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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-10-21 · 42 (21.10.1898) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
42 (21.10.1898)
Date
1898-10-21
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr.. 42 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 771 Wie gesagt, man schätzte und verhätschelte die junge Frau Rosalie sehr, und als sie einige Jahre nach ihrer Uebersiedlnng auf dem Marktplatz den Ban eines steinernen Hauses begann, boten sich ihr sämmtliche Fuhrwerksbesitzer zu Gratisfuhren von Steinen und Hölzern an; die Kleinhäusler aber leisteten spontan je einen Tag Gratisarbeit an. Kaum gab es ein oder ztvei träge Leute, die sich nicht blicken ließen oder nicht kamen; natürlich wurden diese von den Klügeren und Vornehmeren zusammengeschimpft. „Lump", sagten sie von einem solchen, „der hat weder vor Gott, noch Pfarrer, noch Jude Respect." Ja, der Respect der städtischen Behörde ging sogar so weit, daß man bei der Comasirung, auf Antrag des scharfblickenden Bürgermeisters Johann Mravesän, zwei Gründe aus dem Jntravillangebiet ausschied, den einen für einen eventuellen jüdischen Tempel, den anderen für einen jüdischen Friedhof, obwohl sie vorläufig nur die eine Judenfrau hatten. Uebrigens gleichviel. Sie hatten ja die Zukunft vor sich, und wer weiß, was ihnen diese noch bringt. Und schließlich thut es ihnen ja so wohl, in das Gespräch mit Fremden einflechten zu können: „Einen Steinwurf weit vom Bäbaszeker jüdischen Friedhof" oder ungefähr so: „Wenn man an dem Bäbaszäker jüdischen Tempelgrund vorbeigeht". All' dies aber hörten die benachbarten Städtchen, die kleiner als Bäbaszäk waren, mit großem Neid und Aerger. Hinter ihrem Rücken pflegten sie zu sagen: „Ach, diese vermaledeiten Bäbaszäker, die haben den Größenwahn bekommen." K o l o m a n M i k s z n t h. Zionistische Literatur. (Karl Kraus: »Eine Krone für Zion.") Das Büchlein, welches Karl Kraus unter diesem Titel soeben hat erscheinen lassen, hätten selbst Freunde und Verehrer seines satirischen Talentes ihm so fein und scharf nicht zugetraut. Es ist ganz ausgezeichnet, witzig nud geschmackvoll und ans der deutschen Sprache heransgeschrieben. Die schneidige Eleganz dieser scharfen Feder hält sich immer in streng literarischen Formen. Kraus justificirt stets in Glacehandschuhen und verbeugt sich quasi entschuldigend vor dem geehrten Herrn Delinquenten, als ob er selbst unendlich trostlos wäre. An Spitzer, dem „Wiener Spaziergänger", hat er sich zuerst herangebildet. Heut' ist er über dieses erste Vorbild bereits hinaus, und man wird ihn schon an einem größeren Maße, an Ludwig Börne, meffen müssen, der auch einmal als ein gefährlicher und unerbittlicher Widerpart gefürchtet war. Auch bei Kraus steigt das Pathos aus der Ironie heraus! Seine Sittlichkeit ist, wie die des Löb Baruch, aus Wahrhaftigkeit und Grundgescheidtheit zusammengesetzt. Mit stillen, sachten Wendungen beschleicht er seine Opfer. Er ist kein witzhaschender Silbentäuschler mehr und kein Jongleur mit leeren Wortbällen. Ueber diese Exposition seines Talentes ist er bereits hinüber. Eine echte satirische Begabung ergeht sich diesmal wieder auf ergiebigem Felde. Wer gerne lacht, wird reichlich auf seine Kosten kommen. Denen, über die gelacht wird, kann die Sache freilich nur als ein ungeheuerlicher Frevel erscheinen. Doch das liegt schon einmal so im Wesen der Satire. Maupertuis hat sich vermuthlich auch am „Akakia" des Voltaire nicht sonderlich ergötzt, Wood die Tuchmacher-Briefe des Swift nicht besonders anregend gefunden, und Menzel zählte keineswegs zu den Bewunderern der satirischen Meisterleistung Börne's, des „Franzosenfressers". Das ist ja schließlich Alles nur ganz selbstverständlich! Den Angegriffenen thut es ja sehr weh', ihre Schwächen und Lächerlichkeiten der öffentlichen Heiterkeit erbarmungslos preisgegeben zu sehen. Und Karl Kraus bringt schon den richtigen Blick und Spürsinn für derlei mit. Urernst nimmt er Phrase um Phrase unter sein Vergrößerungsglas. Schon sein famoser Erstling: „Die demolirte Literatur" zog ihm eine Menge Feindschaften zu von all' denen, deren Eitelkeiten er verletzt hatte, und es waren ihrer nicht wenige. Nun hat er sich redlich Mühe gegeben, ihre Zahl beträchtlich zu steigern. Sein neues Opus wird ein gleiches Schicksal haben, wie das erste. Aber Jedermann wird es doch gelesen haben wollen. Das ist eine Art Trost. Und die lustigen Worte, deren es ganz köstliche gibt, werden geflügelt in die Welt hinausflattern : „Die unduldsamen Märtyrer" — „die zum Eintritt in das Ghetto berechtigenden gelben Flecke" — „die staatenbildende feuilletonistische Begabung" — das wären so einige. Geradezu köstlich in seiner sachten Ironie ist der Satz: „Wenn man so endlich die erwünschte na ti o n a le Cultnr hat, wird nr a n s i e n o ch o r g a n i s ch a u s d er V e r g a n g e n h e i t h e r a u s w a ch se u lassen müsse it." Nur noch — o, Kleinigkeit! Jüdische Helden thun Roth, aber „mit der Aufstellung eines' Feuerofens zur Erzeugung von Makkabäern ist nicht gedient . . „Hinaus mit den Juden!" erschallt das antisemitische Wuthgeheule und — „Jawohl, hinaus mit uns!" schallt der Ruf zurück. Die assimilirte Natur ist auch so eine reizende Kraus'sche Erfindung mit ihrem „mauschelnden" Bächlein und dem jüdischen Echo, das mit einer — Frage antwortet. Die israelitische Jung-Aristokratie kommt übel weg. „Sie haben sich mit ihren arischen Sportsgenossen zu innerer Leere und zu einer Aristokratie der Fingernägel gefunden. . ." „Schüttelt den Salzgriesgram von Eurer Stirn" ruft er den Mühseligen und Beladenen zu. „ . . . Blicket nicht sehnsüchtig nach dem Lande, in das man Euch führen will — denn dieses ist das Land Uz?..." Das Buch ist so meisterhaft gemacht und so überaus lustig, daß es auch den Zionisten, jedem für sich im stillen Kämmerlein, gefallen mag, wenn es auch gegen die Partei als solche gerichtet erscheint. Oeffentlich wird natürlich darüber der Stab gebrochen werden müssen, als einer gar ketzerischen, des Verbrennens überaus würdigen Schrift. Es waren aber nicht immer die schlechtesten Bücher, die auf den Index gesetzt worden sind nud Karl Kraus hat sich ja schließlich doch nichts anderes davon erwarten können. Aber wer eine Krone übrig hat für Zion, gehe hin und gebe sie — für das famose Libell, und hat er eine Bücherei daheim, so stelle er getrost das grüne Heftchen zwischen den „Doctor Akakia" von Voltaire und „Menzel" den Franzosenfresser" von Ludwig Börne, denn da gehört es hin. * * * (Max Nordau: »Doctor Kohn".) Dieses „bürgerliche Trauerspiel aus der Gegenwart" in vier Aufzügen ist ein effectvolles Gegenstück zum „Neuen Ghetto" und möchte wohl die Probe auf seine Bühnenwirksamkeit lohnen. Es ist an starken, theatermäßigen Effecten ziemlich reich und stellt den Darstellern dankbare Aufgaben. — Dr. Leo Kohn, Privatdocent der Mathematik an einer kleinen, deutschen Universität, möchte Professor und Ehemann werden. Beides geht nicht an, weil er sich eine streng-evangelische Hochschule und ein christliches Mädchen ausgesucht hat, deren Herr Papa noch dazu ein „Meschummed" ist. Der alte Herr möchte schon nachgeben, aber da ist die arische Mutter, der Superintendent von Onkel, ein Schwager Corps bursch — der andere Officier. Es geht wirklich nicht. Und man sagt uns, daß Dr. Kohn Zukunft hat, daß er ein sehr bedeutender Fachmann ist. Seine Eltern haben noch einen andern Sohn, den Dr. Samuel ans dem „neuen Ghetto" — Kohn und Samuel sind Zwillingsbrüder —, declamiren beide wunderschön, und schießen alle beide gleich miserabel. Dr. Kohn fällt im Zweikampf. Taufen will er sich nicht lassen, heiraten will er, Professor werden will er, — Nordau verurtheilt ihn zum Tode durch den Zufall, das ist das Einfachste. Kohn und sein Schwiegerpapa ohne spe lassen ganze Leitartikel über Judentaufen und Mischehe gegeneinander los und sehr effectvolle, ganz ausgezeichnete. Aber das ist so wenig ein natürlicher Sprechton, eine menschliche Sprechart, wie das Wort, welches der Studiosus Ernst in einem Moment höchster Leidenschaft ausruft: „Ist es wirklich so weit gekommen? JtalienischeRenaissance-Edelleute tödteten ihre Schwester mit eigener Hand, wenn sie sich gegen die Ehre des Namens verging." Der denkt an — italienische Renaissance-Edelleute, wenn sich die dramatische Temperatur der Situation bereits dem Siedepunkte nähert! Ein guter Schauspieler wird, wenn er natürliche Empfindung besitzt, so Geschraubtes, Gekünsteltes in diesem Augenblick gar nicht einmal aus sich herausbringen können. Oder wie unglaublich grotesk klingt es, wenn der als Christ geborene Sohn dem getauften jüdischen Vater den Vorwurf zuschleudert: „Carl (auf die Bildnisse deutend). Hier sind meine Vorfahren. Die kann mir Niemand rauben. Du bist ein Zufall in meiner Familie." — Der Sohn, der den Vater einen Zufall in seiner, des Sohnes Familie, nennt, muß nur unbändige Heiterkeit auslösen, aber komischer Effect kann an dieser Stelle ganz unmöglich beabsichtigt gewesen sein. Man bringt das lange Stück hindurch die Empfindung nicht los, als wohnte man zufällig ungemein peinlichen, familienhaften Auseinandersetzungen und qualvollen Erörterungen von Privat-

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