten Unterschiebung nicht sicher ist, müssen wir die sonst sehr überflüssige Bemerkung machen, daß es uns selbstverständlich nicht einfällt, den „Christen" oder „christlichenAerzten" vorzuwerfen, daß sie die Pest hieher gebracht haben. Die bodenlose Dummheit oder Böswilligkeit, die Wirksamkeit eines Menschen nach seiner Confession zu beurtheilen, ist ein ausschließlich antisemitisches Privilegium. Wenn es einem Laien gestattet ist, in dieser Sache eine Ansicht auszusprechen, so kann ich nur den Eindruck wiedergeben, welchen die Gutachten anerkannter Autoritäten auf mich machten. In Deutschland werden an 18 Universitäten die Erreger der allergefährlichsten Krankheiten wie Tuberkel, Milzbrand, Hundswuth, Rotz, Typhus rc. rc. gezüchtet und Thieren eingeimpft. In Paris wird seit vielen Jahren im Institut Pasteur mit Reinculturen von Pestbacillen experimentirt und em dortiger Arzt, Herr Dr. M a r m o r e k, und das ist allerdings ein jüdischer Arzt, hat soeben infolge telegraphischer Berufung seitens der Wiener Sanitätsbehörde, Pestserum nach Wien gebracht, durch welches er die Erkrankten zu heilen und die Gefährdeten zu immunisiren hofft. Die Erfolge bacteriologischer Studien haben vielen Tausenden bereits das Leben gerettet und entreißen den verderblichsten Krankheiten zahllose Menschenleben, die sonst zu Grunde gegangen wären. Die Experimente und Studien müssen also gemacht werden, nur muß man dafür sorgen, daß sie in geeigneten und gehörig ausgestatteten Räumlichkeiten, mit verläßlichem Personal und unter Beobachtung der peinlichsten Vorsicht gemacht werden. In der „Deutschen Zeitung", welche bereits längst auf die schiefe Bahn Verganischer Verworfenheit getreten ist und daher auch das „Deutsche Volksblatt" in der Ausbeutung der Pest als Krankheitserreger des Antisemitismus zu concurrenziren suchte, veröffentlicht der, wenn wir nicht irren, gänzlich judenreine Wiener Aerzteverein ein Gutachten, in welchem ähnliche Ansichten vertreten sind, und in welchem ausdrücklich gesagt wird, daß Herrn Hofrath Nothnagel und Dr. Müller durchaus kein Vorwurf treffen kann, sondern daß sie ihre Pflicht vollständig erfüllt haben. Dr. Wahner aber versteht das besser als die Aerzte. Er hat nicht blos Studien darüber gemacht, wie viele Tausend Gulden die Tramway zahlen darf, um den Werth einer Publication in der „Deutschen Zeitung" nicht zu übersteigen, er versteht es nicht blos, für den Rath hauskeller den richtigen Kellermeister zu finden, sondern weiß auch in medicinischen Dingen weit besser Bescheid, als eine ärztliche Corporation. Darum erklärt er vorweg, er sei nicht mit allen in dieser Erklärung des Wiener Aerztevereines ausgesprochenen Ansichten einverstanden. Auch der Dr. Lueger und der Herr G r e g o r i g verstehen mehr als alle Aerzte, und mehr als alle Universitätsprofessoren, an die große Capacität des Ernst Schneider nicht zu vergeffen, der hinsichtlich der Aerzte und unter Hinweis auf den armen Dr. M ü l l e r ausrief: „An den Galgen mit ihnen!" Das ist der Nekrolog, den die Antisemiten — und nach dem Ausspruche Dr. Lueger's ist ja Ernst Schneider der Urtypus eines Antisemiten — einem Manne widmen, der sein Leben gewagt, um der wissenschaftlichen Forschung willen, und der in Erfüllung der edelsten Menschenpflicht den Tod gefunden hat. Wohin immer die Kunde von dem Schicksal des Dr. Hermann Müller dringen mag, nirgends wird man sie ohne tiefe Ergriffenheit vernehmen. In der Metropole Oesterreichs, in der Stadt, die einst hochberühmt war, als Stätte der wissenschaftlichen Forschung und der Erfolge der Medicin, ein Ruhm, zu welchem auch jüdische Aerzte ihr redlich Theil beigetragen haben, da schreitet der verthierte Vandalismus durch die Straßen mit dem Spott-Rufe: „Hoch Nothnagel! Hoch Dr. Müller! Es lebe die Pest!" * * Bei einem genaueren Studium der Schmutzculturen des „Deutschen Volksblatt" aus den letzten Tagen, wird man die gefahrvollen Arbeiten der Aerzte Dr. A l b r e ch t, Dr. G h'o n und Dr. Mülle r, sowie der bacteriolozischen Forscher überhaupt in folgendem Satze gewürdigt finden: „Wie im Mittelalter' zur Zeit des finstersten Aberglaubens sich die Magier damit beschäftigten, durch Versuche seltener Art den Stein der Weisen zu finden, um dann die Goldmacherei im Großen betreiben zu können, geradeso hat eine Anzahl von Aerzten sich zu einer Art Geheimbund zusammengethan, um durch Experimente mit den Erregern der verschiedensten Krankheiten sich zu wissenschaftlichen Capacitäten zu machen und dann die 4 sich selbst gemachte Reclame gleich jenen Magiern in Gold umzusetzen". Das ist die Auffassung eines V e r g a n i, — der selbst bewiesen hat, daß es nicht einmal geistiger Arbeit bedarf, um die Goldmacherei im Großen zu betreiben, sondern daß es vollständig hinreicht, die Dummheit Anderer auszunützen, — von wissenschaftlicher Forschung. Es war also eine ganz gewöhnliche Geldspeculation, daß Pettenkofer Cholerabacillen verschluckte, um ihre Wirkung zu erproben; er wollte dadurch nichts als Reclame machen und Geld verdienen. Diese Herabwürdigung der Wissenschaft beginnt endlich die Aerzte aufzurütteln. In einer Versammlung der Mariahilfer Aerzte wurde eine Resolution gefaßt, in welcher die Entrüstung über das Vorgehen V e r g a n i's ausgesprochen und die Aerztekammer aufgefordert wird, die entsprechenden Schritte zum Schutze der Aerzte einzuleiten. Etwas spät entdecken die Herren die Hetze der Christlich-Socialen gegen die Aerzte. Warum haben sie sich nicht bereits vor Wochen gemeldet, als die Campagne gegen das Rudolfsspital begann? Schon damals war es Sache der Aerztekammer, den Collegen Genugthuung zu geben. Uebrigens theilen die Aerzte das Schicksal christlich-socialer Verfolgung mit den Richtern, und damit Niemand zu kurz komme, sagte Schneider in einer großen Versammlung antisemitischer Gewerbetreibender: „Unsere Strikes werden von ausländischen Regierungen bezahlt, damit wir nicht concurrenzfähig sind, und es ist nicht ausgeschlossen, daß dabei für unsere Regierungsorgane Trinkgelder abfallen." Der Bericht verzeichnet „st ü r m i s ch e n Beifall" bei dieser den österreichischen Beamten gemachten Zumuthung der Bestechlichkeit und der Schurkerei. Der ehrenwerthe Bürgermeister der Stadt Wien aber hatte hieraus nichts anderes zu bemerken, als, man möge nicht die christlich-socialen, sondern die liberalen und nationalen Beamten angreifen." Man sieht, Herr Doctor Lueger ist der Cohorte vollkommen würdig, die ihn umgibt, und wenn man die neuesten Leistungen seiner Partei und seiner Presse überblickt, so darf nicht einen Augenblick daran vergessen werden, daß Dr. Lueger sich mit ihr vollständig identificirt. Dieser Mann ist bereits dahin gelangt, nicht blos richterliche Urtheile nachträglich der Ueberprüfung durch die Versammlungen beim „goldenen Luchsen" zu unterbreiten, sondern auch im Vorhinein die Richter für den Fall zu bedrohen, als sie die ihm anhängig gemachten Processe nicht so erledigen sollten, wie er es für richtig hält. „Der Dr. Lueger wird sich kein Blatt vor den Mund nehmen", ruft er in selbstgefälliger Pose aus. Er spricht nämlich gerne von sich selbst in der dritten Person, wie von einem Machtfactor, mit dessen Vorhandensein Alles im Staate zu rechnen hat, wie mit einer feststehenden Institution. Aufgepaßt Richter! Wenn Ihr nicht nach dem Willen Dr. Lueger's richtet, wird er Euch „verreißen" in den Versammlungen, und wird Euch verreißen lassen. Denn das Eine ist nicht wahr, daß sich der Dr. Lueger kein Blatt vor den Mund nimmt. Im Gegentheile, er hat sich das „Deutsche Volksblatt" vor den Mund genommen und es zu seinem Sprachrohr gemacht, und weil er diesem Blatte öffentlich sein Vertrauen ausgesprochen und dafür agitirt, und es zu dem gemacht hat, was es heute ist, ist er der moralische Mitschuldige Vergani's und theilhaft an der Verantwortung für alle Schändlichkeitn, welche seit Jahr und Tag und welche auch in der „jüdischen" Pestcampagne von diesem Blatte begangen wurden. * * * Die Aerzte wollen sich gegen die demagogische Hetze zur Wehre setzen. Sie können es thun. Wer aber schützt die Richter, wer schützt die Beamten vor der Pest der Verleumdung? Sehen die österreichischen Regierungen noch immer nicht, daß diese Antisemiten eine destructive, daß sie eine wahrhaft anarchisttsche Partei sind? Nicht im Geringsten, denn sonst hätte man den derzeitigen Bürger- *

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