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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-10-21 · 42 (21.10.1898) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
42 (21.10.1898)
Date
1898-10-21
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 42 Vr. Bloch's Wochenschrifi Seite 769 nach besten Kräften zu ersetzen. Der Vetter werde, so müsse er befürchten, trotz aller Pflege, welche ihm die Bäuerin angedeihen lasse, doch nicht mehr lange leben; dann werde die Bäuerin, welcher der Vetter Cajetan den ganzen Besitz vermacht habe, nicht allzulang Witwe bleiben können und einen jungen, rüstigen Mann durch ihre Hand zum Herrn des Hofes machen; dann werde es für ihn Zeit sein, den Rodlerhof zu verlassen; aber wenn er dies jetzt schon thäte, müßte er sich für einen undankbaren Menschen halten. — Das gefiel mir recht wohl. Erst zwei Jahre später starb der alte Cajetan und bald darauf stellten sich mir Claudy und Barbara Rodler als Brautleute vor, und baten mich, ihre Aufbietung vorzunehmen. Zuerst war ich überrascht; einem solchen Verlöbnisse pflegen stets Gerüchte voranzugehen; doch mußte ich schon bei oberflächlichem Bedenken erkennen, daß sich die Wahl Beider in einem gewissen Sinne vollkommen rechtfertigen lasse. Claudy war ein schöner Mann; Barbara hatte ihn, wie ich glauben mußte, als tüchtigen, verläßlichen, braven, treuen Wirthfchafter kennen gelernt; — Claudy hatte von der „Muhme", dem Eheweib seines verstorbenen Bauern stets.mit der größten Achtung gesprochen, auch konnte er an dem schönen, allerdings schon achtunddreißigjährigen Weibe Gefallen finden. Nichtsdestoweniger hielt ich es für meine Pflicht, die Beiden offen auf die zwischen ihnen bestehende Altersdifferenz aufmerksam zu machen; allein Beide behaupteten, eine ernste Neigung zu einander gefaßt zu haben, von deren Beständigkeit überzeugt zu fein. Ich selbst nahm ihre Copulation in meiner Kirche vor. So viel ich hörte und sah — ich war auch einigemal auf dem Rodlerhofe zu Besuche gewesen, — schienen die Ehegatten im besten Einvernehmen zu leben. Rodler spielte seine Rolle als großer Bauer ganz vortrefflich. Er war einmal zum Schulzen gewählt worden, und hatte das zweite Mal die Wiederwahl, wie ich glaube, aus dem Grunde abgelehnt, weil der Oberamtmann ihn nicht so freundlich behandelt hatte, als er beanspruchte. Später wurde mir zwar erzählt, daß Barbara Rodler zänkisch und geizig geworden; aber daß ihr Mann sich doch so zu ihr zu stellen wisse, daß in ihrer Ehe Eintracht herrsche. Ich habe es schon erwähnt, Rodler kam oft in den Beichtstuhl zu mir, und es ist keine Verletzung des Beichtgeheimnisses, wenn ich es hier ausspreche, daß die in seinen Kreisen beispiellos makellose Charakterreinheit, in welcher er sich mir darstellte, geradezu meine Bewunderung erregte. Er hatte mir von seinem dreizehnten Jahre an, wo er das erste Mal zur Beichte ging, bis vor Kurzem, also durch ein Vierteljahrhundert, nicht eine Handlung gestanden, die meinen ernstlichen Tadel herausgefordert hätte; — nicht eine jener in Bauernkreisen so häufig vorkommenden Ausschreitungen in sittlicher Beziehung, nicht die geringste Unredlichkeit, ja nicht einmal eine nennenswerthe Nebertretung eines von der Kirche gebotenen Gesetzes in Bezug auf Fastenspeisen. Claudy Rodler klagte sich nur der Selbstüberhebung an, bedauerte es, daß er im Herzen gegen Gott gemurrt, weil er ihm den Kindersegen versagt, am meisten klagte er sich wegen seines Jähzornes an. Zuweilen, wenn ihn ein Armer um eine Gabe anspreche, fahre er auf und lasse ihn hart an; freilich schon im nächsten Augenblicke bitte er ihn um Entschuldigung und suche ihn auch durch eine größere Gabe zu versöhnen. Mir mußte Claudy Rodler bis vor wenigen Monaten als ein Mustermensch erscheinen, als ein Mensch mit unbedeutenden Schwächen; — ganz ohne Fehler und Laster, dagegen mit vorzüglichen, hellglänzenden Tugenden. Im heurigen Frühjahre kam Claudy Rodler einmal gegen seine Gewohnheit an einem Wochentage zu mir. Es waren zufällig mehrere Leute in der Stube und er benahm sich in deren Gegenwart in seiner gewohnten ruhigen Weise; aber als sich diese entfernt hatten, veränderte sich sein ganzes Behoben, er gerieht in eine so hochgradige Auftegung, wie ich sie noch nie an ihm gesehen, es erschien mir unbegreiflich, daß er vor wenigen Secunden noch die Maske vollständiger Ruhe tragen konnte, und mit merkwürdiger Plötzlichkeit überkam mich der Gedanke: Claudy Rodler habe mich mein Leben lang getäuscht! Er sagte mir, er habe mir ein Geständniß anzuvertrauen, sich meinen Rath in einer wichtigen Angelegenheit zu erbitten. Da er mir jenes nicht im Beichtstühle anvertraute, kann ich es jetzt unbedenklich enthüllen, um so mehr, als er auch in seinem letzten, hochwichtigen Bekenntnisse, das er vor sechs Zeugen ablegte, auf diesen Fehltritt seines Lebens zurückkam. Er theilte mir mit, daß er sich in einem Augenblicke der Leidenschaft vergessen, sich mit einer seiner Mägde in einen Liebeshandel eingelassen und daß dieses Verhältnis nicht ohne Folgen geblieben. Ich, sein einziger Freund und Berather aus dieser Welt, sein Seelenhirt und Beichtvater, möge ihn lehren, was er in dieser Lage thun müsse und möge ihm eine Buße auferlegen, welche der Schwere seines Verbrechens entspreche. — Ich war wie aus allen Himmeln gefallen! Claudy Rodler war also nicht nur ein ganz alltäglicher mit den gewöhnlichen Schwächen und Fehlern behafteter Mensch, sondern er war auch ein determinirter Heuchler gewesen, er hatte mich belogen, mir, seinem Beichtvater, die Wahrheit verheimlicht! Einen Augenblick gerieht ich in Zorn, — aber ich faßte mich rasch, ein reuiger Sünder sollte mich nicht deshalb gegen sich härter als gegen Andere finden, weil ich nicht so klug gewesen, ihn früher zu durchblicken! Ich stellte ihm vor, daß er ein armes, verlassenes Mädchen für immer elend und unglücklich gemacht; daß er ein Unrecht begangen, das er als verheirateter Mann nicht gut machen könne! Ich erklärte ihm, daß er für das Mädchen Alles das thun müsse, was ihm möglich sei, um sie davor zu bewahren, in Schmach und Sünde zu verkommen, und sprach es aus, daß es die zweckmäßigste und entsprechendste Buße für ihn wäre, wenn er seiner Frau seinen Fehler ehrlich gestünde, ihre Vergebung erbäte und mit dem festen Vorsätze sein Versprechen zu halten, ihr die Versicherung ertheilte, daß die erste Verirrung seines Lebens auch die letzte bleiben würde. Rodler war ein kluger, wenn anch nicht gebildeter Manu er wußte sich in seinem Bauerndialecte gut auszudrücken und überzeugend zu sprechen. Er setzte mir auseinander, daß mein Rath ihm diesmal nicht als richtig erscheine; er kenne seine Frau; diese in hohem Grade zur Eifersucht geneigt, sei überdies in den letzten Jahren heftig und zänkisch geworden; sie dürfe von seiner Verirrung nichts erfahren, sonst wäre sein Hausfrieden für ewige Zeiten verloren; seine Frau würde sich zu Tode grämen und schämen. Er wolle Alles aufbieten, die Zukunft des Mädchens nnd des Kindes zu sichern. Er bat mich, ich möge mich des Mädchens, das — noch bevor ihr Zustand erkennbar — in ihr Heimatsdorf zurückkehren würde, annehmen, ihr einen Brief an ihren Seelsorger mitgeben, damit sie dieser in ihrem Geburtsorte vor Unglimpf und Erniedrigung schütze. Zum Schluffe sagte er mir, er werde Elsbeth — so hieß die Magd — wegen dieses Briefes zu mir schicken; ich möge dem armen, bedauernswerten Mädchen Trost zusprechen, damit sie nicht in hellauflohender Verzweiflung ihrem Leben durch Selbstmord ein Ende mache. Eine kurze Zeit mochte ich mich überreden, daß Rodler's Besuch bei mir, seinem Bedürfnisse, sein Gewissen zu entlasten, entsprungen sei; aber bald drängte sich mir die Ueberzeugung auf, daß Rodler hierbei nichts Anderes beabsichtigt hatte, als dem verführten Mädchen, das ihn bei mir zu verklagen drohte, zuvorzukommen, mich zu bestinlmen, auf dieses beruhigend einzuwirken, mir das Versprechen zu entlocken, ihn bei seinem Weibe nicht zu verrathen. Seit jenem Tage hatte ich ihn wohl oft genug in der Kirche, aber weder im Beichtstuhl, noch in meiner Wohnung gesehen. Bei meiner großen Neigung, von jedem Menschen das Beste zu denken, versuchte ich es, Rodler damit zu entschuldigen, daß er sich schäme, mir allein unter die Augen zu treten, daß der große Fehler, den er begangen, denn doch, ein auch von vielen Anderen begangener, in menschlicher Schwäche wurzelnder fei, — daß Claudy Rodler, wenn er von jetzt ab wieder einen ehrbaren Lebenswandel führen, seinen Fehler abbüßen würde. Bor einigen Wochen wurde erzählt, daß Claudy Rodler, als er mitten in der Nacht, von einer Reise heimgekehrt, die Wächterhütte, in welcher seine Fran, wenn sie allein zu Hause war, zu übernachten pflegte, niedergebrannt, unter den rauchenden Trümmern die Leiche seiner Frau gesunden hatte. Bald darauf erfuhr ich, daß der hier anwesende, nun Gott Lob und Dank von der falschen Anklage entlastete Abraham Duppau als des Mordes verdächtig eingezogen, noch etwas später, daß er auf der Folter gestanden, die That aus Rachsucht begangen zu haben. Diese Nachricht überraschte mich in hohem Grade. Ich kenne Abraham Duppau in des Wortes wahrster Bedeutung von seiner Geburt an. Als ich vor zweiundsünfzig Jahren als Caplan hieher versetzt wurde, war er gerade geboren worden, und sein Vater, ein biederer, rechtschaffener Mann, der nach achtjähriger kinderloser Ehe durch die Geburt eines Sohnes hocherfreut wurde, hatte mir einen Geldbetrag zur Bertheilung an Bedürftige übergeben. Abraham Duppau war, trotzdem er Jude ist, doch unter meinen Augen ausgewachsen, und ich gestehe es offen in seiner Gegen-

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