Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-10-07 · 40 (7.10.1898) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
40 (7.10.1898)
Date
1898-10-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021264--08200-3032568
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 40 Jahrgang XV. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudrnthums. K. k. PoNspsrkErn-Amt Clearingverkehr Nr. 610.976. Lrdartion und Administration: Wien N, Nnkrrr Dirgarlrnflr. 1». Tolaphon - Nr. 6535. -A m= Wien, 7. Ortober 1898. Erscheint jeden Freitag. -^- Brief-Adresse: Wien, I.» Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift Wien. X-- Bftngsncxta für Srstrrrrtch: Halbjährig 4 fl. --- » Kr. Einzelexemplare »d kr. ISr's Ansland: halbjährig L fl. — U» Kr. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile IS kr. Inhalt. Leitartikel: Die Pädagogik der Läge. — Der eiserne Mann mit der Wetterfahne. — Förderung von Industrie und Handel unter dem Regime Thun—Lueger. — Nom Jahrmarkt des Lebens: Glossen mr Tagesgeschichte. Stimmen der Toleranz. Einwanderungsverbot für Palästina. Wieder Einer. Non ölet, non ölet. Antisemitische Propaganda der That in Paris. Die ursprüngliche Heimat der Germanen. Laster. Kriminalstatistik im deutschen Gleiche. — Trauerkundgebnngen für die Kaiserin. — Correspondenzen: Wien, Lemberg, Prag, Radautz, Berlin, Lolldon, Genf, Petersburg. Jerusalem. — Vermischtes: Wien, Butschowitz, Brünn, Biala, Brody, Essegg, Halle a. S., Athen, Petersburg, London, Brüssel, Berlin, Rom. — Feuilleton: Der Letzte. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Die Pädagogik der Lüge. Selbstverständlich sind es nicht pädagogische Rücksichten — wie Herr Dominik Schlechter, das sonderbare Musterstück eines Demokraten, meint —, die dem ungesetzlichen Erlaß des clericalen Wiener Bezirksschulrathes zur Basis dienen. Die antisemitische Parteipresse, ehrlicher (!!) als die antisemitischen Parteihäupter, gesteht das auch zu, und ausnahmsweise der Wahrheit die Ehre gebend, spricht sie frei und offen aus, daß dieser Erlaß den Grundstein zur kirchlichen Schule bilden soll. Das verlangen die clericalen Schöpfer und Protektoren der Machthaber von Wien als Gegenleistung für die ungezählten Mengen Golves, welche die Kirche dieser Partei hingeopfert hat, als einzige Gegenleistung für die agitatorischen Dienste und Unterstützung der Legion von Hetzcaplänen, welche die Kirche dieser Partei zur Verfügung gestellt hat. Der präsentirte Wechsel muß eingelöst werden, soll die Partei nicht der Gefahr der Zertrümmerung preisgegeben sein. Das ist ein Moment, dessen eigenartige pädagogische Bedeutung merkwürdigerweise ganz zuerst vom Herrn Demokraten Schlechter erkannt wurde. Aber noch ein anderes Motiv — natürlich aus dem Gebiete der jesuitisch-socialen Pädagogik entnommen — war maßgebend für die Trennung der Schüler nach Confessionen. Die würdigen Patres vom Jesuitenkloster auf dem Rathhausplatz calculiren nämlich so: Wohl wird das „Volk von Wien" in die antisemitischen Versammlungen geführt, wo ihm große, dicke Herren mit und ohne Brillen und sonstige Apostel aller menschlichen und göttlichen Tugenden die Geschichte von der sittlichen und geistigen Größe der Führer des christlichen Volkes erzählen und auch die Heldensagen, in welchen die Alles überragenden Gestalten — Purscht, Gregorig, Vergani, Schneider — von himmlischer Glorie umflossen erscheinen. Dann wird als Pendant dazu dem versammelten, gespannt aufhorchendem Volke auch die zwar etwas schon alte, aber noch so ziemlich wirksame Geschichte von den Juden erzählt, von den teuflischen Juden, welche alle See- und Landkriege aller Zeiten angezettelt, welche Pestilenz, Hagel, Stürme, Ueberschwemmungen, Dürre, Mißernte und Hungersnoth über das arme christliche Volk heraufbeschworen haben, und wieder von den Juden, die in ihrer fanatischen Bosheit das christliche Volk unterdrücken und in Ketten schlagen, und nochmals von den Juden, welche sogar das rothe, warme Blut des Herrn Gregorig als kostbare Würze für ihre Mazzes verwenden wollen, und abermals von den Juden, welche das herrliche Paradies auf dieser Welt zu einem Jammerthal gestalten rc. Haßerfüllten Herzens und ganz betäubt von dem Gehörten kehrt nun der Mann oder die Frau des „christlichen Volkes" nach Hause zurück, fest entschlossen, mit den miserablen Juden Abrechnung, fürchterliche Abrechnung zu halten. Aber gleich Morgens am folgenden Tage gehen die Kinder desselben christlichen Mannes in die Schule und kommen dort mit den jüdischen Kindern zusammen. Und stehe da, die grauenhaften Geschichten, die der Vater in der Versammlung gehört und seinen Kindern weitererzählt hat, finden hier keine Bestätigung. Das christliche Kind merkt bald, daß seine jüdischen Mitschüler brav, fleißig und sittsam sind'. Auch von der neuen Krankheit — Schluchzen-Gregorigii — weiß das christliche Kind nichts zu erzählen. Mit seinem ursprünglichen, ungetrübten richtigen Blick erkennt es bald, daß der Vater oder die Mutter falsch berichtet ward, und sofort ist das Kind bereit, seinem noch unverdorbenen, für das Schöne, Wahre und Gute noch ganz empfänglichem Gemüthe zu folgen und mit seinem braven, fleißigen jüdischen Mitschüler Freundschaft zu schließen. Aus der Schule nach Hause zurückgekehrt, klärt das christliche Kind seine Eltern über ihren Jrrthum auf. Ja, die Kinder fangen sogar an, sich gegenseitig zu besuchen, und die christlichen Eltern machen nun die persönliche Erfahrung, daß sie der unreinen, chinesischen Phantasie großer, dicker Herren mit Brillen schmählich zum Opfer gefallen sind. Jedes christliche Kind mit noch reinem Gemüthe, das in der Schule mit braven, sittlichen jüdischen Kindern beifammenfitzt, entwickelt sich so naturgemäß und allmählich zu einem Agitator der Wahrheit, vor dessen ursprünglicher Kraft die Agitatoren der Lüge, Fälschung und Dummheit erzittern müssen. Schon die Ahnung der heranrückenden Wahrheit versetzt die Schätzer der Lüge in feige Angst. Die ergatterten Aemter, Sinekuren und fetten Pfründen drohen ihnen in den Staub zu sinken. Auch ihre brutale, volksbedrückende Macht könnte ihnen bald entwunden, das in üppigster Blüthe stehende antisemitische Geschäft und die angehäuften Reichthümer könnten gemindert werden. Diese Gefahr, welche die Herren von Wien in der heranrückenden Generation erblicken — muß beseitigt werden. Sie haben einsehen gelernt, daß es ihren schändlichen Zwecken durchaus nicht genügt, die heutige Generation zu einer gedanken- und willenlosen, blöden Masse geknetet zu haben — ihr „pädagogisches Wirken", ihr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.