Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 43 (28.10.1898)
- Date
- 1898-10-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 43 Jahrgang XV. Dr. Bloch’s Centralorgan für die gefannntrn Interelfen des Indenthums. s. kr. KostsparirErn-Amt > Clearingverkehr Nr. 610.976. Lrdartton und Ildministratwn: Wtin . L , lrjiinr JEWflatJijtpr. la. ) Telephon - Nr. 6535. j m. - ■■ ■ Wien. 28. Ortvber 1898. -M—«4* Erscheint jeden Freitag. -«K 4—•■*cl—- Brief-Adresse: Wien, I.» Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloch'sWochenschvift Wien. SrflrgNvrtt» Kr Srstrrrttch: Halbjährig 4 fl. —- S Ar. Einzelexemplare S6 kr. Jür’* Xhialanb: halbjährig Ä fl. 10 Ät. ganzjährig 10 B so „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile IS kr. Inhalt. Leitartikel: Die Ereignisse in Frankreich. — Wie Dr. Lueger seine Gegner zerschmettert. — „Ein Attentat ans die indischen tzausirer." — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichre. Die Regierung über die Pestsälle. Ter Vater des Dr. Müller. Rabbi Aron Kornfeld s. A. Der Streik der Kolomeaer Tallesweber. Die politischen Zionisten. Der Meineid- Eauonicus auf Urlaub. Eine Brandrede des Mechanikers Schneider. Eine Scene im Eisenbahncoupö. Emil Rittershaus über die Juden. Gustav Freytag. Die Juden in Persien. Moderne Märtyrer. — Zur Geschichte der Inden in Italien. - Aus Moses Mendelssohn's letzten Tagen. — Correspondenzen: Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde. Prag, Friedland, Lemberg, Budapest, Berlin, Breslau, Gailingen in Baden, München, Adrianopel, Gibraltar, Jerusalem, New-Pork. — Vermischtes: Wien, Olmütz, Jägerndorf, Teplitz, vorazdiowitz, Straßnitz, Kremsier, Virovitica, Jassy. — Feuilleton: Der König von Inda. Der Letzte. — Literatur. — Briefkasten. — Eingesendet. — Inserate. Zur gefälligen Beachtung. Wir ersuchen diejenigen unserer Alumnen' ten, welche noch mit der Alumnrmentsgelmhr im Rückstände sind, die zur Einhebung derselben von uns versendeten Postaufträge gefälligst honvrirrn zu wollen. Die Administration. Dir Ereignisse in Frankreich. Der Sturz des Ministeriums Brisson eröffnet düstere Aussichten für die Sache der Freiheit und der Menschlichkeit in Frankreich. Nicht die Thatsache an sich, sondern die Umstände, unter denen sie erfolgte, bilden ein schlimmes Vorzeichen für die Zukunft. Auch der dritte Kriegsminister, in dessen Händen noch vor 14 Tagen Brisson vertrauensvoll den Schutz der Republik gelegt hatte, .als die Gefahr eines militärischen Pronunciamientos drohte, hat schleichenden Verrath geübt, auch er war nichts Anderes als ein von der monarchisch-clericalen Partei entsendeter Ausforscher. Die Art, wie er in offener Kammersitzung dem Ministerium in den Rücken fiel, mußte die patriotischen Empfindungen aller Republikaner aufpeitschen. Der Conflict zwischen der Civil- und der Militärgewalt war acut geworden und Brisson säumte nicht, den Gegensatz mit aller Schärfe zu fornmliren. Er verlangte von der Majorität der Kammer, daß sie sich für das Uebergewicht der Civilgewalt entscheide. Sie hat das Gegentheil gethan, sie hat beschlossen, daß der Kampf gegen die Fälscher im Generalstabe, gegen die uniformirten Feinde des Rechtes, der Gerechtigkeit und der republikanischen Freiheit, gegen die Bundesgenossen der Jesuiten, Antisemiten und Monarchisten eingestellt werde. Mit diesem Kammervotum ist die Dictatur des Generalstabes, ist die Allmacht der militärischen Gewalt in Frankreich proclamirt worden und die Republik, die weder in dem Staatsoberhaupte, noch in der Volksvertretung mehr eine Stütze findet, hat, wenn auch nicht der Form, so doch dem Wesen nach aufgehört, zu existireu. Damit schwindet auch die Hoffnung auf eine ehrliche Revision des Dreyfus-Processes. Herr Brisson hat den utopischen Traum genährt, daß in einem freien Staatswesen ein Unschuldiger nicht für die Verbrechen Anderer büßen, daß man Bürger des Staates nicht wegen ihres Glaubens und ihrer Abstammung verfolgen dürfe, daß der Ruf: „Nieder mit den Juden!" einer Nation unwürdig sei, die schon vor mehr als hundert Jahren der Erklärung der Menschenrechte zugejubelt hatte. Herr Brisson war und ist ein unverbesserlicher Optimist! Als ob es sich den fünfhundert parlamentarischen Königen, von denen heute Frankreich regiert wird, als ob es sich dieser panamistischen Kammer, dieser Zuchtanstalt der Corruption wirklich um Recht und Ehre, um Freiheit und Gerechtigkeit handelte! Wenn Heinrich IV. Paris eine Messe werth war, warum soll diese Versammlung von Stellenjägern und Glücksrittern sich einen Augenblick bedenken, der Herrlichkeit des ersehnten Königthums die Juden zu opfern! Und doch, so düster die Lage ist, so enthält sie doch einen starken Trost für uns. Wieder einmal tritt mit aller Schürfe und Klarheit die weltgeschichtliche Bestimmung des Judenthums hervor. Die Ereignisse in Frankreich sind nur ein Stück jenes allgemeinen Rückbildungsprocesses, der sich in ganz Europa vollzieht. Die Reaction triumphirt; daß sie aber ihre Siege allüberall nur erfechten kann, indem sie die niedrigsten Jnstincte der Race, indem sie den Haß gegen die Juden mobilisirt, das ist ein Ehrenzeugniß für uns, daß wir im Laufe des Jahrhunderts nichts eingebüßt haben von jenem Geiste der Menschlichkeit, Gerechtigkeit und fortschreitenden Erkenntniß, der den Inhalt unserer Lehre und unserer geschichtlichen Ueberlieferungen bildet. Das Martyrium des Dulders von der Teufelsinsel und die Verleumdungen, welche daraus gegen das gesammte Judenthum geschmiedet wurden, sollen auch nicht endigen. Wohlan denn, wir werden es geduldig tragen, denn je stärker das Unrecht wider uns wird, umso mächtiger und lebendiger wird auch der altjüdische Geist in uns, der uns innerlich erhebt und festigt!