Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 41 (14.10.1898)
- Date
- 1898-10-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 740 Dr. Bloch's Wochrnschrrfi Nr. 41 Hetzen, um dann seinerseits einen Staatsstreich zu unternehmen, um ohne Rücksicht auf die Stimmung des Landes und der Armee die Revision erzwingen zu können. Indessen kann man heute schon voraus sagen, daß all dies den Sieg der Wahrheit nicht aufhalten werde. Die friedlichen Leute, welche an der Seine promeniren, sind verstimmt, wenn sie aus Jnfanteriefeldwachen und Dragonervedetten stoßen und gehen mit einem leichten Gefühl des Gruselns uach Hause. Jeder sagt: „Wer weiß, was noch kommen kann l" Einer zählt dem Anderen alle Schwierigkeiten auf, die zu überwinden sein werden : Wie wird der Strike beendet werden? Wird man die Freilassung P i c q u a r t's (denn eines Tages muß er doch freigelassen werden >) nicht durch einen Gewaltstreich zu verhindern suchen? Wie wird es werden, wenn D r e y f u s in Frankreich landet? In dem allen ist natürlich unendlich viel Uebertreibung. Es ist sehr möglich, daß der Strike in den ersten Tagen der kommenden Woche beendet sein wird; die Führer der Strikenden rathen von allen Gewaltthaten ab, ermahnen zur Ruhe — der Ausstand kann also den ganz normalen, friedlichen Verlauf nehmen. Daß es schwer sein wird, Picquart seinen Gegnern zu entreißen, ist freilich sicher. Diese Affaire Picquart, welche die Regierung sich hat anfhalsen lassen, ist, wie vom ersten Tage ab gesagt wurde, das schlimmste Hinderniß für eine friedliche Lösung der verfahrenen Situation. Die Rückkehr Dreyfus' ist vielleicht weniger zu fürchten — trotz der großmäuligen Drohungen Rochefort's und Döroulöde's. Wem man vor zwei Monaten gesagt hätte: „Der General deBoisdeffre wird demissioniren", der hätte geantwortet: „Das gibt eine Revolution!" Herr Boisdeffre ist verschwunden und kein Hahn hat danach gekräht. Nichts wird in Frankreich so sehr respectirt wie das „fait accompli“. Zur Mrthschastsgeschichte des Mittelalters. Einen interessanten Beitrag zu dem Eapitel der deutschen Wirthschasts- und politischen Geschichte stellt ein Ur kündenfund dar, der bei den Ärbeiten für die Monumenta Germaniae historica im Reichsarchiv zu Münster gemacht wurde. Auf einem mäßig-großen Pergamentblatt fand sich ein Original-Verzeichniß aus dem Jahre 1241, welches all' die Steuersummen, die Stadt- und Judengemeind e n, Königshöfe, Reichsdörfer, Vogteien und Aemter zu entrichten verpflichtet waren, übersichtlich wiedergibt. Die ältesten Nachrichten über solche allgemeine Reichssteuern stammen schon aus einer anderthalb Jahrhunderte früheren Zeit. Im Jahre 1084 — erzählt eine Regensburger Handschrift — habe Kaiser Heinrich IV., der in Italien bedeutende Summen hatte ausnehmen müssen, Matrikular-Beiträge von den Reichsfürsten und größere Gelder von den Städten erhoben. Aber zu einer festen Einrichtung gestaltete sich diese Besteuerung trotz mannigfacher Versuche Heinrich's V. erst etwa ein Jahrhundert später unter Otto IV.; als das Reichsgltt in den Känrpfen der Gegenkönige verschleudert war, als man von einer Belastung der Fürsten mehr und mehr Abstand nahm, um sie für die Reichsregierung günstiger zu stimmen, da zog man die königlichen Städte, die ja im 12. und 13. Jahrhundert einen herrlichen Aufschwung nahmen, zu Abgaben und Leistungen regelmäßig heran. Ueber Art und Umfang dieser Lasten gibt nun das jüngst entdeckte Verzeichniß ein interessantes Bild. Gegen 90 steuerpflichtige Orte, meist Städte, werden hier namentlich aufgefühtt. Alle Steuern verrathen ihren ursprünglichen Charakter der Freiwilligkeit; es sind wirkliche „Beden" (precariae), um deren Bewilligung der König zu bitten hatte. Unter den aufgezählten Städten genießen viele „Freistädte", wie Köln, Mainz, Worms, Speier, Straßburg Befreiung von den eigentlichen Stadtsteuern; nur die jüdischen Gemeinden dieser Städte haben für ihre Privilegien Abgaben an den König zu entrichten. Von großer Bedeutung scheinen die Judensteuern gewesen zu sein; so zahtten die Gemeinde in Straßburg allein 200, die in Worms 130 Mark, fast ebensoviel die Frankfurter; im Ganzen bringen die Juden etwa den achten Theil der gesummten Steuersumme auf, die einen Werth von 375.000 Mark nach heutigem Gelde darstellt, für jene Zeiten der Naturalwirthschaft eine ganz gewaltige Summe. (Ueberdies sind in dem Verzeichniß eine ganze Reihe von steuerpflichtigen Gemeinden, wie Lübeck, Nürnberg. Regensburg, nicht enthalten). Nach Dr. Traugott Geering, Handel der Jndusttie der Stadt Basel (Basel 1696, Verlag von Felix Schneider; Geering bekleidet das Amt eines Chefs der LI. Abtheilung der eidgenössischen Oberzolldirection in Bern) waren die Juden im 12., 13. und 14. Jahrhundert neben den Lombarden und Cauwertschen (den Flüchtlingen aus Cahas) die Bankiers und Finanzmänner. Zu Anfang des 13. Jahrhunderts verpfändete Heinrich von Thun an die Juden den gesannnten Kirchenschatz, und mit dem dafür gewonnenen Gelde begann er das gewaltige Unternehmen des Baues der alten Baseler Brücke. Thun hat sich dadurch ein bleibendes Verdienst um die wirthschastliche Entwicklung des ganzen Oberryeinviertels erworben. Gegen Ende des 13., Anfang und Mitte des 14. Jahrhunderts gehören die Juden in Basel zur baute tiuauLe*). Im Jahre 1284 kauft sich Salmannus Judeus, den wir später im Jahre 1321 als Bürger von Köln antreffen, am Rindermartt in Basel ein. Sein Sohn Moyses von Köln kaust 1324 die Hälfte des Mannenhofes am Rindermarkt zu Basel. 1335 verpfändet der Baseler Rath „Moyses-Hof von Köln und die Briefe ... an Judelin von Henouwe". Der Manneuhof trug bis zum Judenmorde im Jahre 1349 den Namen „Moyses- Hof von Köln". Der Baseler Rath erwarb einstweilen für zehn Jahre den kaiserlichen Judenschutz und bezog auf Grund dessen seine Percente von jedem Geldgeschäft der Juden. In den Jahresrechnungen finden wir daher eine Rubrik: „von den juden, die gedingt hat". In den Rechnungen von 1362 ff. kommen folgende jüdische Namen vor: Salomon, Hogkman, Sansy, Robin, Eberlin, Menlin, sein Weib die Menlerin, Vinelin (oder Umelin?) und Helyas ihre Söhne, (?) Sara, Frau Jutin. Der reichste Jude damaliger Zeit in Basel war Moyses von Colmar. Er lieh der Stadt Basel im Jahre 1375 auf einmal 4300 Pfund silberner Pfennige, was nach dem heutigen Münzwerthe 61.920 Reichsmark beträgt. Binnen der Zeit 1362—95 konnte die Stadt Basel ihre 7— 10percentigen Anleihen in solche zu 6 V-, convertiren, und bis zum Jahre 1425 ist sogar der Zinsfuß auf 4—5 Percent gesunken. „Das sichere technische Vorgehen, das den damaligen städtischen Finanzoperationen zu Grunde liegt" — sagt Dr. Geering — „werden wir auf Rechnung der Juden zu setzen haben, an denen die Stadt von 1365—74 ihr Interesse fand." Im XV. Jahrhundert traten die Italiener förmlich an Stelle der Juden. Italiener und Juden, nahmen an Finanzoperationen theil, die Italiener sind an diesen stärker als die Juden betheiligt. Kaiser Sigismund gründete 1425—29 in dem nicht so verkehrsreichen Basel eine dritte Reichsgoldmünze. Das Gold wird auf dem Baseler Martt am wohlfeilsten, die Lombarden finden darin ein gutes Geschäft, das Gold außerhalb des Landes zu führen, die Juden folgen ihrem Beispiel. Man klagt über die Lombarden, aber in schrofferem Tone über die Juden: „darum darf Niemand — klagt man — fragen, wo der christenmenschen geld oder ir barschast hinkommen, sondern die bösen unseligen Hellenhunde versenden das uszer lande mit iren uffsetzigen listen." Zur selben Zeit, als die Juden von Basel verwiesen waren, im Jahre 1546, verfügte der Baseler Rath, daß die Welschen nicht zu Bürgern oder zu Hintersassen angenommen werden, man solle sie „glat fürweisen und in der Stadt nicht dulden". Man warnte zugleich die Baseler Töchter, „daß sie keinen Welschen heirathen. Sonst werden sie selbst sammt ihren welschen Männern von Stadt und Land weggeschickt werden." In dieser ökonomischen Geschichtsperiode wirkte in Basel eine imposante Persönlichkeit jüdischer Abstammung, Marco Perez, geboren 1527, gestorben 1572. Perez war ein spanisch-jüdischer Flüchtling. In Holland ging er zum Calvinismus über. Er war dann Aeltester und Präsident der Calvinistengemeinde in Antwerpen und wirtte eifrig für den Protestantismus. Als vielfacher Millionär, Bankier und Großkaufmann war er einer der ersten Finanzmänner Wilhelms von Oranien. Er begründete in Antwerpen eine geheime Buchdruckerei und schmuggelte 30.000 Exemplare von der in derselben gedruckten Institutio Calvins nach Spanien hinein. Aus Furcht, in spanische Hände zu fallen, wunderte er im Jahre 1567 von Antwerpen aus. Perez kam dann nach Basel und verkehrte viel mit der dortigen Gelehrtenwelt, er war befreundet mit dem Professor der Medicin Theodor Zwingger und mit dem damals in Basel weilenden Petrus Ramus. Spanische und ftanzösische Flüchtlinge fanden in seinem Hause stets einen Zufluchtsort; durch seine finanzielle Unterstützung konnte die spanische Bibelübersetzung des spanischen Refugianten Cassiodor de Reyna bei Thomas Guarin im Jahre 1569 gedruckt werden. Perez widmete seine. ganze Kraft der Unterstützung der französischen protestantischen Flüchtlinge und übte eine große Wohlthätigkeit aus. Perez legte dem Baseler Rath einen Protest vor, das Seidengewerbe einzuführen und in der Se'denindustrie die französischen protestantischen Flüchtlinge zu beschäftigen. Er wurde der Begründer der jetzt so blühenden Baseler Seidenindustrie, und der Name Perez bedeutet in der Baseler Wirthschaftsgeschichte einen Wendepunkt zwischen der alten Zunft und der neuen Manufacturperiode. Die Zunftmeister verfolgten Perez zwar nicht als ehemaligen Juden, jedoch als Großindustriellen. Speciell wütheten sie gegen einen Freund von Perez, einen spanischen Flüchtling Namens Servaters, den Perez sehr unterstützte, und der ihnen starke Concurrenz machen sollte. Die kleinlichen Zünftigen wollten sogar, daß Perez in seinen bürgerlichen Rechten sistirt werde. Perez starb im Jahre 1572. Sein Freund Servaters und seine Gattin, eine geborene Lopez, verließen Basel nach Perez Tode. In der Peterskirche setzte ihm seine Frau eine einfache Grabtafel *) Vergleiche Dr. Farbstein, „Zur Witthschaftsgeschichte der Juden" in der Allgemeinen Zeitung des Judenthums.