Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 37 (16.9.1898)
- Date
- 1898-09-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 674 Dr. Vloch'» Wochrnfchrrfi Nr. 37 Hofes darstellte. Der Caffationshof unter Vorsitz des Senatspräsidenten Budzinowsky wies die Nichtigkeitsbeschwerde als unbegründet zurück, und setzte in nicht öffentlicher Sitzung die Strafe auf zwei Monate Kerker herab. Ein antisemitischer Anarchist. Was für einen Deputirten die französischen antisemitischen Abgeordneten unter sich haben, beweist ein Brief, den einer derselben an Drumont gerichtet und den dieser in der „Libre Parole" veröffentlicht hat. „Bitte zu vermerken, daß der Fiscus unlängst meine Thüre erbrochen hat, weil ich mich weigerte, die Steuern zu bezahlen. Ich setze meinen Widerstand fort, denn ich finde es schmählich, daß man das Geld unglücklicher Landwirthe holen kommt, während Financiers und Schufte nicht belästigt werden. Lasies, Deputirter von Heß." Der gute Mann denkt wahrscheinlich, daß er als Antisemit keine Steuern zu zahlen braucht. Zum Procest Csterhazy-Dreyfus. Bekanntlich haben in dem so vielfach besprochenen Dreyfus- Proceß fast alle namhaften Schriftsachverständigen Europas ihr Gutachten abgegeben. Ein einziges derselben, das von Fräulein Adolphine P o p p € e lautete: „Weder Dreysus noch Esterhazy, sondern eine dritte Person hat die mir vorgelegten Schriften gefälscht." — Wie die Folge lehrt, scheint die österreichische Graphologin, welche beim Wiener k. k. Landesgericht fungirt, Recht zu haben. Der Antisemitismus in Karlsbad. Hoftath Profeffor Nothnagel, der berühmte Pathologe, war dieser Tage in Karlsbad. Zwei communale Repräsentanten des Weltbades fanden es für angezeigt, ihm ihren Besuch zu machen. Bei dieser Gelegenheit wurde auch die Frage des Antisemitismus berührt, und Nothnagel gab seiner Ansicht unverholen Ausdruck. Die krampfhaften Bemühungen, die Existenz des Antisemitismus in Kreisen von Karlsbad in Abrede stellen zu wollen, die von demselben naturgemäß schon frei sein sollten, entlockten dem Herrn Hoftath ein mitleidiges Lächeln, und er meinte, er glaube es recht gern, daß im Sommer ein Antisemitismus in Karlsbad nicht herrsche, daß man da den Juden als Curgast recht gern sehe und sein Geld nehme; im Winter sei das allerdings etwas anders, da ist der Jude dazu da, um verfolgt zu werden. Und dieser Antisemitismus sei der häßlichste! Ueber die Befreiung jüdischer Kinder, welche öffentliche Volks- und Gemeindeschulen besuchen, vom Schulbesuch an jüdischen Festtagen sind jetzt von der königlichen Regierung in Preußen folgende theilweise erweiterte Bestimmungen seitens der Schulaufsichtsbehörden getroffen worden. Eine Befreiung vom gesammteu Schuluntericht ist jüdischen Kindern auch ohne besonderen Antrag zu gewähren am Versöhnungstage und den beiden Tagen des jüdischen Neujahrsfestes. Auf Antrag der Eltern oder ihrer gesetzlichen Vertreter erfolgt die Befteiung vom Schulbesuch an den beiden ersten und letzten Tagen des Oster- und Laubhüttenfestes, sowie am Pfingstfeste. Am Sonabend sind die jüdischen Schulkinder auf Antrag, wie seither, vom Schreiben, Zeichnen und Handarbeitsunterricht zu befteien. Anträge, welche über obiges Maß hinausgehen, sind den Schulaufsichtsbehörden zur Entscheidung zu unterbreiten. Die neue Synagoge in Berlin, welche die Architecten Cremer und Wolffenstein im Aufträge der jüdischen Gemeinde in der Lützowstraße erbaut haben, stellt sich als ein Kirchenbau von schlichter Vornehmheit und ruhiger Würde dar. Die Erbauer, die sich in der Formengebung wesentlich an den romanisirenden Stil ihrer Synagoge in der Lindenstraße gehalten, haben allen billigen Aufputz und die oft geradezu bühnenmäßigen Effecte vermieden, die man leider in den neuen Kirchen Berlins mitunter findet. Das Gotteshaus erhebt sich auf dem Hinterlande des Grundstückes. Der schmale Bau an der Staße, der Schnlräume und Veamtenwohnungen enthält, öffnet sich in einer breiten und hohen Durchfahrt, durch die man in den Vorhof gelangt. Der Bau ist in rothen Verblendziegeln in einfachem Nundbogenstil ausgeführt, zur Decoration sind grüne Glasurziegel verwendet; die Durchfahrt ist überwölbt, die Wölbungen sind in einfachen Farben bemalt. Mit denselben Elementen, nur in erheblicher Steigerung, sind Faoade und Vorhalle des eigentlichen Tempels erbaut. Die Faoade ist der einzige repräsentative Theil des Aeußeren, die Umfassungsmauern bleiben unsichtbar und sind mit einfachen Putzflächen verkleidet. Sie hat im Erdgeschoß drei große, reich decorirte Portale, über denen ein hoher, stattlich geschmückter Giebel aufsteigt. Die Nothwendigkeit, das Allerheiligste an den östlichen Abschluß zu legen, brachte es mit sich, daß dieser Portalbau nicht wie üblich an der Westseite, sondern an der Südseite liegt. Man tritt also nicht direct in die Synagoge, sondern durch einen Vorraum in eine zweischiffige Halle, die sich in drei Thüren an der rechten Wand nach der Synagoge öffnet. Vorraum und Halle sind von mäßiger Höhe, die Wände und Säulen sind in Ziegelrohbau mit sparsamer Decoration durchgeführt. Durch diese zurückhaltende Behandlung wird das Auge darauf vorbereitet, die Ausmessungen und Farben der Synagoge selbst stärker zu empfinden. Die Synagoge ist ein..dreischiffiger Hallenbau, doch ist das linke Seltenschiff von unten an, das rechte im Obergeschoß von der Mitte des Baues erweitert, so daß der Theil von dem Allerheiligsten die Breite einer fiinffchiffigen Anlage gewinnt. Die Empore ruht auf sechs starken Pfeilern von röthlichem Sandstein, die über der grauen, mit einem romantischen Rundbogenfries verzierten Balustrade, sechs schlanke Säulen von polirtem Granit fortsetzen. Auf diesen Säulen ruhen die ganzen hoch und leicht aufsteigenden Gewölbe, die den Saal decken. Durch diese geringe Zahl der Stützen wird eine wundervolle Raumwirkung erzielt. Die Gewölbe sind mit rauhem, gelbgrauem Putz beworfen und leicht bemalt. Eine letzte Steigerung der Farben und der Ornamente haben sich die Architecten für das Allerheiligste Vorbehalten. Es ist sehr feinfühlig und verdient beachtet und nachgeahmt zu werden, wie sie vorher sparen, um nun ohne übermäßige Mittel dem Haupttheile den Eindruck des Leuchtenden und Prächtigen zu geben. Das Protzige vieler Berliner Bauten hat nur darin seinen Grund, daß die Architecten nicht dieses Princip beachten. Das Allerheiligste ist von weißem, fast marmorartig glänzendem Cottaer Sandstein, für das Ornament sind die reicheren gothischen Formen verwandt, Füllungen von Goldmosaik, vergoldete Gitter und Candelaber blitzen hervor, die Teppiche und der Vorhang find in tiefem Roth gehalten. Ueber dem Portalbau mit der heiligen Lade erhebt sich der Chor mit der mächtigen Orgel. Der Raum empfängt Licht durch die großen Wandfenster auf den Emporen und durch zwei Oberlichtfenster, die alle bemalte Scheiben haben. Zehn große und eine Anzahl kleinerer, geschmackvoller Kronleuchter in Schmiedeisen sorgen für-eine fast überreiche elektrische Beleuchtung. Ganz besonders hervorzuheben ist die ausgezeichnete Akustik; jedes Wort der Gebete ist bis in die letzten Ecken vernehmbar. Orgel und Gesang klingen prachtvoll. Wir fügen der Würdigung vom ästhetischen Standpunkt noch einige Notizen über praktische Anlagen und die Bauausführung an. Die Synagoge bietet im Männerraum ca. 850, auf den Emporen für die Frauen 1027, im Ganzen also ca. 1900 Sitzplätze. Die Emporen sind von der Vorhalle aus breiten Treppen zugänglich. In der Chorwand sind zwei runde Nebentreppen, an der Westseite ist eine weitere augeordnet, so daß im Falle einer Gefahr vier Ausgänge zur Verfügung stehen. Auch im Männerraume ist für Nothausgänge gesorgt, Heizung und Ventilation ist vorhanden, auch für den kleinen Betsaal und den Trausaal. Die Ausführung des Baues hat kaum anderthalb Jahre gedauert; die Kosten betrugen ca. 570,000 Mark. Die farbigen Fenster hat die Firma A. Lüthi in Frankfurt a. M., Candelaber und Kronen die Berliner Firma Frost und Söhne, die Orgel E. F. Walcken u. Co. in Ludwigsburg geliefert. Die Sandsteinarbeiten am Allerheiligsten hat Hofsteinmetzmeister Niggl ausgeführt. * * * * Die weiten, von magischem Lichte durchflutheten Räume des Gotteshauses waren am Tage der Einweihung zum ersten Male von einer zahlreichen Gemeinde gefüllt. Der Magistrat hatte eine aus den Herren Bürgermeister Kirschner und den Stadträthen Profeffor Bertram, Förster und Weise bestehende Deputation zu der Feier entsandt; Die Stadtverordnetenversammlung war durch den Vorsteher Dr. Langerhaus und die Stadtverordneten Hammerstein, Seibert, Wallach und Liebenow vertreten. Ein Orgel-Präludium eröffnete den weihevollen Act. Dann wurden unter dem Geleit von Kerzenträgern die Thorarollen in das Heiligthum gebracht und als der Gesang der Gemeinde: „Wie schön sind Deine Zelte", verrauscht war, folgten die Ceremonien des Anzündens der ewigen Lampe, des Oeffnens und des Schließens der heiligen Lade. Die Predigt hielt Rabbiner Dr. M a y b a u m unter Anlehnung an den Psalm 24: „Gottes ist die Welt und was sie füllet, das Erdenrund und seine Bewohner. . ." Die bedeutende, von dem Geiste der Liebe und Milde getragene Kanzelrede gipfelte in der Forderung, daß die Religion mit ihren Principien der Wahrheit und Gerechtigkeit das Leben durchdringe und die Handlungen des Einzelnen und der Gesammtheit bestimme. Es folgte der Gesang der Gemeinde: „Raget empor, ihr Thore, erhebt euch, ihr ewigen Pforten, daß einziehe der König der Ehren!" Das Weihegebet des Geistlichen schloß mit der Fürbitte für das kaiserliche Haus, das deutsche Vaterland imd die Vaterstaat Berlin. Mit mächtigen, jubelnden Tönen erscholl der Schlußgesang: „Hallelujah! Lobet Gott in seinem Heiligthume . .", begleitet von rauschendem Orgelton und feierlichen Posaunenklängen.