Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 42 (21.10.1898)
- Date
- 1898-10-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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y.r 42 Vr. Vwch » Wochrnfchrifl Seite 761 Indische Abgeordnete im Italienischen Parlament. Wie tief der Liberalismus in Italien alle Schichten der Bevölkerung beeinflußt hat, zeigt am besten die Wahl so vieler Juden in das Abgeordnetenhaus, in dem von 501 Deputirten nicht weniger als 11 unserer Religion angehören, während in der Bevölkerung erst auf 700 Seelen ein Jude kommt. Gerade die vorgeschrittensten und aufgeklärtesten Provinzen des Landes, Venetien, Lombardei und Toscana, haben diese jüdischen Deputirten entsendet und auch Rom hat einen derselben gewählt. Die Deputirten jüdischer Confession sind: Salvatore Barzulei, Leopoldo Franchetti, Luigi Luzzatto, Elio Melli, Elio Morpurgo, Angela Pavia, Leone Roumanin-Joen, Guiseppe Weil-Weiß, Leone Wollenberg. Im Senat sind unter 370 Senatoren 5 Juden, nämlich: Jsacco Artom, Graciadio Jsaia Ascoli, Enrico Jano, Giacomo Malvano, Tullo Massarano. Jsacco Artom, der auf vielen Schlachtfeldern für die Freiheit Italiens gefochten hat, war Privatsecretär des Grafen Cavour und hat als solcher an vielen diplomatischen Verhandlungen, die damals zur Einigung Italiens führten, theilgenommen. Graciadio Jsaia Ascoli ist weltbekannt als Sprachforscher, eine erste Autorität in dieser Wissenschaft. Er kam aus Oesterreich, wo es ihm unmöglich gewesen wäre, seine Fähigkeiten zu entwickeln und so seiner Wissenschaft mit voller Kraft zu dienen. Ec wohnt in Mailand und ist dort Präsident der Akademie für Wissenschaft und Literatur. Enrico Jano ist ein vielbeschäftigter Advocat in Mailand und war früher Deputirter. Giacomo Malvano kam als Generalsecretär in das Auswärtige Amt zu Rom. Er behauptete sich in seiner Stellung trotz der verschiedenen Ministerien, die in dieser Zeit kamen und gingen. Tullo Massarano ist einer der bedeutendsten Gelehrten und Schriftsteller in Italien, der in mehreren Sprachen arbeitet. Was die -Deputirten unseres Glaubens betrifft, so finden wir sie in allen Parteilagern. Barzulei, Pavia und Riccardo Luzzatto gehören zu den Radicalen. Riccardo Luzzatto stammt aus einer Familie, die für ihren Patriotismus schon viel hat leiden müssen. Sein Vater, Mario, hat viele Jahre in österreichischen Kerkern zugebracht, er selbst kämpfte unter den Tausend von Marsala-Reitern Seite an Seite mit Garibaldi in Sicilien und Neapel. Sein jüngerer Bruder Attilio Luzzatto, der mit ihm zusammen 1862 in das Parlament gewählt wurde, ist vor einiger Zeit von den Radicalen zu den Gemäßigten überübergegaugen. Leopoldo F r a n ch e t t i ist ein Mann von äußerst scharfem Verstände, ein gründlicher Kenner des Finanzwesens und Mitarbeiter einer Reihe der bedeutendsten Journale. Er hat ganz specielle Untersuchungen über Sicilien angestellt, und befürwortet die Besiedlung der italienischen Colonie in Aftika mit Colonisten aus Süd-Italien und Sicilien. Elio Melli ist ein Self-Made-Mann; arm geboren, hat er in seiner frühesten Jugend schwer zu arbeiten gehabt, besitzt aber jetzt große Holzfabriken in Italien und Oesterreich. Elio Morpurgo war, bevor er in das Parlament gewählt wurde, Bürgermeister in Udine, und zwar war er der erste Jude, der in dieser Gegend einen solchen Posten einnahm. Baron Guiseppe Weil-Weiß, ist ein Sohn des großen Bankiers ans Wien. Seine Wahl wurde von der Regierung durchgesetzt und mehr als einmal vom Parlamente annullirt. Er ist ein großer Sportliebhaber und selten im Abgeordnetenhause zu sehen, wo er bisher anch noch nie das Wort ergriffen hat. Leone Roumanin-Joen ist Civilingenieur, außer der Autorität als Fachmann in seinem eigenen Fache hat er sich großes Ansehen als Finanzmann erworben und ist Präsident des Budget-Ausschusses geworden. Sein Onkel ist in Italien als Historiker sehr angesehen, seine Büste ist in dem Palazzo Ducale in Venedig aufgestellt. Luigi Luzzatto ist seit 1869 eine der Hauptfiguren in der italienischen Deputirtenkammer. Fast nichts ist auf dem Gebiete der italienischen Finanzen seit 30 Jahren an durchgreifenden Maßregeln vorgeschlagen worden, ohne daß man seine Meinung darüber gehört hätte, und mochte sie zustimmend oder verwerfend lauten, immer wurde er mit Achtung angehört. Bis zur letzten Krisis war er Schatzminister im Cabinet Rudini, dessen Schicksal im öffentlichen Leben er acht Jahr lang getheilt hat. Leone Wollenberg ist vor sechs Jahren zum ersten Mal zum Deputirten gewählt worden. Er verdankt seine Position in der Oeffentlichkeit der glücklichen Gründung von Vortsbanken mit der Aufgabe, die Landwirthschaft und Industrie zu fördern. Zu wiederholten Malen war er Mitglied in den verschiedenen parlamentarischen Commissionen, urrd Mitte Juli wurde er Unterstaatssecretär im Finanzministerium. Israelit" Edward Bellamy. Im letzten Hefte der russisch-jüdischen Zeitschrift „Woschod" schildert der bekannte Journalist R. I l l i s ch sein Zusammentreffen mit dem Verfasser des „Rückblick auf das I a h r 2000", dem kürzlich verstorbenen Edward Bellamy. Es wird auch Ihre Leser interessiren, daß Bellamy Jude war, und zwar Jude mit warmem Empfinden für seinen Stamm und feine Religion. „Ich traf ihn", so erzählt Jllisch. „vor einigen Jahren am Tischo beaw in der Synagoge zn Kissingen, als in diesem bescheidenen Gotteshause für die russischen Auswanderer, die nach Amerika gingen, Geld gesammelt wurde. Neben mir saß ein Herr in mittleren Jahren von sehr sympathischem Aussehen und ausgesprochen semitischen Gesichtszügen. Er war ziemlich bescheiden gekleidet, fiel mir aber dadurch auf, daß er auf den Sammelteller, den der Oberschameß in der Synagoge herumtrug, ein Zehndollar-Goldstück legte, das sich von dem Haufen der silbernen Markstücke scharf abhob, gleich einenr vornehmen Patricier, der von schlecht gekleideten Plebejern umgeben ist. Ich wandte mich an ihn mit einer Frage in deutscher Sprache, er antwortete mir englisch mit scharfer amerikanischer Betonung, indem er sich entschuldigte, daß er keine andere Sprache verstehe. Wir kamen ins Gespräch, gingen zusammen aus der Synagoge, tranken dann später Kaffee im Curhause, wurden nach kurzer Zeit befreundet und trafen öfters im Curgarten, au der Rakoczyquelle, beim Concert zusammen. Er machte auf mich einen sehr sympathischen Eindruck und fiel mir besonders durch den außerordentlich feinen Humor auf, welcher sein Gespräch auszeichnete und mich lebhaft an die Novellen von Bret Harte und Marc Twain erinnerte. Durch einen seltsamen Zufall habe ich nicht nach seinem Namen gefragt. Ich hielt ihn, ich weiß selbst nicht mehr warum, für einen Commis-voyageur, aber für einen sehrintelligenten urrd gebildeten Herrn. Ganz zufällig entdeckte ich das Jncognito. Einmal holte er mich in meiner Wohnung ab, um sich mit mir zusammen nach der Saline zu begeben, und uns das Haus anzusehen, das Bismarck viele Jahre hindurch bewohnt hatte. Ich ergötzte mich damals an der Lectüre von »Looking backwards«, und das Buch lag auf meinem Tische. „Haben Sie das Werk Ihres berühmten Landsmannes gelesen?", fragte ich meinen unbekannten Bekannten und ließ einen Hymnus auf das Buch los. Mein Bekannter lächelte und erklärte mir ohne alle Zinrperlichkeit, daß er selbst der Verfasser sei und sich sehr fteue, daß das Buch mir gefallen habe. Man kann sich leicht mein Erstaunen und mein Entzücken vorstellen, als ich in meinem Commis-voyageur nicht blos den berühmten amerikanischen Schriftsteller, sondern auch einen Glaubensgenossen entdeckte, der sich aufs Wärmste für Juden und Judenthnm interessirte. Zu meinem lebhaftesten Bedauern reiste Bellamy schon am folgenden Tage fort, und unsere Bekanntschaft blieb eine ziemlich flüchtige, nachdem ich die Gelegenheit versäumt hatte, einen der merkwürdigstell Schriftsteller unserer Zeit näher kennen zu lernen." Die körperliche und geistige Gesundheit christlicher und jüdischer Kinder bespricht Dr. Münz in der „Zeitschrift für Schulgesundheitspflege". Nach diesem Forscher ist es eine durch statistische Nachweise festgestellte Thatsache, daß die Juden rm Allgemeinen länger leben, als die Angehörigen der übrigen Religionsbekennt' nisse. So hat W. Neufville an der Hand von 2435 Sterbefällen der Stadt Frankfurt a. M. innerhalb der Jahre 1846—1848 das Durchschnittsalter der über 20 Jahre alten Einwohner für die Christen mit 50 Jahren und 8 Monaten, für die Juden mit 56 Jahren und 7 Monaten berechnet. Nach der amtlichen Statistik für Baiern von 1879 befanden sich im Jahre 1877 -unter je 1000 jährlich Verstorbenen 32 Katholiken, 25 Protestanten und nur 18 Juden. Am auffallendsten aber zeigt sich der Unterschied bei Betrachtung der Kindersterblichkeit; so weist Firks auf Grund der Mittheilungen des königl. preuß. statist. Amtes aus den Jahren 1875—1883 nach, daß während dieser Zell in Preußen von je 1000 ehelich geborenen Kindern bei den Christerl