Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 43 Dr. Bloch's Wochenschrift Sette 775 gut denkbar, daß die Kleingewerbetreibenden die Hansirer als Verkäufer ihrer Erzeugnisse acquiriren, ihnen, die mit geringen Spesen arbeiten, solche zmn Verkaufe übergeben, und wenn in Wien Straßenhandel existirte, wie in allen Hauptorten Europas, die dadurch nicht verunstaltet werden, so frage ich, wie viel Waaren mehr abgesetzt würden, als sie durch Aufsuchen und Eintreten in Verkaufsmagazine, wo die großen Regiespesen aus den Preisen lasten, verkauft werden können. Ich verbände die Hausirer mit dem Kleingewerbe, und verliehe ihnen alle nur denkbaren Freiheiten des Verkehrs, und bin sicher, zwei kleinen Staatsbürgergruppen einen guten Nährboden verschafft zu haben, ohne sie gegen einander zu stellen und aufzuhetzen. Das in wirthschaftlicher Hinsicht über die Hausirerfrage. Was die Situation dieser letzten Gruppe von Handelstreibenden anbelangt, so ist sie die denkbar ungünstigste. Sie wird ebenso sehr vom Publicum wie kleingewerbetreibenden communalen Wirthschaftsgrößen verfolgt, als vou Behörden durch ihre Organe schlecht behandelt, welche der ohnehin ungünstigen Gesetzgebung eine ungerechte, harte Auslegung und Praxis hinzufügen, daß der gehetzte Hausirer sich zuvörderst davor zu schützen suchen muß. Zu dem Behufe wurde vor einiger Zeit ein Rechtsschutzverein derselben gebildet, welcher es sich zur Aufgabe gestellt hat, überall für das verletzte Standesinteresse eiuzutreten, und Hiefür einen sehr gewandten Rechtsanwalt, Herrn Dr. Schärfmesser, gewann. Die Wirkung war eine ausgezeichnete. Es wurden die Ministerien vom Vorgehen der Unterbehörden unterrichtet, persönliche Vorstellungen bei den Excellenzen vorgenommen, und jetzt, wo durch Erlässe der Verwaltungsämter die Beamten von den Klagen erfuhren und wissen, daß der Rechtsschutzverein hinter den Hausirern steht, ereignet sich selten mehr ein Klagefall, gleichwie ersuchte Ausschließungen von Plätzen gegen den Hausirhandel, wegen ungesetzlichem Verlangen, nicht bewilligt worden sind. Da die armen Mitglieder aus ihren Mitteln die Kosten solchen Vorgehens nicht ausbringen konnten, so wurde unter meiner Leitung ein Finanzcomite geschaffen, das im Wege von Sammlungen einiges Geld aufbrachte, wovon die Kosten bestritten und auch Sustentationen in der Form an arme Hausirer geleistet wurden, daß ihnen die Steuer der Hausirbewilligung bezahlt wurde. Ohne eine solche Steuerentrichtung, verfällt nämlich die ertheilte Bewilligung, die unter der heutigen Richtung nicht mehr erneuert wird und wird darauf hingezielt, die Zahl der Hausirer dadurch zu vermindern. Er verliert daher für immer seinen Erwerb, weshalb ihm wenigstens diese so sehr kümmerliche Existenz erhalten werden konnte und mußte. Leider sind die eingegangenen Mittel auf der Neige und wird bald an die Humanität appellirt werden müssen, neue Spenden zu leisten, was ich hiermit als der Verwalter derselben andeute und gleichzeitig um recht ansehnliche Betheiligung an dem Werke zur Erhaltung, moralisch und materiell, von Glaubensgenossen bitten werde, die ehrlich und hart ihr Brod verdienen. Hochachtungsvoll Jg. Zucker, k. k. Commercialrath." Vom Jahrmarkt des Lebens. Glosien zur Tagesgeschichte. (,,Es lebe die Pest." — Das fructificirte Unglück. — Es halte auch ein Jude sein können. — Dr. Wahner ist nicht einverstanden. — Der Geheimbund der Wissenschaft. — Die wahren Anarchisten. — Dr. Lueger und die Richter. — Bacillus Wergani. — Das Wiener Mauscholeum. „Hoch Nothnagel! Hoch Dr. Müller! Es lebe die Pest!" So lautete der ironische Schlußsatz eines Schmähartikels in einem antisemitischen Parteiorgan, welches sich ein Witzblatt nennt. Als dieses Pamphlet gedruckt erschien und die gemüthsverwandten Leser dieses Blattes sich daran ergötzten, hatte Dr. Hermann Müller bereits an sich selbst die furchtbare Diagnose gestellt, daß er dem schwarzen Tode unrettbar verfallen sei, und der Zufall wollte es, daß uns jenes traurige Witzblatt Montag Früh in die Hände gerieth, gleichzeittg mit den Morgenblättern, in welchen die erschütternde Nachricht von dem Erlöschen eines hoffnungsvollen, jungen Lebens enthalten war. Wir haben uns längst daran gewöhnt, alle Rücksicht und alle Menschlichkeit verleugnet zu sehen, wenn es gilt, nicht blos dem Judenhaß zu sröhnen, sondern auch Christen zu beschimpfen, denen der Antisemitismus als eine beklagenswerthe Verirrung erscheint. Wehe dem, der die Wege des Dr. Lueger und seiner Partei zu kreuzen wagt! Er wird verfolgt bis aufs Messer, in seinem Familienleben und in seinen freundschaftlichen Beziehungen, in seinem Berufe und in seiner Ehre. Professor Nothnagel ist Mitglied des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus. Dr. Müller war der Assistent und der Freund Nothnagel's, und darum konnte es geschehen, daß in die tiefinnerste Erschütterung aller fühlenden Menschen ob des ergreifenden Schicksals eines Helden der Wissenschaft der Gassenhauer hineinklang . . . „Hoch Nothnagel! Hoch Müller! Es lebe die Pest!" * * * Eine Woche des Schreckens und der Trauer, aber auch eine Woche des Abscheues und des Entsetzens! Die Millionenstadt erzitterte unter dem Eindrücke der Pestgefahr, und sie betrauerte schmerzerfüllt den jungen Arzt, der im edelsten Sinne des Wortes ein Opfer seines Berufes geworden. Größer noch als der Schrecken über die allarmirende Gefahr war der tiefinnerste Abscheu vor den Orgien der Bestialität, welche nicht davor zurückschauerte, ein großes Unglück, eine entsetzliche Gefahr parteipolitisch zu fructificiren. In diesen Tagen hat sich der wahre Charakter des Antisemitismus enthüllt, als die gänzliche Negation alles menschlichen Gefühles und aller Menschlichkeit. Das war ja förmlich ein „gefundenes Fressen" für das „Deutsche Bolksblatt", dieser „Pestfall auf der Klinik Nothnagel". Das war endlich einmal eine saftige Gelegenheü, um dem bisher nur verspotteten „Freund der Unartenlosen" die wissenschaftliche Ehre abzuschneiden, und so groß war die Freude über den gelungenen Fang, daß sich das Bergani-Blatt in seiner ersten Meldung nicht einmal die Mühe nahm, diese Freude über das Vorkommen eines Peftfalles auf der Klinik Nothnagel zu verbergen. Nicht der Pestfall war das Interessante, sondern die Klinik Nothnagel, und nicht die Pest schien die Stadt Wien zu bedrohen, sondern die jüdischen Aerzte. Was seit jenem Tage an Verleumdung der Spitäler, der Aerzte und der Juden geleistet wurde, das muß zum ewigen Gedächtnisse sestgehalten und aufbewahrt werden als ein Brandmal, durch welches die Wiener Antisemiten vor den Augen der civilisirten Welt gezeichnet sind für immer. * * * Es hätte sich ereignen können, daß ein jüdischer Arzt in Wien bacteriologische Studien mit Pestbacillen gemacht hätte und daß durch sein Verschulden oder durch seine Unachtsamkeit eme Jnfection erfolgt wäre. Nachdem kein Mensch unfehlbar ist, kann auch einem jüdischen Arzte ein Versehen oder ein Fehler unterlaufen, und es würde auch in diesem Falle kein rechtlich denkender Mensch die zufälligen Glaubensgenoffen eines solchen unglücklichen Arztes für die von ihm allein begangenen Fehler verantwortlich machen. Man würde selbstverständlich den Arzt zur Rechenschaft ziehen, nicht den Juden... Zufällig steht mit der ganzen ärztlichen Expedition nach Ostindien und den in Wien angestellten Versuchen mit Pestbacillen kein einziger jüdischer Arzt im Zusammenhang. Es meldeten sich seinerzeit auch jüdische Aerzte zur Theilnahme an der Expeditton, allein Juden wurden nicht zugelasfen,und zwar, wie es heißt,weil einer der Theilnehmer, Herr Dr. A l b r e ch t, ein Deutschnationaler ist und einen Juden nicht mitnehmen wollte. Der Assistent Nothnagel's, Dr. Müller, hatte die klinische Beobachtung übernommen und hatte in Wien mit den Versuchen nichts mehr zu schaffen. Die Arier Dr. Albrecht und Dr. Ghon waren es, welche die Pestbacillen nach Wien brachten und hier im Institute des Herrn Profeffor Weichselbaum die Reineulturen züchteten, und ihnen war der Diener Barisch zugetheilt, welcher am 15. d. M. erkrankte und als Patient auf die Klinik Nothnagel kam. Hier setzte nun der Bacillus der Verleumdung ein, obgleich Dr. Müller, der erste Assistent Nothnagel's, in dem Augenblicke, als er den Fall für pestverdächtig hielt, sofort den Pattenten isolirte und nach gestellter Diagnose sich mit ihm ins Franz Josefs-Spital begub, wo er wenige Tage nach ihm der schrecklichen Krankheit zum Opfer fiel. Das ist ein so einfacher und klarer Sachverhalt, daß ein Uebcrmaß von Verworfenheit dazu gehört, um daraus die Handhabe zu jenen Fälschungen und Verleumdungen zu gewinnen, vermittelst deren die antisemitische Presse die drohende Pestgefahr zu einer Aerzte- und Judenhetze auszuschroten unternahm.