Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 38 (23.9.1898)
- Date
- 1898-09-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 694 Dr. Bloch'« Wochenschrifi Nr« 38 heißeste Wunsch chres großen väterlichen Freundes, damit sie sich daran erinnern, daß es die Pflicht der Menschen sei, einander zu lieben und einander zu helfen, daß das Schicksal der Zusammengehörigkeit sie vereine zu friedlichem und freundschaftlichen gemeinsamen Streben und Wirken. „Der Weg der Liebe und der Eintracht" — so einfach und doch so wunderschön und ergreifend ist dieser Herzenswunsch unseres schwergeprüften geliebten Kaisers, und wie schmerzlich berührt uns derContrast zwischen diesem idealen Gedanken eines von der Erhabenheit seiner Mission erfüllten edlen Fürsten und der realen niedrigen Wirklichkeit. Der Weg zur Liebe und zur Eintracht wird von nationalen und confessionellen Vorurteilen verrammelt, die Schlangen der Zwietracht und des Hasses rascheln durch das Dickicht, welches chn den Augen der Irrenden verbirgt und hoch sind die Schmarotzerpflanzen emporgewachseu, die aus der bürgerlichen und politischen Fehde ihre Nahrung ziehen. Wer den Schlangen den Kopf zertreten, wer die Schmarotzerpflanzen ausroden könnte, wer den zündenden Gedanken fände, der die Völker erleuchtet, der würde den Weg frei machen, der zur Liebe und zur Eintracht führt. Liebe und Eintracht — das erscheint so einfach, so natürlich, so rein menschlich. Das sollte als feierliche Mahnung die Gewissen rühren und die Herzen ergreifen. Wer aber im politischen und gesellschaftlichen Kampfe es erlernt hat, sein Gewissen zum Schweigen zu bringen und jede Regung des Herzens zu unterdrücken, kann niemals mehr den Weg finden, auf welchen ein gütiger Monarch seine Völker weist. * * * Das bessere Empfinden sträubt sich gegen die Möglichkeit,. daß es Menschen gibt, die sogar das gemeinsame große Unglück, welches den Kaiser und das Vaterland getroffen hat, zur Erregung von Haß und Zwietracht, des Gegenteiles von Liebe und Eintracht, auszubeuten fähig sind. Es widerstrebt uns, die Subjecte erst näher zu bezeichnen, welche es unternommen haben, den Tod unserer Kaiserin zum Ausgangspunkte von Verdächtigungen und Schmähungen gegen Diejenigen zu machen, deren unablässige Verfolgung sie als Handwerk betreiben. Aeußerungen der Trauer ob des schrecklichen Unglücks zu benörgeln und zu verdächtigen, das ist mehr als taktlos, und Kundgebungen des Mitgefühls so zu behandeln, als gälte es nur einen Wetteifer, um. zu zeigen wer loyaler und patriotischer sei, das ist so unwürdig, daß man nur mit dem Ausdrucke der Verachtung vor einer solchen Denkungsart erwidern kann. Damit war es aber noch nicht genug. Von einem Verdammungsurtheil gegen die Anarchisten fand man den Uebergang zu einer miserablen Verdächtigung der Socialdemokratie, und weil es unter den Svcialdemokraten auch Juden gibt, ist die Brücke der Verleumdung schon gebaut, die von der Anarchie zum Judenthum führt. Das Recept ist ungefähr dasselbe, welches bei der Bekämpfung des Liberalismus im Dienste der clericalen Reaction angewendet wird. Weil man nicht so schamlos sein kann, den Liberalismus und die Liberalen anzufeinden, weil man sich hiedurch zu sehr demaskirt, spricht man von Judenliberalismus und Judenliberalen. Auf ähnliche Art wird auch die bornirte Hetze gegen Ungarn betrieben, um sich den Rückzug offen zu halten; man beschimpft nicht die Magyaren, sondern die Judäo-Magyaren. Es ist nicht unsere Sache, die Socialdemokraten gegen infame Angriffe in Schutz zu nehmen; das besorgen die Herren schon selbst, vielleicht besser als wir. Aber die Kampfesmethode interessirt uns. Da bringt beispielsweise das nicht erst näher zu bezeichnende Schandblatt Notizen unter dem Titel „Anarchistisches und Socialdemokratisches", in der offenkundigen Absicht, seinen Lesern den Glauben an den Zusammenhang dieser entgegengesetzten Richtungen beizubringen. Das Gerücht über ein anarchistisches Attentat in Stanislau wird aus dem Grunde als lächerlich bezeichnet, weil Anarchisten den Juden niemals etwas zu Leide thun, und in Paris sollen im Jahre 1871 nur die reichen Juden von anarchistischen Greueln verschont geblieben sein. Der Zusammenhang, der da hergestellt werden soll, ist also klar und das Schema dafür Folgendes: Anarchisten, Socialisten, Socialdemokraten, Soci, Judensoci, Juden. Man sieht die Fälscher an der Arbeit. * * * Zur Ferdinandshöhe bei Aussig scheint der Weg zur Liebe und Eintracht nicht emporzuführen, Dort feierten, wie die „Ostdeutsche Rundschau" erzählt, die Aussiger Bundesgruppeu ein großes Fest und da waren „völkische" Aufschriften angebracht, von denen eine lautete: „Deutsche Mädchen, hallet eueren Ehrennamen rein und verkehret nicht mit Czechen und Juden". Das Ersuchen, diese Aufschrift zu entfernen, weil auch Juden und Czechen Förderer der Ferdinandshöhe seien, wurde „selbstredend" als undeutsch zurückgewiesen. Das ist wirklich ein sehr unbedeutendes Vorkommniß, unwerth darüber zu reden, aber doch characteristisch dafür, wie dringend nöthig die „Erleuchtung" ist. Der Ehrenname eines deutschen Mädchens wird also befleckt, wenn es mit Juden oder Czechen verkehrt. Lassen wir die Juden bei Seite und reden wir nur von den Czechen. Es ist also eine Schande für eine deutsche Jungfrau, wenn sie beispielsweise mit dem Hofrath Professor Albert conversirt! Und welchen Berrath am teutonischen Stamme würde erst eine deutsche Jungfrau begehen, wenn sie sich so weit vergäße, den Heirathsantrag eines geachteten czechischen Bürgers anzunehmen? K. H. Wolf würde sie augenblicklich excommuniciren. Das ist eine Auffassung des Lebens und menschlicher Beziehungen, die der Culturstufe der Chinesen, aber nur bis zur Besetzung von Kiotschau, entspricht, und ein so bornirter Standpunkt, daß, wenn der Ehrenname eines deutschen Mädchens dadurch verunreinigt werden sollte, daß es mit einem Juden oder Czechen verkehrt, „deutschbewußt" und hirnrissig identische Begriffe wären. * * * Der Weg zur Liebe und zur Eintracht ist auch in jenem ungesetzlichen Schulerlaß nicht eingeschlagen worden, durch welchen der Wiener Bezirksschülrath die confessionelle Schule zu, erschleichen versucht und der an einer anderen Stelle dieses Blattes ausführlicher besprochen wird. Hier sei nur constatirt, das bei der publicistischen Erörterung dieser Angelegenheit, wie gewöhnlich, das „Deutsche Volksblatt" die Palme der Gemeinheit erstritten hat. Daß es die Verletzung der gewährleisteten Jnterconfessionalität der Schule als eine „Phrase" bezeichnet, ist begreiflich. Auch das Staatsgrundgesetz ist für die Christlich- Socialen überhaupt nur eine Phrase, und für ihren publicistischen Auwald war auch das Strafgesetz, nämlich jener Paragraph, der das Verbrechen der Amtsveruntreuung behandelt, ebenfalls, nur eine leere Phrase. Dieses Individuum schreibt nun öder laßt in seinem Blatte schreiben: „Die christlichen Schulkinder werden -es für kein Malheur ansehen, daß sie nicht mehr neben den mauschelnden und mit allen eckelhasten Krankheiten behafteten Judenkindern in einer Schulbank sitzen müssen". Man sollte glauben, daß die Hetze gegen die erwachsenen Juden dem „Ehrenmann vom Scheitel aufwärts und von der Sohle abwärts" ein genug einträgliches Geschäft abgegeben hat, um davon angenehm zu leben. Er ist ja ohnehin genug dick und reich dabei geworden. Es war nicht notwendig, daß er, wie er es häufig thut, auch die jüdischen Frauen mit in den schmutzigen Bereich seines journalistischen Düngerfuhrwerks einbezieht, indem er sie als krummnasig, hochbusig, schmutzig oder aufgedonnert, verschwenderisch oder knickerisch, anmaßend oder zudringlich hinstellt, je nachdem es ihm gerade paßt. Frauen zu beschimpfen und zu verhöhnen ist nicht Sache eines Gentleman, und die Jüdinnen können doch nichts dafür, daß Herr Vergani kein Gentleman ist, was hiemit zur Vermeidung jedes Mißverständnisses ausdrücklich gesagt sein soll. Die Kinder aber, die sollten doch wenigstens vor der antisemitischen Kothschleuder geschützt sein. Den Judenkindern sammt und sonders anzudichten, daß sie „mit allen ansteckenden Krankheiten behaftet sind", das ist nicht einfach unmenschlich oder roh, das ist eckelhaft. Herr Dr. Carl Lueger, Bürgermeister der Stadt Wien, hat diesem Manne seine Hochachtung und diesem Blatte sein Vertrauen ausgesprochen. Schämt sich Herr Dr.. Lueger und schämt sich seine Partei dessen nicht, daß für sie mit solchen Mitteln gekämpft wird? Das deutsche Bolksblatt ist der anerkannte Moniteur der christlich-socialen Partei. Seine Schande fällt auf die Partei zurück. Die sittliche Wirkung des gesetzwidrigen Schulerlaffes, der mit solchen Mitteln vertheidigt wird, ist durch das hier mitgetheilte Citat aus dem „Deutschen Bolksblatt" in einer für den Bezirksschulrat sehr lehrreichen Weise escomptirt. * * ' * Das französische Ministerium hat nun endgiltig die Revision des Processes Dreyfuß beschlossen, zur größten Bestürzung aller Fälscher von Bordereaux und aller Fälscher der öffentlichen Meinung. Der vom.deutschen Bolksblatt einst so bewunderte Major Esterhazy hausirt jetzt bei den Londoner Zeitungen und