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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-09-30 · 39 (30.9.1898) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
39 (30.9.1898)
Date
1898-09-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 708 Vr. Vloch's Wochenschrift Nr. 9 qualificirendlaut angegeben oder nach stillschweigender Uebereinknnft angesehen wird. In diesem Augenblick wird es zum Erforderniß der Selbstachtung und der Billigkeit, daß alle die, die in solche Verfehmung nicht einstimmen, gerade einem Vertreter dieses Bekenntnisses, der im Uebrigen den politischen Anforderungen entspricht, ihre Stimmen geben. Für uns Juden trifft Beides zu! Wir hören die laute Aufforderung: „Wählet keinen Juden!" bei den Antisemiten und den Conservativen, und wir nehmen die stillschweigende Uebereinkunft, die das gleiche Ziel im Auge hat, bei den L i b e r a l e n wahr. Die Antisemiten, die auch in dem getauften Juden noch den Semiten sehen, handeln dabei nach ihrer Doctrin und somit folgerichtig, die Conservativen verfahren wenigstens nach ihrem Herkommen, das die Taufe als Vorbedingung der Aufnahme in ihre Reihen verlangt. Die Liberalen begehen aber einen Act des Verraths an ihren eigenen Principien, zu denen sie sich noch immer bekennen, und fügen zu dem Verrath die Heuchelei, indem sie von den Anhängern des jüdischen Glaubens, die sie in ihren Rechten zu vertheidigen vorgeben, noch Subventionen an Geld und Stimmen fordern. Zufall soll es gewesen sein, bloßer Zufall, daß gerade dort, wo die Liberalen eine Mehrheit besitzen, sich kein einziger geeigneter Bewerber jüdischen Glaubens mehr fand, während vordem von solchem Mangel nichts zu spüren war! An diesen Zufall glauben wir längst nicht mehr. Der dümmste Jude — und es gibt unter den Staatsbürgern jüdischen Glaubens herzlich dumme — glaubt nicht daran und kann nicht daran glauben, da er sieht, daß man jüdische Bewerber überall dort zu finden weiß, wo auf Erlangung eines Mandates keine Aussicht ist. Die Juden selbst, sagt man, wollen nichts von jüdischen Candidaturen wiffen, weil sie von deren Aufstellung befürchten, sie möchte zum Anlaß für eine antisemitische Hetze in ihren bis dahin lediglich friedlichen Kreisen werden. Allerdings gibt es „Reichskammerknechte" unter den Juden, die solche Befürchtung gälten lasten, die so sehr alles Makkabäerthums bar sind, daß sie sich dazu hergeben, die Angstmeier im Dienste des verschwiegenen praktischen Antisemitismus zu spielen. Doch wie kommt es, daß auf diese Angstmeier nur Rücksicht genommen wird, wo die Liberalen über sichere Mandate verfügen, während man sie schweigen heißt — wofern sie überhaupt sich regen! —, wo es sich um vergebliche Anstrengungen handelt und die Mehrzahl der Widersacher einen antisemitischen Sturm wahrscheinlich macht? In Berlin beispielsweise ist vom Antisemitismus nichts zu fürchten — was er irgend konnte, hat er bereits gethan —, die Liberalen verfügen über neun Landtagsmandate nach ihrem Gefallen, es sind überdies Vacanzen vorhanden, so daß nicht einmal die Rücksichtnahme auf Personen vorgeschoben werden kann, und hier wohnen Juden in solcher Zahl, daß sie einen sehr beachtenswerthen Bruchtheil der Wählerschaft bilden. Hier ist es Sache der Juden, mit festem Willen, mit zielbewußter Entschlostenheit dafür zu sorgen, daß ihnen ihr Recht aus Vertretung werde. Und auf Eines muß dabei vornehmlich geachtet werden; Wir können keinen Namen-Juden als Abgeordneten brauchen, keinen Renommir-Juden, den eine Fraction sich einreiht, damit sie sagen könne, sie habe auch einen Juden in ihrer Mitte. Wir wollen Wgeordnete jüdischen Glaubens haben, die auch Juden sind, die das Judenthum kennen, und die im Stande sind, gegen unsere Widersacher unsere Sache kundig und muthig und geschickt zu führen. Wir wollen nicht auf die wohlgemeinte, aber wirkungslose Vertheidigung durch „europäische Redensarten" angewiesen sein, sondern im Landtage Vertreter wissen, die die antisemitische Lüge und Verleumdung Niederschlagen mit den Waffen der Kenntniß und der Wahrheit. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffe» zur Tagesgeschichte. (Auf der Bah« der Gerechtigkeit. — Drumont's Geständnis. — Die Revision und das Judenthum. — Eine vorenthaltene Subvention. — Aus Der Tasche der Kleinen. — Dergani's Austrieb. — Zum Gebrauche des Antisemitismus.) „Der Beschluß des Ministerrathes, das Revisionsverfahren im Proceffe Dreyfus einzuleiten, bringt eine.Angelegenheit, welche feit Jahren zum wüsten Parteistreite gemacht wurde, auf die einzige Bahn, auf welcher sie endgiltig erledigt werden kann, a u f d i e derGerechtigkeit ohneAnsehen derPerson des Bern rtheilten und seiner Ankläger." Dieser Satz ist selbstverständlich einem Judenblatte entnomrnen, einer jener vielen Tausende von europäischen Zeitungen, die der Großrabbiner von Frankreich bekanntlich mit den ihm zur Verfügung gestellten Millionen bestochen hat. Vielleicht irren wir uns aber, vielleicht steht dieser Satz in einem Blatte, dessen Redactionsschwelle vielleicht niemals ein Jude überschritten, vielleicht gar in einem Blatte, dessen Tendenz notorisch darauf gerichtet ist, den katholischen Gedanken hochzuhalten, für den Ruhm und das Ansehen der christlichen Kirche einzustehen? Und tatsächlich, dieser Satz steht wörtlich in dem officiellen Organ des österreichischen Episcopats, in dem clericalen Wiener „Vaterland". Einen Criminalfall der Parteileidenschaft zu entziehen, ihn vor das einzig zuständige Forum unbefangener Richter zu bringen, darin allein bestand ja und besteht die Forderung, welche alle rechtlich denkenden Menschen auf der ganzen civilisirten Welt in der Sache Dreyfus immer dringlicher stellen mußten. Denn wohlgemerkt, nicht um eine Rechtsfrage in dem Sinne handelte es sich, ob das, was Dreyfus gethan haben soll, einen Berrath begründe, sondern, ob er es gethan. Eine Thatfrage also ist es, nicht eine Frage der strittigen Auslegung eines Gesetzes, und wenn die Beweise, auf Grund deren ein Mann verurtheilt worden ist, sich als gefälscht, wenn die Zeugen, auf deren Aussagen hin er schuldig erkannt wurde, als Lügner und Verleumder entlarvt werden — wer könnte so gewissenlos sein, die Wiederaufnahme des Verfahrens, die Ueberprüfung der Beweise abzulehnen? Und dennoch bedurfte es eines jahrelangen Kampfes, der persönlichen Aufopferung der vornehmsten Geister des französischen Volkes, ehe jene Wendung herbeigeführt ward, welche ein streng katholisches Blatt, also gewiß kein „Judenblatt", in aller Ruhe als die einzig richtige erklärt. Aber freilich, das „Vaterland" stellt da ein Princip auf, das unvereinbar ist mit dem Antisemitismus. Es spricht von Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person. Wenn aber diese Person ein Jude ist, darf es da überhaupt eine Gerechtigkeit geben? Dem . Führer der französischen Antisemiten, Drumont, ist in der Hitze der Rede ein merkwürdiges Geständniß entschlüpft. Ob Dreyfus schuldig sei oder nicht, sagte er, sei gleichgiltig; das Attentat auf die Armee müsse vereitelt werden. Ein Mensch von gesunden Sinnen ist so verblendet oder von so teuflischer Bosheit erfüllt, daß er auch in dem Falle, als der Gefangene auf der Teufelsinsel unschuldig sein sollte, dessen Rehabilitirung Hintertreiben will! Das sind psychologische Verirrungen, vor denen das Rechtsgefühl entsetzt zurück sch ändert; nur dem Gehirn eines Wahnsinnigen oder eines Schurken kann ein solcher Gedankengang entspringen, und Drumont hat in Wien gar stramme Gesinnungsgenossen, die durch die gewinnreiche geschäftliche Ausbeutung des Antisemitismus geschützt sind vor dem Verdachte, daß sie zum Wahnsinn incliniren. Wie mag es in dem Gewissen der Leute aussehen, welche den Capitän Dreyfus verbannten und förmlich ' lebendig begraben ließen, wie mag ihnen zu Muthe sein, wenn sie daran denken, daß er vielleicht doch unschuldig ist, oder wenn sie es sogar wußten und diese Kenntniß verschwiegen? Für Drumont ist es gleichgiltig, ob Dreyfus schuldig ist oder nicht, denn Dreyfus ist ein Jude. Allein auch für das Judenthum ist es in d i e s e m Augenblicke gleichgiltig, ob Dreyfus schuldig ist oder nicht. Für uns liegt in dem Beschlüsse der Revision ein tröstender und erhebender Gedanke darin, daß die Gerechtigkeit nicht aus der Welt verschwindet, wenn auch derjenige, für den Gerechtigkeit gefordert wird, ein Jude ist. Wir sind im Innersten unseres Herzens und, je mehr wir Alles das prüfen, was sich vor den Augen einer ganzen Welt abgespielt hat, immer mehr von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die Verurtheilung ein furchtbarer Jrrthum der Militärjustiz war. Nehmen wir aber nur für einen Augenblick an, daß wir uns irren. Auch in diesem Falle gewährt uns der Revisionsbeschluß Trost und Beruhigung. Die Frage, ob einem Menschen Unrecht widerfahren darf, nicht weil er ein Berräther, sondern weil er ein Jude ist, diese Frage hat Frankreich verneint. Dieser principielle, rein menschliche und rein rechtliche Gesichtspunkt hat die Judenschaft der ganzen Welt in dem sehnsüchtigen Verlangen begeistert, daß Dreyfus nochmals vor Gericht gestellt werde, weil Unregelmäßigkeiten im Verfahren stattgefnnden und weil die Beweise,

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