Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 39 (30.9.1898)
- Date
- 1898-09-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 712 Dr. Vloch's Wochrnschrifl Nr. 39 Im Bormärz und noch lange bis nach der Concordatszett gab's in Oesterreich officiell ausschließlich confessionelle Schulen. In Mähren — therlweise auch in Böhmen — wo die Anomalie der getrennten politischen Gemeinden, Christen- und Judenstadt in einer Katastralgemeinde, besteht, befinden sich noch derzeit Judenschulen, das heißt Schulen, die ausschließlich von Judenkindern frequentirt werden. Es muß darauf hingewiesen werden, daß in den Schulen derartig Politisch getrennter Gemeinden von jeher eine confessionelle Schulgeometrie erforderlich war, wie sie jetzt zum Gaudium der antisemitischen Machthaber in Wien prakticirt wird. Mit dem Falle der Ghettomauern zogen die Juden in die Christenstadt, wo sie ihre Geschäfte hatten, während die Christen die kleinen Judenwohnungen mit billigerer Wohnungsmiethe aufsuchten. Es kommt vor, daß in vielen polittschen Judengemeinden Mährens derzeit mehr Christen wohnen als Juden, z. B. in Nikolsburg, Proßnitz u. s. w. Die confessionelle Schule hat für die Juden an und für sich nichts Schreckliches, es ist nur die Tendenz der gewaltsamen Creirung, welche sie verhaßt macht. Es sei gestattet, von einer Judenschule zu berichten, wie sie in den Vierziger- und Fünfziger-Jahren in Proßnitz zum Wohle der Gemeinde und zum Segen der Familie gewirtt hat. Proßnitz war seit altersher eine der fortschrittlichsten Gemeinden der Monarchie, ohne daß das wahre, echte Judenthum hierunter gelttten hätte. Zu Hunderten pilgerten wißbegierige Jünger nach Proßnitz, um an den von Rabbi Mosche Wannefried (Katz) gehallenen Vorttägen — Jeschiwe — sich im Talmud und der Exegese fortzubilden. Herr Dr. Gideon Brecher war und ist noch heute eine Zierde des Judenthums. Dr. Moritz Steinschneider ist auch heute in seiner Art als jüdischer Gelehrter einzig und unerreicht. Beide sind Proßnitzer Kinder. Der verewigte Dr. Jellinek hat behufs talmudischer Studien einige Jahre in Proßniß gelebt. Rabbi Gabriel Babad recte Spcher, Rabbi Hersch Klein, Rabbi Mosche Glaß, waren über die Marken Mährens bekannte Talmudgelehrte. Die Proßnitzer Juden, zumeist Industrielle und Handelsleute, waren einsichtig und weitsehend genug, zu erkennen, daß sie ihren Kindern einen guten Unterricht auf den Lebensweg geben müssen, daher das ganze Augenmerk auf die Gemeindeschulr gerichtet war. In den Vierziger-Jahren war der spätere Oberrabbiner Weiße in Szegedin Leiter der Proßnitzer Gemeindeschule, in den Fünfziger-Jahren wurde dieselbe dem Schuldirector Dr. Bernhard Porges aus Prag anvertraut, unter deffen Leitung sie zur Ausgestaltung in eine siebenclassige Lehranstalt mit dem Unterrichtsplan und dem Lehrziel der jetzigen Unterrealfchule gelangte. Dr. Porges war von universeller Bildung und ein hervorragender Pädagoge. Während die Christenstadt mit einer Einwohnerzahl von 12.000 nur zweiclassige Volksschulen besaß, verfügte die Judengemeinde mit etwas über 2000 Seelen über eine siebenclassige Schule. Nominell gab es allerdings nur vier Classen, aber die vierte Clafse wurde von Dr. Porges in den drei Abtheilungen mit erweitertem, auffteigendem Lehrplan und Lehrziel ausgeweitet. Von der dritten Clafse. aufwärts besorgten den Unterricht Fachlehrer. Dr. Porges tradirte Physik, deutsche Sprache, Geschichte, höhere Geomettie, Algebra; Lehrer Moritz Altar, ebenfalls ein vorzüglicher Pädagoge: Geographie, Rechnen, Geometrie, Baukunst; Lehrer Leopold Glaß, ein ausgezeichneter Kaligraph, besorgte den Schreibunterricht, während Rabbi Leb Hirsch, gesegneten Andenkens, die talmudischen Fächer cultivirte; Rabbiner Dr. Schmiedel, derzeit eine Zierde des Wiener Rabbinats, versah den Religionsuntericht. Der Unterricht währte von 8 bis 12 Uhr Vor- und von 2 bis 7 Uhr Nachmittags, ohne Wochenferialtage. Nur am Freitag wurde der Unterricht im Sommer um 5 Uhr, im Winter um 4 Uhr Abends abgebrochen. Schulferien gab es überhaupt nicht. Nur am Passah- und Laubhüttenfeste durften sich die Schulkinder und Lehr» durch je 8 Tage einer Erholung hingeben. Der Unterricht wurde mit unermüdlichem Eifer ertheill und von den Schülern mit gleichem Eifer und Lerngier empfangen und auch verdaut. Die Lehrer behandelten die Schüler in pattiarchalischer Weise, die Schüler sahen zu ihren Lehrern mit Verehrung empor. Wer die Schule verließ, war sicher, eine Basis für den künftigen Lebensweg empfangen zu haben. Eine ganze, große Reihe von Capacitäten auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft ist aus der Proßnitzer Judenschule hervorgegangen: Hoftath Herrenhausmitglied Beer, Artillerie-Regimentscommandeur Oberst Beer. Bildbauer Fred Beer, weiland Dr. Adolf Brecher, Dr. Alois Brecher, Professor Moriz Brecher, Triangulirungs- Director Broch, Polizeiarzt Dr. Cohn, Med. Dr. Cohn, Hofrath C o n t a, die Fregattencapitäne weiland Funk und Lang, Kammerrath Reick, sie Alle waren Schüler der Proßnitzer Judenschule. Selbstverständlich kann diese Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit machen. Bezeichnend für die damaligen Verhältnisse ist der Umstand, daß die in sieben Classen ausgestaltete Schule nur für die zwei ersten Classen das Oeffentlichkeitsrecht besaß. Alljährlich mußten die Lehrer mit den Schülern entweder nach Kremsier oder Olmütz einen Pilgerzug antreten, behufs Ablegung der Prüfung, resp. Erlangung eines giltigen Schulzeugnisses. Ja noch mehr, die Judenschule war officiell nur zweiclassig gestattet, der Unterricht in den höheren Classen war eigentlich nur tolerirt, und es lag in der Macht der Schulaufsichtsbehörde, jeden Augenblick denselben zu inhibiren. Das Damoklesschwert hing an einem dünnen Haar, und die schwebende Gefahr konnte nur durch Mittel, wie sie seinerzeit gang und gäbe waren, abgewendet werden. Und trotz aller dieser Hindernisse und Widerwärtigkeiten gedieh die Proßnitzer Schule und erzielte pädagogisch und didacttsch große Erfolge. Man lehrte viel und gut, man lernte aber und wußte auch, was gelehrt wurde, trotzdem die vielen Behelfe und Lehrmittel der Neuschule gänzlich fehlten, es einen Anschauungsuntericht nicht gab und Pädagogik und Didactik noch nicht auf der Höhe der Situation waren. Nachdem die Gewähr vorhanden ist, daß die künftigen konfessionellen jüdischen Schulen zumindest gleiche Erfolge aufzuweisen haben werden, nachdem wir derzeit über einen vorzüglichen Stab pädagogisch, systematisch geschulter jüdischer Lehrkräfte verfügen, so können wir unsere Kinder beruhigt der jüdischen Schule und den jüdischen Lehrern, ohne uns für die confessionelle Schule zu begeistern, anvertrauen. Eduard Beer. Trauerkundgebungen für die Kaiserin. Wien. Der „Israelitische Frauen-Wohlthätigkeitsverein Josefstadt" der Stadt Wieu hielt am 21. d. M. auf Einladung der Präsidentin Frau Amalie Beck eine Vorstandssitzung ab, in welcher einstimmig beschloffen wurde, das tiefe Mitgefühl und die innige Antheilnahme anläßlich des Ablebens unserer erhabenen Kaiserin in entsprechender Weise an Allerhöchster Stelle zum Ausdruck zu bringen. Auf Antrag der Präsidentin wurde dieselbe ermächtigt, die Allerhöchste Erlaubniß zu erbitten, daß das zum Regierungsjubiläum zu errichtende Reconvalescentenheim zum Andenken an die hohe Dahingeschiedene den Namen „Elisabethinum" führen dürfe. — Am Montag den 19. d. M. fand anläßlich des Ablebens unserer allverehrten Kaiserin Elisabeth im israelitischen Bethause Wien-B rigittenau eine solenne Trauerfeier statt, zu welcher sich der gesammte Vereinsvorstand und zahlreiche Vereinsmitglieder einfanden. Auch die Volks- und Bürgerschüler unter der Leitung der Herren Religionslehrer Kuner, Oehler, Kulka, Moriz Adler, Isidor Faltischek fanden sich rem; ebenso betheiligten sich die Herren Communallehrer Carl Holzer und Sigmund Neumann. Herr Rabbiner Dr. Templer hielt eine erhebende Ansprache, von welcher alle Theilnehmer bewegt waren. Herr Bethauscantor Rohmann intonirte sodann den Choral. — Im israelitischen Bethaus im 3. Bezirk, Untere Viaductgasse 13, fand Donnerstag den 22. d. M. ein feierlicher Trauergottesdienst statt. Herr Rabbiner Breuer hielt eine ergreifende Trauerrede, Herr Obercantor Schwarz trug die Trauergesänge vor. Ueberaus zahlreiche Andächtige wohnten der erhebenden Feier bei. — Im Bethause des Adaß-Jsroel, II., Große Schiffgasse 8, wurde am 19. September für weiland Ihre Majestät die Kaiserin Elisabeth eine Trauerfeier abgehalten. Nach Absingung von Trauerpsalmen, die Herr Cantor Löwy zum ergreifenden Vortrag brachte, hielt Herr Rabbiner S. F ü r st der großen Todten einen tiefempfundenen Nachruf, der die zahlreichen Zuhörer erschütterte. — Am 20. d. M., 8 Uhr Morgens, fand im großen Tempel des 2. Bezirkes in der Tempelgasse ein Trauergottesdienst der Schuljugend für weiland Ihre Majestät die Kaiserin Elisabeth statt. Herr Schulinspector Professor Kanitz hielt die Traueransprache in ergreifender, zu Herzen gehender, meisterhaft aufgebauter Rede. — Das Präsidium des „L e o p o l d st ä d t e r Frauen- Wohlthätigkeits-Vereines" hat den Vorstand und die Beiräthe des Vereines für den 25. d. M. zum Zwecke