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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-09-30 · 39 (30.9.1898) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
39 (30.9.1898)
Date
1898-09-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. ö9 Dr. Bloch's Wochenfchrifl Sette 709 die zu seiner Verurtheilung führten oder wenigstens beitrugen, sich als werthlos herausgestellt haben. Ob er nunmehr freigesprochen, ob er neuerdings verurtheilt wird, das ist, von der rein menschlichen und persönlichen Seite abgesehen, von untergeordneter Bedeutung. Mit inniger Theilnahme und von Mitleid erfüllt, ob der furchtbaren Qualen, die der unglückliche Mann vielleicht unschuldig erdulden mußte, wünschen wir, daß dieses Vielleicht in dem neuen Procefse sich in Gewißheit verwandle. Daß aber das nichtswürdige Complot, welches diese neuerliche Prüfung vereiteln wollte, weil Dreyfus ein Jude ist, kläglichen Schiffbruch erlitten hat, darin liegt für das Judenthurn die moralische Bedeutung des Revisionsbeschlusses. Dieser Beschluß, mag sein Endergebniß welches immer sein, ist ein Sieg des Rechtsgefühls und gerade deshalb eine tief beschämende Niederlage für die Schergen des Antisemitismus. * * * Von der Erhabenheit des weltbewegenden Kampfes um das Recht, wie er in Frankreich geführt wurde, zu der Lächerlichkeit der Wiener Zustände ist nur ein Schritt, aber wir müssen ihn machen, um aus den verschiedenen Blamagen, welche sich unsere Wiener Drumont's in den letzten Tagen zugezogen, nur Einiges zu registriren. Hieher gehört vor Allem das gerichtliche Urtheil, durch welches die Commune Wien verurtheilt wurde, dem Volksbildungsverein eine ihm widerrechtlich verweigerte Subvention von 3200 fl. auszubezahlen. In der Aera Bielohlawek hat die Gemeinde Wien kein Geld für Volksbibliotheken, und der hochweise antisemitische Gemeinderath, dessen liberaler Vorgänger dem Volksbildungsverein eine Subvention für drei Jahre unter gewissen Bedingungen bewilligt hatte, hielt sich für berechtigt, hinsichtlich der letzten, unter dem christlichsocialen Regime fälligen Rate, eine von der Stadt Wien gegebene Zusage zu brechen. Die gehässige Motivirung, mit welcher der durch seinen Schwiegervater berühmt gewordene Stadtrath Lehrer Tomola sein Referat begründete, schloß jeden Zweifel an der Tendenz des Beschlusses aus. Vom Standpunkte der öffentlichen Kritik muß das ohneweiters als unanständig bezeichnet werden; vom Standpunkte des Rechtes hat Herr Dr. Lueger, dessen Gesetzeskenntniß durch so viele ungünstige gerichtliche Erkenntnisse unangenehm beleuchtet wird, uunmehr die erforderliche Belehrung erhalten. * $ * Ueberaus klug und weise hat sich auch die Wiener Fleischhauergenossenschaft benommen, als sie es ablehnte, den für Montag anberaumten Viehmarkt auf den Dienstag auszudehneu. Die jüdischen Viehhändler und Commissionäre hatten nämlich darauf aufmerksam gemacht, daß sie am Versöhnungstage den Viehmarkt unmöglich beschicken können. Jede vernünftige Genossenschaft hätte nun der Thatsache, daß es zahlreiche jüdische Viehhändler und Commissionäre gibt, wenn schon nicht aus Gründen der Toleranz, so doch aus geschäftlichen Gründen und mit Rücksicht auf das covsumirende Publicum, welches durch die unvermeidliche Preissteigerung getroffen wird, Rechnung getragen. Von Toleranz ist nun bei den meisten Wiener Genossenschaften schon lange nicht mehr die Rede; vielmehr geht bei den Vorstehern der Fleischhauer die Gehässigkeit so weit, daß sie für den Judenhaß auch empfindliche Opfer bringen, zwar nicht aus eigener Tasche, aber aus der Tasche der ärmeren Fleischhauer,die ihren Bedarf auf dem Viehmarkt decken mußten und die antisemitischen Passionen ihrer Genossenschaftsvorstehung zu büßen hatten. Der bekannte Reiseschriftsteller war natürlich sofort mit der Verleumdung zur Hand, daß die Juden das Fleisch absichtlich vertheuert hätten. Vielleicht hat Vergani niemals so lebhaft bedauert, daß er nicht ein jüdischer Viehhändler geworden ist, wie an diesem Tage; er hätte vielleicht rasch die Gelegenheit ergriffen, um auch am Bersöhnungstage, die Abwesenheit seiner Glaubensgenossen klug benützend, mit antisemitischen Fleischhauern ein gutes Geschäft zu machen. Versteht er es doch bester als so mancher Viehhändler von Beruf, immer neue Ochsen zu finden, die sich dumm und willig von ihm zu Markte treiben lassen, wobei er nicht einmal für ihre, sondern sie für seine Mästung sorgen. * * Der alte längst vergessene I st o c z y ist wieder aus der Versenkung aufgetaucht. Er wurde wegen einer Verleumdung verurtheilt, durch welche er seinen langjährigen christlichen Hausarzt zum Selbstmord getrieben hatte. Jstoczy hatte gegen diesen Arzt, einen geachteten und ehrenhaften Mann, die infame Beschuldigung erhoben, daß er als Emissär jüdischer Verschwörer den seiner Behandlung anvertrauten Sohn Jstoczy's absichtlich habe zu Grunde gehen lassen. In der Verhandlung rühmte sich Jstoczy, daß er den Antisemitismus nicht blos in Ungarn, sondern in ganz Europa gegründet habe, und man konnte auch aus diesen» Processe ersehen, daß die Verleumdung ein unentbehrliches und immer wieder angewendetes Requisit des Antisemitismus ist. Wie aber Vergani schon Pech hat, so wurde ihm auch durch den Proceß gegen seinen Vorgänger Jstoczy abermals der Nimbus der Originalität benommen. Wir mutheten nämlich ihm die Erfindung des klinischen Ritualmordes zu. Nun erfahren wir, daß er auch hier nichts anderes, als auf dem Gebiete der Reisebeschreibung geleistet hat. Auch den klinischen Ritualmord hat er abgeschrieben. Mit welchem Vorbedacht und mit welchem Raffinement in dieser Hinsicht das „Deutsche Bolksblatt" die absichtliche und wissentliche Verleumdung cn^tivirt, ergibt sich aus der einfachen Vergleichung eines Artikels in der Dienstag-Nummer dieses Blattes über die sogenannte „Menschenschinderei" im Rudolfs-» spital und der in diesem Artikel bereits im Vorhinein kritisirten amtlichen Berichtigung des Rudolfsspitals in der Mittwoch- Nummer. Diese Berichtigung ergibt den stricten Nachweis dafür, daß dieselben Experimente, welche das Berganiblatt zur Verdächtigung hochangesehener Aerzte ausbeutet, verdienstvolle, von der Wissenschaft als solche anerkannte, und von den hervorragendsten Autoritäten der Heilkunde empfohlene Versuche waren, die im Interesse der leidenden Menschheit unternommen wurden. Die Verlogenheit und Perfidie der Verdächtigung ist umso größer, als die betreffenden Aerzte die fraglichen Versuche zuerst an sich selbst vorgenommen haben. * * * „Mit lebhafter Freude" begrüßt der Wiener Gemeinderath den ungesetzlichen Erlaß des Wiener Bezirksschulrathes, betreffend die Trennung der Schulkinder nach Confessionen. Referent war derselbe Herr „Schwiegersohn" Tomola, welcher den Gemeinderath dazu überredet hat. die Stadt Wien hinsichtlich ihrer Verpflichtungen gegen den Bolksbildungsverein wortbrüchig werden zu lassen. Die Debatte, über die „lebhafte Freude", insoweit es die Majorität betrifft, zeichnete sich durch die Heuchelei aus, mit welcher die „pädagogischen Rücksichten" als maßgebend für den Erlaß hingestellt wurden. Es war ein wahrhaft gelungener Scherz von Herrn Dr. Lueger, einen Redner zu ermahnen, daß er den Antisemitismus nicht in die Frage hineinziehen möge. Das hinderte freilich nicht, daß Herr G r e g o r i g sich wieder als das entant terridls der schlauen Partei benahm und unvorsichtig aus der Schule schwatzte. Der Intimus des Herrn P urscht antisemitelte in gewohnter Manier und erzählte eine Geschichte von der gesundheitsschädlichen Ausdünstung der Jndenkinder. Schade, daß Herr Alexander P u r s ch t nicht ebenfalls das Wort ergriff, um das hygienische Moment hervorzuheben. Purscht und Gregorig, sie bekunden Beide lebhaftes Verständniß für die sanitären Erfordernisse öffentlicher Häuser. * * * Ein ausgezeichnetes Wort des Gemeinderathes Dr. Walter Brix stigmatisirte die wahren Abfichten der christlich-socialen Pädagogen: „Sie wollen", sagte er, „die Juden zum Gebrauche des Antisemitismus erziehen!" Trefflicher kann die Situation nicht beleuchtet werden. Mit anständigen, gut erzogenen und gebildeten Juden ist dem Antisemitismus nicht gedient; sie brauchen Juden, deren Verfolgung sich wenigstens durch einen Schein von Begründung entschuldigen läßt. Daher das bestialische Vergnügen, wenn das „Deutsche Volksblatt" einen „jüdischen" Verbrecher gefunden hat. Dieses Organ der Purschts und Gregorigs liefert übrigens zu den angeblichen pädagogischen Rücksichten einen nützlichen Commentar durch einen Artikel über die „Verjudung" der Mittelschulen. Auch die Trennung der Mittelschule sei nothwendig, weil die Anwesenheit jüdischer Schüler die Lehrer zu „peinlicher Rücksichtnahme auf die Gefühle der Juden" zwinge. Welcher Art diese peinliche Rücksichtnahme ist, wird u. A. auch in folgendem Satze hervorgehoben: „Zwingt ferner die Rücksicht auf die Anwesenheit jüdischer Schulkinder den Geschichtslehrer nicht ebenfalls, das Capitel mittelalterlicher Judenverfolguilgen in e i n e r W e i s e zu b e h a n d e l n, daß unsere Vorfahren als rohe Barbaren erscheinen, welche die armen unschuldigen Juden grausam verfolgten, während die Gerechtig-

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