Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 41 (14.10.1898)
- Date
- 1898-10-14
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 41 Vr. Bloch's WochrnschrM Seite 731 „Jetzt könnt Ihr mit ruhigerem Gemüthe Abschied von Eurer Frau und Familie nehmen, als vor einer Viertelstunde. Wie mir der Regierungsrath mittheilte, können diese Formalitäten im Gerichtshause leicht zwei Stunden in Anspruch nehmen; dann aber kehrt Ihr, so's Gott beliebt, froh und glücklich zu Eurer Frau und Familie heim, und ich hoffe, der Allbarmherzige wird Euch von nun ab seinen reichsten Segen geben.Ja noch Eines Frau Lea! Euer Mann wird heute noch gar nichts gegessen haben; nach dieser furchtbaren Aufregung würde ihm etwas Warmes gut thun .... Seht, daß ein der Stadt nahe wohnender Glaubensgenosse ein bischen koschere Suppe schickt." „Gott segne Sie, hochwürdiger Herr!'' erwiderte Lea mit vor Thränen erstickter Stimme. Die drei Entlastungszeugen und Duppau bestiegen den Wagen, der jene hergeführt. Daß ein Regierungsrath und ein Geistlicher mit einem Juden fuhren, war zu jener Zeit allgemeiner Intoleranz ein Ereigniß, das den zahlreichen Zuschauern unglaublich erschienen wäre, wenn sie es nicht mit eigenen Augen gesehen hätten. Die Herren vom Criminalgericht stiegen beschämt, verdüstert in die für sie bereit gehaltenen Wagen. Die anwesende Menschenmaffe hatte sich in mehreren Haufen getheilt. Ein kleiner Theil, namentlich die jungen Bursche und Mädchen aus den Dörfern, denen selten der Anblick eines militärischen Schauspiels zu Theil wurde, begleiteten die abzichenden Truppen eine Strecke Weges. Ein Haufe zog zu dem Rodlerhof, er wollte um jeden Preis einen Mörder sehen, und da sich Abraham Duppau schließlich wieder als der brave, rechtschaffene Jud' entpuppt hatte, für den er bisher immer gegolten, so mußte sie der Anblick Claudy Rodler's für die Enttäuschung entschädigen. Andere eilten wieder zu Dr. Wallbruck's Hause; der bei Weitem größere Theil aber folgte dem Wagen, in welchem der Pfarrer und der fast wunderbar Gerettete sich befanden, und so hielt Duppau Mittags fast einen feierlichen Einzug in E., das er am Morgen in schimpflicher Weise mit den bittersten Gefühlen, die eine Menschenseele zu bedrücken vermögen, verlassen hatte. Neuntes Capitel. Der Gerichtshof hatte sich, wie es Sonnenfels angeordnet, in seinem Sitzungszimmer versammelt. Purkhammer hatte widerwillig, mit erdfahlem Gesichte und am ganzen Körper schlotternd, den Vorsitz übernommen. Duppau, der sich nach den überstandenen Leiden und nach den verschiedenen höchstgradigen Aufregungen des heutigen Tages und der vorangegangenen Wochen sehr matt fühlte, war in einen Lehnstuhl gesetzt und, da man in der Schnelligkeit nichts Anderes herbeischaffen konnte, durch ein Glas Glühwein gestärkt worden. Sonnnenfels, der Pfarrer, Actuar Globner, Schulze Scheerbaum, Schulmeister Karras und der Knecht Mathias Reichert waren als Zeugen schon versammelt. Purkhammer konnte nur der Form nach den Vorsitz führen, zur Leitung der Verhandlung war er vollkommen unfähig und Criminalrath Labwandl, der auch schon am Richtplatze, den Kanzlisten Tirschenreuter mit der sofortigen Verhaftung Wallbruck's beauftragt hatte, mußte sich, wenn auch mit Widerstreben, dazu entschließen, die Sitzung zu eröffnen. „Ich ersuche den Herrn Regierungsrath ergebenst, gelvogenst genau angeben zu wollen, in welcher Weise die hier versammelten Herren Zeugen zur Kenntniß der hochwichtigen Thatsache' gelangten, die sich mit so anerkenneswerthem Eifer und mit solcher Raschheit an den Gerichtshof beförderten, daß noch rechtzeitig der Tod eines Unschuldigen verhindert wurde. Ich erkenne darin ein neues Zeichen, daß die menschliche Gerechtigkeit unter dem Schutze des allschauenden und allweisen Richters steht und der Weltenherr in jenen Fällen, wo die, dem irdischen Richter angeborene Kurzsichtigkeit und Fehlbarkeit durch ein unglückliches Zusammentreffen von Umständen irregeführt wurde, noch in den letzten Momenten mit wunderbarer Macht einschreitet und offenbar über den von Gott und Staat eingesetzten Richter seine schützende Hand hält." Sonnenfels hatte kaum Geduld, die salbungsvolle Rede des heuchlerischen Mannes zu Ende zu hören, er warf ihm einen verächtlichen Blick zu und entgegnete: „Wir alle hier anwesenden Zeugen haben Claudy Rodler's Geständniß deutlich und vernehmlich gehört, doch war dieses vorzugsweise an den Herrn Pfarrer gerichtet, und dieser befand sich auch in seiner unmittelbaren Nähe. Ich ersuche daher den hochwürdigen Herrn die Aussage des Claudy Rodler zur Kenntniß des löblichen Gerichtes zu bringen, wir andern Zeugen werden uns vorkommenden Falles gestatten, Auslassungen oder Redewendungen, die wir etwa in anderem Sinne ausgefaßt haben, zu rectificiren." „Ich thne das recht gerne", sprach der Pfarrer, „aber ich bitte, es zu entschuldigen, wenn ich in meinem Berichte sehr weit zurückgehe. Der pragmatische Zusammenhang der Thatsachen wird die Glaubwürdigkeit des allerdings schon an und für sich unanfechtbaren und unzweifelhaften — Geständnisses zur innersten Ueberzeugung erhöhen." Der Pfarrer strich sich mit der flachen Hand über die hohe Stirn, als könne er dadurch seine Gedanken enger concentriren, dann begann er: „Ich kannte Claudy und Barbara Rodler schon seit sehr langer Zeit. Diese hatte als Magd auf dem Rodlerhofe gedient, und als die erste Gattin des alten Besitzers gestorben, nahm dieser die schöne, arbeitsame Magd zum Weibe. Der alte Cajetan Rodler hatte schon während seiner ersten kinderlosen Ehe Claudy, den ganz verwaisten Sohn eines entfernten Verwandten von ihm, eines armen Taglöhners, zu sich genommen. Ich hatte Claudy Rodler zuerst, als er, ein siebenjähriger Knabe, die Schule besuchte. bei dem Religionsunterrichte kennen gelernt. Ich habe stets Kinder geliebt und beobachtet. Claudy Rodler war ein ungewöhnlich kluger Knabe, dessen Fehler durch seinen grenzenloseil Ehrgeiz wohlthätig eingedämmt wurden. Ec wollte in der Schule der Erste sein, und da er alle Kräfte aufbot, gelang es ihm, sein Ziel zu erreichen. Er war ein eigenartiges Kind, Vorwürfe waren ihm unerträglich. Ern einziges Mal hatte ich Veranlassung, ihm eine strenge Rüge zu ertheilen: er war ein jähzorniger Knabe und hatte einem Mitschüler in der Wuth einen Faustschlag versetzt. Ich war erstaunt, welche Wirkung meine Worte auf den kleinen Knaben hervorriefen. Er brach in convulsivisches Weinen aus, das gar kein Ende nehmen wollte, und blieb unter einem Vorwände einige Tage von der Schule weg. Als Claudy das zwölfte Jahr erreicht hatte, hielt ich es für meine Pflicht, Cajetan Rodler darauf aufmersam zu mache,', daß Claudy Anlagen zum Studiren habe und erklärte mich bereit, ihn für das Gymnasium vorzubereiten; allein der alte Rodler wollte nichts davon hören; „er wolle", so sagte er „aus dem Buben sein keinen studirten Herrn, sondern einen tüchtigen Bauern machen." — Claudy, der fortwährend auf dem Rodlerhos blieb, kam mir nie aus dem Gesichte. Er ward bald ein tüchtiger, verläßlicher Knecht und galt der ganzen Gegend zum Musterbilde. Man sah ihn selten im Wirthshause und nie betrunken. Er mochte wohl zehn Meilen weit im Umkreise der einzige Bursche sein, der sich nie in Raufereien einließ. Während andere Bursche oft Liebesverhältnisse anknüpften und rasch wieder lösten, war von Claudy Rodler nie etwas derartiges bekannt geworden; trotzdem alle Mädchen, sogar reiche Bauerntöchter ihm freundlich entgegenkamen, zeichnete er doch keine aus und war beim Tanze oder bei sonstiger Gelegenheit gegen alle Mädchen gleich höflich und zurückhaltend. Claudy Rodler war von jeher mein Beichtkind und ich glaubte dadurch einen tieferen Einblick in sein Seelenleben zu gewinnen. Er pflegte mich auch an Sonntag Nachmittagen zu besuchen und brachte mir stets ein Geschenk, daß, wenn auch nicht von materiellem Werthe, mich erfreuen konnte: eine seltene Blume, eine frühreife Frucht aus dem Garten seines Herrn, ein färbiges Täubchen.... Einmal — damals war Claudy Rodler schon 28 Jahre alt — hatte ich Gelegenheit, mit ihm über seine Zukunft zu sprechen. Ein wohlhabender Bauer hatte mir gesagt, daß Claudy ihm und seiner Tochter gefiele und er ihm diese zum Weibe geben möchte, doch wolle er sein Kind nicht durch eine Zurückweisung gekränkt sehen und ersuche mich daher — wie er sich ausdrückte — „ dem Purschen fein durch den Sinn zu fahren . . . ." Der Pfarrer unterbrach sich. „Ich fürchte, ich habe nicht die passende Form für eine gerichtliche Aussage gefunden, ich ergehe mich in ungehörige Breite; — aber ich habe den Eindruck, als wenn ich keine meiner Mittheilungen auslassen dürfte." (Fortsetzung folgt.)