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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-09-16 · 37 (16.9.1898) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
37 (16.9.1898)
Date
1898-09-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette 678 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 37 Sinne ist die Idee der Heiligkeit aufzufassen, als ob es sich um die Heiligkeit der Person handelte; nicht Heiligkeit der Person, sondern Helligkeit des Lebens ist des Menschen Beruf. „Gott allein ist heilig; der Mensch aber soll nach Heiligkeit trachten. Heiligung ist eine unendliche Aufgabe; durch sie nimmt der Mensch, der endliche, Theil an der Unendlichkeit; mit jedem Schritt der Erfüllung wächst, erneuert und erhöht sich die Aufgabe." (S. 210). Dabei kommt aber nicht blos das eigene Sittlichsein, sondern das Sittlichmachen der Gesammtheit in Betracht; denn zur Idee der Heiligkeit gehört auch die Zusammenschließung aller zur Sittlichkeit Berufenen. Die Heiligung, welche Versittlichung und Streben nach Vollkommenheit bedeutet, muß sich darin kund geben, daß das Gute im Menschen nicht blos momentan, sondern dauernd wirke, sodaß die Idee der Sittlichkeit im Menschen personificirt ist. Zur Heiligung des Menschen gehören: lev, nefesch, meod. (V. B. M. Cap. 6, B. 5); lev, die Gesinnung, meod, Energie und Kraftaufwand, und netesob, die ganze Persönlichkeit als eigentlicher Kern und Mittelpunkt. (2. 215 s.) In der Uebereinstimmung von Gesinnung, Wille und That, zeigt sich der Charakter. „Das altehrwürdige und langgeheiligte Ideal des ethischen Charakters ist deshalb, daß ein lev tohaur, ein lauterer Sinn, eine klare Gesinnung mit dem ruach nochaun dem festen, gleichmäßigen, wandellos auf das Gute gerichteten Willen verbunden sei." (S. 218 f.) „Heiligung ist Versittlichung. — Die Versittlichung aber vollzieht sich durch Gesetzlichkeit". Mit diesen Worten leitet Lazarus das 5. Capitel „Versittlichung ist Gesetzlichkeit" ein. Man hört oft, besonders in nichtjüdischen Kreisen, von einer Verknöcherung des Judenthums sprechen und sucht den Begriff der Gesetzlichkeit in seinem ethischen Werthe herabzusetzen. Lazarus' Verdienst ist es, dargelegt zu haben, daß die Gesetzlichkeit ein äußerst wichtiger Factor des Sittengesetzes ist. Der Gehorsam gegen das Gesetz, führt Lazarus aus, ist die edelste Form der Hingebung an Gott. Nicht um eines Nutzens, Gewinnes, oder um irgend einer Nebenabsicht willen wird das Gesetz erfüllt, sondern um „Gottes" willen. Gerade durch das rein formale Element des Gehorsams tritt die Sittlichkeit in ihrer vollen Reinheit hervor. Die Rabbinen drücken dies mit den Worten aus: „alle Gebote sind nur gegeben, um die Menschen zu läutern". Es wird die Gesetzlichkeit des Handelns gefördert ohne Rücksicht auf den Zweck des Gesetzes; denn das Sittliche soll gar keinen anderen Zweck haben als die Sittlichkeit selbst. Der größte Erfolg der Gesetzlichkeit liegt aber auch in der e i n h e i t b i l d e n d e n Macht. Durch „die Unterwerfung unter das Gesetz, dem auch alle anderen zu dienen haben, wird jeder Einzelne zum Gliede der Gesammtheit, wie durch den Gehorsam gegen das Commando aus den einzelnen Soldaten ein geschlossenes Heer wird". (Seite 238.) So ist die Gesetzlichkeit ein nicht unbedeutendes Element, das mit dazu beiträgt, die innere, geistige, moralische Einheit einer Gesammtheit zu schaffen. „Einheitliches Zusammenwirken, persönliche und sachliche Zusammenschließung, neben aller Natur und über alle Natur hinaus, durch das Gesetz und für das Gesetz, ist die wahre Heiligung des menschlichen Lebens." (Seite 240.) Das 6. Capitel stellt das Verhältniß zwischen „Naturgesetz und Sittengesetz" dar. Die Ethik des Judenthums stellt sich nicht feindlich gegen die Natur, nirgends erscheint sie als das Böse oder Unheilige; die jüdische Sittenlehre kennt keine Verwerfung, Zerstörung oder Verwüstung der Natur. Wohl ist nach jüdischer Anschauung die Welt ohne Gott profan; aber als „Geschöpf Gottes gedacht, als der Gegenstand, als die Gelegenheit und als das Reich der Wesen und Kräfte, in denen der Wille Gottes zu erfüllen ist, ist sie heilig". (Seite 249.) Die natürliche Welt soll Material und Gelegenheit für die sittliche Weltordnung sein, sie soll den Boden und auch die Gelegenheit zur Gestaltung einer idealen Welt geben. Selbst das nach menschlichen Begriffen Schlechte in der Natur und die Uebel in der Welt, sollen dazu dienen, die ethische Gesinnung zu bewahren. Deshalb wird auch an unzähligen Stellen des Talmuds auf den hohen ethischen Werth des Leidens hingewiesen. Im Leiden erst zeigt sich die sittliche Stärke. Darum feiert die Menschheit in der Erscheinung der Märtyrer, zu denen. zahlreiche Autoren des Talmuds zählen, ihre höchsten ethischen Triumphe. „Unbedingte Schätzung des Idealen über alle Güter des Lebens und über das Leben selbst, unbedingte Treue, bis zum Letzten, ausharrende Folgsamkeit, erhabenes Dulden, und zugleich folgenreiches Wirken auf Mit- und Nachwelt, das ist der ethische Gehalt des Märtyrerthums." (Seite 261f.) Man darf nicht, wie Lazarus treffend hervorhebt, das ganze Gebäude der Sittenlehre gleich Schoppenhauer auf das Fundament des Mitleidens setzen wollen; daß aber „Zusammenleiden ein stärkeres Band der Vereinigung ist, als Zusammengenießen oder selbst'Zusammenwirken, das ist eine psychologische Thatsache, welche sich in der Geschichte der Völker vielfach, aber in der des jüdischen Stammes vielleicht mit meisten und am häufigsten bewährt hat." Die natürlichen sinnlichen Triebe können wohl oft Verderben über den Menschen bringen, aber die Sittenlehre des Judenthums fordert nicht Vernichtung, sondern Läuterung, nicht Unterdrückung, sondern Veredelung der natürlichen Triebe. Die Grundanschauung der jüdischen Ethik ist eben: „Uebergewicht des Geistigen, aber ohne Verachtung des Körperlichen, vielmehr mit dem Bestreben, auch das Natürliche, Materielle zu läutern, vor Gefahren zu schützen und es durch seine Verbindung mit dem Geistigen zu erheben und zu weihen." (S. 274.) Mit dieser Anschauung steht es daher auch im Einklänge, daß die jüdische Ethik einer allzuweitgehenden Askese abhold ist, wenn auch die Fasttage ihre ethische Bedeutung haben. (S. 375 ff.) Das Judenthum hat es auch, wie kaum irgend eine Religion, verstanden, das Sinnliche zu idealisiren. Ich kann es mir nicht versagen, die herrlichen Worte Lazarus' anzuführen. „In dieser Beimischung idealer Elemente zum Materiellen offenbart der ethische Geist des Judenthums seine Meisterschaft; er hat damit auch den durch Verfolgung gepeinigten Juden vom Stachel des Neides erlöst; denn er hat ihm moralische Aequivalente für weltlicke Freuden verschafft, so daß man diese leicht entbehren und sie selbst dem Peiniger neidlos gönnen mochte. Ein Freitag-Abend in einem frommen jüdischen Hause mit seinem Lichterglanze und Lichtersegen, seinem, ob auch bescheidenen, doch immer auserwählten Mahle, das schon durch die Eigengestalt des Brotes sich auszeichnet, mit seinem Recitativ des „Preis des Biederweibes" (Spr. Salom. Cp. 31), seiner segnenden Handauflegung auf das Haupt der Kinder, mit seiner energischen, muth- und hoffnungsfrohen Beschwichtigung aller Sorgen, mit seiner durch freie Muße gewährten Erhebung der Seele, welche durch heiterfromme Tischgesänge genährt wird; — und dann der Sabbathtag „halb Gott und halb den Menschen gehörig," aber auch der menschliche Theil zugleich geistig befriedigt — diese ganze Sabbathfeier, sie zeigt ein solches Gleichgewicht des Geistigen und Leiblichen, oder besser ein solches Uebergewicht des Geistigen im Leiblichen selbst, daß sie (von der unmittelbaren ethischen Bedeutung und sogar von allen bestimmten ethischen Aufgaben abgesehen) für die sittliche Erziehung, für die ethische T e m p e r i r u n g des Menschen höchst charakteristisch ist."') (S. 286 si) Anschließend an dieses Capitel zeigt Lazarus in der „Anmerkung über die Fortbildung des Gesetzes durch den Talmud" (S. 287 bis 310), welch' bedeutendes Verdienst sich der Talmud um die Fortentwicklung der Ethik des Judenthums erworben hat. Selbst bei Rechtsgesetzen wird im Talmud nicht blos der formale juristische Standpunkt beachtet, sondern auch das moralische Element wesentlich in Betracht gezogen; so sind beispielsweise die beiden Wörtchen „lo tonu" (ihr sollet nicht übervortheiley, kränken, drücken) zu einem reichen Schatze von Rechtssätzen und zu einer Quelle zahlreicher moralischer Vorschriften geworden. (S. 293 ff.) Lazarus schließt dieses Capitel mit den Worten: „Ja, die Thora, die heilige Schrift, sie ist immer und von Haus aus die heilige gewesen; aber durch die geistige Vertiefung der Rabbinen, durch die höchste geistige Anspannung und unermüdliche Anstrengung von mehr als zwei Jahrtausenden ist sie immer mehr die heilige geworden. Darum hat die Welt ihres Gleichen nicht." Das letzte, 7. Capitel, „Heiligung als Vereinigung" weist nach, daß die jüdische Ethik Socialethik ist. Nicht der Einzelne, sondern nur die G esammtheit kann im wahren und eigentlichen Sinne heilig sein; heißt es ja bereits überall in der Thora: „Ihr sollet heilig werden" und nicht „D u sollst heilig werden". Je mehr unsere Thätigkeit der Gesammtheit gewidmet ist, desto höher steigt sie an Werth ') Wir möchten allen Lesern empfehlen, auch die wunderschönen Worte der Frau Geheimrath Lazarus in ihrem Werke „Das jüdische Weib", Leipzig 1892, S. 319, bezüglich des Sabbath zu lesen. O, daß sie doch beherzigt würden!

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