Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 40 (7.10.1898)
- Date
- 1898-10-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 40 Dr. Bloch'» Vochrnschrist Seite 725 sprechen wir uns auch deshalb gegen denselben aus, weil wir principielle Gegner der Prügelstrafe sind. Nicht einmal für Verleumder möchten wir sie statuiren, die ganz einfach ins Zuchthaus gehören. * * * Die Lorbeeren Vergani's und das Reinerträgniß des „Deutschen Volksblattes" haben bekanntlich den Herausgeber des Bruderorgans, Herrn Dr. Wähner, bewogen, die deutschnationale Firma, unter welcher er das antisemitische Geschäft begonnen hatte, zu löschen und aus der „Deutschen Zeitung" ein christliche sociales, clerical schillerndes Organ zu machen, das allmälig mit allen Merkmalen Vergani'scher Geschäftsführung behaftet wird. Sogar das Abschreiben aus benachbarten Zeitungen wird da cultivirt, und so sehen wir denn, daß die vom „Deutschen Bolksblatt" aufgetischten Verdächtigungen gegen jüdische Aerzte auch in der „Deutschen Zeitung" aufmarschiren. Dr. Wähner schreibt von Vergani ab; das ist die neueste, heitere Episode aus der antisemitischen Zeitungswelr. Obgleich durch eine amtliche Berichtigung der Direction des Rudolfspitales bereits nachgewiesen wurde, daß die Behauptung, es sei einem Patienten im Spital eine „Gonorrhöe" beigebracht worden, eine absichtliche und böswillige Erdichtung ist, wiederholt das offenbar vom Rudolfsspital nicht pauschalirte Blatt des Dr. Wähner diese „jüdische Schändlichkeit", beklagt die Verjudung des ärztlichen Standes und fordert, daß jeder christliche Familienvater „drohend gebiete": „Kein jüdischer Arzt darf über meine Schwelle!" Zum Schluffe dieses nachempfundenen Märchens vom klinischen Ritualmord heißt es: „Aber auch den christlichen Professoren, die sich aus Judenfurcht mit jüdischen Assistenten umgeben, sei hier noch einmal ein warnendes Wort zu gerufen. Wir werden gut achtgeben, und sobald wieder einer von diesen Herren unter dem stets gebrauchten Vorwände, „weil er keinen Christen findet", sich mit einem jüdischen Assistenten verkuppelt, werden wir sein Vorgehen veröffentlichen und das Publicum a u f k l ä r e n über die Charakterfestigkeit, über das Nationalgefühl, das einem solchen Menschen innewohnt und über das Maß von Vertrauen, das ihm dementsprechend entgegen zubringen ist." Die Kühnheit der Geschäftsantisemiteu von der Feder hat bereits längst jede Schranke niedergerissen. Daß der vom Obersten Gerichtshöfe als verbrecherisch gebrandmarkte wirthschaftliche Boycott ungenirt gepredigt werden darf, daran sind wir bereits gewohnt, und es überrascht uns daher nicht, wenn ohneweiters dazu aufgereizt werden darf, jüdische Aerzte zu boycottiren. Auf einen behördlichen Schutz des Judenthums haben wir in dieser Hinsicht längst verzichtet, und wir sehnen ihn keineswegs herbei, weil sich Rechtsgefühl und Einsicht nicht erzwingen lassen. Unfaßbar aber ist es uns, daß man ungestraft die christlichen Universitätsprofessoren mit einer Verletzung an ihrer Ehre und mit einer Beeinträchtigung in ihrem Berufe zu bedrohen wagt, falls sie die ihnen von der „Deutschen Zeitung" verbotene Anstellung jüdischer Assistenzärzte sich dennoch zu Schulden kommen lassen. Es soll sich nur ein Professor unterstehen, sich mit einem jüdischen Assistenzarzt zu „verkuppeln". Da kommt der Doctor Wähner über ihn und wird das Publicum „aufklären" darüber, welches Maß von Vertrauen ein solcher Mensch verdient. Der aus Bukarest hieher zugereiste Assecuranzbeamte Dr. Theodor Wähner strebt da mit sehr gewagten Mitteln darnach, mit seinem hier etablirten Antisemitengeschäft einen eben so großen Kundenkreis wie sein Vorläufer und Ideal Ernst Vergani zu erlangen. Er bedroht die Universitätsprofessoren mit einem Uebel, um sie zu einer Unterlassung zu zwingen. HerrStadtrath Wähner, wissen Sie, daß Sie damit ein Verbrechen begehen, nämlich das Verbrechen der Erpressung? Nicht etwa, um die Aufmerksamkeit des Staatsanwaltes darauf zu lenken, sei das constatirt, denn dazu sind die Drohungen vielleicht nicht deutlich genug ausgesprochen, sondern um ein solches Treiben nach Gebühr zu kennzeichnen und es der Verachtung aller anständigen Menschen preiszugeben. Eine Zeitung, die den confessionellen Racenhaß mit solchen Mitteln vertritt, muß es sich gefallen lassen, ein politisches Revolverblatt genannt zu werden. * * * Nachdem die „Deutsche Zeitung" dem Vergani die ihm vielleicht noch niemals zugeftoßene Freude und Ehre erwiesen, daß sie von ihm etwas abschreibt, nämlich den klinischen Ritualmord und die Hetze gegen die jüdischen Aerzte oder, wie sich die ehrenwerthen Blätter ausdrücken, die ärztlichen Juden, schien Vergani zu fürchten, daß ihm Herr Wähner in der Gunst der Parteigenossen vielleicht den Rang ablaufen könnte. Die Antisemitenblätter führen nämlich vor den Augen ihrer bereits vorhandenen oder erst zu erlangenden Abonnenten einen unaufhörlichen Wettkampf auf, wer von ihnen die Juden stärker zu beschimpfen und zu verdächtigen versteht, und ihre Zuckungen in diesem Kriegstanze werden immer leidenschaftlicher. Jedes der beiden zeitgenössischen Organe bemüht sich, dem anderen um eine jüdische Einbrecherbande voraus zu sein. Demnächst werden vielleicht noch auf diesem Gebiete öffentliche Wettrennen stattfinden und der Richterspruch dürfte dann lauten: „Vergani, Erster, Dr. Wähner, Zweiter. Mit einem kurzen jüdischen Mädchenhändler gewonnen." Oder: „Deutsches Volksblatt" mit ungezählten Taschendieben Erster". Also in der Beschimpfung der jüdischen Aerzte hängte sich Vergani seinem christlich-socialen und jesuitischen Schulteran Schulter-Kämpfer neuerdings an die Gurten. Er verdächtigt die Aerztekammer, und zwar auch die christlichen Mitglieder, und fordert die christlichen Abgeordneten auf, ihm in der Vertreibung der jüdischen Aerzte beizustehen. Sie sollen „auf die Gefahr Hinweisen, die für jede Familie besteht, in die sich ein Jude als Arzt e i n n i st e t und dabei alle Geheimnisse erspäht, die er dann später zu seinem Nutzen und zum Nachtheile jener Person ausnützen kann". Das Blatt richtet an seine Leser die Aufforderung, sie mögen es ja nicht verabsäumen, ihm jeden Uebergriff eines Judendoctors sofort „möglichst ausführlich" mitzutheilen. damit es ihn „gebührend festnageln" kann. Und die Leute wißen bereits im Vorhinein, daß das „eine interessante und lange, aber auch eine traurige Blumenlese" sein wird. Ueber den Charakter dieser Angriffe gegen die Angehörigen eines akademischen Berufes ist weiter kein Wort zu verlieren. Daß es bei uns erlaubt ist, unbescholtene Personen, mögen sie nun jüdische Aerzte oder jüdische Dienstmänner sein, im Vorhinein aller Verbrechen und Schlechtigkeiten fähig zu erklären, ist nicht neu, sondern wiederholt sich alle Tage. In Ansehung der Juden das Gesetz anzurufen, ist längst bereits als durchaus überflüssig erkannt worden. Den jüdischen Aerzten bleibt als Genugthuung nur der Gedanke, daß es in der christlichen Bevölkerung nicht blos Antisemiten, sondern auch anständige Menschen gibt, nicht blos Leute, deren Verstand durch die Lectüre des „Deutschen Volksblatt" gelitten hat, sondern auch intelligente Menschen von selbstständiger Urtheilsfähigkeit. * * * Vergani und Gregorig als „Honoratioren", die mit Musikklängen empfangen werden und die dann als Festredner auftreten — daraus mag man sich beiläufig einen Begriff machen von dem gesellschaftlichen und geistigen Niveau, des mit großem Applomb angekündigten Festes, durch welches die Wiener Antisemiten das achtzehnjährige Jubiläum der antisemitischen Bewegung in Wien feierten. Dr. Karl Lueger, welcher vor achtzehn Jahren an den Tischen seiner intimsten Freunde koschere Gänselebern speiste, war bei der nunmehrigen sonderbaren Veranstaltung, wir wissen nicht, ob als Parteiführer oder in seiner officiellen Eigenschaft als Bürgermeister, zugegen. Was im Abgeordnetenhause Dr. Lecher über die Seelenwanderung sprach, paßte auf Herrn Dr. Lueger viel besser als auf den Finanzminister Doctor K a i z l. Die Seele Doctor Lueger's ist durch die allerverschiedensten Gesinnungen hindurchgewandert und sie ist auf dem Wege so staubig geworden, daß er sie selbst schwerlich wiedererkennen würde. Die Stadt Wien hat wahrlich keine Ursache, sich an diesem Jubiläum zu erfreuen. Wie der Antisemitismus diese Stadt moralisch und materiell geschädigt hat, davon haben die Festredner freilich nichts erwähnt. Vergani, der größte Ehrenmann der vierten Dimension, wurde natürlich als Begründer und Herausgeber des „Deutschen Bolksblatt" „gefeiert", und Herr Gregorig schlug eine Reihe von Gesetzen vor, welche seinen Bildungsgrad und seine socialpolitische Einsicht in das hellste Licht setzen: Verbot des Lebensmittelhandels durch Juden, Verbot der Consultation jüdischer Aerzte durch Christen, Confiscation der durch Wucher und Speculationen erworbenen Judengüter u. s. w. Dabei versicherte der dicke Herr mit der goldenen Brille in vollem Ernste, er wolle den Juden nicht schaden; man sieht,er ist nicht blos ein gebildeter und gescheidter Mensch, sondern auch ein guter Mensch. Nur die jüdischen Journalisten mager nicht. Das sind nämlich, wie wir soeben von Herrn Gregorig erfahren haben, auch nur Leute, die ohne viel Arbeit