Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 42 (21.10.1898)
- Date
- 1898-10-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 756 i£r. Vloch's Wochenschrrfi str. 42 brik »Geburtsort, Zuständigkeit" könnt ihr schreiben Bukowina, Galizien oder Palästina". (Rufe Unerhört!) Derselbe Jugendbildner sagte ferner: „Bei der Rubrik „Religion" könnt' ihr schreiben: israelitisch, jüdisch oder mosaisch" — die letzteren zwei Silben des Wortes eigenthümlich betonend und hinzufügend : „Wie das letzte Wort „mosaisch" abgetheilt wird, weiß ich nicht, ich bin ja kein Jude." (Entrüstungsrufe, wer ist das? Namen nennen!) Meine Herren! Wir wollen ja hier Niemanden denunciren. Die Schulen sind genannt, und ich halte es für das Angemessenste, das Blatt, aus welchem ich die Berichte verlesen habe, dem anwesenden Herrn Regierungscommissär zur amtlichen Kenntnisnahme zu behändigen. (Stürmischer Beifall. — Der Redner übergiebt dem Regierungsvertreter das betreffende Zeitungsblatt.) Geehrte Versammlung! Das sind die Erstlingsfrüchte bei der Durchführung dieses Erlasses. Stellen wir uns nun ohne allzulebhafte Phantasie die wettere Entwicklung vor. Ich finde, daß wir selbst mit dieser Trennung der Classen noch lange nicht das größte Uebel überschritten oder überwunden hätten. Der Trennung dieser Classen wird sich alsbald eine Umlegung und Vereinigung der Classen verschiedener Schulen anschließen lassen. Unsere Kinder würden, wenn wir sie wirklich in dem Joche solcher Schulen belassen wollten, den Genuß haben, den schlechtesten Schullocalitäten überwiesen, antisemitischen Lehrern anverttaut oder besser gesagt überantwortet und überdies in die entferntesten Schulen geschickt zu werden, die sich überhaupt für sie noch combiniren ließen; Rohheit und Brutalität gegen sie würde stettg zunehmen und nach dem vorbildlichen Verhalten des Lehrers auch von dem letzten Schuldiener sattsam geübt werden. (Bewegung.) Dieser schier untrügliche Ausblick in eine nur allzunahe Zukunft führt zur Betrachtung der pädagogischen Seite der Frage. Officiös und officiell wird als Grund des Erlasses die Schwierigkeit bezeichnet, unter Bedachtnahme ans den den jüdischen Kindern zu ertheilenden Religionsunterricht den Stundenplan der Schule ferttgzustellen. Nnn, meine Herren, es kann vorbehaltlos ausgesprochen werden, daß dieser Grund nichts als ein leerer Vorwand ist, als welcher er schon darum erscheint, weil seit Jahren seitens der Cultusgemeinde, als der durch das Gesetz berufenen Religionsgenoffenschaft, die für die Besorgung und Leitung des jüdischen Religionsunterrichtes zu sorgen hat, allen Ansprüchen der Schulen in umfassendster und große pecuniäre Opfer erfordernden Weise entsprochen wird, um sicherlich jeder Möglichkeit zu begegnen, daß in der Ertheilung des übrigens staatsgrundgesetzlich gewährleisteten jüdischen Religionsunterrichtes irgend eine Jnconvenienz oder Schwierigkeit für die Organisatton des Unterrichtes empfunden oder entdeckt werde. Es wurden noch andere Motive angeführt, die ebenso haltlos und ebenso nichtig erscheinen, um derlei Consequenzen zu rechtfertigen. Es wurde der Schwierigkeit gedacht, welche angeblich dadurch entstehe, daß viele jüdische Kinder am Samstag nicht schreiben. Ich weiß nicht — ich möchte es aber aus vollstem Herzen wünschen —, ob sich die Anzahl dieser Kinder in den letzten Jahren vermehrt hat. (Rufe: Ja!) Danken wir und freuen wir uns dessen. Gewiß aber ist, daß eine solche Frage bisher nie eine Schwierigkeit gebildet hat, weil die Kinder, welche Samstag nicht schreiben, auf anderem Wege das hereinbringen, was sie am Samstag infolge des Nichtschreibens am Unterrichte etwa eingebüßt haben. Und noch weniger stichhältig ist das dritte Moment, das anzuführen beliebt wurde, nämlich der Hinweis auf die jüdischen Feiertage, well gerade jene hohen Feste, welche ein massenhaftes Ausbleiben der jüdischer Schulkinder mit sich bringen, überhaupt nicht in die Schulzeit, sondern zumeist noch in die Ferien fallen. Wir gelangen somit zu der Erkenntniß, daß der Versuch, diesen Erlaß mtt derlei äußeren Anforderungen der Schule irgendwie zu entschuldigen, äußerst kläglich und nach allen Richtungen mißlungen ist. (Lebhafter Beifall.) Und die eigentlichen pädagogischen Anforderungen und Wirkungen? Jene werden vollends mit Füßen getreten und diese können nur die verderblichsten und verhängnisvollsten sein. Wenn die Kinder vom Anbeginn an dermaßen auseinandergehalten werden, daß sie in ihrem Glaubensbekenntniß ein trennendes Moment erblicken, wer, glauben Sie, geehrte Versammlung, wird darunter leiden: diejenigen Schüler, welche der dominirenden und herrschenden Kirche des Staates angehören oder diejenige Minorität von Schülern, die dem ewig gehetzten und verfolgten Judenthume angehören, dem nicht Ruhe und nicht Rast gegönnt wird, wo immer es sich niederläßt und wo immer es in vollster^ und erhabenster Weise seine Pflicht gegen Gott und die Menschen zu erfüllen bereit ist und erfüllt? (Lebhafter Beifall.) Dieses trennende Moment kann nicht anders als das kindliche Gemüth vergiftend beeinflussen; gegenseitige Geringschätzung, gegenseitige Anfeindung, Zerklüftung, Kampf, ausartende Thätlichkeit müssen sich als natürliche, unvermeidliche Wirkung ergeben. Aber wir selbst brauchen uns mit der psychologischen Erforschung und Prüfung dieser Frage gar nicht zu befassen; die Urheber dieses Erlasses sagen uns ja selbst deutlich, was sie geradezu wollen. So verkündigte die vorgestrige Nummer jenes Blattes, dessen Lectüre uns weniger vergnüglich als belehrsam ist, ganz frei und offen (liest): „Die Heranwachsende Judenschaft wird dadurch — durch die confessionelle Trennung der Classen — mit der christlichen Schuljugend in schärferen Contra st gebracht, der Kampf zwischen den Juden und dem christlichen Volke wird in Hinkunft ein noch energischerer". (Pfui! Lärm.) Was brauchen wir dieser authentischen, aus dem Geiste der Schöpfer des Erlasses gewonnenen Interpretation weiter hinzuzufügen? Das ist ja die leibhaftige Ankündigung des Bürgerkrieges! Noch „schärfere Contraste", noch „energischere Kämpfe" zwischen, wie es daselbst noch heißt, dem „eingewanderten fremden Volke" und „dem nationalen uransäßigen Volke", — man kennt seine Ziele und schafft in deren Bewußtsein die richtigen Mittel! (Beifall, Lärm, mächtige Bewegung.) Und hiermit sind wir schon mitten in den politischen Wirkungen dieser monströsen Verfügung, dieser neuesten Art von Volkserziehung. Es ist schier unbegreiflich, wie diese staatengefährdende Partei nicht selbst erschrickt vor den Erfolgen, auf die sie leider hinzuweifen vermag! Fast könnte man sagen, diese Erfolge sind so groß, so mächtig, so vielseitig, zugleich aber auch so destructiv, so gefährlich und verderblich für den Staat (Sehr richtig!), daß wir in diesen Erfolgen völlig einen Bundesgenossen erblicken können für unsere Rettung, für des Staates Wiederbefreiung. (Lebhafter Beifall.) Denn, meine Herren, wie lange noch soll die Staatsverwaltung blind sein dagegen, daß die Zustände, unter denen heute die innere Lage Oesterreichs seufzt und kracht, allesammt zurückzuführen sind auf jene subversive Strömung (Sehr gut!), welche auf der einen Seite als Antisemitismus, das heißt, als frevelhafter Versuch der Entrechtung und Unterdrückung sich kundgibt und auf der anderen Seite zum verderblichsten Nationalitätenkampfe führt! (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wahrlich, insofern unser Staatswesen längere und stärkere Belastungsproben nicht mehr zu ertragen vermag, könnten wir vom Standpunkte der Juden aus im antisemitischen Kampfe ausrufen: „Wir können warten!" (Lebhafter Beifall.) Weit davon entfernt, heute und hier in eine Erörterung der Einzelerscheinungen dieser verdammenswerthen Verhältnisse eintreten zu wollen, will ich gleichwohl auf zwei Vorkommnisse der letzten Tage Hinweisen. Es war bei einer der vielen Gerichtsverhandlungen in Galizien infolge der Plünderungen, denen unsere dortigen Glaubensgenossen ausgesetzt waren, daß einer der Angeklagten, dem schwere Verbrechen zur Last gelegt waren, sich zu seiner Verteidigung darauf berief, er habe in der Zeitung gelesen, das Brot würde billiger werden, wenn 3000 Juden aufgeknüpft würden, und daß der Präsident des Gerichtshofes angesichts dieser Verantwortung constatirte, es sei wirklich in dem der Belehrung der Bauern gewidmeten Blatte des ehrwürdigen Geistlichen Stojalowski vom 14. Mai 1898 ein Bericht über die Debatte anläßlich der Aufhebung der Getreidezölle enthalten gewesen, in welchem die Aeußerung des nicht minder ehrwürdigen Herrn Gregorig reproducirt war, der bei dieser Debatte wörtlich gesagt habe: „Knüpfen Sie 3000 jüdische Getreidespeculanten auf, und man wird sofort billigeres Brot haben!" (Lärm, Entrüstung.) Und in dieser Constatirung seitens des Präsidenten muß man wohl die Anerkennung des beklagenswerten Zusammenhanges erblicken, welcher zwischen derlei aufteizenden Kundgebungen der Führer, ihrer geflissentlichen Verbreitung in der Parteipresse und zwischen den wahnwitzigen Handlungen besteht, welche als Wirkung der Ursache folgen. (Allseitige Zustimmung.)