Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 41 (14.10.1898)
- Date
- 1898-10-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 750 Vr Vloch's Wochenschrift Nr. 41 Beweismateriales nachgewiesen und es auch keinem Zweifel unterliegen konnte, daß Sonnenfels, der Vorkämpfer für die Aufhebung der Tortur, diesen Fall zur Kenntniß der Kaiserin, des Mitregenten Kaiser Josef und des Staatsministers Fürsten Kaunitz bringen würde. Die Herren mußten sich's gestehen, daß es wohl kaum einem Zweifel unterliegen könne, daß sie alle ihre Rollen als österreichische Justizbeamte ausgespielt hätten und noch froh sein müßten, wenn man ihre Entlassung aus dem öffentlichen Dienste als genügende Strafe erachten würde. — Am meisten aber war Bürgermeister Purkhammer niedergeschmettert. Claudy Rodler hatte Dr. Wallbruck als Mitwisser seiner Thal bezeichnet. War dieser aber ein schwerer Verbrecher (zur Mitwissenschaft gesellte sich Meineid, falsche Zeugenaussage und als das Schauerlichste von Allem, das, schwere Crimen, einen Unschuldigen einen grauenvolleü Tod erleiden zu lassen), dann war seine — Purkhammer's — Stellung nicht nur als Beamter, sondern auch als Privatmann eine vollkommen unhaltbare. Er konnte sein Mündel. Agate Hanger, nicht zwingen, seinem edlen Freunde Wallbruck die Hand zu reichen, der große Beuteantheil an dem Vermögen seines Mündel, der ihm zufallen sollte, war verloren, und dieser Verlust war umso empfindlicher für ihn, als er schon im Vorhinein einen großen Theil der erhofften großen Summe in nichtswürdiger Weise vergeudet hatte, und wenn er einem anderen Gatten seines Mündel Rechnung legen mußte, als ungetreuer und betrügerischer Vormund entlarvt und bei dem Hinzutreten so erschwerender Umstände zu hoher Strafe verurtheilt werden mußte. Die Unerttäglichkeit seiner gegenwärtigen Situatton wurde in dem Momente noch erhöht. Der wackere Major — ein Graf O'Donell — fühlte ebenso eine hohe Befriedigung darüber, daß seine Intervention eine^Berzögerung im Beginn der Execution und dadurch die Rettung des unschuldig Verurtheilten veranlaßt hatte, als eine entschiedene Abneigung gegen den egoistischen, boshaften, unmenschlichen Purkhammer, und in seiner offenen soldatischen Weise gab er dieser sofort deutlichen Ausdruck. Er ritt an den Bürgermeister heran und sprach mit scharfer Betonung: „Auch ich danke Gott aus dem Grunde meiner Seele, daß ich auf der Verzögerung bestanden. Wäre ich nicht Ihrer unentschuldbaren, grausamen Härte entgegengetreten, der Mann da läge unter dem zertrümmernden Rade! . . . . Wenn Sie noch ein Fünkchen Menschengefühl in Ihrer Brust bewahrt haben, hätten Sie, wenn der würdige Pfarrer zu spät gekommen wäre, nie mehr Ihres Lebens froh werden können, hätten der einstigen Verantwortung vor dem höchsten Richter mit Bangen entgegensehen müffen!" Auch bei der anwesenden Menschenmenge hatte der unerwartete Ausgang eine hohe Aufregung hervorgerufen. Die Anschauungen und die Gefühle der ungebildeten rohen Masse unterliegen einem raschen Wechsel. Der Volkshaufe, der haßerfüllt gegen den grausamen Mörder, gekommen war, diesen lebendig zerstückeln, zu Tode martern zu sehen, fühlte nun plötzlich Mitleid mit dem armen, unschuldig Gefolterten, und aus der Volksmaffe ertönten laute Verwünschungen und wilde Flüche gegen den gottlosen Claudy Rodler und dessen Mitwisser Doctor Wallbruck. Abraham Duppau hatte sein Gottvertrauen und mit diesem seine Faffung weit rascher gefunden, als man zu glauben vermöchte. „Hochwürdiger Herr!" wandte er sich an den Pfarrer, „wie kann ich Ihnen danken?“ „Gott habt Ihr zu danken, lieber Abraham!" „Das habe ich schon gethan, Hochwürden!" entgegnete der Jude lächelnd, während er die Hand des geistlichen Herrn zu küffen versuchte. „Wenn Ihr," fuhr der Pfarrer fort, „einem Menschen Euren Dank auszusprechen habt, so gebührt er diesem", er wies auf Sonnenfels, „der Mann hat für Euch mit demselben warmen Eifer gekämpft, mit dem er sett Jahren schon für die gesammte geknechtete, blutende Menschheit kämpft *|£§g. Ws Jetzt erkannte Duppau den Mann, den er nur einmal im unsicheren Halbdunkel seines Kerkers gesehen und damals schon den Segen Gottes auf ihn herabgesteht. Er trat an ihn heran, aber bevor er noch das Wort ergreifen konnte, sprach Sonnenfels: „Hochwürdiger Herr! In diesem Falle habe ich gar nichts gethan, — es war dies eine Fügung des allbarmherzigen Gottes. Sie kamen glücklicher Weise noch zur rechten Zeit, um das Geständniß des Sterberchen entgegenzunehmen". „Ich bin gewiß nicht der Letzte", meinte der Pfarrer lächelnd, „der nicht Alles, was auch geschieht, als Fügung Gottes betrachtet, aber der Herr wählt seine Boten und Sie sind ein solcher gottgesandter Bote. S i e waren es, der an dem frommen religiösen Sinne des Verurtheilten erkannte, daß er kein grausamer Mörder sein könne; S i e lieferten den Nachweis, daß die Verhöre mit dem Verurtheilten nicht mit Gründlichkeit vorgenommeu wurden, und man nicht zur Tortur schreiten durfte; S i e lenkten den Verdacht auf die richtige Spur, Sie flößten mir den gottgesegneten Gedanken ein, Claudy Rodler zu sprechen. Wir konnten ja nicht ahnen, daß Gott ihn schon gerichtet! — Und wäre ich allein zu Rodler gekommen, ich hätte mich von dem schlechten Menschen, dem Wallbruck, täuschen lassen!" Purkhammer war vollkommen fassungslos; er wußte nicht, was er zu thun, was er zu beginnen habe. Sonnenfels trat zu der Gruppe der Gerichtspersonen und sprach unwillkürlich in befehlendem Tone: „Ich bin kein Freund von Ueberstürzungen und es wäre auch für Sie, meine Herren, höchst wünschenswerth gewesen, wenn ich Sie früher zu meiner Anschauung hätte bekehren können, — aber auch die Form muß gewahrt werden, sie ist bei mir nicht die Hauptsache, aber sie bildet den Schutz für das Wesen des Rechtes. Duppau und die hier anwesenden Entlastungszeugen, der Herr Pfarrer, der Herr Actuar und ich werden sogleich in das Gerichtsgebäude in E. fahren, die drei anderen Zeugen, der Dorfschulze Scherrbaum, der Schullehrer Karras und der Knecht Mathias Reichling werden mittlerweile schon dort eingetroffen sein oder bald dort eintreffen. Die Duppau entlastende Aussage wird dort bei dem Gerichte deponirt. Sobald dieses hiedurch die volle Ueberzeugung von der Schuldlosigkeit des fälschlich Angeklagten erlangt haben wird, muß derselbe sofort in Freiheit gesetzt und ihm eine feierliche Schüldloserklärung ausgestellt werden. Auch würde es sich empfehlen, daß sofort zur Verhaftung des schweren Verbrechers Dr. Wallbruck geschritten würde. — Duppau!" wandte er sich nun an diesen, „wie ich den Herrn Pfarrer kennen gelernt habe, wird er ganz gewiß nichts dagegen haben, wenn ich Euch einen Platz in meinem Wagen anbiete." Purkhammer raffte alle seine vor Schrecken und. Angst auseinanderstiebenden Geisteskräfte zusammen und antwortete in nur halbverständlichen Worten, die besagen sollten, daß sich der Gerichtshof ganz den erleuchteten Anschauungen des berühmten Rechtslehrers anschließe, und daß man auch sofort daran gehen müsse, Claudy Rodler in Haft zu nehmen. „Dieser wird sich jetzt schon vor einem höheren Richter als Sie es sind, vor dem unergründlichen Gotte zu verantworten haben," erwiderte Sonnenfels bitter. Major Graf O'Donell kannte Sonnenfels nicht persönlich, wußte nicht, wer er war, und Ort und Zeit waren zu einer förmlichen Vorstellung nicht angethan, aber er hörte, daß er „Herr Regierungsrath" angesprochen wurde und sah, daß er die Situation beherrschte, er ritt an diesen heran und sprach: „Herr Regierungsrath, wie ich sehe, bin ich mit meinen Soldaten hier überflüssig", und als Sonnenfels dies bejahte, wandte sich der wackereBataillonscommandant mit einem ironischen Lächeln an den Bürgermeister. „Euer Gestrengen! Es schmerzt mich zwar tief in der Seele, daß Sie Ihren Braten kalt oder aufgewärmt auf den Tisch bekommen werden; aber wenn Sie kein Kanibale sind, wird Ihnen das kalte oder verdorbene Essen besser schmecken, als das beste — nachdem Sie durch Ihre verdammenswerthe Uebereilung einen Unschuldigen von unten nach oben hätten rädern lassen!" Ohne den Bürgermeister eines weiteren Wortes zu würdigen, reichte er Sonnenfels und dem Pfarrer die Hand und commandirte dann mit weithin schallender Stimme: „Habt Acht! Man wird in ganzen Zügen abschwenken .marsch!" — und das Bataillon Musketiere, der Majoran der Spitze, marschirte in der Richtung der Grenzfestung ab. Der den Zug Husaren commandirende Lieutenant schloß sich den Fußttuppen an. Während Alles das vorging, waren der Vorsteher der Lucker Judengemeinde und mehrere Mitglieder derselben, die sich bisher scheu abgesondert und ferne gehalten hatten, an Duppau herangetreten und hatten ihn unter Thränen heißer Rührung ge- Wßt und beglückwünscht. „Mein lieber, braver Abraham!" sprach der geistliche Herr lächelnd, aber die Thränen stoffen über sein ehrwürdiges Antlitz: