Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 39 (30.9.1898)
- Date
- 1898-09-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Cette 70» »r. Pb>*> »«chrnschrW R-. 89 Eine Enquske über das gslizische Iudeneiend. Die antisemitischen Excesse, deren Schauplatz im letzten Sommer ein großer Theil Westgaliziens war und zu deren Unterdrückung Standrecht und Ausnahmszustand verhängt werden mußten, haben, was deren planmäßige Urheber und Veranstalter kaum beabsichtigten, die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf das schreckliche Elend gelenkt, unter welchem unsere galizischen Glaubensgenossen leiden und welches von Tag zu Tag zu einem Meer von Jammer anwächst. Ein Ruf des Entsetzens ging durch die ganze civilisirte Welt, nicht so sehr wegen der einzelnen Gewaltthaten, welche die Bauernunruhen im Gefolge hatten, sondern ob des Elends der Juden, das da enthüllt wurde. Die Wuth des aufgereizten Landvolkes hatte sich gegen Menschen gekehrt, die selbst brum mehr besaßen als das nackte Leben, deren Dasein eine einzige Kette von Mühsal und schier unmenschlichen Entbehrungen bildet. So gräßlich ist das Los der großen Masse der jüdischen Bevölkerung Galiziens, daß die Flammen, welche über den Dächern der Judenhäuser emporzüngelten, die Noth nur beleuchten, aber kaum noch vermehren konnten. Bei dem blutigen Scheine dieser Feuersbrünste traten nicht rmr die localen Ursachen der antisemitischen Excesse zu Tage, sondern es eröffnete sich auch der Ausblick auf die furchtbare Gefahr, welche mit der Fortdauer und Steigerung des galizischen Judenelends für das ganze Land, ja für den Gesammtstaat, heranwächst. Denn fast eine Million Menschen wird der Verzweiflung zugetrieben, indem man ihnen allmälig alle Quellen des Erwerbes verschüttet. Unter der allgemeinen Nochlage seufzt auch der adelige Grundbesitzer und der Bauer. Aber den Juden entzieht man nunmehr noch das einzige Gebiet, auf dem sie ihr Fortkommen finden konnten — den Handel mit Naturprodukten. Das wird systematisch betrieben, ohne daß es irgend Jemandem zum Vorthelle gereichte, denn die wenigsten jener landwirthschaftlicheu Gauverbände, welche in den letzten Jahren zu dem ausgesprochenen Zwecke gegründet wurden, den Juden auch noch die armselige Krume Brotes wegzunehmen, an der sie nagen, haben sich als lebensfähig erwiesen. Die unselige Wirkung wird aber immer zu einer neuen Ursache der Verderbniß. Die zunehmende ökonomische Noch bedingt auch die geistige Verarmung, die iutellectuelle Depravation und die politische Abhängigkeit der Juden von jeneu Machthabern, gegen welche sich die Klagen des Landvolkes richten. So erscheint der Jude als die Verkörperung der Ausbeutung, während er doch nur ihr willenloses Werkzeug ist. Die professionellen Hetzer schmieden aus diesem Zustande neue Waffen gegen unsere Glaubensgenossen, indem sie auf deren sittlichen Verfall Hinweisen. Die Grundsätze der Ethik und Moral lassen sich in aller Welt schwer mit hungernden Mägen vereinigen. Aber trotzdem muß hier constatirt'werden, daß die Criminalstatistik den galizischen Juden ein glänzendes Ehrenzeugniß ausstellt, und daß ihre innige Anhänglichkeit an die Lehren unseres Glaubens die entsittlichenden Einflüsse des materiellen Elends zum großen Theile wettmacht. Es hat seit Jahren an einzelnen Versuchen, die erbarmungswürdige Lage der galizischen Juden zu verbessern, nicht gefehlt. Hochherzige Männer haben bedeutende Mittel daran gewendet, sie geistig und damit auch wirtschaftlich zu heben. Alle diese Versuche haben sich jedoch als unzureichend erwiesen. Die „Oesterreichisch- Israelitische Uni o n" geht nun daran, |btc Vorbedingungen für eine neue, weit ausgreifende Action zu schaffen. Sie beruft hervorragende Vertreter aller Parteirichtungeu, aller Coufessionen und aller Bevölkerungsschichten, gründliche Kenner des Landes und seiner Verhältnisse zu einer „Enquete über die Lage der jüdischen Bevölkerung Galiziens". Diese Enquete, die am 88. d. M. eröffnet wurde, zieht, wie der unten folgende Fragebogen beweist, alle wirthschaftlichen, culturellen und politischen Verhältnisse in den Kreis ihrer Erörterungen, welche einen bestimmenden Einfluß auf die Lebensbedingungen nicht blos der jüdischen, sondern der Gesammtbevölkerung üben. Die Heilung einer Krankheit ist von der gründlichen Kenntniß ihres Sitzes und ihrer Ursachen bedingt. Das Judenelend in Galizien aber ist ein Uebel, dessen Bekämpfung doppelt schwierig erscheint, weil die eigenartigen politischen und socialen Verhältnisse des Landes die äußerste Schonung berechtigter Empfindlichkeiten zur Pflicht machen. So wichtig es ist, daß die galizische Judenfrage nicht vom einseitigen Parteistandpunkte aus beurtheilt werden darf, so richtig ist es, daß sie nur im guten Einvernehmen mit allen Parteien des Landes gelöst werden kann. Gelingt es, dieses gute Einvernehmen herzustellen und in allen maßgebenden Factoren die Ueberzeugung zu wecken, daß die Verbesserung der wirthschaftlichen Lage unserer galizischen Glaubensgenossen auch eine Bereicherung des Nationalwohlstandes, eine Steigerung der gesammten Volkskräfte bedeuten wird, dann würde sie sich ein großes Verdienst nicht nur um die Juden, sondern auch um Land und Staat erwerben. Die Lösung der Frageist vielleicht einfacher, als man denkt. Sie liegt in der Erschließung neuer Thätigkeiten auf dem Gebiete der Industrie und des Ackerbaues. Für die erstere bestehen in Galizien nicht ungünstige Bedingungen, es mangelt nur an kräftigem Unternehmungsgeist. Die Heranziehung der Juden zum Ackerbau bedarf allerdings größerer Anstrengung und sorgfältiger Vorbereitung, doch hat nach dieser Richtung schon vor neun Jahren einer der gründlichsten Kenner galizischer Verhältnisse, Herr Director Moriz Lazarus, in einer Broschüre sehr beachtenswerthe Winke gegeben, die wohl auch von der Enquete geprüft und gewürdigt werden dürften. Fragebogen. A. Wirtschaftliche, speciell Erwerbsverhaltnisse. 1. Welche sind die Ursachen der wirthschaftlichen Nothlage der Juden in Galizien? 2. Welche sind die Hauptursachen der allgemeinen Nothlage in Galizien und inwieweit hängt die Nothlage speciell der galizischen Juden mit der dortigen allgemeinen Nothlage zusammen? 3. Inwieweit ist diese allgemeine Nothlage mitverschuldet durch: die Art der Vertheilung von Grund und Boden zwischen Groß- und Kleinbesitz; durch die Passivität der Staatsgewalt; durch die autonome Verwaltung? 4. Inwieweit ist sie verschuldet durch die Thätigkeit der Juden, respective durch die Erwerbsverhältnisse, unter denen diese leben, namentlich: welche Wirkung haben diese Erwerbsverhältnisse der Juden auf die bäuerliche Bevölkerung? 5. Haben sich diese jüdischen Erwerbsverhältnisse in dem letzten Decennium, und in welcher — günstigen oder ungünstigen — Richtung geändert? 6. In welchen diesbezüglichen Verhältnissen lebten die Juden vor Beginn der antisemitischen Bewegung? 7. Durch welche Mittel könnte» die allgemeinen, und mit ihnen auch die jüdischen Erwerbsverhältnisse wesentlich verbessert werden? 8. Wie könnte die Errichtung neuer Jndustrieen gefördert werden? 9. Welche Jndustrieen hätten Aussicht, zu prosperiren? Welche Hausindustrieen könnten in größerem Maßstabe, speciell unter der jüdischen Bevölkerung, eingeführt werden? Wie und wodurch könnte die Staatsregierung — wie und wodurch die autonomen Landesbehörden hierin helfend und unterstützend eingreifend 10. Was halten Sie von der agrarischen Colonisation der Juden im Lande selbst, und wie könnte dieselbe ein- und durchgeführt werden? Wäre ein dem preußischen Vorgänge in Posen ähnlicher Weg praktisch? 11. Sind die bestehenden Institute für die Creditbedürfnisse der landwirthschaftlichen Bevölkerung ausreichend? Wenn nicht, in welcher Form könnte Abhilfe geschaffen werden? v. Culturzustand. 12. Inwieweit ist der Culturzustand der galizischen Juden auf den allgemeinen Culturzustand dort zurückzuführeu? Speciell inwieweit auf den Culturzustand je des Adels, des Bauern und des Kleinbürgers?