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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-10-14 · 41 (14.10.1898) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
41 (14.10.1898)
Date
1898-10-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 41 Dr. Vloch'r vvochrnschrifi Seite 743 Zur Entstehungsgeschichte der antisemitischer Excesse in Westgalizien. Einen bemerkenswerten Beitrag zur Entstehungsgeschichte der antisemitischen Excesse in Westgalizien lieferte eine dieser Tage vor dem Kreisgerichte in Jaslo durchgeführte Verhandlung. Polnische Blätter berichten hierüber Folgendes: Der Angeklagte N i e m i e c erzählt, er habe vom Mitangeklagten M i c zk o w s k i vernommen, daß dieser in den Zeitungen gelesen habe, es werde bis zum December keinen Juden mehr im Lande geben. Die Angeklagten K u m e r und Modliszewski bestätigen, daß ihnen N i e m i e c dies berichtet habe. Miczkowski erklärt, er habe in der„Pszczolka"Stojal o w s k i's gelesen, das Brot würde billiger werden, wenn dreitausend Juden aufgeknüpft würden. Das habe er dem Niemiec mitgetheilt. N i e m i e c bestätigt dies mit dem Bemerken, er habe nur so viel verstanden,daß es angezeigt wäre,dreitau send Juden anfzuhenken. Der Vorsitzende constatirt hierauf, daß in der Stojalowski'schen „Pszczolka" vom 14. Mai 1898 thatsächlich zu lesen war: „Für diesen Antrag (Aufhebung der Getreidezölle) wurden denn auch Verkauf und K o l i s ch e r von den christlich-socialen Abgeordneten P. Dr. Scheicher und Gregorig scharf gegeißelt, welche mit Recht sagten: „Wollt ihr, daß das Brot billiger werde, so macht es, wie man in früheren Zeiten gethan hat, und bestraft die Speculanten", und Gregorig fügte hinzu: „Knüpft dreitausend jüdische Getreide- Speculanten auf, und man wird sofort billiges Brot haben." Bei galizischen Bauern fanden somit die Worte Gregorig's Berständniß, und sie beeilten sich, als sie von ihnen Dank der Vermittlung Stojalowski's Kenntniß erlangten, den im Parlamente gemachten christlich-socialen Vorschlag zur Verbilligung der Lebensmittel praktisch anzuwenden. Theodor Fontane. Die „Allg. Ztg. d. Jud." (30. Sept.) schreibt: „Die deutsche Literaturwelt beklagt den Tod eines ihrer größten und bedeutendsten Männer. Am 20. d. M. ist Theodor Fontane im 79. Lebensjahre gestorben. Und gern gedenken wir des großen Todten auch an dieser Stelle, obgleich seine Verbindungen zunr Judenthum ziemlich lose waren. Aber wer das Glück hatte, Fontane näher zu kennen, der wird gleich uns der Ueberzeugug sein, daß mit diesem Manne einer von den wahrhaften Chasside umoth olam dahingegangen ist. Der Antisemitismus war seinem humanen und künstlerischen Naturell tief zuwider, gleichwohl nahm er davon Abstand, seine „widersprechenden Sentiments" zu veröffentlichen,' weil seine vornehme Natur jede Berührung mit dem Pöbel scheute. Im Jahre 1870 wurde Theodor Fontane während des deutsch-französischen Krieges im Geburtshause der Jungfrau von Orleans zu Domremy von Turkos gefangen genommen und nach mancherlei Bedrängnissen auf die Insel Olsron im Atlantischen Ocean abgeführt. Nur die Intervention Adolphe Cremieux' rettete ihm das Leben und setzte ihn in Freiheit. In seinen Romanen, die mit Vorliebe die gesellschaftlichen Verhältnisse Berlins schildern, hat er Juden nur hie und da als Nebenfiguren verwendet, aber gerade zur Zeit, in der die Antisemitenbewegung ausbrach, hatte er eine Arbeit im Sinn, in der auch jüdische Charaktertypen mit der Objectivität, die ihm zu eigen war, geschildert werden sollten. Den Plan zu dieser Erzählung setzte er dem Redacteur dieses Blattes, den er mit seiner herzlichen Freundschaft geehrt hat, wiederholt und ausführlich auseinander. In dieser Novelle sollte eine junge Dame aus der Berliner Kaute finance eine Hauptrolle spielen. Auf verschiedene Einwendungen gegen diesen Plan antwortete Fontane damals mit der folgenden charakteristischen Bemerkung: „Rebekka Gerson v. Eichröder ist ein reizendes Geschöpf und viel, viel mehr eine Verherrlichung des kleinen Judenfräuleins, als eine Ridicülisirung. Dies tritt sogar so stark hervor, daß es mich etwas genirt. Ich kann es aber nicht ändern; die ganze Geschichte würde von Grund aus ihren Charakter verlieren, wenn ich statt Rebeckchen eine Geheimrathsjöhre einschieben wollte. Noch weniger geht ein reicher Bourgeoisbalg. Reiche Jüdinnen sind oft vornehm (worauf es hier ankommt), Bourgeoisbälge nie." Leider ist Fontane nicht dazu gekommen, diese Arbeit auszuführen. Von feiner echten Humanität mag der folgende Vorfall Zeugniß oblegen. Bor mehreren Jahren beklagte sich ein Freund in München darüber, daß die Ballade „Die Jüdin" in den Gedichten von Fontane geeignet sei, das traurige Borurtheil gegen die Juden in dieser trüben Zeit zu bestärken. Wir wandten uns deshalb direct an den Dichter und erhielten schon nach wenigen Tagen folgendes Schreiben: „Zillerthal, 19. Juni 1892. Hochgeehrter Herr und Freund! Ich bin feit einem Vierteljahr krank, und so wollen Sie gütigst die Kürze dieser Zeilen entschuldigen. Das mit der „Jüdin" ist ein alter Schaden, — schon vor länger als vierzig Jahren war Dr. Löwenstein (ein Verwandter von Rudolf Löwenstein) dagegen; ich mochte es nicht fallen lassen, weil es ein Muster von Balladenton ist. Es stammt aus der berühmten Percy'schen Sammlung. Anno 50 war das Alles nicht schlimm, heute liegt es anders, und so verspreche ich Ihnen und dem Münchener Freunde, die Ballade aus der nächsten Auflage wegzulaffen. Mehr ist nicht zu thun. Mit besten Wünschen für Ihr Wohl in vorzüglicher Ergebenheit Ihr Theodor Fontane." — Es versteht sich von selbst, daß der greise Dichter Wort gehalten und daß die Ballade in allen folgenden Auflagen seiner Gedichte nicht mehr zu finden ist. So war Theodor Fontane. Sein Andenken sei gesegnet!" Zum Ursprung der Germanen. Jeder wird der Bemühung Desjenigen Anerkennung zollen, der sich ein hohes wissenschaftliches Ziel steckt. Doch die Voraussetzung, daß nur im Besitze des Rüstzeuges der modernen Wissenschaft und einer allseitigen Beherrschung des zu untersuchendes Gebietes an eine erfolgreiche Lösung linguistischer Probleme geschritten werden kann, ist so selbstverständlich, daß es zu den goldenen Rücksichtslosigkeiten gehört, unbefugte Eingriffe in die Wiffenschaft energisch abzuweisen und das Publicum vor bewußten oder unbewußten Fälschungen zu bewahren. Ein zureichender Beweis für den Zusammenhang der semitischen und indo-europäischen Sprachfamilien ist gewiß ein desiderium scientiae und kann nur mit dem Aufgebote eines reichen Wissens, eines durchdringenden Scharfsinnes und einer methodisch streng geschulten Combinationskraft geführt werden. Doch unklare und falsche Vorstellungen unwissenschaftlich zusammenzustellen, ist heutzutage, wenigstens auf wissenschaftlichem Gebiete, unzeitgemäß und erinnert an die lächerlichen Versuche französischer Philologen aus längstvergangenen Zeiten, ihre Muttersprache, quand m e m e, aus dem Hebräischen abzuleiten. Als Ausgangs- Punkt solcher falscher Jdeenverbindungen möchte ich ein typisches Beispiel anführen. Den Zusammenhang des deutschen Wortes „M a m o n" und des hebräischen paa wird auch ein Laie deutlich erkennen und bei einiger Phantasie ein ethnisches Moment construiren. Der wissenschaftlich gebildete Philologe aber wird ohneweiters in der Lage sein, sich das rein Aeußerliche dieses Zusammenhanges zum Bewußtsein zu bringen. Das im griechischen Urtext und in der Vulgata seine ursprüngliche Gestalt beibehaltende m ä m ö n, welches als Personifikation des Reichthumes aufgefaßt wurde, hat Luther unübersetzt gelassen, z. B.: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon, Matth. 6, 24. Das angeführte Beispiel zeigt deutlich, zu welchen Ergebnissen ein Laie und ein Philologe gelangen kann, der eine, den planlosen Eingebungen seiner Phantasie folgend, der andere, sorgsam der Geschichte des Wortes nachspürend und auf gesicherten Thatsachen fußend. Dieser willkürlich von mir construirte typische Fall wird durch den Versuch Grodtzinski's („Oesterreichische Wochenschrift" 1898, Nr. 40, pag. 727) über die Herleitung der Bezeichnung „Germanen" auf die wirksamste Weise illustrirt. Freilich ist es Thatsache, daß die Etymologie des Völkernamens „Germanen" noch lange Zeit ein Problem sein dürfte. Doch ist es Pflicht und Schuldigkeit des wissenschaftlich Gebildeten festzustellen, daß vom Standpunkte der modernen Sprachwissenschaft die keltische Herkunft dieses Wortes die größte Wahrscheinlichkeit für sich hat. Mag es der eine als „Bewohner eines Waldlandes", der zweite als „Nachbarn" deuten, jedenfalls sind die sprachlichen und geschichtlichen Verhältnisse Beweise genug, daß die Bezeichnung „Germanen" dem Keltischen entstammt (vergl. Zeuß, Gramm, celt. 735). Die Contamination des hebräischen "ü mit dem indischen „manu" ist eine Absurdität. Doch die apodiktische Feststellung der Verwandschaft des französischen guerre mit dem bebräischen “ü dürfte mehr der Pathologie als Philologie angehören. Deutsche mit w anlautende Worte, welche durch die fränkische und burgnndische Invasion dem französischen Sprachschätze einverleibt wurden, ließen ihr w, das eine ganz bestimmte, dem Germanischen eigenthümliche Aussprachenuance hatte, im Romanischen in g u übergehen: Althochdeutsch werra (englisch war, früher warre; mittelhochdeutsch werre, Zank, Zwie-

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