Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 37 (16.9.1898)
- Date
- 1898-09-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 37 Sr. Vloch's Wochenschrrst Seite 679 und Würde. Der völlig isolirte Mensch fuim nicht sittlich heißen. Die Moral des Einzelnen muß mit dem moralischen Zivecke und dem Bestände der Gesammtheit im innigsten Einklänge sich befinden. Schon die älteste Berufung „Ihr sollet mir ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk sein", fordern die Bildung der Gesammtheit. Die Worte 7,goj;t und „am“ selbst weisen auf den Begriff der Vereinigung hin. während die entsprechenden lateinischen gens und natio auf die natürliche Einheit, auf die Abstammung Hinweisen. Der eigentliche Träger der sittlichen Idee soll die Gesammtheit sein. „Rituell heilig ist jeder eingesetzte Priester und Levit; jeder einzelne Priester, aber auch jedes geweihte Tempelgeräth, jedes Opferthier; aber ethisch-heilig soll das ganze Volk sein, das Volk als solches". Nach rabbinischer Anschauung soll aber nicht blos Israel, sondern die ganze Welt einen Bund bilden, und es zeigt sich auch hierin, daß der Rabbinismus nicht Particularistisch, sondern universell ist. Die charakteristische Anschauung des Judenthums ist einerseits hohe Verantwortlichkeit jedes Einzelnen, andererseits innigste Vereinigung Aller. (S. 321.) Dieser bereits in der Thora ausgesprochene Gedanke faßte im Judenthum immer mehr Wurzel, indem vom Rabbinismus auf die C o n t i n u i t ä t des Geistes das größte Gewicht gelegt, für die Uebertragung einer gegebenen Cultur auf die nachfolgende Generation gesorgt wurde, sodaß das Gefühl der Verantwortlichkeit jedes Einzelnen und . der Zusammengehörigkeit Aller immer mehr erstarkte. Die Idee der Heiligkeit aber begnügt sich nicht damit, daß einzelne specifische Formen der Zusammenschließung, wie etwa Recht, Billigkeit, Wohlwollen, Nächstenliebe, Mitfreude u. s. w. unter den Menschen sich geltend machen, sondern fordert vielmehr die „wahre, reine und innere Zusammenschließung und zwar die Zusammenschließung zur Sittlichkeit und wegen der Sittlichkeit". (S. 355.) Alle Ethik muß sich zur Socialethik entwickeln; denn die Idee der Sittlichkeit fordert, daß „die Gesammtheit als solche sittlich sei; jeder Einzelne aber, nicht als Einzelner allein, sondern zugleich als Glied der Gesammtheit, soll zu ihrer Sittlichkeit beitragen. An jeden Einzelnen ergeht die Forderung, jeder Einzelne hat die Verantwortung; aber in der Gesammtheit liegt der Erfolg, erst in ihr ist der Bestand der Sittlichkeit, die Realisation der Idee gegeben!" (S. 358.) Wohl ist der messianische Gedanke, die Erhebung aller Völker zur sittlichen Einheit des Menschengeschlechtes noch ein sehr hoch und ein sehr fern liegendes Ideal. „Das Ideal aber entbehren, heißt auf den Werth des Lebens und der Geschichte verzichten. Das Ideal ist göttliche Verheißung und „dwar elohenu jokum leolam“, das Wort Gottes besteht für die Ewigkeit". (Jes. 408.) Mit diesen Worten schließt Lazarus den 1. Band seiner „Ethik des Judenthums" ab. Der 2. Band, dessen Jnhaltsentwurf uns vorliegt, wird in einem 3. und 4. Abschnitte den „Weg zur Sittlichkeit" und „die Gestaltung der Sittlichkeit, welche geschaffen werden soll", zeigen. Als unsere Pflicht aber betrachten wir es noch, zu erklären, daß wir bei unserer Besprechung außer Stande waren, die Fülle von anregenden Gedanken auf exegetischem, sprachlichem, philosophischem, völkerpsychologischem, ja auch religiösem Gebiete wiederzugeben. Ein Punkt sei nur hervorgehoben, welcher dem Werke zur besonderen Zierde gereicht. Es wird der conservativ-historischen Entwicklung des Judenthums vollkommen Rechnung getragen, die Wichtigkeit des Ceremonialgesetzes nach seiner ethischen Seite besonders betont; ferner werden mit größter Objectivität die Verdienste des Talmuds um die Fortentwicklung des Judenthums klar gelegt. Es wird nicht verschwiegen, daß im Talmud eine freie, schrankenlose Anwendung des Bibelwortes stattfindet; weit entfernt aber, diese Exegese abzuurth eilen, wie dies ein bekannter greiser Gelehrter aus Mangel an philosophischem Tiefblick vor wenigen Jahren gethan, zeigt Lazarus, daß gerade durch diese eigenthümliche Art der talmudischen Exegese die Continuität des Geistes erhalten, sittliche Ideen fortgebildet und oft die schönsten und erhabensten Gedanken geschaffen wurden. Wir zweifeln keinen Augenblick, daß dies epochemachende und populär geschriebene Werk, das ein Kidduscli haschem im wahrsten Sinne des Wortes ist, seinen Einzug nicht blos in die Gelehrtenstuben halten, sondern auch zu einem beliebten, Geist und Gemüth anregenden Familienbuche in Israels Wohnungen werden wird. Dem geistesfrischen, 74jährigen Lazarus aber möge es gegönnt sein bis in's späteste Greisenalter auch weiterhin zu erfüllen, was er vor ungefähr 3 Decennien gesprochen und ausgeführt hat: „die Arbeit meiner Tage steht im Dienste der Idee; die Idealität zu pflegen durch meine geistige Thätigkeit ist meine Lebensaufgabe; nach meiner festen Ueberzeugnng aber gipfelt alle Idealität in der Religion, alle Ideen stehen in ihrem Dienste und sie verleiht allen die höchste Weihe." Correspondenzen. Bon der Wiener israelitischen Cultusgemeinde. (Trauerkundgebung des Vorstandes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde.) Aus Anlaß des Ablebens Ihrer Majestät der Kaiserin versammelte sich der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde Montag den 12 d. M. 5 Uhr Nachmittag zu einer außerordentlichen öffentlichen Sitzung. Präsident kaiserlicher Rath Klinger richtete an die Vorstandmitglieder folgende Ansprache, welche die Versammlung stehend anhörte: „Bon tiefster Trauer erfüllt, meine Herren College», versammeln wir uns heute. Sie alle kennen das entsetzliche Unglück, welches unfern Kaiser, welches mit Ihm uns Alle, welches das ganze Reich getroffen hat. Wir sind im innersten Herzen erschüttert. Eine ruchlose Hand hat das Leben einer Frau vernichtet, welche als ein leuchtendes Beispiel edler Fürstlichkeit allgemein verehrt wurde, unsere Kaiserin Elisabeth, diese erhabene Frau, welche von poetischen Geiste erfüllt, allen Frauen ein herrliches Vorbild, im edelsten Sinne gedacht, gelebt und gewirkt hat. Bei diesem schweren Schicksalsschlage, der unseren von uns allen innigst geliebten Kaiser getroffen, geben wir tiefbewegt dem Gefühle der schmerzlichsten Trauer Ausdruck. Wir Oesterreicher jüdischer Confession, die wir seit jeher in angestammter Treue zu unserer Dynastie und zu unserem Monarchen stehen, fühlen und empfinden innig mit unserem Kaiser die Schwere dieses Schicksalsschlages und vertrauen auf Gott, daß er unserem Kaiser Kraft und Trost verleihe. Das Andenken der edlen Heimgegangenen wird ein unvergeßliches sein, in uns und in unseren Kindern fortleben. Und so werden Sie, meine Herren, mir gewiß zustimmen, daß wir den Ausdruck unserer Trauer in geeigneter Weise an die Stufen des Allerhöchsten Thrones gelangen lassen, daß wir in unseren Gotteshäusern Trauerandachten abhalten und nach althergebrachter jüdischer Sit'e für die hohe Verblichene durch dreißig Tage ein Seelenlicht anzünden und erhalten, und daß unsere Schuljugend zu einem Trauergottesdienste versammelt werde." (Sitzung des Vorstandes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde unter dem Vorsitze des Präsidenten kaiserl. Rath. Klinger.) In der am 6. September d. I. um 5 Uhr Nachmittags stattgefundenen Plenarsitzung, zu welcher sämmtliche an diesem Tage in Wien weilenden 15 Vorstandsmitglieder erschienen waren, begrüßte der Präsident zunächst den von seinem Krankheitsurlaube zurückgekehrten ersten Secretär Dr. L i e b e n und gab unter einmüthiger Zustimmung der Versammlung der Befriedigung darüber Ausdruck, daß derselbe in ungeschwächter Kraft und Frische wieder die Leitung der Secretariatsagenden übernehme. Der Vorsitzende hält sodann dem im vorigen Monate hingeschieden Vertreter Herrn Josef Hieldburghäusser einen warm empfundenen Nachruf, indem er dessen durch 25 Jahre dem Wohle der Gemeinde gewidmetes mustergiltiges Wirken, sowie seine besondere Pünktlichkeit, Gewiffenhaftigkeit und Pflichttreue hervorhebt und die vielfachen Verdienste des Verblichenen auch in seiner Wirksamkeit als Obmann der Bethaus-Section, sowie bei mehreren Institutionen der Gemeinde, insbesondere als Präsident des israelitischen Taubstummen-Jnstitutes, schildert. Die schätzbaren Eigenschaften und der liebenswürdige Charakter machten ihn allen Collegen werth und tbeuer und sichern ihm ein ehrendes und dauerndes Andenken. Sodann gedenkt der Vorsitzende des am selben Tage zu Grabe getragenen Commercialrathes Herrn Moriz Leinkauf, eines Mannes, der mit hervorragenden Gaben des Geistes einen edlen Charakter verband.