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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-09-23 · 38 (23.9.1898) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
38 (23.9.1898)
Date
1898-09-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 88 Vr. Vloch's Wochenschrifi Seite 693 Gin Sonnenstrahl am Horizont. (Zur Lage der galizischen Juden.) . Wenn man dem Scheine trauen dürfte, würde man zur Annahme berechtigt sein, daß der hierländischen, jammervollen Jndennoth eine Wendung zum Bessern bevorstehe, und zwar durch den bedeutsamen, sozusagen fügungsreichen Umstand, daß gerade. die geheimen Urheber der jüngsten antisemitischen Bauern-Excesse einen günstigen Umschlag in der traurigen Lage unserer schwer heimgesuchten Glaubensgenoffen in Galizien herbeizuführen sich gezwungen sehen! Es ist nämlich ei» öffentliches Geheimniß, daß die noch immer Gegenstand zahlreicher Strafverhandlungen bildenden Judenplünderungen in den westgalizischen Bezirken lediglich Jesuiten und Hetzcapläne auf ihrem Gewissen haben, die offenbar im geheimen Aufträge unserer herrschsüchtigen polnischen „Oligarchen" seit länger als einem Jahre durch aufreizende Schandpamphlete, wie „Die Geheimnisse der Juden" von einem Krakauer Gymnasial-Catecheten und andere derartige zum Racen- und Religionshaß aufreizende Broschüren, sowie durch allwöchentliche, in den Dorfkirchen gehaltenen judenfeindlichen Kanzelreden das ungebildete Landvolk gegen die Juden aufgehetzt haben, um diese dafür zu züchtigen, daß ein geringer Bruchtheil der jüdischen Wähler der V. Curie des Krakauer Wahlbezirkes für den Socialistenführer Daszynski gestimmt hat! Und wahrlich, auch diese zumeist nothleidenden jüdischen Wähler thaten es nicht etwa aus Sympathie für den Socialismus, als vielmehr aus dem begreiflichen Grunde, weil sie in ihrer bemitleidenswerthen und entschieden unverdienten materiellen Drangsal, in welche sie durch den, seitens unserer tonangebenden clerical-feudalen Staneykenpartei, wenn nicht ins Werk gesetzten, so doch offen und kräftigst unterstützten „Boycott" gegen den jüdischen Handel geriethen, für den antisemitischen Candidaten dieser Partei nicht stimmen wollten und, von einem psychologisch erklärlichen und deshalb auch verzeihlichen Gefühle geleitet, ihre Stimmen jenem vom „Volke" aufgestellten Candidaten gaben, der in allen seinen in den Volksversammlungen gehaltenen Reden mit einem wahren Feuereifer für Toleranz und die Rechte der Juden eintrat! Selten hat aber auch die „Nemesis" ihres Amtes der Vergeltung so gerecht .gewaltet, wie diesmal gegenüber den Herz- und gewissenlosen Anstiftern der letzten galizischen Bauernunruhen, indem der unheilvolle böse Geist, den unsere nach der Alleinherrschaft im Lande strebenden „Frommen" heraufbeschworen, sich gegen Letztgenannte zu wenden drohte! Das ist auch erklärlich, wenn man bedenkt, daß die hervorgerufene Raubsucht des irregeleiteten Landvolkes an dem geplünderten ärmlichen Eigenthum der am Hungertuch nagenden Juden auf dem flachen Lande Galiziens kein Genüge finde und, wie das Raubthier das Blut gerochen, nach reicherer Beute lechzte! In der That haben sich auch viele bäuerliche Excedenten in mehreren Bezirken unumwunden geäußert: „Nach den „elenden" Juden werden wir mit den „Herren" — der Schlachta — abrechnen!".... Die Furcht der Letztgenannten vor der ihr drohenden Gefahr war auch die eigentliche Ursache der Verhängung des Standrechtes in den aufrührerischen Bezirken Westgaliziens, welchem bald darauf, offenbar im Interesse der um ihre Herrschaft besorgten „Stancyken", der Ausnahmszustand lediglich zur Unterdrückung der hierortigen Socialdemokraten folgte. In ihrer angstvollen Unruhe angesichts der geradezu in Anarchie ausgearteten Haltung des aufgehetzten Landvolkes, sahen sich plötzlich die als die Partei der „Ordnung" sich gerirenden „Stanczyken" gezwungen, in die stürmischen Wogen der gegen die Juden hervorgerufenen Unruhen beruhigendes Oel zu gießen! So hat einer der stärksten Pfeiler der polnischen ultramontanen Hochtories, Akademiepräses und Universitätsprofessor Graf Stanislaw Tarnowski (der auf dem Krakauer Katholikentag für Errichtung der antisemitischen christlichen Handelsgenossenschaften gegen die hungerleidenden Juden mit einer, einer besseren Sache würdigen Energie sprach) nach den stattgehabten Judenplünderungen in dem hiesigen „Przeglad polski" einen fulminanten Artikel veröffentlicht, worin der gräfliche Gelehrte die Bauernunruhen verdammte, dieselben als Folgen der socialistischen Agitationen und (man staune über dieses Geständniß des blaublütigen „frommen" Verfaffers!) der „antisemitischen Speculation" darstellt, und dabei in den Schmerzensruf ausbrach: „Auch der berüchtigte Antisemitismus hat viel zn den Unruhen beigetragen. Und ist es nicht merkwürdig, daß in einer Zeit, wo alle Religionen als gleich gut dargestellt werden, und behauptet wird, daß der Glaube oder Nichtglaube an Jesus Christus keinen Unterschied zwischen den Menschen macht, daß also in einer solchen Zeit der Haß gegen die Juden, gegen ihre Abstammuug, gegen ihr Blut entstehen konnte! Die Carrierejäger jeglicher Art in Oesterreich gewahrten Pfiffig, daß dieser Racenhaß ein von wenigen benütztes Reitpferd ist, auf dem man zu irgend einem Ziele kommen kann. Und sie erreichten auch dieses Ziel u. s. w." Leider kam Graf Stanislaw Tarnowski mit seiner salbungsvollen Exhortation „nach" den stattgefundenen Judenplünderungen! Warum schwieg der edle Graf, als es noch Zeit war, dieselben zu verhüten, zur Zeit nämlich, als die vom hiesigen Katecheten veröffentlichte schmachvolle Schandbroschüre „Die Geheimnisse der Juden" in Tausenden von Exemplaren in den Schulen und in den Dörfern unter dem Landvolke gratis verbreitet wurde, und die ersten unheilvollen Folgen dieser, gottlosen Aufhetzung zum Religions- und Racenhaß in den ersten antisemitischen Excessen in Wieliczka zum Vorscheine kamen? Damals würde eine Ermahnung des einflußreichen Grafen Tarnowski dem Unheil vorgebeugt haben, das später durch die zur Züchtigung der Juden hervorgerufenen Bauernünruhen in fast allen westgalizischen Bezirken über die unschuldigen Opfer hereingebrochen ist! Jetzt blasen unsere Stanczyken zum Rückzuge. Hievon zeugt sattsam folgende Thatsache: Die Judengemeinde in Chrzanow hat, einer altherkömmlichen jüdischen Sitte entsprechend, vorige Woche aus Anlaß der dortige» Anwesenheit des Krakauer Fürstbischofs von Pusina zn Ehren desselben eine schön ge- . schmückte Triumphpsorte errichtet, welche in hebräischen Lettern die Aufschrift trug. „Gesegnet seist Du bei Deinem Kommen, gesegnet bei Deinem Weggehen" (Bairach atu leni Woiechu, Barach atu bei zeisechu!) Zu jeder anderen Zeit würde der so gefeierte Fürstbischof sich auf einen, der Chrzanower Cultusgemeinde ausgedrückten Dank beschränken. Diesmal hat der gedachte Kirchenfürst sich veranlaßt gesehen, nicht nur ein diesbezügliches ungemein warmes Dankschreiben an die genannte Judengemeinde zu richten, sondern auch in der Kirche eine überaus j u d e nfreundliche Kanzel rede zu halte n,in welcher er das anwesende christliche Publicnm, darunter eine große Anzahl Bauern, sowohl zum friedlichen Zusammenleben mit den Juden ermahnte, als auch aufforderte, sich die guten Sitten der Letztgenannte!», ihren Fleiß und ihr lobenswerthes Eheleben zum Muster zu nehmen! In demselben Sinne predigte auch am selben Tage ein Pater in der Chrzanower Kirche! Wer hätte vor zwei Monaten an die Möglichkeit einer solchen Wandlung der Haltung unserer Clericalen gegenüber den hierländischen Juden geglaubt! So möge denn dieser am wolkenbedeckten Horizonte der galizischen Juden nun plötzlich aufsteigende blasse Regenbogen denselben endlich dauernden Frieden bringen! Arthur E i b e n s ch ü tz. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Das Gebet des Kaisers. — Liebe und Eintracht. — Eine Profanation der Trauer. — Die Mädchen auf der Ferdinandshöhe. — Dergaui beschimpft die Judenkinder. — Die Schande der christlich-socialen Partei.. — Die Revision.> „Ich bete, daß er meine Völker segne und erleuchte, den Weg der Liebe und Eintracht zu finden, auf dem sie gedeihen und glücklich werden mögen." In den ergreifenden Worten, mit welchen unser Kaiser „für die Liebe und Treue der Millionen, die in der Stunde des Leides ihn und die Seinen umgibt", seinen Dank sagte, ist dieser herrliche Gedanke ausgesprochen, ein wirkungsvoller Appell an den Verstand sowohl als an die Herzen Aller, welche die Bürger dieses von nationaler und confessioneller Zwietracht zerklüfteten Reiches sind. Gott niöge die Völker segnen und erleuchten. Die Erleuchtung thut noth, denn die Geister sind umschleiert von den Nebeln rückständiger Vorurtheile, das Ürtheil getrübt durch menschenunwürdigen Haß, der Wille irregeleitet durch die immer von Neuem aufgestachelte Leidenschaft. Gott segne und erleuchte die Völker, das ist der mama u.v»iif^^vryTfwwirr'Tr”--«BSa

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