Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 40 (7.10.1898)
- Date
- 1898-10-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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beite 734 Dr. Bloch'» Wochenschrift Nr. 40 Um das Hochgericht, auf dem die schaurige Procedur vorgenommen werden sollte, war ein weites Quarre von einem ganzen Bataillon Fußvolk gebildet, das unter der Anführung eines Majors zu diesem Behufe aus der nahegelegenen Grenzsestung eingetroffen war. Innerhalb des Quarres befanden sich die Mitglieder des Criminalgerichtes, den Bürgermeister Purkhammer an der Spitze. Die Menge, welche sich bis jetzt laut und ungezwungen unterhalten hatte, verstummte plötzlich. Auf der von der Stadt zum Richtplatze führenden Straße wurde die Spitze des Armensünderkreuzes sichtbar. Als Avantgarde ritten zwei Husaren, die gespannten Carabiner in der Hand; dann folgte ein geschlossener Wagen, in welchem der Henker in seiner Amtstracht mit seinem Gehilfen saß. Zu seinem Schutze ritten uni seinen Wagen sechs Husaren, den blanken Säbel in der Faust, dann folgte der Armensünderkarren, auf welchem der Berurtheilte saß, rechts und links neben jenem gingen auf jeder Seite fünf Musketiere mit geladenen Gewehren. Abraham Duppan war entsetzlich bleich und saß regungslos da, er sah weder rechts noch links, sein Blick war nur zum blauen Himmelsbogen emporgerichtet. — Dem Wagen folgte, von einem Rufe allgemeinen Erstaunens begrüßt, Lea, zu Fuß, am ganzen Leibe zitternd, mit einem kreideweißen Gesichte, den Blick nur auf den voraufahrenden Karren gerichtet .... Diese Treue war doch noch ohne Beispiel gewesen, daß ein Weib, um sich von ihrem Gatten bis an sein Lebensende nicht zu trennen, so Schauervolles mitansehen mochte! .... Selbst auf den Rohesten, den Verwildertesten der Anwesenden, machte diese Hingebung einen tiefen Eindruck. Zwei Husaren, gleichfalls die Carabiner schußbereit, schloffen als Arieregarde den Zug. Bei aller Traurigkeit des entsetzlichen Schauspieles, das jetzt in Scene gesetzt werden sollte, machte die große militärische Machtentfaltung doch einen fast komischen Eindruck. Es fiel ja Niemandem ein, einen Versuch zur gewaltsamen Befteiung des Verurtheilten zu machen. Als sich der Zug dem Quarrä näherte, öffnete sich dieses. Die Soldaten machten zuerst Miene, die arme, zudringliche Frau nicht einzulaffen; aber der commandirende Stabsofficier, dessen Brust mit einem Orden geschmückt war, hatte in den wilden Stürmen des Kriegerlebens es doch nicht verlernt, menschlich zu fühlen, und mit einer leichten Senkung des blanken Degens ertheilte er den Soldaten unhörbar den Befehl, die Frau nicht von ihrem Gatten zu trennen. Als der Armensünderkarren in der Nähe der versammelten Gerichtspersonen stille hielt, gab. der Bürgermeister mit etwas verschleierter Stimme den Befehl, den Delinquenten herunterzuheben, aber Duppau wies durch eine Handbewegung die Unterstützung der Henkersknechte zurück und betrat langsam den Boden. Jetzt richteten sich die Blicke aller Anwesenden, die nach Tausenden zählten, auf ihn. Die kleineren der Rückwärtsstehenden erhoben sich auf die Fußspitzen und reckten die Hälse, benützten zuweilen auch die Schultern kräftiger Vordermänner, sich auf jene stützend, um sich einen Moment frei in die Höhe zu schwingen; Mütter hoben ihre Kinder in die Höhe. Duppau war einen Augenblick in tiefes Denken versunken, er schien alle seine Sinne nach Innen gerichtet zu haben; einen Moment später ließ er den Blick über die Menge schweifen, dabei erblaßte und erröthete er abwechselnd, — er mochte unter den Anwesenden doch Manchen erkannt haben, dem er Gutes erwiesen, und der nun doch gekommen, sein entsetzliches Ende mitanzusehen. Nun fiel sein Blick auch auf das Gerüst, auf welchem er vom Leben zum Tode gebracht werden sollte; er zuckte zusammen; aber gleichzeitig fühlte er sich an der Schulter berührt, und als er sich umwandte, blickte er in das thränenüberfluthete, bis zur Unkenntlichkeit bleiche und entstellte Gesicht seiner Gattin. „Fürcht Dich fein nöat Abraham!" sprach sie, und die heftige Bewegung ließ ihre Stimme noch viel tiefer als sonst erscheinen, „der allbarmherzige Gott wird Dich ja nöat ganz verlassen, er wird ja mit Dir sein in Deiner letzten Stunde!" Zuerst flackerte es freudig auf in Duppau's Zügen und er rief: „D u hier?! Du bist mir doch gefolgt, Du treue, edle Seele?!" — aber schon unmittelbar darauf prägte sich in seinen Zügen der tiefste Seelenschmerz aus und er fuhr fort: „Lea, das hättest Du mir nicht thun sollen! .... geh' .... geh'! Deine Anwesenheit würde uni Deinetwillen meine Todesqualen nur vergrößernEine gute Frau muß ihrem Gatten immer gehorchen; — auch in seiner letzten Stunde, — und Du bist ja — weiß es Gott — eine gute Frau! . . . . Geh'! theures Weib, erweis' mir nur noch die eine, die letzte Liebe!" „Wenn Du befiehlst muß ich gehorchen!" entgegnete Lea tonlos. „Leb wohl! im Gan-Eden*) sehen wir uns wieder!" — sie warf sich stürmisch an Duppau's Brust, von dem sie sich nicht loszulösen vermochte. „Reißt die Beiden auseinander!" rief der Bürgermeister, „das Weib mißbraucht schon unsere Nachsicht! Die Execution hat nun zu beginnen." Schon wollten die Gehilfen des Scharfrichters dem Befehle Nachkommen, als Plötzlich der Major, welcher der ganzen Scene mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt war, seinen Rappen anspornend mit einigen Sätzen in die Nähe des Verurtheilten gelangte und den rohen Männern zurief: „Laßt sie!", zu Lea Duppau gewandt aber sprach er sanft: „Geh' Sie, liebe Frau! Ihr Mann hat Recht; — das ist kein Anblick für Frauen; — am allerwenigsten für die eigene Gattin; — geh' Sie mit Gott heim zu ihren Kindern!" Schweigend löste sich die Frau aus den Armen ihres Gatten los und wankte langsam, unsicheren Schrittes fort. „Jetzt hat die Execution zu beginnen!" rief der Bürgermeister. Die Henkersknechte wollten wieder an Duppau herantreten; aber der Major ergriff von Neuem das Wort. „Herr Bürgermeister!" sprach er, „ich möchte Sie im Namen der Menschlichkeit doch bitten, mit dem Beginne der Execution so lange zu warten, bis sich die Frau des Verurtheilten außer Gesichts- und Gehörweite der Richtstätte befindet." Der Bürgermeister war vor Zorn kirschbraun; die Einmischung des Officiers, der nur zum Schutze des Gerichtes und der Gerechtigkeit dienen sollte, brachte ihn so außer Fassung, daß er eine Zeit lang vor Wuth stumm blieb. Er verfolgte Lea Duppau mit den Blicken, endlich sprach er mit offenbarer Ironie und verbissenem Ingrimm: „Herr Obristwachtmeister! die Execution wird längere Zeit in Anspruch nehmen, wir, die Mitglieder des Gerichtes, und auch Sie werden bei weiterer Verzögerung sehr spät zur Mittagsmahlzeit gelangen! . . . . Glauben Sie nicht auch, daß wir jetzt schon beginnen können?" „So lange ich die Frau auf der Straße sehe, noch immer nicht!" entschied der Major. „Herr Bürgermeister! Sie bedauern die armen Criminalräthe und wohl auch sich selbst, weil der Braten zum Mittagsmahle kalt werden oder zu lange am Feuer stehen müßte; — bei Gott! Ihre große Geistesruhe und Ihre große Eßlust in diesem Augenblicke, flößen mir für Sie große Ver....," — der Major machte eine längere Pause — „Wanderung ein!" schloß er endlich. Purkhammer öffnete den Mund zu einer Erwiderung; aber plötzlich wurde seine und die allgemeine Aufmerksamkeit aus einen neuen Zwischenfall gelenkt. Lea Duppau war den Weg vom Richtplatz wie von unsichtbarer Macht gedrängt, ohne sich umzublicken, vorwärts geschritten; nun stand sie an der Biegung des Weges und wandte sich doch noch einmal um; da flog plötzlich ein Wagen so schnell die Straße einher, daß sie kaum auszuweichen vermochte. Das Dach des Wagens war zurückgeschlagen, so daß man die darin befindlichen Personen erkennen konnte. Es war ein wundersames Schauspiel, das sich der Menge darbot. Der siebenundsiebzigjährige Lucker Pfarrer, Pater Anselm Wolf, stand aufrecht im Wagen, der breitrandige Hut, der sonst sein ehrwürdiges Haupt bedeckte, war ihm, ohne daß er es bemerkt hatte, heruntergefallen, und seine langen Silberlocken flogen im Winde. Wer ein scharfes Auge hatte, konnte schon in einiger Entfernung erkennen, daß eine fieberhafte Röthe auf seinen Wangen flammte. Mit einem weißen Tuche, das er in der hochausgestreckten Hand flattern ließ, machte er lebhafte Zeichen; dabei rief er, von seinen beiden Begleitern mit kräftigen Lungen unterstützt: „Einhalten! . . . . Einhalten! Duppau ist unschuldig ... . unschuldig! der Thäter hat gestanden!" In den beiden Begleitern des Pfarrers erkannte der Bürgermeister zu seinem Schrecken Sonnenfeld und Globner. Mit unschilderbarer Raschheit war der Actuar aus dem Wagen gesprungen und hatte der schwankenden Lea Duppau einige Worte zugerufen; diese blickte ihn einige Secunden unverstehend an; dann aber stieß sie einen Hellen Jubelschrei aus. *) Paradies.