Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 42 (21.10.1898)
- Date
- 1898-10-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 762 Vr VLoch's Wochrnschrifi Nr. 42 223—229, bei den Juden nur 172 starben; dagegen ist die Sterblichkeit der unehelichen Kinder bei den Letzteren bedeutend größer. Aehnliche Untersuchungen sind in anderen Theilen Deutschlands mit demselben Ergebniß angestellt worden. Die Ursache dieser auffallenden Erscheinung kann nicht, wie das vielfach geschieht, in dem verhältnißmäßig größeren Wohlstände der Israeliten gesucht werden, da es ja einzelne Gegenden und sogar Länder giebt, in denen die armen Juden sprichwörtlich geworden sind, ohne daß sie dadurch ihre besondere Langlebigkeit eingebüßt hätten. Die längere Lebensdauer der Juden findet vielmehr ihre Begründung in dem ihnen von Freund und Feind übereinstimmend nachgerühmten Familiensinn und der in diesem wurzelnden größeren Mäßigkeit, Enthaltsamkeit, Ausdauer, Nüchternheit und Sparsamkeit. Diese Tugenden, welche wesentlich dazu beigetragen haben, das jüdische Volk in den Zeiten des Mittelalters trotz aller Verfolgung vor dem Untergang zu bewahren, sind auch jetzt noch nicht ganz von ihnen gewichen und bringen es mit sich, daß die Juden auch heute noch eine größere Widerstandsfähigkeit besitzen, als andere Völkerstämme. So sind die Deutschen z. B. sehr empfindlich gegen klimatische Schädlichkeiten und gedeihen nur innerhalb verhältnißmäßig enger Grenzen. Schon in Süditalien bringen sie es unvermischt nicht über die dritte Generation hinaus, woraus sich auch die Thatsache erklärt, daß die germanischen Bölkermaffen aus den Zeiten der großen Wanderungen dort schon seit Langem spurlos verschwunden sind, während dagegen die semitische Einwanderung, obgleich viel früher vor sich gegangen, noch deutlich nachweisbar ist. Der Jude gedeiht und vermehrt sich eben in allen Zonen, und zwar noch unter Lebensbedingungen, die manchem anderen Bolksstamme, der für Luft, Nahrung rc. ein größeres Bedürfnis hat, nicht mehr genügen. Dagegen liefern die Juden, ganz gleich, ob jung oder alt, eine auffallend große Zahl von Geisteskranken. So fand Serpi im Jahre 1869 in JtÄien unter 391 Juden einen Irren, daß ist fast das Vierfache der Zahl, die die einheimischen Italiener den Irrenhäusern zuführen. Nach Mayer entfielen im Jahre 1871 in Preußen auf 10.000 Einwohner 8'7 christliche, dagegen 14'7 jüdische Geisteskranke, in Bayern 9 8 christliche und 25 2 jüdische, in ganz Deutschland 8°6 christliche und 16 1 jüdische. Diese Thatsache hat ohne Zweifel ihren Grund in der bis auf's Aeußerste getriebenen Regsamkeit der Juden und der damit Hand in Hand gehenden geistigen Nervosität. Egidy über die Affaire Dreyfus. M.v. Egidy schreibt in dem neuesten Heftder„Bersöhnung" in seinen „Ernsten Gedanken" Folgendes über die Angelegenheit: „Was hat dem Dreyfus-Proces; den eigentlichen Stempel des Widerlichen aufgedrückt? Daß man von Haus aus es scheinbar nicht mit einenl Menschen, nicht mit einem Franzosen, sondern mit einem Juden zu thun bekam. Also: Einschränkung des Urtheils durch Racenvoreingenommenheit. Beherrscht diese Denk- und Gefühlstrübung nicht auch weite Kreise unseres Volkes? Ist nicht auch in Augen, Herzen und Sinnen manches Deutschen jede, aber auch jede Angelegenheit, jedes Vergehen, jede Gutthat, jede schöne und unschöne Handlung sofort eine andere, wenn es heißt oder sich herausstellt: Jude. Zählen wir nicht Menschen zu unseren Volksgenossen, die in ihrer nationalen Beschränktheit zu geistigen Krüppeln werden, und deren fanatischer Judenhaß sie fast irrsinnig erscheinen läßt? Ich denke und empfinde kerndeutsch, verwahre aber mich sehr davor, zu den Philosemiten in dem Sinne gezählt zu werden, als fehle mir das Verständlich für Blutsverwandtschaft oder, als sei ich stumpf gegenüber sympathischen und weniger sympathischen Erscheinungen. Das aber hat nichts zu thun mit den Abirrungen des Verstandes und des Herzens, durch den sich bei uns, wie in Frankreich krankhaft gereizte Schwächlinge zum Haß verleiten lassen; der Gesunde und Starke widersteht derartigen Anfällen. Es wird Zeit, daß die Gesunden und Starkeil an die Oberfläche des öffentlichen Lebens kommen: in Frankreich, in Oesterreich, überall — auch bei uns." Marokkanische Juden. Einer der Correspondenten der Alliance bringt dem Centralcomite traurige Nachrichten über die Lage der Juden im Innern des Landes, besonders in Fez. Die schlimmste Behandlung bleibt ihnen nicht erspart. Alle Beamten sind umso willkürlicher, als die Abwesenheit des Sultans ihnen mehr Freiheit läßt. Es folgen einige Thatsachen aus der letzten Hälfte des Juli, welche die schlimme Lage der marokkanischen Juden zeigen. Ein armier Jude reiste mit seinen beiden Töchtern von Mequinez nach Fez. In Folge der großen Hitze starben die Mutter und eine der Töchter unterwegs. Ein Araber, dem die Verstorbene 15 Franken schuldig war und der das Unglück erfahren hatte, erwartete die überlebende Tochter am Thore der Stadt und verlangte die sofortige Bezahlung der Schuld der Mutter. Da diese den Gläubiger nicht befriedigen konnte, schleppte er sie mit Gewalt zum Pascha, der sie ins Gefängniß werfen ließ. Sie protestirte vergebens gegen diese unverdiente Behandlung und bat, sie im Judenviertel zu lassen, wo sie die Schuld bezahlen würde. Nichts geschah, die Unglückliche blieb im Gefängniß. Wir müssen bemerken, daß die Araber und manchmal die Beamten scheinbar ein Vergnügen daran finden, arme Juden zu quälen. Ein Araber hatte eine Jüdin beauftragt, einen mit mehr oder weniger werthvollen Edelsteinen verzierten goldenen Discus zu verkaufen. Er beschuldigte sie, einen der Edelsteine vertauscht zu haben und verlangte dafür 250 Pesetas. Der Kläger und die Geklagte gehen gemeinsam zu einem Rabbiner und dieser entläßt die Frau. Mit dem Urtheile unzufrieden, unterbreitet der Araber die Angelegenheit einemPascha,der zweifellos ein günstigeres Urtheil fällen würde, denn die arabischen Gouverneure haben einen Antheil an der Strafe. Wie zu erwarten war, wurde die arme Frau festgenommen, und um die Zahlung zu beschleunigen, gefesselt. Durch diese Strafe wurde die jüdische Gemeinde sehr aufgeregt, denn sie wurde niemals selbst bei Männern angewandt. Der Großrabbiner hat beim Pascha dagegen protesttrt. Eine Beschwerde wurde beim Viceconsul von Frankreich eingereicht, der versprach, darüber beim Minister in Tanger zu berichten. Der Name dieses gegen die Juden so grausame Gouverneur ist Abd-El-Krim. Kurz, die Juden leben in Fez in der größten Unsicherheit. Die Jude»» in Rußland. Es ist von der Alliance israelite oft darauf aufmerksam geworden, daß das Maigesetz vom Jahre 1882 vielleicht die ernsteste Maßnahme war unter den Ausnahmsgesetzen, die in diesem Jahrhundert gegen die russischen Juden erlassen wurden; jede Woche, seit 16 Jahren, sprechen die Zeitungen von den materiellen und moralischen Folgen dieser nicht zurechtfertigenden Gesetzgebung; anbei einige weitere Beispiele: Vor dem Gesetz von 1882 verdienten die Juden von Babtschinsk, einem Flecken der Provinz Podolsk, ihr Brot, indem sie sich dem Tabakbau widmeten. Sie pachteten ein Stück Land von den benachbarten Großgrundbesitzern und bebauten es selbst. Das Gesetz von 1882 zwang sie, ihren Aufenthaltsort aufzugeben und nach der Stadt zurückzukehren; das frei gewordene Capital wurde im Kleinhandel angelegt; die als Gehilfen angestellten Handwerker wußten ihre Kräfte nicht anzuwenden. Sie versuchten zwar, sich von den christlichen Besitzern anstellen zu lassen, die die Grundstücke hatten zurücknehmen müssen, indessen dauern diese Arbeiten nur 1—2 Monate, und der höchste Lohn beträgt 25—30 Kopeken täglich. Außerdem kommt es oft vor, daß die jüdischen Handwerker nach einem erdrückenden Tagewerk gezwungen sind, einen langen Weg zurückzulegen, um nach dem eigenen Herd zu gelangen, auch wegen des nämlichen Gesetzes von 1882, das ihnen verbietet, auch nur eine Nacht in einen» Dorfe zu wohnen. Leider bildet der Flecken Babtschinsk keine Ausnahme; es steht so mit allen kleinen Städten, die nur einige Hundert jüdische Familien aufweisen. Dieselben genügen sich nicht selbst, und das Gesetz gestattet ihnen nicht, sich nach denjenigen Orten zu begeben, wo sich ihrer Thätigkeit ein genügend großes Feld öffnen würde; und verlassen sie erst ihre Heimstätte, um nach der Stadt zu pilgern, so vermehren sie nur die Zahl der Hungernden, die bereits in den großen Centren zusammengedrängt sind. Ueberall, wo ihnen Arbeit angeboten wird, beeilen sich die Juden, dieselben anzunehmen, und wäre es die mühseligste und am schlechtesten bezahlte. Es ist bekannt, daß der Erlös der den Juden auferlegten Specialsteuern auf Fleisch, auf die Lichter des Sonnabends, auf die Druckereien, gesetzmäßig zum Unterhalt jüdischer Wohlthätigkeits- und Unterrichtsanstalten verwendet werden soll. Der Mißbrauch, der mit der Verwendung dieser Einnahmen getrieben wird, ist derart, daß nur noch die unerhörtesten gemeldet werden. * Im ganzen russischen Reich wird man keine Kategorie Menschen finden, die so wie die Israeliten mit besonderen Steuern und Taxen belastet sind. Eine dieser Taxen scheint uns ganz besonders verletzend. Es ist dies diejenige, welche auf „dem Tragen des Nationalcostüms" lastet. Die Stadt Berditcheff, die lange Zeit hindurch als die Hauptstadt des jüdischen Territoriums angesehen worden ist, zählt kaum 7 Personen, die das Recht genießen, ein Nationalcostüm zu tragen und. dafür eine Taxe von 35 Rubel zu zahlen haben. Im District von Berditcheff findet man gleicherweise 3 Personen, die 12 Rubel zahlen.