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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-10-07 · 40 (7.10.1898) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
40 (7.10.1898)
Date
1898-10-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 724 Vr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 40 Adresse gerichtet haben. Auch die kurze Zeit seiner ministeriellen Thätigkeit und seines Aufenthaltes in Wien müssen ihn belehrt haben, wo der Hebel anzusetzen wäre, um Handel und Verkehr, Industrie und Gewerbe wieder neues Leben, frische Thätigkeit und impulsive Bewegung zuzuführen. Mit akademischen Erörterungen, mit platonischen Ausführungen, wie sie in dem ministeriellen Erlasse zum Ausdruck gelangen, kann die industrielle Thätigkeit nicht gefördert werden. Graf Thun weist in seinem gewiß gutgemeinten Erlaffe die unteren Instanzen an, bei Errichtung neuer Betriebe entgegenzukommen und den im Betriebe stehenden Etabliffements keine unnöthigen Schwierigkeiten zu bereiten. War aber ein derartiger Erlaß in Zeitläuften, wo kein Vernünftiger daran denkt, neue Betriebe zu creiren, und wo alte, früher in Blüthe gestandene Fabriken zum Stillstände bemüssigt sind, überhaupt am Platze, muß dieser Erlaß nicht als eine Ironie auf unsere desolaten Zustände aufgefaßt werden? Graf Thun hat gut Erlässe an die Uuterbehörden zu richten. Sind diese in der gegenwärtigen Strömung überhaupt im Stande, objectiv amtszuhandeln? Mit Argusaugen wird seitens gewisser Kreise darüber gewacht, daß ja nur keine vernünftige, liberale Auslegung der bestehenden Gewerbegesetze unterläuft, und geschieht dies hin und wieder, so wird nach oben denuncirt, wo in den allermeisten Fällen ein Desaveu folgt, was natürlich als avis aux lecteur für weitere Fälle im Auge behalten wird. Betrachten wir nur die Zustände, wie sie derzeit in Wien herrschen. Das, insoweit es Textilartikel betrifft, zumeist von Juden cultivirte Hausirwesen wird in möglicher Weise eingeengt und hiedurch der Vertrieb einer großen Reihe von Waaren unterbunden. Jüdischen Gewerbetreibenden wird der Antritt des Gewerbes erschwert. Jüdischen Geschäftsleuten werden alle undenkbaren Hindernisse bereitet, nicht einmal die Errichtung eines Geschäftsportales wird ohne harte Kämpfe und noch größere Kosten gestattet. Erst in der allerjüngsten Zeit hat man es erlebt, daß den jüdischen Viehhändlern die Verlängerung des auf den Versöhnungstag gefallenen Viehmarktes abweislich beschieden wurde. Hat Graf Thun ernstlich den Willen, Industrie und Gewerbe, Handel und Verkehr, welche die Quelle bilden, aus denen dem Staate die Steuern zufließen, zu heben, so wird ihm nichts Anderes übrig bleiben, als von den akademischen Erörterungen und platonischen Ausführungen sich auf das Gebiet der realen Wirklichkeit zu begeben. An der Spitze der Wiener Gewerbebehörde erster Instanz befindet sich als Chef der Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt Dr. Lueger, ein Mann der sich urbi et orbi zur Lebensaufgabe gemacht, Juden von allen Gebieten und Stellungen, die sie einnehmen, abzudrängen. Kann von einem solchen Amtschef ein objectives, den bestehenden Gesetzen entsprechendes Amtshandeln erwartet werden? Kann von einem Bürgermeister einer Gemeinde, in welcher mehr als 100.000 Juden leben, eine entsprechende Amtsführung vorausgesetzt werden, der Versammlungen anwohnt, oder ihuen gar präsidirt, in welchen man den jüdischen Mitbürgern mit Schimpf und Schande begegnet, deren Austreibung aus dem Vaterlands, die Einziehung ihres Hab und Gutes verlangt. Ersb in den letzten Tagen hat der Bürgermeister Wiens einer zur Feier der Entstehung der antisemitischen Bewegung abgehaltenen Versammlung officiell als solcher angewohnt. Jnsolange diese für die Länge der Dauer unhaltbaren, jede wirthschaftliche Thätigkeit im Keime ersückenden Zustände obwalten, ist an eine Gesundung unserer hinsiechenden Zustände nicht zu denken. Graf Thun wird daher weise handeln und hiebei thatsächlich die besten Erfolge erzielen, wenn er in dieser Richtung Remedur schafft und dem vielgeprüften Staate wieder den Frieden zuführt, deffen er so dringend bedarf, getreu der in ernster Stunde erfolgten Mahnung des tiefgebeugten Monarchen, die mehr als ein Regierungsprogramm bedeutet: „Die Völker des Reiches mögen den Weg zur Liebe und Eintracht finden", während der Antisemitismus den der Verhetzung und Entzweiung bedeutet. Mit dem durch Vergewaltigung der Staatsgrundgesetze prakticirten Schulghetto wird den von den edelsten Herzensregungen und der nie versiegenden Liebe zu seinen Völkern eingegebenen Intentionen des Kaisers nicht nur nicht entsprochen, man setzt sich mit solchen Maßnahmen vielmehr mit ihnen in schreiendsten Gegensatz. Eduard Beer. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Das Gascartell. — Berlin und Wien. — Ein Ukas der „Deutschen Zeitung". — Politische Revolverei. — Antisemitischer Kriegstanz, — Ein „achtzehnjähriges" Jubiläum. — Lob und Tadel.) Der Feldzug des Bürgermeisters von Wien gegen die englische Gasgesellschaft hat mit einer vollständigen Niederlage geendet. Das Schlagwort „Hinaus mit den Engländern", welches die christlich-sociale Agitation beherrschte und der antisemitischen Partei zur Majorität verhalf, ist hohl und inhaltsleer geworden. Herr Dr. Lueger hat mit den Engländern einen Vertrag abgeschlossen, der ihnen die Beleuchtung der Vororte bis zum Jahre 1911 sichert, und hinsichtlich einer Anzahl von Objecten hat er die Ablösung mit ihnen vereinbart. Der große Volksmann ist aber noch weiter gegangen. Er hat der Gesellschaft die Verpflichtung auferlegt, den Preis des Gases nicht herabzusetzen, und dieses Cartell ist ein unerhörter Scandal, bei welchem Dr. Lueger und seine Partei eine traurige Rolle spielen. Die Gasgesellschaft ist ein geschäftliches Unternehmen, sie hat keine Verpflichtung, die Interessen der Bevölkerung zu wahren, sondern besteht, um zu verdienen. Der Gasgesellschaft kann also kein Vorwurf daraus gemacht werden, wenn sie mit der Commune ein freundliches Einvernehmen Herstellen will, und wenn sie dabei ihre Rechnung zu finden sucht. Der Bürgermeister aber, er ist verpflichtet, die Interessen der Bevölkerung zu wahren, ,und siehe da, derselbe Herr Dr. Lueger beraubt die Bewohner der Vororte, die seine eifrigsten Parteigänger waren und zum Theile noch sind, eines Vortheiles, der nach Millionen zu berechnen ist. Die Bevölkerung der Vororte, die Industrie, die Geschäftswelt und am allerempfindlichsten jener „kleine Mann", welchem durch das antisemitische Regime geholfen werden sollte, werden durch ihren eigenen Bürgermeister geschädigt. Das Cartell, zu welchem der „Gegner der Volksausbeutung" die Gasgesellschaft gezwungen hat, gehört zu jenen als anrüchig geltenden Vereinbarungen, durch welche ein unentbehrlicher Consumartikel vertheuert wird. q- * * In Kassel wird ein antisemitischer Parteitag stattfinden, und die Berliner Antisemiten beabsichtigen, wie die hiesige „Deutsche Zeitung" zu melden sich beeilt, dort folgenden Antrag einzubringen: „In Anbetracht der überhandnehmenden Verrohung unserer niederen Volkskreise, verursacht durch die jüdisch-freisinnige, jüdisch-socialdemokratische Presse und socialdemokratische Literatur, und in der Ueberzeugung, daß die Ermordung der Kaiserin von Oesterreich und andere schwere Verbrechen als das Resultat dieser schlechten Presse erkannt werden muß, bitten wir, einen Gesetzentwurf beim Reichstag einzubringen, der die Prügelstrafe für bestialische Verbrechen wieder einführt." Aus diesen wenigen Zeilen geht nur hervor, daß die antisemitische Verworfenheit in Oesterreich und in Deutschland die gleiche ist. Bon Dummheit kann da kaum noch gesprochen werden, denn die Verleumder sind sich darüber, daß ihre Behauptungen den craffesten Blödsinn enthalten, vollständig klar. Ihnen handelt es sich darum, auf die urtheilslose Menge zu wirken, und sie verfahren in Wien und in Berlin nach dem gleichen Recepte. Wir haben die Perfidie, mit welcher hier Vergani und seine Spießgesellen auf dem Umwege der Verdächtigung der Socialdemokratie und durch Heranziehung des Epithetons „Juden" und „jüdisch" einen psychologischen Zusammenhang zwischen dem Judenthum und der Ermordung der Kaiserin herzustellen sich erfrechen, unlängst gekennzeichnet. Die gleiche Methode wird in Berlin prakticirt, und sie wird hier wie dort systematisch wiederholt und ausgestaltet werden. Es gibt keinen Grad menschlicher Niedertracht, der für die Verganis aller Länder nicht erreichbar wäre. Man könnte sich versucht fühlen, den Ehrenbürger von Mühldorf darauf aufmerksam zu machen, daß der Mörder Luccheni der Connationale des Italieners Vergani und der Glaubensgenosse des Katholiken Vergani sei. Es liegt uns selbstverständlich ferne, diesen Zufall als Argument zu benützen. Es wäre dasselbe, - als würde man einem Londoner zum Vorwurfe machen, daß er ein Mitbürger Jack's des Bauchaufschlitzers sei, oder als würde man die Ortsbevölkerung von Sollenz dafür verantwortlich machen, daß sie der Mitwelt ein Individuum von den moralischen Qualitäten eines Vergani geliefert hat, der die Verleumdung zum Lebensberus und zum einträchtlichen Geschäft sich erkoren hat. Abgesehen aber von der nicht zutreffenden Begründung des Anttages

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