Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 42 (21.10.1898)
- Date
- 1898-10-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 764 L-r. Bloch'» Wochenschrift Nr 42 schmerz zurückließ, sah er sich zu seinem tiefsten Bedauern genöthigt, die „Jeschiba" aufzulassen. Zwei Jahre später hatte sich sein Zustand derart gebessert, daß er sich wieder seinen Studien hingeben und allsabbathlich vor einem talmudisch gebildeten Auditorium in seinem Hause Vorträge halten konnte. Im Jahre 1861 mußte er aber infolge eines hartnäckigen Augenleidens auch diese sistiren. Während seiner Augenkrankheit verfaßte er lediglich aus dem Gedächtnisse ein Werkchen unter dem Titel »Zijimim ledibre hakabbala* (Merkzeichen für traditionelle Diskussionen), worin mehr als dreihundert talmudische Decisionen und Auslegungen durch den Zahlenwerth der betreffenden Schrift - stelle mnemotechnisch dargestellt werden. Ueber diesen von immenser talmudischerGelehrsamkeit, ungewöhnlich großem Scharfsinn und bewundernswerthem Gedächtnisse zeugenden Gedanken äußerte sich Szanto unter Anderem in folgender Weise: Der Verfasser geht von der Ansicht aus, daß in Gottes Werken und Schöpfungen kein Zufall walten könne und daß in der Natur wie in der Geschichte die Nebenumstände und die selbst äußerliche Form mit in den Plan der Vorsehung gehören und durck» letzten Endzweck alles Seienden bedingt sind. Es ist nicht Zufall, daß das eine Thierbehaart, das andere nackt, des einen Baumes Laub gerändert, das andere ungeräudert erscheint — vielmehr ist jede Form und jede Construction in der Bestimmung und in dem individuellen Wesen, also in dem ursprünglichen Zweck vorbedacht und prädestinirt. Es könne also auch in der Bibel, als dem Buche Gottes, weder die Wahl der Ausdrücke noch der Lautgehalt der einzelnen Wörter etwas Zufälliges sein, sondern müsse jede anscheinende Aeußerlichkcit als Mittel des großen Offenbarungszweckes betrachtet werden, in der sich irgendwie ein besonderer Wille Gottes manifestirt. Da aber die hebräischen Buchstaben auch einen Zahlenwerth und mithin jedes Wort als bestimmte Ziffer angesehen werden kann, so werde ohne Zweifel auch dieser zufällig scheinende Zahlenwerth irgend eine Revelation des göttlichen Willens andeuten. „Wendet mau", sagt der Verfasser, „dagegen ein, daß nach diesem Principe ja auch das erste Wort der Thora »Leresebit« das gleich 913 ist, einen Zahlenwerth wie »Schaw woscheker« (Lug und Trug) hätte, so sei darauf zu erwidern, daß eben die Tradition als Regulativ für die Ausdeutung des Zifferninhaltes zu gelten habe. Ebenso wie Gott es zuläßt, daß auch falsche Propheten Wunder verrichten, um durch den Kampf mit der Versuchung die Kraft des Glaubens zu üben, so gestattet sein heiliges Thorawort auch die falsche Zifferndeutung, um die Wahrheit uur im Wege der Tradition eruiren zu lassen. Die mündliche Ueberlieferung als Interpretation der Bibel wurde aber dem Moses gleichzeitig mit der schriftlichen Lehre von Gott mitgetheilt, und ohne Zweifel hat Gott sein Gesetz in solchen Worten zum Ausdrucke gebracht, t aß dem Gedächtnisse durch den Zahlenwerth der Buchstaben Unterstützung wird, um die mündliche Satzung durch Berechnung wieder zu finden. Es gelte nun, den Versuch zu machen, wie sich die mündliche Lehre durch Entzifferung in des Wortes engstem Sinne, d. h. durch Transponirung der Ziffer in eine gleiche Zahlengröße mittelst Mutation die Buchstaben wieder herausfinden ließe. Nun ist der Versaffer im Jahre 1863 durch die göttliche Hilfe von seinem Staar am linken Auge geheilt worden; während der Cur, die mehrere Monate dauerte verhindert, zu lesen, suchte er geistige Beschäftigung in der Meditation über talmudische Themata. Dabei gerieth der Verfasser auf eine auffallende Verschiedenheit in den Parallelstellen eines Gesetzes, die er sich nur durch Anwendung der geschilderten Methode erklären konnte, und so wuchs denn allmälig eine stattliche Collection von Entzifferungen an, die er einstwellen seinen Söhnen und Verwandten in die Feder dictirte. Diese Studien gewährten dem an's Zimmer Gefesselten Zerstreuung, doch dauerte es des Augenübels wegen noch geraume Zeit, ehe er seine Entdeckungen ordnen und herausgeben konnte. Den gesammten Traditionsstoff in dem Ziffernwerth der Buchstaben nachzuweisen, dazu reicht ein einzelner Mensch kaum mit seinen Kräften aus, doch glaubte der gottvolle Verfasser, daß er eine Sünde auf sich laden würde, wollte er das Gefundene länger der Oeffentlichkett vorenthalten, da damit der Glorificirung der Bibel Ebenso sehr, als dem Gedächtnisse-gedient ist." (Nzt. 5, S. 55.) Trotz seiner immensen talmudischen Gelehrsamkeit, die von den Hervorragendsten rabbinischen Koryphäen der damaligen Zeit, wie Rabbi Marcus Benedict, Landesrabbiner von Mähren*), Rabbi Moses Sofor in Preßburg, Rabbi Wolf Werth-- heimer in Dobruschka, Rabbi Wolf Low, Verfasser des bekannten Werkes „Schaare Thora" rc. bewundert und besonders gewürdigt wurde, verschmähte es Rabbi Aron, ein officielles Amt zu bekleiden- Wie sein seliger Vater, in dessen Fußtapfen zu treten er sich's zur Lebensaufgabe gemacht, betrieb auch er ein Geschäft — er war nämlich Besitzer einer großen Branntweinbrennerei — und lehnte jeden, von irgend einer Großgemeinde an ihn ergangenen Ruf dankend ab. Den jeweiligen Ortsrabbiner von Jenikau achtete undschätzte er als geistlichen Fnnctionär, als religiöses Oberhaupt, als „Mara deatra", dem er selbst die in seinem Hause vorgekommenen rituellen Fragen „Schaalot" zur Entscheidung vorlegen ließ. Dieses schöne Beispiel wirkte zündend und anregend auch auf die andern Gemeindemitglieder, daher kam es, daß in Jenikau, dieser altehrwürdigen, intelligenten Gemeinde, der Rabbiner,, wie kaum in einer anderen Gemeinde Böhmens, eine sehr geachtete^ einflußreiche Stellung einnahm. Sämmtliche Gemeindemitglieder schaarten sich um ihn, indem sie ihn als ihren geisten Vater und Berather betrachteten und verehrten. Das Haus des Rabbiners bildete gleichsam den „Salon" der Gemeinde. Von einem Protzenthum war in Jenikau keine Spur, obwohl es dort sehrreich begüterte Leute gegeben. Selbst diese rechneten es als Ehrean, sich gleich Rabbi Aron Kornfeld, Hausfreunde des Rabbiners nennen zu dürfen. In seiner großen Bescheidenheit lehnte Rabbi Aron es entschieden ab, in seiner Gemeinde, der er mit allen Fasern seines Lebens, mit der ganzen Gluth seines großen, edlen Herzens bis zu seinem Lebensende treu und anhänglich, war, ein Vorsteheramt zu bekleiden, sondern blieb Zeit seines Lebens ein schlichtes Mitglied seiner Gemeinde, zahlte seine Steuern wie jeder andere Jenikauer Jude und war zugleich beflissen, arme Jünger — als er noch die „Jeschiba" in seinem Hause hatte — aus eigenen Mitteln zu unterstützen und ihnen Unterstand in gleicher Weise zu gewähren. Nicht nur die Talmudjünger, sondern auch viele arme und dürftige Leute ohne Unterschied der Confession haben int Kornfeld'schen Hause zu jeder Zeit Unterstützung gefunden. Rabbi Aron hatte überhaupt von dem Momente an, als er nach dem Tode seines großen Vaters das Geschäft übernahm, bis zu seineni Lebensende jährlich den fünften Theil seiner Einnahmen wohlthätigen Zweckengewidmet. Kein Opfer war ihm zu groß, wenn es galt die Noch zu lindern. Wenn er Gelegenheit fand, verschämte Arme im Geheimen unterstützen zu können, fühlte er sich ganz glücklich, und war immer rasch zur Hand. Und wie die Herzensgute, ebenso zierte und schmückte ihn die Tugend der Gottergebenheit. Mit einer- Resignation sondergleichen ertrug er gleich einem Hillel das herbste Geschick und die Bitterniß des Lebens, ohne daß je ein klagendes Wort seinen Lippen entflohen wäre. Im Jahre 1865 brach in Groß-Jenikan eine Feuersbrunst aus. Rabbi Aron, der bei dieser Gelegenheit den größten Schaden erlitten, da sowohl sein Wohnhaus als seine Fabrik ein Raub der Flammen geworden, stand felsenfest, unerschütterlich da, ohne nur im Entferntesten zu verzagen.. Er griff rasch nach seinem Talisbeutel, das Einzige, was er retten konnte, verließ das brennende Haus und dankte dem Allgütigen, daß er ihn heimgesucht.'Bald nach dieser Katastrophe eilte ein Freund zu ihm und wollte ihn trösten, allein Rabbi Aron bedurfte seines Trostes nicht. Der Besucher, der da glaubte, einen Tiefgebeugten zu finden, war höchst überraicht,. als er den frommen, gottergebenen Rabbi Aron traf, in dem Momente, wo er mit einem Talmudgelehrten in einer lebhaften Discussion über eine schwierige Rambamstelle begriffen war. Vier Wochen später, am 17. Ab 1865, feierte Rabbi Aron sein 70jähriges Jubiläum. Der bescheidene, fromme, gottergebene Lehrer glaubte dieses Fest im Stillen, im engsten Kreise seiner Familie geräuschlos feiern zu können, allein von Nah und Fern eilten Freunde und Verwandte herbei, um dem berühmten Rabbi, — der in seiner großen, an einen hohen Grao von Selbstverleugnung grenzenden Bescheidenheit sich nie *) Auf seiner 1828 unternommenen Reise nach Karlsbad, passirte Rabbi Mordechai Benedict Goltsch-Jenikan, wo er bei Rabbi Aron Kornfeld, dessen talmudisches Wissen ihm in hohem Maße imponirte, sein Absteigquartier nahm. Als er dann nach Prag kam, äußette er sich zu einem der dortigen Gelehrten in folgender Weise: „In Jenikau habe ich — anspielend auf Rabbi Aron, der bekanntlich von kleiner Statur war — einen kleinen Bücherschrank „Seferimkasten" gefunden, iw welchem kein einziges Sefer gefehlt".