Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 40 (7.10.1898)
- Date
- 1898-10-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021223-3021264--08201-3032569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 722 &r. Vloch's Wochenschrift 3tr. 40 „Erziehungswerk" muß tiefer greifen —, schon in das Herz des Kindes muß Gift geträufelt und mit blindem, fanatischen Haß, Aberglauben und blutrünstiger Verfolgungssucht erfüllt werden. Schon in der Schule muß die Phantasie des Kindes mit den so herrlichen, geist- und gemüthbildenden Blutniärchen der vaterländischen Blutmärchendichter Schneider und Deckert belebt werden. Schon in der Schule soll das christliche Kind mit den großen, herrlichen, zur antisemitischen Begeisterung und Nachahmung hinreißenden Thaten seiner Altvordern aus dem Mittelalter bekannt gemacht werden, jener Altvordern, welche, nachdem sie ihre Güter beim Würfelspiel, bei Wein, Weib und Gesang verpraßt hatten, in die Judengassen zogen, wo zur höheren Ehre Gottes jüdische Mädchen und Frauen geschändet, Kinder gespießt, Männer nnd Greise gemordet und mit dem in Strömen fließenden jüdischen Blut die ausgeraubten und in Brand gesteckten jüdischen Häuser überschwemmt wurden. (Vide „Deutsches Volksblatt" vom 27. September d. I.) Kurz, schon in der Schule muß das christliche Kind mit Verganol (Mühldorfer Moral) und Purschtol (Spittelberger Sittenlehre) geimpft werden, auf daß seine Seele dereinst gegen die Empfänglichkeit für alles Schöne, Gute und Wahre gefeit fei. Natürlich ist die Verganisirung der aufstrebenden Jugend durch die Anwesenheit der jüdischen Schüler ein wenig behindert. Also hinaus mit ihnen in eigene Judenclassen! Und so soll die Wand, welche die jüdischen Kinder von ihren christlichen Mitschülern trennt, zu einem Strebepfeiler werden, dazu bestimmt, das wackelige, auf schlammigem Boden ruhende anttsemitische Schwindelgebäude zu stützen. Aber nur gemach, Ihr Herren! Euer Sturz wird trotz alledem nicht aufzuhalten sein! Zola's prophetisches Wort wird sich auch in Wien erfüllen. — Die Wahrheit bricht sich auch endlich hierzulande durch und leuchtet hinein in Euere verzerrten Verbrecherphysiognomieen. — Und wehe dann den Pädagogen für Lüge und Volksbetrug! E. U. Der eiserne Wann mit der Wetterfahne. „Nehmt Eure Maschinen, nehmt Eure Werke, nehmt Euer Rohrnetz, aber Wien will mit Euch nichts mehr zu thun haben!" — „Ich habe Ihre Macht in drei Jahren zerschmettett, und so wie ich die Juden in drei Jahren zerschmettert habe, so werde ich auch in drei Jahren mit den Engländern fettig werden. Mit der Mitternachtsglocke des 31. October 1899 soll der letzte Engländer aus Wien verschwinden." Also renommirte der „Herr von Wien" in der Gemeinderathssitzung vom 27. Ockvber 1896. Am 2. October 1898 war er schon glücklich so weit, daß die klägliche Capitulation vor den englischen Gasleuten, der traurige Rückzug und seine beschämenden Bedingungen der öffentlichen Rechtfertigung eines Herrn Bergani bedurften!! Dessen Blatt bedeckte nämlich pauschalster die Blößen, die man sich gegeben, mit werthlosen, wenn auch nicht eben wohlfeilen Phrasen und stellte sich, als ob es einen Pfiff von einem Hervorruf, einen Kuß von einer Ohrfeige absolut nicht zu unterscheiden vermöge, indem es schrieb: „Trotz dieser für die Gemeinde Wien in die Allgen springenden Vortheile, die aus diesem Uebereinkommen resultiren, wird es natürlich die Judenpreffe nicht unterlassen, diese neueste Wendung in der Gasfrage für ihre unlauteren Zwecke in der ausgiebigsten Weise auszubeuten. In der That hat jedoch gerade die Judenpresse und die judenliberale Partei, abgesehen davon, daß wie erwähnt, das Uebereinkommen für die Gemeinde sich äußerst günstig gestaltet, die wenigste Ursache, an diese Wendung in der Gasfrage irgend welche Recriminationen zu knüpfen..." In Wirklichkeit verhält sich aber die Sache denn doch ein klein wenig ganz anders . . . * * * Wie wir aus ziemlich unzuverlässiger, weil antisemitischer, Quelle erfahren, soll dem derzeittgen Bürgermeister der tiefgefühlte Dank und die begeisterte Zustimmung der entzückten Wiener Bevölkerung in Form einer ungewöhnlich großartigen Vertrauenskundgebung ausgedrückt worden sein. Eine durchaus mit weißen Nelken geschmückte Abordnung von kleinen, im volitischen Wachsthum stark zurückgebliebenen Männern überreichte ihm — angeblich! — eine Adreffe mit — wie unverbürgt verlautet! - mehr denn tausend Unterschriften, beziehungsweise Kreuzchen von des Schreibens unkundigell Parteigenossen. Das Schriftstück hatte — ebenso unverbürgt — nachfolgenden Wortlaut : „T h e u e r st e r Herr Bürgermeister! Die jüngste, so ganz überraschend gekonimene Wendung in der allgemein bekannten Angelegenheit bietet uns sehr willkommenen Anlaß, heute hier vor Ihnen zu erscheinen, um Ihnen, o thenerster Herr Bürgermeister, den Ausdruck der dankbaren Gesinnungen und des unwandelbarsten Vertrauens von vielen Tausenden Wiener Steuerzahlern und Wählern zu überbringen. Aller Herzen — mit Ausnahme der judenliberalen und deutschnationalen — schlagen Ihnen, geschwellt von Freude über den neuen Triumph jubelnd und begeistert entgegen! Unsere Brust droht zu zerspringen, wie ein Hauptrohr der neuen städtischen Gasleitung, und wir lassen daher unsere Gefühle geziemend ausströmen. — Nur Ihrem zielbewußten, besonnenen, leidenschaftslosen Vorgehen haben wir es zu danken — und auch Ihre erbittertsten Gegner sind darin eins mit uns —, daß Alles so weit gekommen ist! Sie haben die einschlägigen Verhältnisse genau und streng sachlich vorher gewürdigt und sich dabei des Nathes der unbefangensten und erfahrensten Fachmänner bedient. Sie haben sich durch keinerlei Voreingenommenheit bei der endgiltigen Fassung Ihrer hochwichtigen Entschließungen beirren lassen. Mit weisem Vorbedacht — ohne Zu- oder Abneigung —, mit jener zurückhaltenden Vornehmheit des Wesens, welche Sie im Allgemeinen auszeichnel —, unter strengster Wahrung der Höflichkeitsformen und des Anstandes, welche insbesonders der Gentleman in hervorragender, exponirter Stellung zu beobachten hat, sind Sie an die definitive Lösung der bedeutsamen Frage herangetreten, die für das Wohl der Ihrer Obsorge anvertrauten Stadt von der äußersten Wichtigkeit ist. Den kühlen, ziffermäßigen Berechnungen, deren Genauigkeit und Verläßlichkeit nicht das Mindeste zu wünschen übrig ließ, stand anderseits Ihr edler Eifer gegenüber, die Interessen namentlich des ärmeren Theiles der Bevölkerung mit Entschiedenheit zu wahren und keines davon preiszugeben, auch das geringste nicht. Sie dürften sich heute, vorausgesetzt, daß Ihre allgemein bekannte Bescheidenheit Ihnen dies gestatten würde, —. mit Stolz und Genugthuung rühmen, Ihre Pflicht und noch mehr als diese, mit Aufopferung, Mit Selbstentäußerung erfüllt zu haben, die Interessen der Bevölkerung, nanrentlich des ärmeren Theiles, kräftig gewahrt und vertheidigt, mit den öffentlichen Geldern auf das Verständigste und Gewissenhafteste gewirthschaftet zu haben. Wohl behaupten Neid, Gehässigkeit und Thorheit das gerade Gegentheil von dem Allen, wohl behaupten sie sogar, daß in zahllosen Verhandlungen und Redekämpfen das Prestige unserer Stadt einen gewaltigen Stoß erlitten habe — aber Ihr allerjüngster großer Erfolg wird auch Ihre heftigsten Gegner beschämt verstummen machen. Jene Feinde unserer schönen Stadt verstiegen sich sie doch sogar zu der geradezu lächerlichen Behauptung, es wäre für kaum 16'/, Millionen beffer zu haben gewesen, was jetzt 36'/- Millionen kosten und unbrauchbar sein wird! Ihnen, thenerster Herr Bürgermeister, kam es auf derlei geringfügige Differenzen keineswegs an. Ihr hoher, weitblickender Geist ließ sich von ganz anderen Erwägungen leiten. Ihnen war es vor Allem darum zu thun, die Bauthätigkeit — in Form von Gaswerken — in Wien zu heben, kräftig zu beleben, dem Verkehre ganz andere Straßen zu erschließen — durch Aufreißung der alten —, ihm neue, ungeahnte Verbindungen zu eröffnen und wären letztere vorläufig auch nur schwankende provisorische, aus morschen Bretteln und alten Planken hergestellte. Es muß angenommen werden, daß die Legung der neuen Gasrohre mit größter Sorgfalt und peinlichster Genauigkeit vorgenommen worden ist, wenn man die hiezu aufgewandte Zeit in Betracht zieht. Die Ihnen unterstehenden Organe der Executive haben es sich keineswegs daran genügen laffen, eine und dieselbe Straße blos ein einziges Mal aufzureißen, nein, es geschah dies gewöhnlich mindestens zweimal, bisweilen sogar noch öfter! Es wurde auch nicht sofort wieder zugeschüttet, sondern vielmehr den weitesten Schichten der Bevölkerung ausreichend Zeit und Gelegenheit geboten, die Art der Anlage und der Ausführung dieser ungemein interessanten Arbeiten genau kennen zu lernen und ihren Jdeenkreis dadurch bedeutend zu erweitern. Oft wurde sogar aus demselben Grunde durch mehrere Wochen hindurch der Betrieb der Arbeiten gänzlich eingestellt. Nicht die leiseste Spur von Geheimthuerei! Alles lag offen zu Tage, insbesonders die Gas-