Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 42 (21.10.1898)
- Date
- 1898-10-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 760 Vr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 42 lajsen. Nicht bis die Präventive nothwendig, darf man die Ereignisse gedeihen lassen, die Prophylaxis muß mit allen zu Gebote stehenden Mitteln inscenirt werden. Es handelt sich um die Aermsten der Armen der Juden, die im Schweiße des Angesichtes sich ihr Brod verdienen, die die Märtyrer des Judenthumes sind und auf die Hilfe und den Beistand aller Jener Anspruch machen dürfen, denen noch ein Funke Gefühl für das Judenthum geblieben ist. Eduard Beer. Briefe aus Galizien. Von Dr. S« Pinkas. I. (Kolka rolnicze. — Der k. k. Finauzdirector Jaworski— Antisemit. — Ehren-Schneider's Fiasco. — Der bestohlene Landes-Ausschuß). Landwirtschaftliche Gauverbände! So nannte ein Wiener Tagblatt anläßlich der letzten Generalversammlung der »Kolka rolnicze» dieselben in deutscher Uebertragung. Diese Uebersetzung ist salsch; selbst „christliche Niederlagen" oder „bäuerliche Genossenschaften" wäre nicht richtig. Zutreffend wäre nur eine Benennung : An st alten zur wirthschaftlichen Erdrosselung der jüdischen Kleinhändler. Dieser Zweck geht aus der Absicht ihrer Gründe und aus dem Geiste ihrer Leitung hervor; auf dieser Bahn bewegen sie sich seit mehr denn einem Jahrzehnt, und zahllos sind die Opfer, die sie auf der Strecke gelassen haben. Und von jüdischer Seite geschieht nichts, um diese ökonomische Würgarbeit zu paralysiren. Die Hunderttausende jüdischer Händler, Krämer, Schänker und Trafikanten gehen mit mathematischer Sicherheit ihrem Zusammenbruch entgegen. Diese kleinen Leute sehen in Allem Gottes Fügung, und sie erwarten ihr Schicksal mit fatalistischem Gleichmuth; aber wir, die wir die tieferen Gründe der nahenden Katastrophe zu übersehen vermögen, haben die verdammte Pflicht, die Arbeit des Feindes zu verfolgen und ihm in die Arme zu fallen. Die »Kolka rolnicze» hatten nach den Intentionen der wahren Volksmänner, die ihre Gründung anregten, ganz andere Zwecke zu verfolgen. Sie sollten durch Anstellung von landwirthschaftlichen Wanderlehrern die Bauern beruflich ausbilden, sie sollten als Genossenschaften ihren Mitgliedern billigen Hypothekarcredit und Ackerbau-Maschinen verschaffen, und schließlich durch ihre Lesehallen auch culturell den Bauernstand heben. Das war jedoch dem Adel und der Geistlichkeit nicht zu Gesicht. Sie nahmen die Gründung der „Kolka" selbst in die Hand, stellten die nothwendigen Capitalien zur Verfügung und gründeten — Consum-Genossenschaften. Das erwachende Selbstbewußtsein der Bauern wurde gegen die Juden gelenkt und es erscholl die Devise „Kanft nicht bei Juden!" Die Reclame war sehr billig und wirksam — v o n d e r Kanzel. Mit diesen Genossenschaften verfolgten die Gründer noch einen zweiten Parteizweck: Sie machten die Bauern abhängig. Der Eine war der Genossenschaft Geld schuldig, der Andere wollte erst ihren Credit in Anspruch nehmen, ein Dritter hatte dabei einen Antheilschein u. s. f. Den hohen Protectoren gelang es leicht, einen Betrag von 15.000 Gulden vom Landesausschuffe als Darlehen und außer diesem, seit dem Regime B a d e n i, von der Regierung eine Subvention für ihren antijüdischen Vernichtungskrieg zu erhalten. Nicht einmal die Stojalowski- oder die polnische Volkspartei haben auf diese angeblich bäuerlichen Vereine irgend welchen Einfluß; sie sind ausschließlich in Stanczyken-Händen. Der Proletarisirungsproceß der Juden geht ihnen aber noch immer zu langsam. Da sie die politische Begehrlichkeit des Bauern nicht beftiedigen können, so suchen sie ihnen nun wirthschaftliche Concessionen zu machen, auf Kosten der Juden. Die Macht ist in ihren Händen: die Propinations-Direction, die Finanz- Directionen, Statthalterei rc. Und so gehen die »Kolka rolnicze-- einen Schritt weiter. Bisher bildeten sie nur Cvneurrenz-Geschäfte, durch die der Jude, baar aller Mittel und eines jeden Credits, gezwungen wurde, sein Geschäft aufzugeben. Es blieben aber dem Juden noch die G a st h ä u s e r und Trafiken. Jetzt sollen auch diese den Juden abgenommen und an die „Kolka" übertragen werden. Die Ende v. M. in Lemberg abgehaltene Generalversammlung, die in Gegenwart des E r z b i s ch o f s, des Statthalters, Bürgermeisters und anderer Spitzen eröffnet wurde, beschäftigte sich mit diesen Postulaten. Sie fanden von allen Seiten Zustimmung. Der Statthalter, bei'dem eine Deputation vorsprach, machte auch in diesem Sinne Versprechungen. Es wurde auch angeregt, die jüdischen Landhausirer durch Errichtung von Eierniederlagen unmöglich zu machen, die selbst den Export nach dem Auslande besorgen würden. Mit einem Worte, alle Gebiete der jüdischen Gewerbe- und Handelsthätigkeit werden genau durchforscht, damit die Juden nur auf allen Linien getroffen werden. Ein consequentes Bekenntniß der Hetzthätigkeit der Landpfarrer bildete der Antrag auf Errichtung von Handelscursen bei den — geistlichen Seminarien. Die Beschlüsse der Jahresversammlungen bleiben selten auf dem Papier. Sie bilden vielmehr den Feldzugsplan für das nächste Jahr. Mit der Entziehung der Trafiken hat bereits der k. k. Bezirks-Finanzdirector Jaworski begonnen. Ohne jede sachliche Begründung hat dieser Staatsbeamte einem Juden seine Trafik abgenommen, dieser k. k. Staatsbeamte, der zwar aus christlichen und jüdischen Steuergeldern bezahlt wird, aber dabei Verwaltungsrath der neugegründeten a n t i s e m i t i s ch e n Handelsgesellschaft in Neu-Sandec gemeinsam mit diesen k. k. Ingenieuren, Geometern und Bahnbeamten ist. Doch der Antisemitismus hindert diese saubere Gesellschaft nicht, mit den congenialen Geistern — sit venia verbo — in Wien von Fall zu Fall in Conflict zu gerathen. Dies war auch anläßlich der geplanten Demonstration aller österreichischen Gewerbetreibenden für den Kaiser der Fall. Ehren-Schneider machte sich auf den Weg nach Galizien, und der „Wiener" I e d l i c z k a wurde zur leichteren Verständigung nach Prag geschickt. Beide sollten die durch die Obstruction in die Brüche gegangene Solidarität aller Antisemiten wieder zusammenkleistern; bei Gevatter Schuster und Schneider gelang dies auch. Da erfuhr der Wiener Correspondent des Krakauer „Glos Narodu" hievon und fuhr nach Krakau, um den dortigen Meistern Vorlesungen über Obstruction zu halten. Es wäre aber Alles vergebens, wenn er nicht auf die „Idee" gekommen wäre, Herrn Breznowski zu citiren. Dieser folgte den Spuren seines Freundes Schneider nach Krakau und bereitete ihm hier ein schönes Fiasco. Seitdem sind auch die Wiener Antisemiten und die antisemitelnden Jungczechen nicht sonderlich gut auf einander zu sprechen. Es wäre nur noch zu verzeichnen, daß der galizische Landesausschuß mit seinem Salzmonopol-Departement ein unglaubliches Pech hat. Es wird dort recht viel g e st o h l e n. Vor einigen Jahren fehlten 30.000 Gulden, in den letzten 14 Tagen sind wiederum 12.000 Gulden verschwunden. Bekanntlich werden vom galizischen Landesausschuß keine Juden angestellt .... Vom Jahrmarkt des Lebens Der Grost-Antisemit von Weikersdorf gestorben. Aus Baden meldet man vom 12. d. M.: „Heute Früh ist hier ein Anhänger und Verfechter der antisemitischen Propaganda, der in seinem fanatischen Eifer Ehre und Vermögen verloren hatte, als stiller Mann im Alter von 62 Jahren gestorben. Es ist dies Anton Sieder, der vor zwanzig Jahren als armer Glasergehilfe aus Tirol mit dem Ränzlein am Rücken in Baden um Arbeit vorsprach und auch solche bei dem damaligen Glasermeister und Hausbesitzer Herrn Gifel erhielt. Nach dem Tode Gisel's reichte die Witwe dem Glasergehilfen Sieder die Hand zur Ehe, der nebst dem gutgehenden Geschäfte auch Besitzer zweier Häuser wurde. Frau Gisel, welche — eine nicht uninteressante Reminiscenz — den Dichter Rosegger, der zu jener Zeit als armer Handwerksbursche ermattet und müde am späten Abend in Baden ankam und vor ihrem Hause ausruhte, mit Speise und Trank gelabt hatte, und die Rosegger auch in einem seiner Werke als seine Lebensretterin erwähnt, erkrankte an einem hartnäckigen Fußleiden, das sie durch lange Jahre an den Krankenstuhl fesselte. Sieder, der nun Geld und Häuser hatte, vernachlässigte sein Geschäft, ging von Wirthshaus zu Wirthshaus und stellte sich in Ermanglung jeder anderen Beschäftigung an die Spitze der antisemitischen Bewegung. „Alle Juden müssen aus Baden vertrieben werden" — war die Parole des eingewanderten Tirolers, die er eifrig den Hauern beim Heurigen predigte und die ihm wegen des Verbrechens der gefährlichen Drohung drei Monate schweren Kerkers eintrug. An Körper und Geist herabgekommen siechte der Greis in den letzten Jahren, von seinen einstigen guten Freunden und Anhängern verlassen, einsam dahin."