Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 774 Dr. Bloch'» Wochenschrift Nr 43 Wie Vr. Lueger seine Gegner zerschmettert. Die Wiener Bevölkerung dürfte allmälig doch zu der Einsicht kommen, daß sie in der Verwaltung der städtischen Angelegenheiten das Opfer einer nunmehr seit Jahren anhaltenden Achstification geworden ist. Bekämpfung des Großkapitals und Befreiung der Stadt von den Ausländern war das große Programm des Volkstribunen von Wien. Welche Erfolge Herr Dr. Lueger in den entscheidensten städtischen Fragen aufzuweisen hat, das wird nun immer klarer. Die Engländer werde er zerschmettern, hatte er angekündigt, und nunmehr, als er an die englische Gesellschaft herantreten mußte und einen neuen Vertrag mit ihr abschloß, wurde der ganze antisemitische Heerbann von Rednern und Ordnern aufgeboten, um das Publicum über den wahren Werth dieses Vertrages zu täuschen. Allein eine einzige Thatsache reichte hin, um das klägliche Fiasco der kommunalen Gaspolitik zu kennzeichnen; nach dem Vertragsabschlüsse haussirten nämlich die Actien der englischen Gasgesellschaft an der Londoner Börse. Die Curssteigerung macht in österreichischem Gelde ungefähr 50 fl. per Stück aus. Die beabsichtigte Zerschmetterung der Engländer hat sich derart gestaltet, daß die englische Gasgesellschaft den Vororten bis 1911 erhalten bleibt, daß die Gesellschaft mit der Gemeinde Wien ein schimpfliches Preiscartell abgeschlossen hat, desien Kosten die Gasconsumenten empfindlich trifft, daß die Gemeinde der Gesellschaft die Gasmeffer abkauft und im Jahre 1911 die vorortlichen Werke um den seinerzeit festzustelleuden Sachwerth abzulösen verpflichtet ist. Wie die Verhältnisse liegen, wird Dr. Lueger genöthigt sein, mit den Engländern noch weitere Verträge abzuschließen, aus denen sie weitere Vortheile herausschlagen, und unter dem Eindrücke dieser fortgesetzten Zerschmetterung dürften die Actionäre der Imperial Continental Gasassociation an ihrem Wiener Besitzthum noch recht viel Freude erleben, selbstverständlich auf Kosten der Bevölkerung. Nachdem Herr Dr. Lueger auf solche Art die Engländer zerschmettert hat, kam die Zerschmetterung Nr. 2 daran. Diese, dem Anscheine nach überaus schmerzhafte, in ihrem thatsächlichen Verlaufe aber ungemein heitere Operation galt der Wiener Tramwaygesellschaft. Vor einigen Tagen ist der Vertrag zwischen der Gemeinde und der Firma Siemens & Halske, betreffend die Herstellung elektrischer Straßenbahnen in ganz Wien, perfect geworden, und die allerwichtigste Bestimmung desselben ist eine vollständige Erfüllung eines Punktes des von dem großen Zerschmetterer aufgestellten Programms. Die Wiener Tramwaygesellschaft wird nämlich mit Putz und Stingel ausgerottet oder, wie Herr Dr. Lueger sich gerne ausdrückt, ausgemerzt. Sie verschwindet spurlos vom Erdball und ihre Actien, deren Curs so häufig durch Entschließungen und Emanationen des Stadtrathes, sowie durch Notizen der bekanntlich vom Stadtrath Dr. Wähner hecausgegebenen „Deutschen Zeitung" bald im günstigen, bald im ungünstigen Sinne beeinflußt wurde, so daß die Eingeweihten ein recht artiges Spielchen in dem Papier zu souteniren in der Lage waren, werden binnen Kürzet» nichts sein als Maculatur, die man höchstens zum Tapezireu kleiner separirter Wohnungsbestandtheile. wird benützen können. Und merkwürdig — diese der Vernichtung geweihten Actien der auf den Aussterbeetat gehetzten Wiener Tramwaygesellschaft copirten das Beispiel der englischen Gasaction, indem sie in derselben Woche, in welcher die Vertragsbestimmungen publicirt wurden, ebenfalls um ungefähr 50-fl. stiegen. Wäre die Commune auf Actien gegründet, so wäre es interessant zu untersuchen, ob die Wiener Communalactien ebenfalls in dieser Woche stürmisch gestiegen wären. Wir glauben nicht; vielmehr wäre das Papier „sehr flau auf Lueger" gewesen. Daß die Liquidation der Tramway eine nichtssagende, auf Täuschung berechnete Comödie ist, braucht nicht erst erörtert zu werden. Es wird einfach eine neue Aktiengesellschaft, eine Bau- und Betriebsgesellschaft gegründet, deren Antheilscheine von den Actionären der sanft in Herr» Dr. Lueger entschlafenden alten Tramway als fröhlichen Erben bezogen werden. Wie viel die neue Gesellschaft der alten Trant - way für ihr Unternehmen gibt, darauf nimmt Herr Dr. Lueger gar keinen Einfluß, und das allein beweist schon die gänzliche Unfähigkeit der derzeitigen Gemeindeverwaltung, welche sich eine Participation am Gewinne ausbedingt, ohne daß sie eine Ahnung davon hat, wie groß das neue Actiencapital und welche Summe demnach erforderlich sein wird, um dieses Capital vorweg zu verzinsen. Hinsichtlich des Fahrpreises ist die Bevölkerung definitiv ausgeliefert, insbesondere ist die gehässige Preiserhöhung für die Sonntage auf die ganze Vertragsdauer hinaus festgelegt. Die neue Gesellschaft erhält ein Monopol auf ertragreiche Linien, um welche die alte Tramway vergeblich sich beworben hat, und so humorvoll waren die Autoren des Vertrages, daß die der Gesellschaft von der Commune verliehenen Rechte auf den Bau und Betrieb der rentabelsten Linien als Verpflichtungen der Gesellschaft statuirt werden. Es würde hier zu weit führen, um alle Vortheile anzuführen, deren die Commune sich begeben, und alle Nachtheile, die sie auf sich genommen hat. Die stürmische Hausse der Tramwayactieu, die sich erst nach genauer Prüfung des Vertrages vollzog und die nach der Ansicht Fachkundiger noch lange nicht beendet sein dürfte, ist die kürzeste, aber auch die vernichtendste Kritik der Methode, nach welcher der große Bürgermeister die ihm anvertrauten Interessen des städtischen Gemeindewesens wahrgenommen hat. So sehen die von dem gewaltigen Dr. Lueger angekttndigten Zerschmetterungen aus, die sich unter dem Jttbel der Zerschmetterten vollzogen haben. Wahrlich, wenn es Herrn Dr. Lueger gelingen würde, auch seine jüdischen Mitbürger auf ähnliche Art zu zerschmettern, sie könnten mit ihrem Schicksal zufrieden sein. Es gäbe alsdann keine gehässige Anfeindung und keine Verfolgung, und mit dem wirthschaftlichen Boycott nähme es ein Ende. Sehr geehrter Herr Bürgermeister! Die Wiener Juden ersuchen Sie höflichst um eine kleine Portion Zerschmetterung nach dem Recepte, welches Sie der englischen Gasgesellschaft und der Wiener Tramway-Gesellschaft gegenüber anzuweudeu die Güte hatten. Isegrim in. „Ein Attentat auf die jüdischen Haustrer." Wir erhalten nachstehende Zuschrift: „Geehrter Herr R e d a c t e u r! Ihre geschätzte Wochenschrift vom 21. d. brachte aus der Feder des Herrn Ed. Beer einen Artikel über die Interpellation Lueger's in der Seeschlangeuaugelegenheit des Hausirverbotes, das unter manchen anderen Wiener Schmerzen eingeführt werden , soll. Da ich mich mit dieser Sache seit langer Zeit vom rein ' wirthschaftlichen Gesichtspunkte befasse, so gestatten Sie mir. Einiges darüber zu sagen, was ich oft nutzlos vorgebracht habe, weil unsereu gewerbswirthschaftlichen Kreisen der Blick für derlei mangelt. Sie kämpfen unentwegt gegen den Vertreibet' ihrer Producte, die sie besser selbst zu verkaufen wähnen, aber sie machen dazu nicht die gehörigen Anstalten, noch haben sie solche, und daran krankt das Kleingewerbe, das mit den unrichtigsten Mitteln sanirt werden will. Dieses Kleingewerbe ist in einer anerkannt schlechten Position, es hat sich nicht oder konnte sich nicht modernisiren, daß es nämlich seine Production analog dent gesutikenen Einzeluutzen vermehrt und darin sein Auslangert findet, wie es die Industrie bewerkstelligen mußte. Der Typus des Kleingewerbetreibenden ist die Erzeugung durch den Meister mit einem Gesellen und einem Lehrlinge, tvelche Arbeiten früher hinreichen konuteti, diese Individualitäten zu ernähren. Anders jetzt, wo der Verdienst an den erzeugten Gegenständen durch die Großindustrie gesunken ist, was nur durch Vermehrung der Erzeugung wettgemacht werden kann, und da happert es in erster Linie. Weiters kauft der kleine Gewerbsmann die Rohmaterialien aus dritter und vierter Hand, demgemäß theuerer, und endlich muß er sein Pcoduct an den Zwischenhandel absetzen, dabei sich die Preise der Großindustrie gefallen lassen, somit ist erklärt, warum er nicht bestehen kann. Anstatt daß nun verständige Förderer des Kleingewerbes demselben motorische Kräfte zuführten, was in den Wirkungsbereich commuualer Verwaltungen fällt, durch Einkaufsgenoffeuschaften von erster Hand billigere Materialien verschafften, gefallen sich diese Männer darin, ncch seinen Vertrieb durch Verbot des Handels mit demselben zu stören. Da muß das Kleingewerbe verhungern, und wenn es ein Trost ist, daß de r Hausirer mit verhungert, so wird auch der Trost erreicht werden. Der Hausirer ist der geborene Verkäufer der Maaren des Kleingewerbes, der unablässig sie anbietet und dadurch verkauft, aber man treibt ihn in die Hände der industriellen Production, welcher er damit die wesentlichsten Dienste leistet, die für das Kleingewerbe auszunützen sind. Es ist nämlich ganz