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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-09-23 · 38 (23.9.1898) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
38 (23.9.1898)
Date
1898-09-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 696 Dr. Vloch's Wochenfchrifi Nr. 38 der Haupstadt des Mahditenreiches, gehalten, und wurden die dort gefangen gehaltenen Europäer und Egypter,l40 an Zahl, sogleich in Freiheit gesetzt. Unter diesen Gefangenen befinden sich auch fünf Juden und zwar einer aus Livorno, Namens G i a c o m o Passioni, dann zwei egyptische und zwei türkische Juden. Ursprünglich betrug die Anzahl der von dem grausamen Abdalla gefangen gehaltenen Juden sieben, doch haben zwei derselben zwangsweise den Islam angenommen. Dieselben werden nun jetzt voraussichtlich wieder zum Judenthume zurückkehren. Also, an dem bezeichneten Tage erhielten nun diese Unglücklichen, die seit fünfzehn Jahren in der Gefangenschaft schmachteten und keinen Augenblick ihres Lebens sicher waren, ihre Freiheit wieder. Was nun den Juden Passioni anbelangt, so werde ich nur das erzählen, was der in Rom lebende Franciskaner-Pater Rossignoli, der schon 1894 aus der Gefangenschaft in Omdurman entflohen ist, in seinem Buche: , ,J miei dodici anni di prigioeia nel Sudan“ („Meine zwölfjährige Gefangenschaft im Sudan") von ihm erzählt. Dort heißt es: „Ich und mein College Pater Regnotto (auch dieser erhielt erst jetzt seine Freiheit wieder) konnten uns in Omdurman kaum erhalten, da wir vom Chalifen Abdallahi nichts erhielten und wir durch unsere Händearbeit nur wenig verdienen konnten. Ich wob zwar Bänder, verdiente aber damit täglich kaum 50 Pfennige. Da lernten wir den Juden Passioni aus Livorno kennen, der gleichfalls ein Gefangener des Chalifen war. Dieser borgte uns nun etwas Geld, so daß wir uns eine Hütte kaufen konnten. Wir bucken nun Brod und kochten Bohnen aus, die wir dann auf dem Martte verkauften. So konnten wir uns durch die Hilfe des Juden doch anständig ernähren." Wir können nun sicher sein, daß weder Pater Rossignoli noch Pater Reguotto nächstens in einen antisemitischen Verein eintreten werden. Nach den Feiertagen, wenn aus Omdurman ausführliche briefliche Berichte in unseren arabischen Zeitungen vorliegen werden, werde ich Ihnen Näheres über die befreiten fünf Juden mittheilen. Der ««gesetzliche Schulerlaße. Aus dem Rathhause wird die Mittheilung versendet, daß die Trennung der Kinder nach Confessionen „nur" in den Bezirke» Innere Stadt, Leopoldstadt, Alsergrund vorgenommen werden soll. Die beabsichtigte Umgehung des Schulgesetzes wird also officiös, d. h. unverschämt, zugestanden. Es sollen, so kündigt die Rathhauscorrespondenz an, nöthigenfalls drei Parallelklassen und Mar katholische, protestantische und jüdische, errichtet werden. Der Antisemitismus in der Schule soll mit einem „protestantischen" Mäntelchen drapirt werden. Da es nicht genug protestantische Schüler gibt, um aus ihnen eigene Claffen zu bilden, so stellt sich die bekannt gegebene Absicht nur als ein läppischer Versuch dar, eine gehässige Maßregel mit dem Scheine der Sachlichkeit zu umkleiden. Der Proeeß Picquart. Die neuesten Nachrichten aus Frankreich erhellen wie ein Blitzstrahl den Abgrund zwischen bürgerlicher Gerechtigkeit und militärischer Gewalt. Picquart war es, welcher rechtzeitig seine Vorgesetzten darauf aufmerksam machte, daß die wichtigsten Beweisstücke . gegen Dreyfus gefälscht seien, allein seine Mittheiluugen wurden vertuscht und er selbst wurde wegen Veröffentlichung von Geheimdocumenten vor das Zuchtpolizeigericht gebracht. Allein seine Ankläger fürchteten die öffentliche Verhandlung. Damit Picquart nicht öffentlich sprechen könne, verlangt der Militärgouverneur von Paris die Vertagung und Picquart wird in das Militärgefängniß gebracht, nachdem er sich geweigert hatte, seine Freilassung zu verlangen, weil er sich öffentlich rehabilitiren will. Bevor er aber iü's Militärgefängniß abgeführt wurde, gab er eine Erklärung ab, die in ganz Europa das größte Aufsehen machen wird. Die Welt möge wissen, daß er keinen Selbstmord begehen werde. Wenn er also der R e b s ch n u r Lemercier- Picquard's oder dem Rasirmesser Henry's anheimfalle, so liege ein Mord vor. Lemercier-Picquart hat sich im Gefängniffe angeblich erhenkt, Henry hat sich angeblich mit dem Rasirmesser, das er auffälligerweise mit ins Gefängniß genommen haben soll, dcn Hals durchschnitten. Picquart's Worte enthalten die direkte Beschuldigung, daß die dem Generalstab unbequemen Zeugen im Militärgefängniffe ermordet wurden. Goethe über Mendelssohn-Bartholdy. Das bekannte Verhältniß des Dichterfürsten zu dem jungen Mendelssohn, den Freund Zetter empfohlen hatte und der bei seiner persönlichen Vorstellung in Weimar mit seinem Clavicrspiel den Dichter höchlichst entzückte, wird in dem von Ludwig Geiger herausgegebenen Goethe-Jahrbuch durch die folgenden, bisher ungedruckten Briefe Goethe's illustrirt. Zwei dieser Briefe sind an "die Eltern Mendelssohns, einer an den Componisten selbst gerichtet. Nach dem langen Besuche mit Zelter in Goethe's Hause schrieb der Dichter am 5. December 1821 an den Vater seines jungen Lieblings: „Wenn der talentvolle, fähige und fertige Felix mich manchmal beym Nachtisch den Kopf umwenden und nach dem Flügel schauen sähe, so würde er fühlen, wie sehr ich ihn vermisse und welches Vergnügen mir seine Gegenwart gewährte. Denn seit dem Scheiden der so willkommenen Freunde ist es wieder ganz still und stumm bey mir geworden, und wenn es höchst genußreich war, gleich beym Empfang nach langer Abwesenheit meine Wohnung in dem Grade belebt zu finden, so ist der Contrast an trüben und kurzen Wintertagen leider allzu fühlbar. Recht viel Glück wünsche ich Ihnen daher zu Ihrer so wohlbestellten Hauscapelle und hoffe, daß Fräulein v. Pogwisch mir das Glück, das ihrem Familenzirkel gegönnt ist, durch lebhafte Erzählung recht anschaulich machen werde. NehmenSie meinen aufrichtigen Dank, daß Sie uns das liebe Pfand solange anvertrauen wollen. Es ist nichts Tröstlicheres in älteren Jahren, als aufkeimende Talente zu sehen, die eine weite Lebensstrecke mit bedeutenden Schritten auszufüllen versprechen. Empfehlen Sie mich Ihren werthen Hausgenossen und Freunden, wie es mich dann immer freuen wird, von dem Wachsthum unseres jungen Virtuosen durch den trefflichen Zelter das Beste zu erfahren." Im Jahre 1825 hatte Frau Mendelssohn für ihren Sohn die Erlaubniß erbeten, Goethe, sein drittes Quartett widmen zu dürfen. Der Dichter erwiderte: „Mit vielem Vergnügen, meine wertheste Frau, werde ich das öffentliche Zeugniß betrachten, welches mir Ihr lieber, in einem so hohen Grade talentreicher Sohn zudenken will, ich bewundere ihn schon seit langen Jahren und dazu hat er als wohl geartet schon früh meine Neigung gewonnen und sie bis in diese letzten Zeiten zu erhalten und zu. vermehren gewußt. - Der Freude an seinem unvergleichlichen Talent konnte uh mich um so freher überlassen, als ich ihn von einem trefflichen Lehrer, meinem Freund, in einem hohen Grade geschätzt und geliebt wußte. Möchten seine schönen Gaben ihm auch zum Glück seines Lebens gereichen. Auf diese Gerechtigkeit des Schicksals trauend, empfehle ich mich Ihnen und Ihrem werthen Hause zum allerbesten." Das dritte Schreiben ist von 1831 und an Felix selbst gerichtet als eine Antwort auf einen Brief des jungen Tondichters aus Luzern. Es ist darin u. A. von Mendelssohns Composition der „ersten Walpurgisnacht" die Rede. Goethe schrieb: „Du hast mir, mein lieber Sohn, durch Deinen ersten römischen Brief viel Freude gemacht, daß ich nun auf Deinen zweyten von Luzern mich dankbar zu äußern alle Ursache habe. Ein Zwischen-Brief von Mayland, den, ich, nach Zelterischer Anfrage, empfangen haben sollte, ist nicht zu mir gekommen. Manchmal mach' ich mir Vorwürfe, daß ich im Familiengespräch und sonst im Geselligen doktrinär werde über Punkte, die mich intereffiren, und so mag ich auch in Deiner Gegenwart von Witterung und deren Regel- und Unregelmäßigkeiten wohl gesprochen haben. Dies ist mir aber nun sehr zum Vortheil gediehen, denn so bald Du auf diese Phänomene Deine Aufmerksamkeit lenktest, mußtest Du ihre charakteristischen Eigenheiten ergreifen, und da Du in den Fall kamst, zu sehen, was ein sonstiger Beobachter nicht sehen wird, so hast Du uns eine sehr bedeutende Schilderung jener ungeheuren und gewaltsamen Naturwirkungen aufbewahrt. Nun gratulire ich auch zu dem friedlichen Aufenthalt in Engelberg, wohin ich nicht gelangt bin. Eine behandelnswerthe Orgel in dieser Wüste zu finden, ist denn doch höchst erfreulich, und gleich eine Sprache zu besitzen, womit man jene fremden und entfremdeten Menschen auftegen und erhebenkann, ist keine Kleinigkeit. Schiller's „Wilhelm Tell" in Luzern ist doch auch eine gar artige Vorkommenheit. Ottilie hat Lust, ihr neuauflebendes Chaos damit zu schmücken und es wird Dir gewiß nicht unangenehm sein, Dein dramatisches Abenteuer in so verworrener Gesellschaft wieder zu finden. Daß Du die erste Walpurgisnacht Dir so ernstlich zugeeignet hast, freut mich sehr: da Niemand, selbst unser trefflicher Zelter, diesem Gedicht nichts abgewinnen könne. Es ist im eigentlichen Sinne hoch symbolisch intentionirt. Denn es muß sich in der Weltgeschichte immerfort wiederholen, daß'ein Altes, Gegründetes, Geprüftes,

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