Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-09-16 · 37 (16.9.1898) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
37 (16.9.1898)
Date
1898-09-16
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021261--08160-3032525
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 684 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 37 des verstorbenen königlichen Kreisphysikus Dr. Paradies Hierselbst, zur Zeit, als er hier noch Probst war, richtete. „Sehr geehrte Frau! Es gibt Schmerzen, in denen jeder menschliche Trost vergeblich wäre, und die nur lindern kann ein Aufblick nach Oben! Und doch, sehr geehrte Frau, kann ich mir nicht versagen, Ihnen in dieser traurigen Stunde zu erklären, daß Ihr Schmerz auch unser Schmerz ist, daß, wenn Sie in dem Verblichenen mit Recht einen innig geliebten Gatten betrauern, wir einen menschenfreundlichen, uneigennützigen Arzt und edlen Mitbürger betrauern. Er fiel wie ein tapferer Soldat, als Opfer seines erhabenen Berufes. An seinem Grabe darf ihm deshalb das Zeugniß nicht versagt werden, daß er in seinem reinen, aufrichtigen Herzen weder die Schranken der Religion noch der Nationalität kannte, um seine Menschenliebe zu bethätigen. Dies war das Geheimniß, durch welches sich der Verblichene die Achtung und die Liebe so weiter Kreise erworben hat. Ihr Schmerz, sehr geehrte Frau Kreisphysikus, um den Verlusteines solchen Gatten möge, wenn nicht Trost, so doch Beruhigung und Linderung in dem Glücke finden, daß das Andenken Ihres theueren Verstorbenen bei Freunden und Bekannten stets in Ehren bleiben wird. Mit der Versicherung des aufrichtigsten Mitgefühls zeichne ich hochachtungsvoll Dr. v. Stablewski." Petersburg. Am 28. August haben die russischen Juden im ganzen Reiche mit großen Enthusiasmus das Andenken des Kaisers Alexander II. durch besondere Gottesdienste gefeiert. In größeren Gemeinden sind bei der Gelegenheit die Armen reichlich beschenkt worden. Der Vorstand der Petersburger Gemeinde hat beschlossen in der sogenannten Alexanderhalle der Synagoge die Büste des Czaren Alexander IIaufzustellen. — Aus Sibirien werden jetzt fortgesetzt Juden ausgewiesen, selbst solche, die, wie Söhne der Reservisten, das absolute Wohnrecht haben. In einzelnen Fällen, wenn die von den Ausweisungen Betroffenen den Muth und die Ausdauer haben bis an die höchste Instanz zu gehen, hebt der Senat die Ausweisungsverfügung auf, aber in den meisten Fällen, sind die Betroffenen nicht in der Lage ihr gutes Recht mit solcher Ausdauer zu verfechten. — Die Beschränkung der Aufnahme jüdischer Schüler an Universitäten und Gymnasien macht sich wieder recht fühlbar. So wurden von 94 Abiturienten, von denen 10 die höchste Auszeichnung, eine goldene Medaille besaßen, nur vier zugelassen. Warschau, 9. September 1898. Mit einem Aufathmen der Erleichterung, mit einem Ausruf der Freude begrüßte die civilisirte Welt das Abrüstungsmanifest des russischen Kaisers. Der mächtigste Herrscher des mächtigsten Reiches will seine Macht nicht mehr in Zahl und Schulung seiner Soldaten sehen, sondern die Wohlfahrt des Volkes, das Glück des Einzelnen sollen die unverrückbaren Fundamente, der Staatsexistenz bilden. Wie wunderbar das klingt! Welch' unermeßliche Horizonte eröffnen sich dem menschlichen Geiste! Bilder, welche die Messiaszeit ahnen laffen, ziehen an unserem Auge vorüber. Friede! Friede! Weder Unterdrücker noch Unterdrückte! Keine Unterdrückten! Das heißt also, keine gequälten, gedemüthigten Juden mehr! Diese Sklaven der Jahrhunderte werden, ohne ihre Eigenart aufzugeben, gleich anderen Menschen leben und athmen dürfen. Doch nein! „Es wär' so schön gewesen, es hat nicht sollen sein!" Vom Wonnetraum, der uns umfangen wollte, werden wir mit einem Schlage in die reale Wirklichkeit zurückversetzt. „Messieurs, point de reveries!" Unwillkürlich wird man an die Worte gemahnt welche Nicolaus I. bei seiner Thronbesteigung den ihre Wünsche vorbringenden Polen entgegenrief. Fast gleichzeitig nämlich mit dem kaiserlichen Manifest erschien in Moskau ein Nescript des General-Gouverneurs, deffen Inhalt im Wesentlichen folgender ist: Man hat wahrgenommen, daß trotz des strengen Verbotes jüdische Kaufleute sich hin und wieder längere Zeit in Moskau aushalten. Sie ermöglichen dies, indem sie in ihrem Gildepässen ihre Religion unerwähnt lassen. Der General-Gouverneur befiehlt in Folge dessen neuerdings die strengste Handhabung des bekannten Gesetzes und die sofortige Ausweisung aller in Moskau weilenden Juden. Das ist keine Sphärenmusik, das ist das Hohngelächtcr tückischer Erdgeister! ... £. Palästina. Aus Palästina erstattet N. Mayer über seine Reise in Palästina, in der Sitzung der Chovevi Zion in London einen Bericht, dem wir Folgendes entnehmen: „Gerade jetzt von Palästina zurückkommeud, freue ich mich, einen Bericht über die gegenwärtige Situation in diesem Lande erstatten zu können, wie ich die Dinge mit qjgenen Augen gesehen habe. Bevor ich von den Colonien spreche, scheint es mir angebracht, zunächst von den Bewohnern Jerusalems zu reden und von der allgemeinen Lage der Dinge in dieser Stadt. Hier hat sich eine große Veränderung nach jeder Richtung hin entwickelt, seitdem die Colonisation begonnen hat. Früher sah man hier die eigentliche Arbeit mit eigener Hand als eine Erniedrigung an, die Leute zogen den Müßiggang der Arbeit vor, und Anfangs galt der Name „Colonist" fast als ein Schimpfwort. Die Stadtbewohner sahen auf die Colonisten mit einer gewissen Verachtung herab und wollten am liebsten mit ihnen nichts zu thun haben. Ich hörte jetzt von den bedeutendsten Persönlichkeiten, sowohl Aschkenasim als Sephardim, daß die wahre Zukunft des Landes ganz von der Entwickelung der Colonien und der Colonisation abhinge, und ein Verwandter eines Colonisten zu sein oder zu werden gilt gegenwärtig selbst bei den fanatischesten Chassidim als eine Art Jichus. Dies zeigt, wie sehr die Colonisation in der öffentlichen Meinung gestiegen ist. Sogar die Chassidim werden enthusiastisch, wenn sie von den Colonien und der Arbeit sprechen, die unser Volk dort leistet. Niemand würde sich weigern, seine Tochter einem dieser Bodenarbeiter zur Frau zu geben. Der Chacham Rabbi Jacob Meir, ein Dajan des Oberrabbiners, und mit ihm der unermüdliche Arbeiter an diesem Werke Nissim Behar haben durch ihren persönlichen Einfluß viel beigetragen zu einer zweckmäßigen Erziehung der Jugend und zur Consolidirung der Gemeinden. Man dankt ihnen auch, daß jetzt in Jerusalem die Landessprache, arabisch, gelehrt wird. Vor Allem wird jedoch die Kenntniß des Hebräischen als einer lebenden Sprache mit aller Macht gefördert und Behar thut alles Mögliche, das Studium des Hebräischen zu verbreiten. Ein Colouist zu werden, ist ein stolzes Ziel geworden und die Arbeit in' den Colonien wird sehr verlangt. Wenn nur so viel Arbeit geschaffen werden könnte, als willige Hände in Palästina vorhanden sind, so könnte die Zahl der Colonien und Industrien, die jetzt dort bestehen, vervielfacht werden. So sind zum Beispiel in allen Colonien jüdische Arbeiter vorhanden, die aus den nächsten Städten gekommen sind, um sich dort nach Arbeit umzusehen. Es gibt dort auch Knaben und Mädchen, die von Safed nach der benachbarten Colonie Rosch-Pinnah allwöchentlich wandern, um dort die ganze Woche in der Seidensabrik zu arbeiten, welche der Baron Edmund Rothschild in diesem Dorfe errichtet hat. Diese Kinder beginnen ihre Arbeit am Sonntag Morgen und kehren am Freitag in die Häuser ihrer Eltern zurück um dort den Sabbath zu feiern. Die Lehre, die wir aus diesen Dingen zu ziehen haben, ist sehr klar. Es gibt arbeitswillige Hände und Herzen genug in Palästina. Es fehlt ihnen nur an der nöthigen Beschäftigung. Wir müssen daher alle unsere Anstrengungen in Zukunft darauf concentriren, neue Colonien zu errichten, desgleichen industrielle Unternehmungen, Fabriken und andere Arbeitsgelegenheiten zu schaffen, um so der jüngeren Generation Palästinas ein großes Feld zu bieten, auf dem sie ihrer Arbeitslust und ihrem Unternehmungsgeist freien Lauf lasse» kann. Die .Politik, den gegenwärtigen Bewohnern Palästinas in dieser Art zu helfen, ist zu einer Notwendigkeit geworden, seitdem die türkische Regierung, obwohl sie fortgesetzt den Juden freundlich bleibt, dennoch streng die Einwanderung osteuropäischer Juden verboten hat. Ich selbst sah Reisende aus diesen Ländern, denen es verboten ist, zu landen. Sie durften nicht einmal das Dampfboot verlassen, in dem sie gekommen waren. Auch theilte man mir mit, daß russischen, rumänischen und österreichischen Juden verboten sei, Land zu kaufen. Unsere Pflicht ist es, die Palästinavereine in ganz Europa von diesen Gesetzen zu informiren und die Auswanderer davor zu warnen, sich solchen Unnanehmlichkeiten und Gefahren auszusetzen. H^rr Baron Edmund Rothschild hat viel für unsere Brüder und unsere Sache geschaffen. Er war der Erste, der den jüdischen Ansiedlern zu kam, die sich aus eigenem Antriebe dort niedergelassen hatten und die aus Mangel an Geld und Erfahrung in eine sehr arge Lage gerathen waren. Seit dieser Zeit sorgt er für ihr Wohlergehen mit der Liebe eines Vaters. Er hat keine Kosten gespart, um sie in die günstige Lage zu bringen, in der sie sich jetzt erfreulicher Weise befinden, und er hat schon die angenehme Erfahrung, von einigen Colonisten die Rückzahlung der ihnen gemachten Vorschüsse zu erhalten. Buenos Ayres. Auch in unserer großen Handelsstadt hat sich allmälich eine namhafte jüdische Gemeinde gebildet. Jsrae-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.