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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-10-21 · 42 (21.10.1898) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
42 (21.10.1898)
Date
1898-10-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 42 Vr. Vloch's Wochrnfchrifi Sette 750 ich verloren, kann ich wieder erringen, ein Recht, dessen ich mich selbst begeben, bringe ich nicht mehr zurück". (Anhaltender lebhafter Beifall.) Architekt Marmorek. Inzwischen hatte sich der Versammlung eine stets wachsende Unruhe und Bewegung bemächtigt, die es dem Vorsitzenden schwer machte, dem nachfolgenden Redner, Herrn Architekten Oscar Marmorek Gehör zu verschaffen. Dieser Redner als Wortführer der im Saale anwesenden Gruppe von Zionisten polemisirt unter dem lebhaften Beifalle dieses Theiles der Versammlung gegen die Cultusgemeinde, welche die Interessen der Judenschaft nicht mit dem nöthigen Nachdrucke vertrete. Die reiche Judenschaft habe sich ganz zurückgezogen und spiele dem Antisemitismus gegenüber eine gänzlich passive Rolle, und so habe eigentlich nur der Aermste unter den Juden, der Hausirer, die Leiden und Bedrängnisse des Judenthums voll und 'ganz zu genießen. Welchen Standpunkt man aber auch einnehme — in dem Kampfe gegen den Antisemitismus und für die Schule, welche er national ausgebildet sehen möchte, müsse die gesammte Judenschaft einig und geschlossen Vorgehen. (Allgemeiner Beifall.) Redacteur Fleischer ergreift nun das Wort und sagt: Aus den eben gehörten Ausführungen geht die erfreuliche Thatfache hervor, daß wir Alle hier im Kampfe um die Schule einig sind. (Lebhafte Zustimmung.) Der Redner beantragt sodann mit Rücksicht auf die vorgerückte Stunde Schluß der Versammlung, was mit großer Majorität angenommen wird, worauf der Vorsitzende die Versammlung für beendet erklärt, nachdem auch der Referent Herr Dr. F i a l l a auf das ihm zustehende Schlußwort verzichtet hatte. Die Zionisten erbeben nun stürmische Protestrufe: „Gegenprobe!"; sie steigen auf die Stühle und heben, etwa 40 bis 50 Mann hoch, die Hände empor. Ein überlauter Wortwechsel entspinnt sich zwischen ihnen und den übrigen im Abzüge begriffenen Versammlungs-Theilnehmern, man schreit gegenseitig im höchsten Affect. Ein Herr ruft der Zionistengruppe zu: „Ihr seid das Unglück des Judenthums!" In diesem Tumult werden plötzlich die Helme der vom Regierungsvertreter herbeicitirten Sicherheitswache sichtbar, die nun mit großer Energie den Saal räumte. Ein Attentat auf die jüdischen Hausirer. Der Vorsteher der Wiener Schuhmacher-Genossenschaft erließ anfangs der Woche in dem antisemitischen Organ einen Aufruf an die Gewerbetreibenden Wiens aller Branchen. In demselben heißt es, daß die Gewerbetreibenden seit Jahren eine Besserung des Gewerbes erhoffen, die trotz aller an die Regierung gerichteten Klagen und Beschwerden noch immer nicht eingetrofsen ist. Es werden daher alle Kleingewerbetreibenden, welcher Profession sie immer argehören mögen, zu einer großen Versammlung in die Bolkshalle des neuen Rathhauses mit nachfolgender Tagesordnung ein geladen: 1. Besprechung über die allgemeine Lage und Erstattung von Vorschlägen zur Abhilfe der Nothlage; 2. Gänzliche Abschaffung des HansirHandels. Der Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien mit ihren 120.000 jüdischen Einwohnern, der gleichzeitig Chef der politischen Behörde erster Instanz und der Gewerbebehörde ist, beeilte sich, dem Vorsteher der Wiener Schuhmachergenossenschaft zu accompagniren, indem er tagsdarauf im Abgeordnetenhaus eine die Aufhebung des Hausirverbotes für die Stadt Wien betreffende Interpellation an die Regierung einbrachte. Im Hinblick auf die Antecedentieu des Vorstehers der Schuhmachergenossenschaft und des Wiener Bürgermeisters geht man wohl nicht fehl, wenn man den ersten Punkt der Tagesordnung nur als Staffage für das Attentat betrachtet, das gegen das Hausirwesen geplant ist. Angeblich wird wohl das Hausirwesen nur im Allgemeinen gemeint, thatsächlich handelt es sich um die jüdischen Hausirer, denen der Garaus gemacht werden soll. Man wird die Frage berechtigt finden, was hat das Schuhmachergewerbe gegen das Hausirwesen einzuwenden. das doch du'ch die Hausirer nicht beeinträchtigt wird, denn mit Lederschuhen wird ja überhaupt nicht hausirt. Ebenso ist es evident, daß nahezu sämmtliche Gewerbe vom Hausirwesen gar nicht beeiuträchtigt sind, wie es auch Thatsache ist, daß bei wiederholt augestellten Enqueten sich herausgestellt hat, daß der allergrößte Theil der Kleingewerbe vom Hausirwesen gar nicht berührt erscheint. Die meisten Waarengattungeu, welche derzeit durch Hausirer in Verschleiß gebracht werden, werden nicht von den Kleingewerben, sondern von der Großindustrie fabricirt. Die Leser dieses Blattes sollen nicht ohne Noth mit wiederholt Gesagtem belästigt werden. Sicher ist, daß kein jüdischer Hausirer derzeit handwerksmäßig betriebene Waare in Vertrieb setzt. Und doch sollen die jüdischen Hausirer das Bad ausgießen und die Zeche bezahlen, welche die antisemitischen Agitatoren und ihr zahlreicher Allhang in den Wirthshäusern, die sie Tag und Nacht frequentiren, machen. Die jüdischen Hausirer sollen das Opferlamm bilden und die Aufmerksamkeit von der schweren Noth und den jämmerlichen Verlegenheiten, in welcher sich derzeit die antisemitische Partei befindet, durch eine Razzia auf die jüdischen Hausirer abgelenkt werden. Die jüdischen Hausirer, das traurige Los, das diesen Parias der Gesellschaft beschicken, die elenden Verhältnisse, in welchen sie sich befinden, das kümmerliche Dasein, das sie fristen, die Noth und das Elend, in welchen sie existiren, der Kampf um das Dasein, welchen sie unaufhörlich zu bestehen haben, erregen den Neid des Vorstehers der Schuhmacher- Genossenschaft und seiner Affiliirten, namentlich des Wiener Bürgermeisters, der nicht müde wird, zu versichern, daß seine Angriffe nicht den armen, sondern den reichen Juden gelten. Es liegt ilns fern, für das Hausirwesen eine Lanze einzulegen, wir plaidiren sogar dafür, daß neue Haufir-Patente an Juden nicht weiter verliehen werden, denn der jüdische Hausirer hat in der gegenwärtigen Strömung nebst der Sorge, das tägliche Brod für sich und seine Familie zu beschaffen, auch noch Schimpf und Schande zu erdulden und wird coram publico in seinen innersten Gefühlen verletzt und an Leib und Leben bedroht. Wofür man sich maßgebenderseits aber mit allem Nachdruck einsetzen muß, ist, daß den Hausirern, die sich gegenwärtig im Besitze des Hausir-Patentes befinden, die Licenz, das Hausirgewerbe weiter auszuüben, nicht entzogen werde, denn dies wäre eine Gewaltthätigkeit, welche die zumeist hochbetagten Hausirer iv.t den Bettelstab bringen würde. Man kann wohl nicht verlaligen, daß der bejahrte jüdische Hausirer sich auf seine alten Tage einem neuen Erwerbszweig zuwende, wozu ihm auch die Eignung und, was das Wichtigste, das erforderliche Betriebscapital, gänzlich mangelt. Bisher hat es den jüdischen Hausirern an Beistand, an Succurs gemangelt, es hat sich Niemand ihrer angenommen, man überließ sie ihrem Schicksale, weil man sich der Illusion hingab, es werde nicht zum Aeußersten geschritten werden. Wir befinden uns aber in einer neuen Aera. An der Spitze des Handelsministeriums befindet sich gegenwärtig Baron D i p a u l i, der aus einer Partei hervorgegangen ist, die sich die Aufhebung des Hausirwesens zur Aufgabe gemacht hat, freilich nicht des arischen, für welches eine Ausnahme gemacht werden wird, sicher aber des jüdischen, das auch Denjenigen ein Dorn im Auge ist, welche Zeit ihres Lebens einen jüdischen Hausirer noch nicht zu Gesicht bekommen haben. Mit dem Attentate auf die jüdischen Hausirer dürfte man sich, der Sachlage nach zu urtheilen, aber kaum begnügen. Gelingt dieses, wird nran mit den Zielen wachsen. Von der Unterdrückung des Hausir- Wesens bis zur Einführung des Befähigungsnachweises für die Handelsgewerbe ist nur ein Schritt. Der Appetit wächst im Essen. Wird die Reaction in der Action gegen die Hausirer einen Erfolg erzielen, dürfte sie gewiß nicht ermangeln, auch auf das Nächstliegende Gebiet hinüberzugreifen. Ist aber einmal der Befähigungsnachweis für die Handelsgewerbe eingeführt, wird den Juden das einzige Gebiet, auf welchem sie in der Wahl des Erwerbszweiges einer Beschränkung nicht unterliegen, entzogen; dies wäre aber eine Katastrophe für die Judenfchaft. welche sich in ihren Consequenzen gar nicht berechnen läßt. Es liegt aber auch die Befürchtung nahe, daß, kommt es einmal zur Einführung des Befähigungsnachweises für Handelsgewerbe, dann auch eine Rückwirkung verbunden werden könnte, wie es mit den jüdischen Hausirern geplant wird, dies käme aber einem elementaren Ereignisse gleich, unabsehbar in seinen Folgen und ein Schlag für die Judenschaft, die es nicht zu überwinden vermöchte. Unsere Jugend wird von allen öffentlichen Stellungen abgedrängt, man denke sich die Situation, wenn derselben auch die Facultät benommen würde, sich dem Handel, der Domäne, auf welchem sie sich in der finstersten Reaction frei bewegen konnte, zuzuwenden. Man begehe aber nicht wieder den Fehler, die Ereigniffe an sich herankommen zu

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