Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 40 (7.10.1898)
- Date
- 1898-10-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 40 Vr. Bloch'« Wochenschrift Seite 733 Leute, fast alle mehrerer Sprache» kundig, und der Handel Thessaliens wird die Lücke spüren, die durch die Auswanderung entsteht. Petersburg. Dem „Woschod" theilt ein Correspondent mit. daß der kürzlich verstorbene Edward Bellamy, der Verfasser des berühmten „Rückblick aus dem Jahre 2000" ein Jude gewesen sei. Der Schreiber will diese Nachricht von Bellamy selbst gehört haben. London. Oberstlieutenant Harris ist wieder zum Mitglied des Parlaments der Capcolonie als Vertreter für die Stadt Kimberley gewählt worden. — Die jüdische Gemeinde in Atlantic City hat kürzlich am Tischabeaw einen Ball veranstaltet. Diesen frivolen Bruch mit dem Mischen Gesetz verdanken wir der Reaction gegen den Zionismus. Da die Absicht der Gemeinde schon länger bekannt war, so haben sich eine große Anzahl Rabbiner an die Gemeindebehörden gewendet mit der Bitte, diese Verhöhnung jüdischer Sitte zu unterlassen, doch hat alles nichts gefruchtet, denn die trotzigen Herren in Atlantic City wollten -zeigen, daß sie die Zerstörung Jerusalems als ein Glück ansehen. — Capitän Richter aus New-Iork, der bei der Erstürmung von Manila den Tod gefunden, war ein Jude. — Dr. Josef Hertz, Rabbiner in Syrakus, wurde zum Rabbiner der Gemeinde Johannesburg gewählt. Brüssel. Das Brüsseler Staatsmuseum der dekorativen Künste hat eine kostbare und seltene Schenkung erhalten: Die Gattin des Lütticher Senators Montefiore- Levi, eine Schwester der Baronin v. Hirsch, hat eine 500 Nummern umfassende S P i tz e n s a m m l u n g dem Museum verehrt. In dieser Sammlung befinden sich Seltenheiten aller Zeiten und Ursprungsländer; die Sammlung ist jetzt in siebzehn großen Schränken zur öffentlichen Besichtigung im Museum aufgestellt worden. Nur die Spitzensammlung des Brügger Müsse Grunthuyse kann an Bedeutung dieser Sammlung gleichgestellt werden. Berlin. Bei der Berliner medicinischen Facultät ist Privatdocent und Titularprofessor Dr. Alfred Goldscheider (innere Medicin), dirigirender Arzt am Krankenhause Moabit, zum außerordentlichen Professor ernannt worden. Rom. Einer der jüdischen Abgeordneten des italienischen Parlaments hat das Wohnhaus des berühmten Malers Tizian in Piere di Cadore angekauft, um dasselbe vor der Demolirung zu schützen. Feuilleton- Der Letzte. Erzählung von ^S. K o h n.« Verfasser von „Gabriel". (Fortsetzung.)I „Der unendlich große Gott ist hier auf Erden unerforschlich. Gott sprach zu Mose: Es kann mich nicht der Mensch erschauen und leben! Gott spxjcht durch den Propheten: Es ist mein Wort wie Feuer. ...... Gottes Wahrheit und sein Wesen gleicht zuweilen den überhellen Flammen — oft muß sich das geistige Auge des Menschen, so lange seine Seele noch in irdischer Hülle lebt, vor dem unfaßbaren Eindruck schmerzhaft schließen .... die i r d i s ch e Welt ist unvollkommen!" „Du sprichst die Wahrheit, Rabbi!" seufzte Duppau tief auf, „die irdische Welt ist unvollkommen; aber", fuhr er zaghaft fort, „das Jenseits wird mir doch nach solcher endlos großen Qual zu Theil?" „Ich antworte Dir mit den Worten, die Gott zu unserem Erzvater gesprochen: Fürchte Dich nicht Abraham, Dein Lohn wird sehr groß sein!" „Meinst Du, Rabbi? Glaubst Du das wahrhaftig? Sagst Du es nicht blos, um mir die letzte Lebensstunde zu verschönen?" „So wahr der Gott der Heerschaaren lebt, ich bin überzeugt, Dir ist im J-mseits der höchste Lohn beschieden!" „Ah!" rief Duppau mit einem hellen Aufleuchten seiner Augen, „dann ist Alles gut und schön, — das ist ja die Hauptsache! . . . Das Jenseits ist endlos lang, beständig, ewig! . . . die schwere Stunde, der ich entgegengehe, wird ja auch vorübergehen, wie Alles in dieser irdischen, vergänglichen Welt!" Jetzt erdröhnen die Schlage der Thurmuhr des Criminalgebäudes, es schlägt acht. „Die Stunde ist da", sprach Duppau und trotz aller Selbstbeherrschung durchrieselte ihn doch eiu Fieberfrost. „Wir müssen uns trennen! . . . . Noch Eines bevor wir scheiden, Rabbi! .... Grüß' mir Weib und Kind; — sag' ihnen, daß mein letzter Gedanke ihnen gelten wird; ich laß Lea danken für all' die Treue und Liebe, die sie mir erwiesen; — meine Kinder laß ich bitten, sie mögen stets die Mutter ehren, rechtschaffene Menschen und pflichttreue Juden werden .... Rabbi! .... leb wohl!" „Reb Awrohom!" sprach dieser, „willst Du Dich nicht von den Deinen verabschieden? Dein Weib und Deine Kinder sind hier in der Nähe, sie sehnen sich darnach, Dich zu sehen, zu sprechen." „Allmächtiger Gott!" schrie Duppau, und ein Thränenstrom entstürzte seinen Augen, „ich kann sie nicht sehen, der Abschied wäre für sie herzzerreißend — und doch, und doch . . ." „Sollen sie eintreten?" frug der Rabbi und seine Stimme zitterte vor Rührung; aber bevor Duppau noch zu antworten vermochte, drängte sich sein Weib Lea mit fünf Kindern (zwei Söhnen und drei Mädchen, das jüngste von fünf Vierteljahren trug sie am Arme) durch die Thüre in die Zelle. Die größeren Kinder erfaßten des Vaters Hände, küßten sie und badeten sie in Thränen. Lea war an ihres Gatten Brust gesunken und ihre bebenden Lippen waren keines Wortes mächtig. Der Rabbi erkannte, daß seine Anwesenheit störe und mit einem warmen stummen Händedruck verabschiedete er sich von seinem unglücklichen Jugendfreunde. „Fass' Dich, mein liebes, treues Weib!" sprach Duppau endlich, „Du siehst es ja, ich selber bin gefaßt — was hier auf Erden auch geschieht, Gott hat es so gewollt, — es m u ß ja recht sein und muß getragen werden!" Da Frau und Kinder laut schluchzten, begann auch das jüngste Mädchen, am Arme ihrer Mutter zu weinen, streckte die winzigen Händchen nach dem Vater aus und rief mit seinem kleinen zarten Sümmchen „Ta—ta!" Nun ttat der Kerkermeister wieder ein; das was er sah: Die Kinder auf den Knieen rings um den Vater, der seine Hände auf ihre Häupter legte und leise Segenswünsche für sie lispelte, machte selbst auf das verknöcherte Herz des harten Mannes Eindruck. „Duppau!" sagte er, „Ihr müßt Euch jetzt verabschieden, die Stunde hat geschlagen, der Wagen erwartet Euch — wenn Ihr meinem Rathe folgt, macht's kurz, — es ist am besten so!" Die größeren Kinder konnten kaum ein Wort sprechen und nur mühsam konnte der sechzehnjährige Hirsch die Worte hervorstoßen: „Vater, ich möchte Dich auf Deinem letzten Gange zum Richtplatz begleiten!" „Aber, was fällt Dir da für eine Dummheit ein?!" polterte der Kerkermeister, „döas wär nöat übel! döas is nit vorkumme, seit das E'er Criminal besteht.Geht's fein nach Hause, Leutl!" „Wo denkst Du hin, mein lieber Sohn?!", sprach Duppau sanft. „Wenn Du mich liebst, verbittere mir die letzte Stunde nicht durch Ungehorsam.Du darfst bei meinem Tode nicht anwesend sein. Du hast ein weich Gemüth und bist ein treues Kind, Du würdest wohl für alle Zeiten die Menschen hassen — fast fürchte ich, Du verlerntest es, den einig einzigen Gott zu lieben." „Der Vater hat recht!" sprach die Frau, „geht heim Kinder und betet — wenn Ihr noch beten könnt — zu Gott, er möge Eurem Vater gnädig sein und rasch seine Leiden enden." ' Sie reichte das kleine Mädchen ihrer ältesten Tochter, dann flüsterte sie leise im Selbstgespräche: „Mann meiner Seele, Mann meines Herzens! ich harre bei Dir aus, bis Deine reine, schöne Seele Deinem blutigen, zerschmetterten Leib entsteigt — i ch, i ch verlaß Dich in Deiner letzten Stunde nicht!" Auf dem Richtplatze, der eine guten halbe Stunde von der Stadt E. entfernt liegt, hatte sich eine große Menschenmenge versammelt, um Abraham Duppau's Hinrichtung beiznwohnen. Es war ein halber Festtag nicht nur für die Stadt, sondern auch für die umliegenden Dorfschaften, die ein bettächtliches Contingent des Spectatoriums lieferten. Die Anwesenden waren recht lustig, und die zahlreichen Verkäufer von Würsten, Bier, Branntwein, Brod, Semmeln und anderen derartigen eßbaren Dingen, machten glänzende Geschäfte.