Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 41 (14.10.1898)
- Date
- 1898-10-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 742 Vr. Vloch'r Wochenschrift. Nr. 41 Klarheit die Richtung, in welcher die Rechtspflege schleunigst zu reformiren ist. Die Richter dürfen ihre Autorität nicht über die von Professoren stellen; sie haben also eigentlich gar nicht selbst zu urtheilen, sondern haben einfach das Gutachten von Professoren abzuschreiben, vorausgesetzt, daß es im Sinne der Christlich-Socialen gehalten ist. Und dann müssen sie sich in einer Lage befinden, wo sie der „ allgemeinen" Ueberzeugung, nämlich der der Antisemiten, „nicht entziehen können." Bisher haben wir uns der irrigen Meinung hingegeben, daß die Richter nach Eid und Gewissen verpflichtet sind, nach ihrer eigenen Meinung zu urtheilen; jetzt wissen wir aber, daß sie sich nach der Meinung der Christlich-Socialen zu richten haben. Vielleicht wird es zweckmäßig sein, die Gerichtsverhandlungen im Rathhause durchzuführen und die Galerien mit jener Elite der Bevölkerung zu wattiren, deren „Ueberzeugung" die oppositionellen Gemeinderäthe sich noch rechtzeitig entzogen haben. Der begeisterte Anwalt des mündlichen und öffentlichen Verfahrens und Besitzer eines dreistöckigen Wahrheitsbeweises ist aber nicht blos Jurist, sondern auch Socialpolitiker. In dieser ihm plötzlich zugestoßenen Eigenschaft sagt er: „Der ganze Zug der socialpolitischen Entwicklung geht ja heute dahin, daß die allgemeinen Interessen gegenüber Privatinteressen gefördert werden müssen, (z. B. die allgemeinen Interessen der Gemeinde Mühldorf gegenüber den Privatiuteressen chres Ehrenbürgers. Anm. d. Red.) Umsomehr gilt dies, wenn es sich um Ansprüche einer ausländischen Gesellschaft gegen ein großes Gemeinwesen, wie es die Stadt Wien ist, handelt. Wenn eine österreichische Gesellschaft in London gegenüber der Stadt London solche Ansprüche erhoben hätten, wie die englische Gas-Gesellschaft von den Wiener Gerichten, so wäre sie zweifellos damit abgewiesen worden". Also abermals die Berichtigung eines so weit verbreiteten Jrrthums, wie es die gänzlich veraltete Anschauung ist, daß der Richter ohne Ansehen der Person, nur nach Recht und Gerechtigkeit, zu entscheiden habe. Wenn ein Ausländer klagt, ist das Recht ein anderes, und wenn eine Gemeinde geklagt wird, so ist ebenfalls das Recht ein anderes. Der rechtsgelehrte Vergani hat nicht genug daran, die österreichischen Richter zu beleidigen; seine persönliche Neigung führt ihn sogar über den Canal. * * * Das „Deutsche Volksblatt" bietet übrigens auch sonst eine recht appetitliche Lectüre. So erzählt es beispielsweise eine Geschichte von einer Lemberger Jüdin, die täglich in Milch badete. Die Milch wurde dann aus der Wanne wieder abgelassen und an die „Gojim" verkauft. Die Geschichte ist augenscheinlich wahr, denn sie steht im „Deutschen Volksblatt". Es wundert uns nur, daß der Verfasser dieser anmuthigen Notiz an die Pointe vergessen hat, mit welcher die uralte Anekdote von dem Champagnerbade einer arischen Schauspielerin ausgestattet war, deren Verehrer 50 Flaschen Rüderer gespendet hatten und 51 Flaschen zurückerhielten. Um aber seinen Lesern keinen Genuß vorzuenthatten, erzählt das „Deutsche Volksblatt" wieder, daß die Lemberger Juden die Leichen mit Wein waschen und auch diesen Wein an die „Gojim" verkaufen, auf welche hiedurch die Sünden der verstorbenen Person übergehen. Man müßte über diese Ausgeburt echt antisemitischer Phantasie lachen, wenn man nicht zu viel Ekel davor empfinden müßte, nicht blos physischen Ekel vor den Vorstellungen, welche durch die Erdichtung hervorgerufen, sondern auch moralischen vor der Verworfenheit der Mittel, durch welche das Verganiblatt Abscheu vor den Juden hervorzurufen sucht. Die Leniberger Jüdin badet in Milch; wenn man das „Deutsche Volksblatt" liest, so badet man in Schlamm. Und der wird ebenfalls, um mit Vergani zu reden, an die „Gojim" verkauft. Robert Wolf. An die jüdische Bevölkerung Wiens. Mitbürger und Glaubensgenossen! Im Interesse der neuerdings arg bedrohten interconfessionellen Volksschule rufen wir Euch hiemit zu öffentlicher Abwehr auf! Diesmal ist der kühne Anschlag zunächst gegen unsere jüdischen Schulkinder gerichtet, durch deren plötzliche Ausscheidung aus der bisherigen Gemeinschaft mit den anderen Schulkindern Recht und Gesetz nicht minder als der Bürgerfriede schwer verletzt und confessioneller Haß schon im Kindesherzen erregt wird. Glaubensgenossen! Erscheinet zahlreich bei der Montag den 17. October 1898, 7 Uhr Abends im Festsaale des K a u f m ä n n i s ch e n V e r e i n e s, I., Johannesgasse 4 stattfindenden Protest - Versammlung, um daselbst Euere Stimme zu erheben gegen die uns zugedachte Rechtsverkürzung, welche überdies als Ausfluß der seit Jahren uns gegenüber betriebenen Verhetzung, wie diese selbst, eine bedenkliche Schädigung des Gemeinwohles bedeutet. Tagesordnun.gr Besprechung des Wiener Bezirksschulrath-Erlasses vom 5. September 1898; Beschlußfassung über eine Resolution und eine an die hohe Unterrichtsverwaltung zu richtende Massenpetition. Wien, 10. October 1898. Wilhelm A n n i n g e r kais. Rath, Präsident der Oesterr.- Jsrael. Union S. B r o d Vorstandsmitglied des Politischen Volksvereines Gottlieb Bettelheim Obmann des Bethaus - Vereines IX. Bezirk Hermann Beck k. k. Hoflieferant Dr. I. S. B l o ch Herausgeber der „Oesterr. Wochenschrift" Hermann E l t b o g e n Obmann des Bethausvereiues Brigittenau Dr. Hermann F i a l l a Hof- und Gerichts-Advocat, Präsident des Politischen Volksvereines Max Fleischer Architekt Theodor Ritter v. G o l ds ch m i d t k. k. Baurath Dr. Richard G o l d m a n n Hof- und Gerichts-Advocat, Gemeiuderath Dr. Josef G r ü n f e l d Universitäts-Docent S. H e i t Fabriksbesitzer, Ortsschulrath Dr. Marcell H o f f m a n n Benedict A. L a n g b a n k Director Sigmund Mayer Vice-Präsidcnt der Oesterr.-Jsrael. Union Dr. Alfred Mittler Hof- und Gerichts-Advocat, Gemeinderath Ernst Neustadt! Kaufmann Dr. Julius Ofner Hof- und Gerichts-Advocat, Landtagsabgeordneter Dr. Max O r n st e i n Hof- und Gerichts-Advocat Wilhelm P o l l a k kais. Rath Julius P o l l a k Ortsschulrath Richard Rappaport Vicepräsident des Jüdischen Volks- Vereines Adolf R u z t <* f a kais. Rath Carl S e l i g m a n n Kaufmann Dr. Alfred Stern Hof- und Gerichts-Advocat, Gemeinderath Wilhelm S t i a ß u y k. k. Baurath, Gemeinderath Michael Straffer fiihrer des Polit. Volksvereines Max H i l l e r Bezirksausschuß' imb Ortsschulrath Dr. Oscar Hein Hof- und Gerichts-Advocat, Bezirksausschuß Moriz Hirsch kais. Rath Jacob Jaiteles Fabrikant Dr. Jacob K o h n Advocaturs-Concipient Josef K a r e i s im VIII. Bezirk Adolf Schrämet Kaufmann Leopold Strauß Ortsschulrath Dr. Moriz S ch n e p p Ortsschulrath Carl T a g l e i ch t Gemeinderath Adolf T a u ß k y Präsident des Tempelvereiues III. Bezirk Heinrich Teltscher uu k. k. Hofrath, Reichsrathsabgeord. Vicepräsident des Politischen Volks- Siqmund K a u d e r s Vereines Weingroßhändler Leopold Werter Adolf Lichtblau Präsident des Schulvereines im Schriftsteller VI. Bezirk Hermann Liebermann Donath Hifferer Kaufmann Gemernderath Dr. Hermann L ö w i Ortsschulrath