Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 37 (16.9.1898)
- Date
- 1898-09-16
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 37 Vr. Bloch'» Wochenschrift Sette 687 „Aber Bauer! was fällt Dir denn da ein!?.... Du bist ja noch ein prächtiger Moan in den besten Jahren, Du . wirst noch ein sauberes Weib bekommen, — und kannst noch schöne liebe Kinder kriegen, kurzum noch ein Hauptglückskerl werden! .... Du hast ja keine Kinder nöat, Du bist wie ein freilediger Moan; wo Du nur anklopfst, wird Dir jedes Moadl oder jede Wittib fein gerne die Thür' anfmachen, roth wie eine Bromdeer' werden und von ganzem Herzen „Ja" und „Amen" sagen!" Mathes dachte einen Augenblick nach. „Sagen wir meinetwegen die Wittib vom Apfelbaumhofbauer, ein dralles, hübsches Weib! freilich", mußte Mathes einräumen, „döas wär' nöat leicht, weil die beiden Höf' zu weit von einander liegen .. . Aber weißt Bauer! Du kunntest mich Hinsehen, ich möcht Dir dort Alles fein rechtschaffen in Ordnung halten; — oder — Du brauchst ja fein nöat auf Geld zu schauen, Du bist ja ohnehin schau reich genug . . . nimm Dir ein braves, armes, schönes Moadel; aber sakri, sakri, sakri!" — Mathes schlug sich plötzlich mit der Hand auf den breiten in Leder gekleideten Schenkel, daß es nur so klatschte und der Bauer erschrocken in die Höhe fuhr, „daß mir's erst jetzt einfällt! Meiner Sell! Ich wisset ein Moadl für Dich ... die braune Elsbeth, die vor sechs Monat bei uns dient hoat; — die gebet eine prächtige Rodlerhofbäuerin . . . Herr Gott is doas ein Mordmoadel, — die hat mir, und ganz gewiß auch Dir gefollen — die muß ja jeden Menschen gefollen — meiner Sell' Bauer döas is die Richtige, die nimmst Dir fein zum Weib! . . . Ich weiß zwar nöat, wo sie jetzt zu treffen wär'; — aber wenn ich Dir fein zum Brautwerber nöat zu schlecht bin, ich suchet sie schau auf . . ." „Schweig mit Deinen Narretheien!" schrie Rodler heftig, „ich will die Elsbeth nöat, — und ich will gar koane Frau. . . Ruh' will ich haun ')!" Mathes erkannte, daß sein redliches Bestreben, den Bauern auf angenehmere Gedanken zu bringen vergeblich sei, ja daß diesem offenbar seine Gesellschaft kein Vergnügen bereite; und nachdem er noch eine Zeit schweigend vor Rodler gestanden, sagte er, er erinnere sich nun, daß er noch eine wichtige Arbeit zu verrichten habe und entfernte sich. Claudy Rodler erhob sich nun, schritt in großer Aufregung einigemal im Zimmer auf und ab, endlich murmelte er: „Ich will es hoalt doch probiren ein Bisl zu schlafen .... ich will die Thüre verriegeln, damit mich der Dummkopf, der Mathes, nöat wieder stört!" Allein, es schien ihm nicht gegönnt, sich lange des Alleinseins zu erfreuen, denn kaum hatte er den Riegel vorgeschoben, sich auf's Bett geworfen und die Augen geschlossen, als Plötzlich gewaltig kräftige Fußtritte im Flur erdröhnten und die Thürklinge von außen mit solcher Wuchtigkeit erfaßt wurde, daß der vorgeschobene Riegel sich fast als unzulänglich erwies. „Sakrament 'nein! wer is denn daus '-)?" schrie Rodlererschrocken. „Der Maurerlenz und sein Gespon3), der lange Girg", lautete die Antwort, „mir haun 4) mit Dir zu tischkuriren." Rodler entriegelte die Thüre und zwei Männer, offenbar entlassene Soldaten, traten ohne Gruß ein. Der ältere, der „Maurerlenz,"5) nach seiner ursprünglichen Profession so genannt, war ein breitschulteriger, großgewachsener Mann von dreiunddreißig Jahren,' der aber weit älter aussah. Vor Allem fiel in seinem Gesichte ein überaus langer Schnurbart auf, desten äußerste Spitzen sich eine halbe Elle weit auf jeder Seite über die Gesichtsmarken erstreckten. Der übrige Theil des Gesichtes, der, so lange Lorenz Buckerban kaiserlich österreichischer Grenadiercorporal gewesen, stets sorgfältig glatt rasirt war, was jetzt, wo er entlassen worden war, von Bartstoppeln verunschönt. Die rubinrothe Nase bewies deutlich, daß der ehemalige Grenadiercorporal in letzter Zeit seine Nahrungsmittel mit Vorliebe in flüssiger Aggregatsform wählte. Seine Kleidung war schon wieder die bäuerliche und nur eine ärarische Dienstkappe, die ihm bei seinem Abschiede belassen wurde, erinnerte an seine ehemalige Größe. r) haben. 2) das. ) Camerad. 4) wir haben. Maurer-Lorenz. Der lange Girg, recte Georg Halbzuber, ein, wie ihn scholl fein Beiname bezeichnete, ungewöhnlich schlank gewachsener junger Mann, stach in seiner Erscheinung sehr vvrtheilhaft von seinem Begleiter ab. Er trug einen langen, weißen Reiternkantel, eine Cavalleristenmütze und an den Schuhen Sporen, sichere Anzeichen, daß er bis vor Kurzem dem Staate als Dragoner gedient hatte; leider war der erfreuliche Umstand, daß er in dieser Stellung, die erste Stufe jener Leiter, die an ihrer äußersten Spitze zu dem Range eines Generalfeldmarschalls emporführt, die eines Gefreiten nämlich, erklommen hatte, äußerlich nicht mehr ersichtlich zu machen. Das Soldatenleben und die ärarische Kost mußten Georg Halbzuber sehr wohlbekommen sein. Rothe Wangen, feurige, dunkelblaue Augen, ein noch jetzt wohl gepflegter, kastanienbrauner Schnurrbart über einen gutgeformten, rothen Mund mit weißen, schönen Zähnen, ein kräftiges Kinn und eine sogenannte Adlernase bildeten ein prächtiges Gesicht, das verbunden mit der strammen Haltung des verabschiedeten Gefreiten von Daun-Dragonner, es begreiflich erscheinen ließ, daß der „lange Girg" — mit dem Betreten der Heimat war ihm allseitig wieder sein alter Name beigelegt worden, — das Herz einer Bauernschönen zu rühren vermochte. „Sakri, sakri!" stammelte Rodler, „Ihr seid noch am Leben? Meiner Sell', da hütt' ich enden') glaubt, daß die beiden Kirchthürme aus Luck und aus Puchau zu mir 'rein in die Stuben kummen! .... Bon Dir, Lenz, hat's fein geheißen, Du seist schon vor drei Jahren irgendwo da draußen in Deutschland im Lazareth gestanrben, und von Dir Girg, Du seist bei einer Rauferei in dem Pohlen da drunten von Bauern d'erschlagen waurn.nau-), jetzt lebt Ihr alle Beide — nau döas is schön, döas is rächt! .... Aber wie kummt Ihr denn auf einmal zsammer?" und während Rodler die beiden Ankömmlinge scheinbar recht vergnügt begrüßte, wischte er sich fortwährend den Schweiß von der Stirne. (FortsetzlMg folgt.) Literatur. Mekor Chaim. „Mekor Chaim" enthaltend: a) Ausführliche Biographie des Rabbi Chaim ibn Attar; b) „Minhage Trefot" der jüdischen Gemeinde in Fez von Rabbi Juda ibn Attar (nach mpsaisch Berlin) mit einer kritischen Einleitung und der Biographie des Verfassers von Dr. Jacob Nacht, Drohobycz 1898. Verlag des Verfassers. Unter diesem etwas langathmigen Titel gibt Tr. I. Nacht- Jassy eine 30 Seiten umfassende Biographie Chaim ibn Attar's und als eine Art Anhang die bisher unadirte Abhandlung Juda ibn Attar's E'2 pp2 roa-iö wua auf S. 38-40, die er mit literargeschichtlicher Einleitung ic. versehen hat. Die Arbeit, in einem schönen, fast mustergiltigen Hebräisch abgefaßt, will über eine Persönlichkeit Licht verbreiten, die von der jüdischen Geschichtswissenschaft vernachlässigt, ja sogar von Grätz mit Stillschweigen übergangen worden ist. Ob sie ihm unbekannt geblieben ist? Wir möchten's bezweifeln. Wer kennt den Verfasser des in polnischen Landen zumal so vielgenannten und vielgelesenen „Or Hachaim" nicht, der sogar eine Zeit lang, wie uns der Verfasser S. 20, Anmerkung 25, mittyeilt, als Schulbuch neben dem Reschicomnrentar seinen Platz behauptete? Es werden also sicherlich andere Gründe für Grätz bestimmend gewesen sein, auf die wir weiter unten noch zurückkommen wollen. Zunächst sei mit einigen Worten auf Leben und Wirken dieses ohne Zweifel hervorragenden Mannes hingewiesen, daß der Verfasser auf Grund einer fleißigen, geradezu erschöpfenden Benützung der ganzen ei nschlägigen, schwer zugänglichen Responsen-Literatur vor uns entrollt. Rabbi Chaim, der gelehrten und angesehenen Familie ibn Attar entstammend, die sich nach Vertreibung aus Spanien im Norden Afrikas niedergelassen hatte, wurde 1696 in Saleh (Marokko) geboren. Von seinem Großvater, gleichen Namens, schon in früher Jugend für den Gelehrtenberuf vorbereitet, zeigt er gar bald treffliche und vielversprechende Anlagen. In diese seine Jugendzeit fällt die Vertreibung der Juden aus Saleh, wie denn überhaupt Vertreibung, oft Beraubung derselben seitens habgieriger und tyrannischer Sultane in der Barbarei während des XVI. und XVII. Jahrhunderts keine seltene Erscheinung war. So beginnt sein an Bitternissen und an trüben, schmerzvollen Erfahrungen reiches Leben. Er heiratet die Tochter eines reichen und angesehenen Verwandten, um aber nur ein kurzes Glück zu genießen. Bald stirbt sein Schwiegervater und ein trauriger, in seinen Ursachen unbekannter Zwist, entzweit ihn mit den Verwandten seiner Frau, deren Verläumdungen ihn zeitweilig in's ') eher. '-) nun.