Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 42 (21.10.1898)
- Date
- 1898-10-21
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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©eite 770 Dr. Blvch's Wochenschrift Rr. 42 wart, ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich in meiner Gemeinde Biele hätte, die ihm glichen!" „Sie haben Recht, hochwürdiger Herr!" unterbrach ihn Globner unwillkürlich, „ich habe ja seine außerordentliche Menschenfreundlichkeit kennen gelernt!" (Fortsetzung folgt.) Der MbaszöKer Jude oder BLbaszöks Gegenwart und Zukunft. Aus dem Ungarischen übersetzt von Jenny Mandl-Ehrenwald. Ja, so ist's, die alte Frau Münz wurde mit einem Gehalte von 40 Gulden als „Jude" nach Bäbaszek gebracht, da es in Bäbaszek keinen Juden gab und man um jeden Preis einen solchen herbeischaffen mußte. Die Sache war eigentlich so (für einen Großstädter ist dies etwas schwer zu verstehen), daß Bäbaszek eines jener Colibri- Städtchen ist, welches sich von den armseligen oberungarischen Dörfern darin unterscheidet, daß man seinen Richter Bürgermeister titulirt, daß man an einem gewissen Tage im Jahre von den umliegenden Dörfern und den „Laz" genannten Gehöften ein bis zwei Stück Jungvieh dahin zu Markte treibt, und daß am selben Tage dort auch der Sohler Lebzeltner Samuel Plokar auftaucht und seinen Kram: lebzeltene Herzen, Husaren und Wiegen auspackt, die alle vergriffen und den Kindern und Dorfschönen der Umgebung mitgebracht werden. Mit einem Worte: Bäbaszäk hat seinen Jahrmarkt. Darauf ist aber auch jeder autochthone Bäbaszäker nicht wenig stolz. Diese Messe theilt das kalendarische Jahr und die Weltereignisse in zwei Theile, derart, daß man den einen Theil mit so und so viel Tagen vor dem Jahrmarkt, den anderen nach demselben geschehen läßt, wie z. B. der Todestag Franz Deäks gerade auf den zweiten Tag nach dem Bäbaszäker Jahrmarkt fiel. Die Ursache von alldem aber waren die alten Könige, die, wenn sie in dem Sohler oder Begleser Schloße jagten, den umliegenden Dörfern als Trinkgeld das Städterecht verliehen. ^7 Füglich ist dies auch ein ganz hübsches Privilegium. In der Stadt hat Alles: Grund, Garten, sogar der Mensch größeren Werth und mehr Ansehen. Man ist Bürger, und das will schon was heißen. Wird man Gemeinderath, so heißt man Senator. Das strohgedeckte alterthümliche Hans, worin der Rath seine Sitzungen häll, heißt Rathhaus. Der sandalenbeschuhte Kleinrichter, obwohl er anstatt eines Dollman nur einen kupferschnallenen Riemen trägt, führt den Titel Haiduck. Und dieser Haiduck muß auch trommeln können. Denn die Stadt hat ihre eigene Trommel, ja die reicheren Städter schaffen sich sogar auch eine Feuerspritze an, denn alles umsonst, Rang ist Rang — man muß ihn aber auch repräsentiren können. Besonders seitdem vom Comitatshause her ein solcher Wind zu wehen anfing, laut dem man den größten Theil jener Städtchen, welche blos 7—800 Einwohner zählen, zu streichen wären, entspann sich ein wahrer Wettstreit unter ihnen. Jedes wollte seine Lebensfähigkeit und Existensberechttgung Nachweisen; jedes setzte sich auf's hohe Roß, obgleich aus seinem Futtersacke nur ein Füllen freffen konnte. Wahrlich, die Sache wird kein gutes Ende nehmen, und wer leben wird, wird sehen. .Die gute Sohler Stadt, befehdet Tot-Pelsöcz. „Das ist ja gar keine Stadt, sie hat ja nicht einmal eine Apotheke." Sohl könnte Pelsöcz in einem Löffel erttänken. (Aber, mein Gott, es kann ja auch nicht jeder Krähwinkel gleich Bistritz oder London sein.) Aber auch Pelsöcz geberdet sich wie ein Bulldogg, bellt und fletscht wieder gegen Bäbaszsk die Zähne. „Bäbaszek, das ist ja keine Stadt. Es hat ja nicht einmal Juden, der Ort aber, wo sich Juden nicht niederlassen, der hat keine Zukunft und verdient nicht Stadt genannt zu werden." BäbaszLk hinwieder biß auf die kleineren Städtchen los. Allein ich bin nicht dazu da, um diesen garstigen Wettstreit auszumalen. Ich will blos kurz bemerken, daß der würdige Borstand von Bäbaszäk durch die neidischen Nörgeleien seiner Feinde klug werdend — gleich wie die Biene auch aus den giftigen Pflanzen Honig zu saugen weiß — mit der erwähnten Frau Jonas Münz in Unterhandlung trat, damit sie nach Bäbaszsk ziehe und dort auf dem Marktplatz, gegenüber der Schmiede, ein Gewölbe errichte. Gegenüber der Schmiede, damit es jedem Durchreisenden sofort in die Augen springe, sintemal dort folgende Arttkel gangbar sind: Seife, Peitschen, Schminke, Berliner Blau, Striegel, Schusterahlen, Nägel, Wagenschmiere, Safran, Ingwer, Zinunt, Kleister, Hanföl, kurz alle jene Artikel, welche im Gebiete Bäbaszek nicht wachsen oder erzeugt werden. So kam Frau Münz nach Bäbaszek, wo sie mit großen Ehrenbezeugungen empfangen und nach jeder Richtung hin verwöhnt wurde. Man trug sie fast auf den Händen, was übrigens kein Spaß gewesen wäre, da Iran Rosalie Münz nahezu an die zwei Centner wog. Anfangs mißfiel es Vielen, daß der Magistrat nur eine Jüdin und keinen Juden acquirirt hatte, da es ja viel hübscher und erhebender gewesen wäre, wenn sie so hätten sprechen können: „Unser Jud' hat dies oder jenes gesagt, unser Moriz oder unser Tobias hat dies oder jenes gethan", aber blos sagen zu können: „Unsere Judenfrau, unsere Rosalie", das.heißt wahrlich gar nichts, das klingt äußerst bescheiden, kurz man hätte einen Juden nach Bäbaszek bringen müssen, einen Juden mit langem Bart und krummer Nase,"wo möglich mit rothem Haar — das ist der rechte. Allein Herr Konozka, der klügste Senator, der mit Frau Münz die Unterhandlungen in höchsteigener Person pflog und sie und ihren Hausrath mit eigens dazu bestellten Wagen nach Bäbaszek führte — die Pferde, welche die Frau brachten, schmückte er sogar mit Blumensträußchen —, schmetterte die Unzufriedenen mit seinen Argumenten so nieder, daß David mit seinem Schleuderftein auch nicht besser treffen konnte. „Seid doch nicht so dumm! Wenn einmal eine Frau König von Ungarn sein konnte, warum sollte ein anderesmal eine andere Frau nicht jüdischer Greißler in Bäbaszek sein können?" Thatsächlich beschwichtigten sich die Gemüther nach und nach, ja man fing sogar an, die vom Magistrat getroffene Wahl zu loben, als zu jedem Laubhüttenfeste die Söhne der Frau Münz — sie waren ihrer sieben — aus allen Windrichtungen zu Hause zusammenkamen, und die Bäbaszöker sie in ihren herrlichen Festtagskleidern, mit Schnürschuhen an den Füßen und hohen topfartigen Hüten auf dem Kopfe, über den Marktplatz schreiten sah. An solchen Tagen stellten sich die Mbaszeker Bürger in ihre malvengeschmückten Vorgärtchen hinaus, und wenn sie ihnen mit stolzgeschwellten Herzen nachblickten, riefen sie über die Bocksdornzäune einander zu: „Na, Gevatter, wenn dies schon keine Stadt ist, dann ist die Fledermaus auch nichts anderes als eine Fliege." „In Pelsöcz kann man in zehn Jahren nicht so viel Juden schauen", erwiderte der Gevatter sich den Bauch streichelnd. Die alte Frau Münz aber weidete, von der Gewölbthüre aus, ihre Augen an dem Anblick ihrer Söhne, denn gewöhnlich saß sie dort strickend mit einer Kupferörille auf der Nase — selbst dies Augenglas verlieh Bäbaszsk einen vornehmen Anstrich. — Uebrigens war Frau Münz eine freundliche, angenehme, heitere Matrone, und mit ihrer schneeweißen Faltenhaube paßte sie gar so gut zum Marktplatze mit seinen weißgetünchten Gebäuden, zur würdevollen Fatzade des Rathhauses, daß Niemand vor ihr vorübergehen konnte, ohne den Hut zu lüften, ebensowenig wie vor der Statue des heiligen Nepomuk. Denn schließlich gab es ohnehin nur diese zwei nennenswerthen Sehenswürdigkeiten zu Bäbaszek, und jeder fühlte es instinktiv heraus, daß dieses kleine runde Mütterchen mit den Plänen von Bäbaszeks Aufschwung innig verwachsen ist. „Guten Tag, junge Frau! Wie geht's, jnnge Frau?" „Gut, meine lieben Kinder." „Wie geht's Geschäft, junge Frau?" „Gut, meine Lieben." Sie freuten sich, freuten sich so sehr darüber, daß die junge Frau so flink wie eine Eidechse, so gesund wie eine Eichel ist und zusehends reicher wird; sie rühmten sich damit auch allerwärts, wohin sie mit ihren Fuhrwerken kamen. „Unsere Sali wird reich. Saperlot, zusehends bekommt unsere Sali Federn. Und warum denn nicht. Bäbaszek ist eine Goldgrube. Bäbaszek ist jungfräulicher Boden. In Bäbaszsk kann man leben". Thatsächlich wurde die „junge Frau" Rosalie verhätschelt. Sie ging schon in die Siebzig, wurde aber nur „mlada pani‘ (junge Frau) genannt. Auch darin lag Logik. Der König hat sich sämmtliche werthvollen Titel angeeignet, die nur er verleihen darf; das Volk (in seinem souveränen Gefühle) verlieh die Jugend als Titulatur.