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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-10-21 · 42 (21.10.1898) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
42 (21.10.1898)
Date
1898-10-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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>Jlr. 42 Ar. Block'« Wochenschrift Seite 763 Der letzte (Samt und Re sch Metibta in Böhmen. Von Dr. M. H. Friedländer. Wie allerwärts wurde auch in Böhmen in vormärzlicher Zeit das Studium der religiösen Wissenschaft sorgfältig gehegt und gepflegt. Eine jede Gemeinde, mochte sie noch so klein gewesen sein, erachtete es als ihre erste und heilige Pflicht, in ihrer Mitte eine Stätte zu gründen, in der der Jugend frühzeitig schon die Pforten der religiösen Wissenschaften erschlossen wurden, eine Stätte, in der die Jugend frühzeitig schon mit den Grundlehren der Thora, mit der Ethik der Religion vertraut gemacht wurde, denn nach dem Ausspruche unserer Weisen gebührt unter allen religiösen Anstalten und Institutionen der Schule, der Pflanzstätte der künftigen Generation, der erste Preis. »Talmud Thora keneged küllom«. Kein Opfer war den Gemeindemitgliedern zu groß, so es galt, die religiöse Erziehung und Belehrung ihrer Jugend zu fördern. Selbst der voll Dorf zu Dorf mit alter und neuer Waare wandernde und hausirende, unter der Wucht der schweren Last keuchende und ächzende Jude, der, um sich und die Seinen nothdürftig erhalten zu können, des Winters Frost und des Sommers Sonnengluth sich preisgeben mußte, fühlte sich vor Allem verpflichtet, insofern von seiner väterlichen Fürsorge entsprechende Proben zu liefern, als er die ersten im Schweiße seines Angesichtes erworbenen Sparpfennige zum Nutzen und Frommen der Erziehung seiner Kinder verwendete. Die Schule wurde immer als das kostbarste Gut, als das größte Heiligthum der Gemeinde betrachtet, die anzugreifen Niemand gewagt hätte, weil er sich sonst der Gefahr ausgesetzt haben würde, als Verräther des Judenthums betrachtet und allgemein verurtheilt und verachtet zu werden. Als Rabbi Jehuda III. zum Patriarchen ernannt wurde, so wird im Talmud erzählt, war sein ganzes Streben dahin gerichtet, das Schulwesen, das damals tief im Argen lag, zu heben, zu fördern und neu zu beleben. Drei berühmte Lehrer, Rabbi Ami, Rabbi Assi und Rabbi Chia, wurden zu Schulinspectoren ernannt und erhielten vom Patriarchen den Auftrag, das Land zu bereisen, die Schulen zu inspiciren und da wo es an solchen fehlen sollte, neue ins Leben zu rufen. Da kamen sie in eine Stadt, in der es nicht einmal eine Bibelschule gegeben hatte. Sie verfügten sich zur Repräsentanz der Gemeinde und forderten sie auf, ihnen die Stadtwächter, »dlsture Karta«, vorzustellen. Sofort erschienen auf Anordnung der Gemeindevertreter die Senatoren, »8aatore Karta«, und die bis an die Zähne bewaffneten Sicherheitsorgaue. „Das sind doch nicht die Stadttvächter, sondern die Stadtzerstörer. »Charube Karta«, riefen die Schulinspectoren erstaunt aus. „Wenn diese nicht die Stadtwächter sind, wer soll denn die Stadt bewachen?" entgegneten die Gemeindevorsteher. „Die Jugendbildner und die Jugenderzieher sind die eigentlichen Wächter der Stadt", antworteten die Schuliuspectoren; „denn es steht geschrieben: „Wenn Gott nicht die Stadt bewacht, ist das Bemühen der Wächter vergeblich", d. h. mit anderen Worten, der Umstand, daß ihr für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit so große Opfer zu bringen euch gezwungen sähet, beweist zur Genüge, daß ihr es unterlassen habet, eine Schule zu gründen, eine Schule, in der die Jugend frühzeitig das Gute und Treffliche, das Hohe und Erhabene achten, schätzen und würdigen, das Niedrige, Gemeine und Lasterhafte verachten und verurtheilen lernt." Diesem talmudischen Grundsätze huldigten in vormärzlicher Zeit auch die Gemeinden Böhmens, daher sie unerschwinglich große Opfer für die Erhaltung der Bolkschnlen bereitwilligst brachten. In größeren Gemeinden gab es nebst den Volksschulen auch talmudische Hochschulen, »Jeschiboth«, die von zahlreichen wißbegierigen Jüngern, die ihren Geist schärfen und mit Kenntnissen bereichern wollten, frequentirt wurden. „Dein Haus sei ein Sammelplatz der Weifen", war der Wahlspruch der Juden in jener Zeit, jedes Haus war gleichsam ein Tempel der Wiffenschaft, in welchem die Jünger der Wissenschaft wohnten und materiell kräftigst unterstützt wurden. Selbst unbemittelte Gemeindemitglieder luden sich Talmudjünger, Bachurim, zu Tische, um auch ihrerseits' zur Förderung und Verbreitung der Kenntniß der Thora beitragen und somit eine gottgefällige Handlung begehen zu können. Ja, das Wort Kowand ha-Thauro, Verherrlichung der Thora, galt in jener Zeit nicht als eine leere Phrase. Und weil die Thora im Allgemeinen verherrlicht wurde, deshalb wurden auch die Träger derselben, die Talmids Chachamin, hochgeschätzt, gewürdigt und gefeiert. Es waren nicht immer gerade die beamteten Rabbinen, die den »Jeschiboth« als Rectoren verstanden, sondern auch Privatgelehrte, die von ihren Geschäften lebten, pflegten oft eine Schaar wißbegieriger Jünglinge, Bochurim, um sich zu sammeln und ihnen talmudische Vorträge zu halten. Einer dieser letzten und würdigsten talmudischen Koryphäen, denen Talmud „weder die Axt war, sich Holz zu fällen, noch die Krone, damit groß zu thun, war Rabbi Aron Kornfeld, dessen Leben wir hier in Kürze schildern wollen. In Goltsch-Jenikau, einer der achtbarsten und intelligentesten Gemeinden Böhmens, lebte im vorigen Jahrhundert ein äußerst würdiger und gelehrter Mann, Namens Rabbi Mordechai Ber Kornfeld, der in seiner Jugend die talmudische Hochschule des berühmten Prager Oberrabbiners Ezechiel Landau besucht und sich nicht nur durch gründliche talmudische Gelehrsamkeit, sondern auch durch Seelenadel, Herzensgüte und Charaktergröße ausgezeichnet hatte. Rabbi Mordechai Ber bekleidete kein officielles Amt, obgleich er zu den hervorragendsten rabbinischen Autoritäten damaliger Zeit gezählt wurde, sondern widmete einen Theil der Zeit dem Geschäfte, während er in seinen Mußestunden den zahlreichen wißbegierigen Jüngern, die sich um ihn schaarten, talmudische Vorträge hielt. Am 17. Ab 1795 wurde ihm sein erster Sohn geboren, dem er den Namen Aron beigelegt hatte. Der reichbegabte Aron wurde nach damaliger Sitte frühzeitig in Bibel und Talmud unterrichtet. Er war kaum zehn Jahre alt, als er schon seines seltenen Scharfsinnes und staunenswertheu Gedächtnisses wegen die Aufmerksamkeit der Talmudisten seiner Heimatsgemeinde, deren Zahl eine beträchtliche war, auf sich lenkte und deren Bewunderung erregte. Sein einziger Lehrer war sein Vater Rabbi Mordechai Ber. Als jedoch dieser im Jahre 1813 das Zeitliche gesegnet, übernahm er im Alter von 18 Jahren die von jenem so trefflich geleitete „Jeschiba" und versammelte um sich eine Jüngerschaar, die er zu den Aposteln des talmudischen Studiums heranbilden wollte. Männer, wie Jg. Kuranda, S. Szanto, Rabbiner W. Landau, Kreisrabbiner Friedmann, Rabbiner A. Kauders, Haller, Lengsfelder und viele Andere gingen aus dieser trefflichen Schule, in der wohl die Lügenwirthschaft der von Jacob Pollak im 16. Jahrhundert eingeführten sophistisch-pilpulistischen Methode, nicht aber das Studium der profanen Wissenschaften verpönt war, hervor. Sehr treffend charakterisirte sein Schüler Dr. E. Kraus seine Vortragsweise, indem er schreibt: „Bei seinen talmudischen Vorträgen war seine Methode eine doppelte". In erster Reihe war es ihm um den einfach-richttgen logischen Sinn schwieriger, widersprechender oder undeutlicher Stellen im Talmud, dessen Commentatoren und der sogenannten Decisoren Poskim zu thun. Er verfolgte dann den Gegenstand der Forschung bis auf die ursprünglichen Grundlagen und selten, beinahe nie mißlang es ihm, die richtige Deutung durch eine Reihe logischer Schlüffe zu finden und aufs Ueberzeugendste darzulegen. Dies war das eigentliche Ziel und das charakteristische Wahrzeichen seiner Lehrmethode. Dabei aber verschmähte er es nicht, nach Art der besseren späteren Talmudforscher Acharonim, etwa nach jener des „Zelach" oder „Pene Jehoschua" u. dgl. schwierige Stellen der Rischaunim, namentlich des Maimonides, Raschi, Tosafoth rc. durch eine Aneinanderreihung scharfsinniger, aber der eigentlichen tieferen, reellen Basis entbehrenden, mitunter sophistischen Argumente zu lösen — dann aber verleuguete er es den Hörern nicht, daß dieses nicht die wahre Methode sei, und fügte bei, diese Art des Talmudlehrens geschehe nur aus didactischen Rücksichten, zur Schärfung der dialektischen Kräfte der Lernenden, lechidude, habe aber keinen reellen Werth und dürfe nie dort angewendet werden, wo es sich um praktische Consequenzen für die dogmatische oder rituelle Entscheidung, ledina, handle." Rabbi Aron, der selbst ein Kenner der Geschichte, Geographie und Mathematik war, empfahl seinen Schülern das Studium der Bibel-Exegese, hebräischen Grammatik, der Geschichte und der Naturwissenschaft auf das Angelegentlichste, obwohl er sonst einen äußerst streng religiösen Lebenswandel wie ein Rabbiner des vorigen Jahrhunderts führte. Ungefähr drei Decennien widmete er seine ganze Kraft in edelster und uneigennützigster Weise dieser Schule. Als ihn jedoch im Jahre 1843 ein heftiges Wechselfieber überfiel und für lange Zeit einen intensiven Kopf-

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