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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-10-14 · 41 (14.10.1898) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
41 (14.10.1898)
Date
1898-10-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 41 Vr. Bloch's Wochenschrift Seite 739 zu zahlreich sind, als daß sie eine rasche Erledigung finden könnten; zugegeben auch, daß es vielleicht an Kräften mangelt, die für ein so großes Reformwerk nothwendig sindj: dann ist es aber Pflicht der Vertreter durch eine bessere Organisation der Ueberbürdung mit den kleinen Tagesarbeiten entgegenzuwirken und für eine Heranziehung von Kräften zu sorgen, welche noch etwas mehr leisten, als das Tagespensum aufzuarbeiten. Es wird dies freilich nicht angehen, ohne daß sich der Vorstand auch endlich dafür entscheide, daß er die „Freiwilligen" in der Armenpflege nicht entbehren kann. Vergebens wehrt man sich gegen diese Einrichtung. Sie besteht überall, und wo sie richtig gehandhabt wird, wirkt sie vorteilhaft. Warum soll es denn nicht in der Wiener Gemeinde gehen? Johann Lichtenstadt. Die Revtston des Dreyfus-Proreffes. Paris, 16. October 1898. Als ich das letzte Mal Ihnen schrieb, standen wir hier noch im Zeichen des drohenden Staatsstreiches. Seither hat in dieser Beziehung jedoch ein sehr beachtenswerther Umschwung stattgefunden. Damals hätten sich die Generale noch mit oder ohne Beihilfe des Präsidenten der Republik, bezw. einzelner Minister, sozusagen, ohne einen Schuß abgeben zu müssen, zu Herren von Paris und von ganz Frankreich machen können. Die große Masse der Bevölkerung in Paris und mehr noch in den Provinzen hätte dem Staatsstreich zugejubelt, und die Herren mit Degen und Federbusch hätten ihre Thätigkeit darauf beschränken können, ein paar Dutzend, wenn es hoch gekommen wäre, ein paar hundert „intellectuelle" und politische Größen der gegenwärtig herrschenden Schichten zu verhaften. Heute würden die Dinge sich ungleich weniger friedlich und harmlos abspielen. Drei Männer der Presse, Herr Ives Guot vom „Siecle" (gemäßigt liberal), Herr Clemenceau von der „Aurore" (radical) und Herr I a u r ö s von der socialdemokratischen „Petite Republique" haben unter Mithilfe des Herrn de Pressense, indem sie sich der Volksversammlungen als Nährboden für die Ausbreitung der Revisionsidee bedienten, einen völligen Umschwung in der öffentlichen Meinung zuwege gebracht. Herr de Pressense und seine Freunde haben die Regierungsrepublikaner von der Richtung des früheren Cabinets Möline und des Zukunftsministeriums, mag dies wen auch immer zum Chef haben, bearbeitet. Herr Wes Guyot hat die liberalen Republikaner im Allgemeinen aus dem Schlafe aufgerüttelt. Herr Clemenceau hat die Radicalen, unter ihnen die Masse der Anhänger des gegenwärtigen Ministeriums, unter die Waffen gerufen, und Herr Jaurös hat die Arbeitermassen aufgewühlt. Die Hauptarbeit hat dabei unzweifelhaft Herr Jaurös gethan. Bis zu den letzten Wahlen war er nicht nur der geistig bedeutendste, sondern auch der einflußreichste Führer der Socialdemokraten. Bei den Neuwahlen im Frühjahr unterlag er hauptsächlich deshalb, weil er für die Revision des Dreyfus-Processes eintrat, während Andere ihren Vortheil darin zu sehen glaubten, daß sie an der Seite der Nationalisten, Exboulangisten, Antisemiten rc. die Revisionsfrage dazu benützten, um der Regierung Schwierigkeiten zu bereiten. Herr Jaurös fiel durch, aber dies Mißgeschick scheint ihm erst Flugkraft gegeben zu haben. Er setzte unmittelbar nach den Wahlen an demjenigen Punkte ein, an dem er unterlegen war, an der Revisionsfrage, und ihm, Herrn Jaurtzs, ist es, wie bereits gesagt, in erster Linie zuzuschreiben, wenn heute die französischen Socialdemokraten nahezu geschlossen für die Revision eintreten, die sie früher bekämpft haben, und wenn das Bündniß, das früher zwischen den Socialdemokraten, den Nationalisten, Exboulangisten, Antisemiten bestand und das diese buntscheckige Vereinigung zu Herren in Paris machte, gesprengt wurde. Heute liegen die Dinge hier so, daß einmal, was ja im Wesentlichen auch früher schon der Fall gewesen ist, der gebildete Theil der Franzosen, soweit sie nicht im Banne des Clericalismus, beziehungsweise im Banne des Jesuitismus stehen und soweit sie nicht zu eng mit dem schwer gekränkten und erbitterten Officiercorps Zusammenhängen, für die Revision des unseligen Processes vom December 1894 eintreten, theils aus Gründen der Gerechtigkeit, theils um das durch und durch ungesund gewordene öffentliche Leben wieder zu saniren, theils aber auch aus Opportunismus und weil es einen anderen Aus-^f weg nicht mehr gibt. Es ist aber zugleich Thatsache, daß neuer-I dings auch, von den Knüttelmännern abgesehen, die im Solde« der Däroulede'schen Patrioten stehen, der minder gebildete und der ganz ungebildete Theil der Pariser Bevölkerung, insonderheit die Bevölkerung der Pariser Vorstädte, die sogenannten Arbeiterbataillone, revisionistisch geworden ist. Sollte also — und das ist, was ich hier hervorheben wollte — heute noch ein französischer General gewillt und mit der nöthigen Macht versehen sein, einen militärischen Staatsstreich, gestützt in erster Linie auf die Garnison von Paris, zu unternehmen, so würde er sich darauf gefaßt machen müssen, eventuell nicht nur gegen die Regierung, sondern auch gegen die Vorstädte marschiren zu müssen. Der Conseilpräsident Herr B r i s s o n ist das Urbild eines jeder Extravaganz im Handeln wie in der Erscheinung abholden ernsten Bürgers; fast immer zeigt er eine umwölkte Stirne, eine trübe, sorgenvolle Miene, und wenn er spricht, so geschieht es zumeist mit dumpfer, hohler Stimme, im Tone eines strafenden Propheten, der seinem sündigen Volke den nahen Untergang verkündet. Er wird daher von boshaften Gegnern nicht nur der „Aristides", sondern auch die „Trauerweide der dritten Republik" genannt. Die Regierung möchte offenbar am liebsten Dreyfus freilassen nach Cassation des gegen ihn gefällten Urtheils, ihn dann aber nicht wieder anklagen; sie möchte Esterhazy Esterhazy und Boisdeffre Boisdreffre sein lassen uitb so der Pflicht überhoben werden, Verantwortlichkeiten nachzuspüren und die compromittirten Minister, Generale, Generalstabsofficiere rc. zur Verantwortung zu ziehen. Die Regierung möchte vor Allem nicht genöthigt werden, den Schleier zu lüften, der auf der Thätigkeit und dem Gebühren des Nachrichtenbureaus der militärischen Spionage und Contrespionage ruht. Ob sich das Alles wird durchführen lassen, ist eine Frage, die heute noch Niemand beantworten kann. Das Ziel auf dem Wege der Jntrigue und künstlichen Rechtsinterpretationen erreichen zu wollen, wie die Regierung es versucht, ist gefährlich; die ordentlichen Gesetze, wie sie heute bestehen, gewähren die nöthigen Handhaben nicht; es wird also wohl ohne Ausnahmsgesetze und ohne Gewaltstreiche nicht abgehen. Solche Gewaltstreiche sind ja hier aber an der Tagesordnung, und Ausnahmsgesetze sind, wie die Erfahrung lehrt, sehr leicht zu erlangen. Ganz ließe sich jedoch wahrscheinlich selbst durch Rechtsvergewaltigungen und durch Gesetzgebungen ad hoc, und selbst wenn es gelingen sollte, die Revision des Dreyfus-Processes auf ein absolutes Minimum zu beschränken und statt der Revision die Cassation durchzusetzen, die Frage nach der Verantwortlichkeit für die begangenen Rechtsirrthümer, Rechtsbeugungen und Rechtshintergehungen, nicht beseitigen. Einige Opfer wird die Regierung der öffentlichen Meinung immer bringen müssen. Der Ex-Kriegsminister, General Mercier, der Ex-Chef des Generalstabs, General Boisdeffre, und Ex-Oberstlieutenant Du Paty de Clam werden wohl kaum dauernd zu schützen sein. Zu der die Ordnung in den Straßen ohnehin schon gefährdenden Erregung über dieDreyfus-Angelegenhert, zu der erbitterten Fehde zwischen den Anhängern und den Gegnern der Revision, zu dem Mißtrauen und der Spannung zwischen den Repräsentanten der bürgerlichen und der militärischen Gewalt, ist nun auch noch der offene Kampf zwischen einem sehr erheblichen Theil der Pariser Arbeiterschaft und ihren Arbeitgebern, der große Strike im Baugewerbe, hinzugetreten. Der Strike der Erdarbeiter scheint aber zu einem Massenausstande im gesammten Pariser Baugewerbe sich auszuwachsen, und damit beginnen denn auch die zuerst mit Erfolg ferngehaltenen professionellen Schürer und Hetzer ihr Wesen oder vielmehr ihr Unwesen zu treiben. An der Arbeiterbörse, dem Centrum der ganzen Agitation, haben alle Diejenigen sich Rendezvous gegeben, die auf ernstlichere Krawalle, wenn nicht auf Schlimmeres zielbewußt hinarbeiten. Es ist klar, und von beit Kennern der Affaire offen eingestanden, daß die vor keiner Schandthat mehr zurückschreckenden „Patriotards" hinter dem Ausstand stecken, daß die Arbeiter unbewußt einer militärisch-clericalen Jntrigue sich dienstbar machen. Und es ist bezeichnend für die antisemitische Kampfmethode, daß die Dsroulöde und Genossen zu behaupten wagen, daß die Bewegung mit den unerschöpflichen Mitteln des internationalen Dreyfus-Syndicats in das Werk gesetzt worden sei, ja Henri Rochefort geht in seinem „Jntransigeant" soweit, Herrn B r i s s o n als den eigentlichen Urheber des Streik zu denunciren. Dieser schlechte Patriot und Judenknecht wolle das ‘ edle Volk von Paris und die nicht minder edle Armee aneinander-

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