Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 40 (7.10.1898)
- Date
- 1898-10-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 40 Dr. Vloch'r Wochenschrift Sette 733 röhren, und Jedermann stand es frei, sich von ihrer guten Qualität zu überzeugen. Zerspringen sie dennoch, so thun sie das offenbar nur aus ordinärer und judenliberaler Gesinnung, ans Neid über die großen Erfolge der christlich-socialen Partei und ihres erleuchteten Führers! Wenn es uns nun submissest gestattet wäre, an dieser Stelle einer kleinen Anregung bescheidenen Ausdruck zu leihen, so möchten wir recht sehr bitten, daß die städtische Gärtnerei angewiesen werden möge, die aufgeworfenen Erdhügel, deren wir uns nun wohl dauernd werden erfreuen dürfen, mit einem schönen, weißen Nelkenflor zu besetzen, der im nächsten Frühjahre schon, seinem geistigen Urheber zu Ehren, in vollster Blüthe, süße Düfte aushauchend, prangen könnte! Ungemein dankbar muß es auch ferner empfunden werden, daß anläßlich der jüngsten Concentrirung nach rückwärts die verhaßten fremdländischen Ausbeuter verpflichtet wurden, mit dem Gaspreise in den Vororten nicht herunterzugehen durch welche ungemein zweckmäßige Maßregel einerseits jeder häßlichen Schmutz- und Schleuderconcurrenz von vornherein ein kräftiger Riegel vorgeschoben wurde und anderseits das schätzenswerthePrincip der Gleichheit hoher Gaspreise gewahrt blieb. Die Näherin, der Flickschuster, der Greisler und der Hausmeister werden gewiß mit Freuden Ihr „Deutsches Volksblatt" und das Lob der antisemitischen Volksbeglücker darin bei höher bemessener Schmetterlingsflamme lesen und bereitwillig eine Mehrbelastung ihres Budgets auf sich nehmen, wenn nur dadurch das neue, kommunale Gaswerk existenz- und concurrenzfühig erhalten wird. Ein Appell an die Selbstlosigkeit und Opferfreudigkeit der Wiener- Bevölkerung ist noch niemals erfolglos-verhallt, namentlich nicht, wenn er in der Form eines behördlichen Decretes erschienen ist. Daß es auch diesmal damit so gehalten werden wird, ist nicht zu bezweifeln. Am 31. October 1899 werden, genau so, wie Sie es uns vorhergesagt, die Engländer draußen sein aus Wien — mit Ausnahme der Vororte selbstverständlich. Wenn man sie bis nach London zurückdrängen will, geht das nicht so schnell, wie Einige meinen. Seien wir froh, daß wir sie vorläufig glücklich bis nach Ober- St. Veit, Lainz, Salmannsdorf, Neustift a. W. und Heiligenstadt gedrängt haben. Wir werden sie schon am 31. October — 1911 bis Stvckerau gedrängt haben mit Ihrer bewährten Hilfe! W i r brauchen keine fremden Ausbeuter in Wien! Da wir schon dabei sind, geht es gleich in Einem, wenn wir Ihnen, sehr verehrter Führer, auch für Ihre, immer correcte und theilweise sogar schöne und noble Haltung in zahlreichen anderen Fragen innigst danken. Sie haben mit dem Volksbildungsverein wegen der reducirten Subvention processirt, und wir erklären uns selbstverständlich vollkommen einverstanden — wir stehen ja mit Ihnen auf dem Standpunkt Biehlohlawek! — mit dieser Ihrer Haltung! Sie haben einen armen Teufel von Monteur vor die Schranken des Gericht citirt, wegen Ehrenbeleidigung von ein Paar Gasröhren od^ynlicher haarsträubender Verbrechen. Sie haben einen alten Wiener, der es im Wirthshaus wagte, Sie nicht unter die gescheidtesten Kerle zu zählen, zu 20 fl. Buße an die Armen Wiens gezwungen. Auch dafür gebührt Ihnen der Ausdruck unserer Zustimmung. Wer die Gescheidtheit des Oberhauptes der Stadt Wien, auch nur mit Blick, Miene, Achselzucken oder Nasenrümpfen in Zweifel zu ziehen wagt, hat sofort seine 40 Kronen für die Armen zu erlegen. Welche tiefeingreifende Reform unseres Armenwesens steht uns damit bevor! Wir werden bald unseren Pfründnerinnen in den Cabinets particuliers bei Sacher begegnen, unseren Pfründnern in den ersten Parquettreihen der Oper bei Ballet- Premiören und auf dem Fünfguldenplatz am Turf! Die feschesten Gummiradler werden vor dem Versorgungshause halten! Glanzvolle Perspectiven eröffnen sich vor den trunkenen Blicken Ihrer begeisterten Verehrer! Jeder Wiener Judenfresser wird bald jeden Sonntag seinen Semiten im Topfe haben. Nach den letzten großen Ereignissen würden wir gern schon jetzt illuminiren, um unseren großen Helden zu feiern, in welchem wir den eisernen Mann vom Rathhausthurme mit der Wetterfahne in der Hand verkörpert erblicken, haben aber beschlossen, dies mit Wiener städtischem Gas zu thun. Gott schenke Ihnen langes Leben und Gesundheit, und erhalte Sie bis an die äußerste Grenze des menschlichen Alters, damit wir unsere Absicht Ihnen zur Ehre, uns zur innigen Freude ausführen können! —" (Folgen die Unterschriften und Kreuzchen.) Der Gefeierte erwiderte — angeblich — tief ergriffen „Ich danke Euch insgesammt recht sehr, meine lieben Freunde. Die Trennung der übelriechenden Judenkinder von den wohlduftenden Christenkindern, das ist mein Haupterfolg, und der Stolz meines Lebens, das mit dem Gas, kommt erst hernach. Das hättet Ihr doch vor Allem erwähnen müssen. Wem da noch kein Licht aufgegangen ist, was wir Christlich-Sociale wollen und wohin wir steuern, dem kann kein städtisches und kein englisches Gas helfen. Ich bin überhaupt nicht für Licht eingenommen, für gar keines, ob's jetzt vom Volksbildungsverein oder von der Imperial Continental herkommt, und unsere neue Gasanstalt wird an der Verbreitung der entsprechenden Finsterniß schon Mitwirken, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Am gescheidtesten wär's freilich gewesen, wir hätten den großen Gasometer in der Form eines Jesuitenhutes in Kalksburg gebaut. . . Nach dieser kleinen Jndiscretion, wobei sich der gefeierte Bolksmann offenbar ein bischen verschnappt und aus der consessionellen Schule geschwatzt hatte, und nachdem jeder Einzelne seinen Verlegenheits-Händedruck erhalten, soll die Deputation hnldvollst entlassen worden sein. Wir geben Alles das nur mit der äußersten Reserve wieder und bitten auch, es mit Vorsicht und Mißtrauen aufzunehmen. Zustimmnngskundgebungen? — Jetzt? — Zumindest sehr unwahrscheinlich! Zwar unmöglich ist bei den heutigen sonderbaren Zeitläuften gar nichts, man darf eigentlich Alles glauben! Und gerade das Dümmste hat die größte Wahrscheinlichkeit für sich? (Johann Jacob Wendehals.) Forderung von Industrie und Handel unter dem Regime Thun—Lueger. Wien, October. Ministerpräsident Graf Thun hat an sämmtliche Landesstellen einen die Förderung der heimischen Industrie betreffenden Erlaß gerichtet. Dieser Erlaß entbehrt nicht der brennendsten Actualität. Industrie, Gewerbe und Handel stagniren gegenwärtig und gehen, wenn nicht in allernächster Zeit ein Umschwung, eine Wendung zum Befferen eintritt, einer Krise entgegen. Die Erwerbsthätigkeit erscheint reducirt, die Kaufkraft und Consumtionsfähigkeit der breiten Bevölkerungsschichten geschwächt, und Industrie und Gewerbe müssen ihre Betriebe einstellen oder erheblich einschränken. Mit der Sicherheit einer chronometrischen Uhr läßt sich der Anfang dieser Erscheinung des wirthschaftlichen Niederganges mit dem Beginn der antisemitischen Bewegung constatiren. Die nahezu zehn Percent der Bevölkerung betragenden jüdischen Staatsbürger Oesterreichs wurden während derselben ihres Friedens beraubt, unaufhörlich angefeindet und in der Achtung ihrer christlichen Mitbürger, mit welchen sie nahezu eine Generation hindurch freundschaftlich verkehrt, herabgesetzt. Die Armen unter den Juden werden in der antisemitischen Aera wie Freiwild gehetzt und beschimpft, den Mittelclassen wird der Erwerb systematisch eingeengt, ja oft ganz unterbunden und den besser Situirten die Bewegungsfreiheit in der Oeffentlichkeit vergällt. Eine Folgewirkung aller dieser mit System betriebenen Jndenhetzen ist, daß sich die an eine behäbige, intelligente und civilisirte Lebensweise gewöhnten jüdischen Kreise veranlaßt sehen, sich von der Oeffentlichkeit so viel als möglich znrückzuziehen und mitAengstlichkeit vermeiden, auch den bescheidensten Aufwand und den unentbehrlichsten Luxus — man verzeihe diesen Widerspruch — zu machen. Was dies zu bedeuten hat, wissen die Gewerbetreibenden Wiens und der Landeshauptstädte am besten zu würdigen, nicht minder aber auch alle Kunstgewerbe, namentlich aber die Künstler: Maler und Bildhauer. Das Verkehrsleben bildet einen großen Ring im wirthschaftlichen Gemeinwesen; löst man ein, wenn auch unscheinbares Glied ab, so hat dasselbe schon Schaden an seiner Integrität gelitten. Ministerpräsident Graf Thun hat an die Misere, all welcher unser öffentliches Leben schon so geraume Zeit krankt und siecht, offenbar nicht gedacht, oder er hat die Vogel Strauß- Politik beobachtet, sonst würde er seinen Erlaß an eine andere