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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-09-16 · 37 (16.9.1898) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
37 (16.9.1898)
Date
1898-09-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 37 Vr. Bloch's Wochenschrift Seite 675 Zur Jahreswende. Betrachtung von Jda Oppenheim. Der Tag neigt sich. Die Ruhe des Abends fließt über die Erde. Die See liegt unbewegt. An ihren Rändern spiegelt sich dunkler der Kiefernwald auf dem fernen Hügelzug. In der Mitte das tiefe Blau des leuchtenden Himmels, Klarheit und Schweigen ringsum; keine Wolke zieht vorüber, keine Welle. Von fern ziehen große Kähne langsam dahin. Wie auf einem Bilde scheinen sie weiter zu gleiten in verklärendem Licht. Sie kommen, sie verschwinden, die großen schönen Segel von einem geheimnißvollen Zauberwinde gebläht. Sie kommen aus einer fremden Welt und ziehen in unbekannte Fernen. Mit ihnen gehen Wind und Strom, jenes gleitende Leben wie ein Wandelbild; hier bleibt stille, selige Ruhe. Nur das Leben des Lichtes beginnt nun leise sein abendliches Spiel über Wald und Wasser. Ein sanftes Roth breitet sich hinströmend über die Flut. Danach erglühen die Stämme und die sonderbaren Aeste der Kiefern von brennendem Glanz, der gespiegelt niederfällt in die See und aus der Tiefe zitternd und leise verschwindend wieder aufflammt. Die See bläht sich leise in eigener Lust; sanfte Wärme duftet vom Lande nieder und sanfte Kühle vom Wasser empor. Es ist ein Ausgleichen und Sichfinden von allem, was die Welt an Gegensätzen hegt, ein schweigsames frohes Versöhnungsfest der Natur mit all ihren Kindern, ein kurzes seliges Ausruhen der Erde zwischen Tag und Nacht, zwischen Sommer und Winter. So schläft der Sommer leise ein, das Schweigen entzückten Hinsterbens ist sein Wiegenlied. Und inmitten allen Friedens, inmitten der Herbstblüthen, inmitten der schwindenden Sommerlust, der heißen, glühenden Sonnentage löst sich langsam ein Faden von dem nimmer rastenden Webstuhl der Zeit für uns. Ein Jahr ist dahin; es sinkt lautlos m die Vergessenheit, sticht mit Festesjubel, nicht mit sinnbethörender, rauschender Lustigkeit, in lautem, frohen Genießen begehen wir den Anfang eines neuen Zeitabschnittes. Während draußen der Abendstern matt und langsam am Himmel aufglüht, empfangen uns die geöffneten Pforten des Gotteshauses und dichte Schaaren Andächtiger strömen herbei, um zu eitler ernsten Feier sich zu gesellen. Und mit ihnen gehen unsichtbar auf weichen Schwingen zwei Lichtgestalten, von himmlischen Höhen kommend: Erinnerung und Hoffnung. Während die eine all die Bilder vorüberziehen läßt an unserem geistigen Auge, die wechselnd das ganze Jahr uns llmschwebten, die uns zeigen, was wir erlebt, erlitten, was wir erduldet, ertragen, was wir ersehnt und erwartet haben, was wir erstrebt und errungen und um was wir vergebens gekämpft und was wir verloren, so blickt die andere mit siegesfrohem Lächeln zu uns aus und weist uns den Weg zu dem Ewigen und lehrt uns Vertrauen und Hoffen auf seine Allgüte und Barmherzigkeit, die nie wankt, sich stets gleich bleibt, mit jedem neuen Jahre neu wieder ersteht. Ein Menschenherz! Welch unendliche Fülle von Glück und Freuden kann es fassen und bergen! Welch tiefen Quell des Leids, des Schmerzes kann es ertragen! Die schwache Menschenhand, wie rastlos kann sie schaffen! Der müde Fuß, wie endlos muß er wandern, ohne Ruhe und Rast, bis endlich von oben ihm ein mahnend Halt zugerufen wird. Unser eigenes Denken, Hoffen und Wünschen, wie ist es werthlos und flüchtig, wenn nicht Gott seinen Segen gibt; wenn er nicht das erfüllt, wonach wir ringen und streben! Wir sind nichts ohne seine leitende Hand, nichts ohne seinen allmächtigen Willen. So blicken wir im neuem Jahre mit heißem, innigem Flehen zu ihm empor, wie Kinder zum Vater und vertrauen auf seine Güte und seine Barmherzigkeit. Doch nicht still stehen und muthlos harren auf das, was sich verwirklichen soll, sondern streben und ringen von neuem um das, was wir uns zum Ziel gesetzt und zur Aufgabe gestellt. Es gibt kein Aufhören im Lebenskampf, kein Stillstehen! Ein Schaffen und Streben unermüdlich — das ist das Los des Erdenkindes! Und wenn es dunkel um uns wird und wenn die Lieben von unserer Seite geriffen werden, wenn wir einsam da stehen, wir dürfen nicht ruhen, wir müssen kämpfen, bis endlich auch für uns sich die Spanne Zeit erfüllt hat und ewige Ruhe einkehrt. Und um den Kampf weiter zu führen und um Kraft und Muth zu finden in den zahllosen Irren und Wirren des Lebens, durch all' die Enttäuschungen und Schmerzen, die das Dasein bereitet, blicken wir in solchen Feierstunden auf zu Dem, der uns führt und leitet, nach dessen unerforschlichem Rathschluß sich alles auf Erden erfüllt. Er gibt uns auf unseren rauhen Pfad seine lichten Engel mit, die uns immer von neuem den Trost bringen und den Muth und die Kraft beleben. Erinnerung und Hoffnung — sie gehen mit uns, sie bleiben uns treu, wenn Alles um uns wankt und weicht, wenn wir fried- und freudlos sind. Ja, selbst unser brechend' Auge sieht die Lichtgestalten und der letzte Moment des Abschieds wird durch sie verklärt. Doch nicht nur unser eigenes Ich ist in den ernsten, feierlichen Stunden der Gegenstand unseres Denkens, Wünschens und Höffens, nicht nur unsere persönlichen Jntereffen erfüllen ganz und voll unser Herz, unseren Geist. Wir leiden ja doppelt auf Erden, wir leiden und kämpfen als Menschen und noch mehr als Juden! In Dunkel, in der Zwietracht und im Hader führen wir seit Jahrtausenden den herben, bitteren Kampf um unser heilig' Recht, um unseren Glauben und immer wieder sind wir die Zielscheibe des Spottes, des Hohnes und der Verachtung, immer von neuem werden Grausamkeiten gegen uns ersonnen, leiden unsere Brüder und wir können nicht helfen, wie sehr wir uns auch danach sehnen, versöhnend, vermittelnd und überzeugend einzugreifen. Wenn wir muthlos in immer neuem, nie aufhörenden Kampf die Hände sinken lassen und in verzweifeltem Flehen zu Gott emporschauen, da weist uns die Erinnerung auf die Vergangenheit zurück und zeigt uns, wie unsere Brüder gekämpft und gelitten, wie sie gestorben für die heiligen Rechte, die uns gegeben. Und um jener Helden der Vergangenheit würdig zu sein, raffen wir uns von neuen aut, und ranken uns empor an der Hoffnung, das einmal eine Zeit der Liebe, der Freiheit und Friedlichkeit nach den Jahrhunderten des Hasses, des Fanatismus und der Knechtschaft und des Streites in den Beziehungen der Religionen zu einander walten wird, das kein Streit sein wird zwischen mir und dir, und auf den Ruinen des alten blutigen Hasses wird ein neuer, herrlicher, glorreicher Tempel des religiösen Friedens sich erheben, in welchen! jeder edle fromme Mensch als ein wahrer Priester des Herrn anerkannt wird. Darum lasset uns nicht müde werden, das Wahre, Gute und Rechte zu fördern, wo und wann wir es auch können. Und erfreuen wir uns auch keines schnellen Erfolges, wird unser Streben auch nicht sofort verwirklicht und genießen wir auch nicht die Früchte unserer Aussaat, so müssen wir dennoch treue Diener der Wahrheit bleiben und unsere Hoffnung auf die Zukunft, auf die kommenden Geschlechter setzen. Kurz ist der Tag, endlos dehnt sich das Jahr vor uns aus; kurz und traumhaft schnell geht es dahin. Unser Können bleibt hinter dem Wollen zurück, unsere Arbeit ist Stückiverk, weil wir selbst schnell dahin leben. Kurz und flüchtig ist unser Dasein wie das kurze Blühen einer Blume! Darum müssen wir die Zeit nützen, uns erfreuen an dem, was uns beschieden und weiter kämpfen um das, was wir erwünschen, was uns als erstrebenswerth gilt. Die äußeren Güter — sie sind nichtig, doch das, was wir aus uns selbst schaffen, was wir an uns arbeiten, woran wir uns geistig vervollkommnen und veredeln, das ist bleibend. Das ist eine Stufe, auf der die Kommenden emporsteigen können, das ist die Erinnerung, die wir Ihnen lassen, die sich Ihnen zur Hoffnung gestaltet. Und wenn wir Gott in der Weihestunde des beginnenden Jahres um all' das bitten, was wir für uns und unsere Lieben ersehnen, so mögen wir Ihn auch anflehen, daß Er uns die Kraft gibt, die großen, erhabenen Ideen des Wahren, Rechten und Guten, welche der Abglanz seines göttlichen Lichtgewandes sind, in uns zu pflegen und zur Reife zu bringen, daß sie nach Jahren das geistige Besitzthum Aller werden und uns so mit der ganzen Menschheit brüderlich einen. Dann wird einst das neue Jahr erstehen und über dem weiten Erdenrund werden alle Menschen jubelnd in den Ruf einstimmen: Der Ewige, der einig-einzige Gott ist König des Himmels und der Erden! Dann werden Erinnerung und Hoffnung ihre Ausgabe siegreich gelöst haben und glücklichen und beglückten Menschen treu zur Seite stehen.

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