Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 38 (23.9.1898)
- Date
- 1898-09-23
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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©eilt 702 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 38 leitete. Mit ihm ist ein Mann aus unserer Mitte geschieden, dessen biederer Charakter von Allen, die ihn kannten, hochgeschätzt wurde, und ein bleibendes, liebevolles Angedenken sei der Lohn für sein dem Dienste seiner Mitmenschen gewidmetes Schaffen. Berlin. Die zur Zeit älteste Einwohnerin Berlin's ist eine hundertunddreijährige Frau, Namens Pinkus. Die Greisin erlitt vor einiger Zeit einen Knöchelbruch, von dessen Folgen sie sich nicht erholen kann. Der Bruch will, wie das ja bei dem hohen Alter der Frau vorauszusehen war, nicht heilen und bereitet der Greisin nicht geringe Schmerzen, die sie mit Geduld trägt. Die alte Frau sieht aus wie ein mit verschrumpftem Pergament überzogenes Skelett. Ihr Gehör hat in Folge ihres Alters stark gelüten, geistig ist sie aber noch sehr rege und ihr Gü>ächtniß hat sie auch nicht verlassen. Aus Myloslaw in Posen gebürtig, hat sie dort den größten Theil ihres Lebens zugebracht, und gar Manches weiß sie aus den napoleonischen Kriegen zu erzählen, als die Franzosen und daun die Kosaken kamen. Ihr Mann war in Mysloslaw Shnagogendiener und ist schon über 40 Jahre todt. 27 Jahre hat die Frau nach dem Tode ihres Mannes bei einem Sohn in Mysloslaw gelebt, bis dieser in Folge eines Sturzes ums Leben kam. Vor fünf Jahren nahm eine Tochter, die hiesige Handelsfrau Weiß, die greise Fran zu sich, und bei ihr in der Koblankstraße 2, II wohnt sie noch jetzt. Der Mann der Frau Weiß ist Hausirer. Das Ehepaar, dem es an Kindersegen nicht fehlt, ist mit irdischen Gütern nur sehr spärlich bedacht. Bei aller Armuth herrscht in ihrer Wohnung peinliche Sauberkeit, es fehlt ihnen aber an Manchem, um der Greisin die letzten Lebenstage freundlicher zu gestalten. Feuilleton. Der Letzte. Erzählung von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". (Fortsetzung.) »Im Feldlazareth bin ich zweimal gelegen/ meinte der Korporal, „aber gestanrben bin ich, wiös Du siehst, nöat einmal; — und der Gefreite Georg Halbzuber, wie der Girg bei der Escadron geheißen hat, hat da drunten in Pohlen — nöat bei einer Wirthshausrauferei — sondern in einem ruhmreichen Gefechte mit Räubern, einen tüchtigen Hieb über den Kopf bekommen; aber der Girg hat fein einen hoarten Schädel, er hoat's überstanden .... und jetzt Rodlhofbauer will ich Dir auch verzählen wie's kummt, daß wir Beide Dich z'sammen besuchen! Bor drei Jahren wie unsere Frau Kaiserin, apostolische Majestät, sich ein Stück Pohlen genaumen hat, bin ich mit meinem Regiment nach Bochnia marschirt. — Einmal sitz' ick vor dem Haus — wir waren da bei einem braven, reichen Juden einquartirt, und hatten's da sehr gut — rauch' meine Pfeife und denk' an mein Heimathsdorf zurück und an meine Schwester Elsbeth, den einzigen Menschen, der mir noch auf der ganzen Welt blieben is; da steht plötzlich ein hübscher Dragoner vor mir: „Kennst mi nimmau?" fragt mich der Pursch. „Nau, kenne thue ich Dich nöat; aber an Deine schöni Aussprach! d'erkenn ich fein, daß Du aus meiner Heimoath bist; — aber Gelbschnabel döas roath ich Dir als Landmoann, mi hier nöat per Du und „Lenz" anzureden, als wenn Du mein Camerad und Saufbruder wärst! Du bist gemeiner Dragoner; und ich bin für Dich fein der Herr Corpora! — verstanden?'' — darauf hebt der Lumpazi da an zu lachen und sagt: „Sakri! Kennst mi fein denn schau nit mehr, ich bin ja der Girg, des Teichbauern zweiter Sohn! Du hast mich ja oft gnua, wie ich noch ein kleiner Bub war, am Pukl genumma; — mir Pfeifen aus dem Rohr geschnitten — und i hoab Di, und Du hoast mie sakrisch lieb gehoabt! — nau, wie ich doas hör', hoab i mi gefreut, und sein mir glei in eine Schenken goangen und haben frisch Bimderschaft getrunken.Und da hat mir der Girg fern -'«zählt, daß meine Schwester, die Elsbeth, die einzige, die mir von neun Geschwistern blieben is, ein sauberes Moadl is und die Beiden sich rechtschoaffen liab hoben; — und daß für ihn von seinem Großvater mutterseits, dem Tippelsgrüner Organisten ein groß Paar hundert Gulden bei Gericht liegen, und daß, wie er vom Regiment nach Hause kommt, er und mein' Schwester Elsbeth fein Mann und Frau werden wollen — und die Elsbeth hat ihm fein versprochen, ihm treu zu bleiben, auf ihm zu warten, und wenn auch ein Prinz unr sie freien wollte .... nau! ich habe den Girg schon als kleinen Buben lieb gehabt, und er wär mir als Schwoager schau ganz roacht gewesen.jetzt sind wir beide entlassen wauren, ich und der Girg — ich, weil ich meine vierzehnjährige Dienstzeit ausgedient hoab, und der Girg, weil jetzt kein Krieg nöat is, und die Frau Kaiserin, apostolische Majestät, nöat mehr so viel Soldaten braucht. Wir haben die ganze lange Reise von Pohlen hierher zusammen gemacht: — und hier is unser Weg... / Lenz brach plötzlich ab, er war glühend roth geworden und erst nach einer längeren Pause konnte er weiter sprechen — „zu meiner Schwester Elsbeth gewesen. Seitdem ich vor sieben Jahr das Letztemal auf Urlaub zu Hause war, hat sich viel verändert .damals lebte meine gute Moader noch — und Elsbeth war ein schmuckes, unschuldiges Kind von fünfzehn Jahren — jetzt hoab ich mein Moader nöat troffen — sie liegt draußen auf dem kleinen Friedhof — dagegen Hab' ich in einer Wiegen ein klein winzig Kind gefunden .... merk' fein auf, RodlerhosbauerImeiner ledigen Schwester Kind . . . . sie sagt, D u bist der Voader!" Es trat eine Pause der tiefsten Stille ein. Lenz schien das Schweigen des verstörten Bauern nicht unangenehm zu' sein, er glaubte ihn seinen gerechten Wünschen vollkommen gefügig, und fuhr endlich fort: „Wie mein Voader selig gestaurben is, hat er mir das Kind auf die Sell' gebunden.... sein letztes Wort an mich war: ick soll als ältester Bruder fein Acht, auf sie geben .... Meiner Sell', wär der Girg nöat mit gewest, ich hätt' sie leicht d'erschlagen und donn Dich! — aber der Girg is fein ein kreuzpraver Pursch; — heiraten kann er freili mein' Schwester nöat; — aber d'erbarmt hat sie ihn; — und wie ich auf sie losstürzen will, wirft er sich zwischen uns und soagt: Laß sie — D u warst weg, i ch war weg — die Moader is todt — es hat. keiner das Moadel behüten können .... ich kann freili die Elsbeth Nöat heiraten, die Schoand kann ich nöat-mir, und nöat meinen praven Eltern im Grabe anthun!.i ch werd' auf dieser Welt nimmau glücklich; — aber derowegen soll das leichtfertige Moadel nöat unglücklich werden.Der Rodlerhofbauer hat sie verunehrt — aber sein Weib is todt, er is Wittiber und muß die Elsbeth zu seiner Bäuerin machen, ihren Buben — ich sag' Dir, Claudy, ein Prachtkerl is der kleine Schelm — als Kind anerkennen." Corpora! Buckerban war etwas beruhigter geworden, je länger ihn Claudy Rodler, ohne aufzufahren, anhörte, desto mehr glaubte er, daß dieser seinen Fehler einsehe und unter den mittlerweile eingetretenen veränderten Verhältnissen geneigt sei, ihn wieder gut zu machen; und der Gedanke, seine Schwester auf dem Rodlerhofe, wo sie früher als Magd gedient, als Bäuerin walten zu sehen, der Schwager des reichsten Bauers in der ganzen Umgegend zu werden, that ihm außerordentlich wohl und er fuhr jetzt ziemlich ruhig fort: „Die kluge Red' von dem praven Purschen hat mich ein bisl abgekühlt und der Girg sagt noch, daß er mit mir zu Dir hergehen wird, Dir zuzureden, zu thun, was Deine Pflicht ist — aber ich glaub' man braucht Dir erst goar nicht zuzureden! . , . . Du hast meine Schwester Elsbeth verführt, Du mußt sie wieder ehrlich machen!.... Also Claudy Rodler, ich komme als Bruder und Mann zu Dir und will Dich nur ruhig und höflich fragen . . . ." aber während der Corporal die Worte sprach, überflog bei dem bloßen Gedanken, Rodler könnte doch ablehnend antworten, Helle Röthe sein Gesicht und ein convulsivisches Zucken seinen Körper — wann willst Du zum Herrn Pfarrer gehen? Wann soll die erste Aufbietung sein? ich glaube am nächsten Sonntag, da wär's am Besten — und in vier Wochen machen wir Hochzeit — woas Claudy?" Rodler hatte die lange Auseinandersetzung Buckerban's mit steigender Aufregung angehört, zuerst hatte sich seine breite Brust in mächtigen Stößen gehoben und gesenkt, aber nach und nach schien er aufzuhören zu athmen, sein Gesicht, das bei der Ankunft der beiden Männer brannroth geworden, hatte sich nach und nach zur Kreidenweiße verblaßt. Als Lorenz Buckerban geendet, war wieder eine Pause entstanden. Rodler wollte sofort antworten, aber er fand nicht die richtigen Worte, in die er eine Ablehnung und deren Motivirung einkleiden mochte, überdies schienen ihm seine Sprachwerkzeuge für einen Moment den